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Full text of "Archiv Für Dermatologie Und Syphilis. V. 128.1921"

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Archiv 

• für 

Dermatologie und Syphilis. 

Begründet von H. Auspitz und F. J. Pick. 


Unter Mitwirkung von 

ALMKVIST (Stockholm), AMICIS (Neapel), BETTMANN (Heidelberg), BLASCHKO (Berlin), BOAS (Kopen¬ 
hagen), BRUCK (Altona), BRUHNS (Berlin), BUSCHKE (Berlin), CEDERCREUTZ (Helsingfors), CRONQU1ST 
(Malmö), DOHI (Tokio), EHLERS (Kopenhagen), FABRY (Dortmund), FREUND (Wien), FRIEBOES (Rostock), 
GALEWSKY (Dresden), GIOVANNINI (Turin), GROSZ (Wien), GROUVEN (Halle), HAMMER (Stuttgart), 
HARTTUNG (Bunzlau), HAUCK (Erlangen), HELLER (Berlin), HEUCK (München), HOCHSINGER (Wien)’ 
JANOVSKY (Prag), JESIONEK (Gießen), JOSEPH (Berlin), JULIUSBERG (Braunschweig)), KLOTZ (New-York) 
KOPYTOWSKI (Warschau), KRZYSZTALOWICZ (Krakau), KYRLE (Wien), LEDERMANN (Berlin), LEWAN- 
DOWSKY (Basel), LINSER (Tübingen), LUKASIEWICZ (Lemberg), MAJOCCHI (Bologna), MATZENAUER 
(Graz), MAZZA (Modena), MEIROWSKY (Köln), MERK (Innsbruck), NOBL (Wien), OPPENHEIM (Wien), 
v. PETERSEN (Petersburg), PHILIPPSON (Palermo), PINKUS (Berlin), REENSTIERNA (Stockholm), RIECKE 
(Göttingen), RILLE (Leipzig), ROSENTHAL (Berlin), SCHÄFFER (Breslau), SCHERBER (Wien), SCHU¬ 
MACHER II. (Aachen), SCHÜTZ (Frankfurt a. M.), SEIFERT (Würzburg), SPIETHOFF (Jena), STERN (Düssel¬ 
dorf), TÖRÖK (Budapest), TOMASCZEWSKI (Berlin), TOUTON (Wiesbaden), ULLMANN (Wien), VIGNOLO- 
LUTAT1 (Turin), VÖRNER (Leipzig), VOLK (Wien.), VOLLMER (Kreuznach), WAELSCH (Prag), v. WATRA- 
SZEWSKI (Warschau), WECHSELMANN (Berlin), WINKLER (Luzern), WINTERNITZ (Prag), v. ZE1SSL (Wien), 

Z1NSSER (Köln) 
und in Gemeinschaft mit 

Arndt, Arning, Bloch, Czerny, Ehrmann, Finger, Herxheimer, Hoffmann, 

Berlin Hamburg Zürich Berlin Wi*n Wien Frankfurt a/M. Bonn 

Klingmüller, Kreibich, v. Noorden, Riehl, Scholtz, Veiel, Zieler, v. Zumbusch, 

Kiel Prag Frankfurt a/M. Wien Königsberg Cannstatt Wurzburg München 

herausgegeben von 

J. Jadassohn, Breslau und W. Pick, Teplitz-Schönau. 


Originalien. 


128. BAND. 

Mit 2 Textabbildungen und 12 Tafeln. 



Berlin. 


Verlag von 


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Julius 

1920 


Springer, 


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• V: .**: : : Druck von A. Haase in Prag. 


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Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Aus der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten in München 
(Direktor: Prof. Dr. Leo Ritter v. Zumbusch). Die Dermatoskopie. 

Von Dr. Johann Saphier . 1 

Leprastudien, angeschlossen an einige neue histologische Beobach¬ 
tungen bei Lepra tuberosa. Von Axel Cedercreutz, a. o. Professor 
der Dermatologie und Syphilidologie an der Universität Helsingfors, 
Finnland. (Hierzu Taf. I u. II.).•.20 

Geschichte der Syphilis in Reval. Von Dr. A. Spindler (Reval) . . 79 

Aus der Klinik für Syphilidologie und Dermatologie in Wien. (Vor¬ 
stand: Hofrat Prof. E. Finger.) Anatomisch-experimentelle Stadien 
über Aleppo-Beule. Von Prof. J. Kyrie (Wien) und Doz. J. Reen- 


stierna (Stockholm). (Hierzu Taf. III—VII.) ........... 100 

Aus der dermatologischen Klinik in Basel (Vorsteher: Prof. Lewan- 
dowsky). Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. (Großpapulöse, 
annuläre und gruppierte Tuberkulide.) Von Alfred Hauser, Assi¬ 
stent der Klinik. (Hierzu Taf. VIII.).149 


Aus der dermatologischen Klinik in Zürich (Leiter: Prof. Dr. Bloch). 

Ein Beitrag zur Klinik und pathologischen Anatomie der multiplen 
idiopathischen Hautsarkome. (Multiple idiopathische Hautsarkome 
mit intrapapillärem Sitz.) Von Dr. G. M,iescher. (Hierzu Taf. IX.) 173 
Aus Finsens medicinske Lysinstitut (Klinik für Hautkrankheiten). 
Genauer bakteriologisch untersuchte Fälle von Lupus vulgaris, 
sowie klinischer und statistischer Beitrag zur Ätiologie des Lupus 
vulgaris. Von Aage L. Fonss (Kopenhagen). (Hierzu 1 Textabbil¬ 
dung und Taf. X.).197 

Aus dem Filialspital r Asyl Meidling“ (Vorstand: Hofrat Prof. Dr. E. 
Finger) und aus der dermatologischen Abteilung des Krankenhauses 
Wieden (Vorstand: Primarius Dr. P. Rusch). Untersuchungen über 
Affektionen nicht venerischer Natur am äußeren Genitale des Weibes. 

Von Privatdozent Dr. B. Lipschütz. (Hierzu 1 Textabbildung und 
o Taf. XI u. XII.) ..261 


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IV Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Bemerkungen zu der Abhandlung E. Krompechers: „Zur Kenntnis 
der Geschwülste und Hypertrophien der Schweißdrüsen.“ Von Prof. 


G. Kicker (Magdeburg).802 

Erwiderung. Von Prof. E. Krompecher (Budapest).308 


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Aus der Elinik für Haut- u. Geschlechtskrankheiten in München 

(Direktor: Professor Dr. Leo Ritter von Zumbusch). 


Die Dermatoskopie. 

Yon Dr. Johann Saphier. 

I. Mitteilung. 

In den meisten dermatologischen Lehrbüchern finden 
wir ab und zu die Bemerkung, daß gewisse Merkmale 
einer Effloreszenz besonders deutlich unter Lupenver¬ 
größerung auftreten. Seit jeher bedienen sich auch viele 
Dermatologen, besonders die Franzosen, verschiedener 
Lupen, deren Vergrößerungsvermögen allerdings in sehr 
engen Grenzen liegt. Es lag daher nahe, stärkere Ver¬ 
größerungssysteme anzuwenden, um mit ihnen die Haut 
in vivo zu betrachten. Solche Versuche dürften gelegentlich 
wohl häufiger unternommen worden sein, wie den flüchtigen 
Bemerkungen in den Arbeiten einzelner Autoren zu ent¬ 
nehmen ist; systematisch wurden sie jedoch nicht fort¬ 
gesetzt. 

Auch über die Aufhellung der Haut mit „Wasser 
oder Öl“ finden wir öfters Bemerkungen in der Literatur, 
ja sogar in Lehrbüchern. U. a. lesen wir im Grundriß der 
Dermatologie von Darier 1909 (deutsche Übersetzung 
von Zwick-Jadassohn 1912) im Kapitel über Lichen 
planus bei der Besprechung des Netzphänomens von 
Wickham folgendes: „Um es (das Netzphänomen) besser 
hervortreten zu lassen, ist es zweckmäßig, die Papeln mit 
Wasser oder Vaselinöl oder noch besser mit Anilinöl, das 
die Hornschicht transparent macht, zu befeuchten.“ 

In einer Arbeit von Unna über „Diaskopie der Haut¬ 
krankheiten“ (1893) setzt sich der Autor mit Kromayer 
über die Frage auseinander, welcher Teil der Epidermis 
die Durchleuchtung der Haut verhindert. Unna schreibt 

Arcb. f. Dermat. u. Sypb. Bd. 128. j 


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Saphier. 


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es der Keratohyalinschiclit zu, weil si? am stärksten licht- 
brechend wirkt, Kroraayer „überträgt dagegen die Rolle 
der mattierten Glasplatte auf die Hornschicht, und spricht 
der Körnerschicht jede Wirkung in dieser Hinsicht ab“. 
Auf diese Frage werden wir noch zurückkommen. Unna 
sagt weiter: „Der Feuchtigkeitsgrad der Schichten kommt 
vor allem (bei der Transparenz der Haut) in Betracht. 
Nach Aufquellen iu warmem Wasser oder Laugeu reflektiert 
die Hornschicht das meiste Licht von der Haut. Dadurch 
ist es denn auch möglich, wie ich es zur besseren Tiefen¬ 
inspektion der Haut angegeben habe, umgekehrt durch 
Wasser anziehende und mit Wasser mischbare öle (Anilin, 
Nelkenöl) die ganze Oberhaut um vieles transparenter zu 
machen.“ 

„Die Hornschicht, wo sie normalerweise gut eingefettet 
ist, ist farblos und durchsichtig, außer wenn sie spröde, 
rissig und dadurch lufthaltig ist.“ Er fügt weiter hinzu: 
„Das Einfetten der Oberfläche ist überhaupt nie zu unter¬ 
lassen, wo durch oberflächliche Trockenheit ein akzidenteller 
Reflex uud eine störende weißliche Komponente auch nur 
im schwächsten Grade vorhanden sind.“ Hier erfahren wir 
noch (von Unna uud Kromayer übereinstimmend), daß 
das Gewebsfett total reflektiert und ganz undurchsichtig ist. 

Ein großes Verdienst auf diesem Gebiete erwarb sich 
W. Spalteholz. In seiner Arbeit „Über das Durchsichtig* 
machen von menschlichen und tierischen Präparaten“ (1914) 
löst er das Problem, allerdings an toten fixierten Geweben. 
Für unsere Zwecke finden wir aber einige äußerst inter¬ 
essante und wertvolle Bemerkungen. Von besonderer 
Bedeutung scheinen uns folgende Stellen aus seiner Arbeit 
zu sein: „Die Menge des zurückgeworfenen Lichtes und 
damit auch das Mengeverhältnis zwischen zurückgeworfenem 
uud eindringendem Licht hängt im wesentlichen ab: 1. 
von der Beschaffenheit der Oberfläche des Körpers und 2. 
von den optischen Eigenschaften der Medien, welche das 
Licht zu passieren hat.“ 

„Wenn die Oberfläche des Körpers glatt ist, dann 
wird an ihr im allgemeinen weniger Licht reflektiert (Fall 


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Die Dermatoskopie. 


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der regelmäßigen Reflexion), als wenn sie unregelmäßig 
rauh ist (Fall der unregelmäßigen Reflexion). Im ersteren 
Fall kann ein größerer Teil des Lichtes in das Innere des 
Körpers eindringen (Beispiel: polierte Glasplatte) als im 
letzteren Fall (Beispiel: mattierte Glasplatte); wenn also 
in beiden angenommenen Fällen das Glas im Inneren auch 
genau in der gleichen Weise durchsichtig ist, so wird die 
Glasplatte mit der unregelmäßigen Oberfläche doch auf 
jeden Fall weniger durchsichtig sein, als die glatt polierte 
Platte; von der Feinheit der Rauhigkeiten ist es abhängig, 
ob der Unterschied nur gering ist oder so groß, daß man 
nur noch vom Durchscheinen reden kann ... So ist eine 
mattierte Glasplatte im allgemeinen durchsichtiger, wenn 
man die Rauhigkeiten ihrer Oberfläche durch Bestreichen 
mit einer Flüssigkeit oder mit einem Fett ausgleicht; das 
Maximum ihrer Durchsichtigkeit kann sie aber nur dann 
erreichen, wenn die zum Ausgleich benutzte Flüssigkeit 
denselben Brechungsindex hat, wie das Glas. Es erreicht 
also die Durchsichtigkeit für einen unorganisierten Körper 
dann ihren höchsten Wert, wenn an seiner Oberfläche 
möglichst wenig Licht reflektiert und in seinem Inneren 
möglichst wenig Licht absorbiert wird, und wenn sein 
Brechungsindex möglichst genau mit demjenigen des ihn 
umgehenden — und eventuell auch durchdringenden — 
Mediums übereinstimmt.“ 

Auf unsere Verhältnisse übertragen, entspricht die 
oberflächliche Schicht des Stratum corneum, das sog. 
Stratum disjunctum, der Oberfläche der mattierten Glas¬ 
scheibe. Nun ist aber die Hornschicht kein unorganisierter 
Körper, es ist ein organisches und organisiertes Gewebe, 
welches nicht nur von Fall zu Fall, sondern auch bei 
demselben Individum an verschiedenen Körperstellen zu 
verschiedener Zeit sich ganz verschieden physiologisch, 
demnach auch physikalisch verhält. Abgesehen von der 
wechselnden Dicke und Dichtigkeit der Hornschicht, wird 
sie sich auch in ihren physikalischen Eigenschaften dank 
der Durchfettung und Durchfeuchtung durch die Talg- bzw. 
Schweißdrüsen, dann auch durch die Perspiratio insen3ibilis 


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Saphier. 


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bezüglich des Brechungsexponenten verschieden verhalten. 
Spalteholz betont zwar: „Die organisierten Körper 
verhalten sich beim Durchsichtigmachen (nicht im einzelnen) 
so, als ob alle ihre Bestandteile denselben Brechnngsindex 
besäßen, und es gibt für jedes Gewebe, jedes Organ und 
für jeden Körper einen „mittleren“ Index, mit dem wir 
für unser optisches Verfahren praktisch rechnen können 
und müssen“; für uns kommt es aber jedoch nicht in 
Betracht, da unseren Aufhellungsversuchen nur die Horn¬ 
schicht zugänglich ist. Aber auch diese dürfen wir nicht 
ohne weiters mit Alkohol bzw. Xylol behandeln, weil 
wir u. U. die für unsere Beobachtungen wichtigen Merkmale 
des Untersuchungsmateriales in unerwünschter Weise 
beeinflussen könnten. 

Spalteholz betont übrigens ausdrücklich: „Das 
Anwendungsgebiet des (seines) Verfahrens ist ein außer¬ 
ordentlich großes, erstreckt sich über das ganze Gebiet der 
toten pflanzlichen und tierischen Körper und erleidet bei 
diesen eine praktische Grenze nur an der Größe der 
Objekte. Die Methode ist aber nicht anwendbar auf lebende 
Körper! Wenigstens solange nicht, als wir keine Substanzen 
kennen, die den mittleren Brechungsindex der wasserfreien 
Gewebe besitzen und die zugleich wasserlöslich und keine 
Protoplasmagifte sind, die also die Gewebe nicht zugleich 
ertöten; und dazu wird es vielleicht nie kommen!.“ Seinen 
Pessimismus können wir besonders in bezug auf die Haut 
teilen. Trotzdem können wir die für unsere Zwecke für 
Untersuchungen mit schwachen bis mittelstarken Ver¬ 
größerungen notwendige Aufhellung erreichen. Nur 
beruht sie eben weniger im wirklichen „Durchsichtig¬ 
machen des ganzen Gewebes“, als in dem Glattmachen der 
Oberfläche, dem „Einfetten der mattierten Glasscheibe“. 
Zu dieser Ansicht bin ich auch gelangt durch die Beob¬ 
achtung von zwei Umständen: 

1. ich bemerkte, daß die Aufhellung, das Durchsichtig¬ 
werden der Haut stets prompt nach dem Aufträgen 
des Aufhellungsmittels eintrat, wo noch keine Zeit zum 


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Die Dermatoskopie. 


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Durchdringen der Flüssigkeit in tiefere Schichten vor¬ 
handen war; 

2. ich konnte bei einem Psoriatiker, der glatt polierte 
Nägel hatte, die Kapillaren unter der Nagelplatte ohne 
Aufhellung sehen. 

Daß eine starke Hyperkeratose die Transparenz be¬ 
einträchtigen kann, ist selbstverständlich. Wir kommen 
bei- den Untersuchungen mit schwachen bis mittelstarken 
Vergrößerungen mit gewöhnlichen ölen, am besten mit dem 
Zeißschen Immersionsöl aus (Brechungsindex bei 18° = 
1515). Unter Umständen kann es vorteilhaft sein, wenn 
man dem Zedernöl ungefähr y 4 des Volums Isosafrol 
(Spalteholz) hinzufügt; manchmal hat man den Eindruck, 
.als ob die Transparenz dadurch sich steigern würde. Aber 
auch mit Glyzerin, Olivenöl, besonders aber mit Knochenöl 
gelingt die Aufhellung sehr gut. Bis zu einem gewissen 
Grad hellt auch das Wasser auf, nur sind die öle insoferne 
vorteilhafter, als sie nicht so rasch austrocknen, wie 
Wasser oder sogar Glyzerin, was bei länger dauernder 
Untersuchung viel bequemer ist. 

Als Vergrößerungsapparat diente mir seit 1916 
das Zeißsche Dermatoskop, ein binokulares Mikroskop. 
Die erste Erwähnung dieses Instrumentes findet sich in 
einer Arbeit von Czapski und Gebhart: „Das stereo¬ 
skopische Mikroskop nach Greenough und seine Neben¬ 
apparate“ in der Zeitschrift für wissenschaftliche Mikro¬ 
skopie und für mikroskopische Technik Bd. XIV, p. 289 bis 
ßl2. Hier werden auch die Vorzüge und Mängel des 
Apparates erörtert. So wird von den Autoren (Czapski) 
hervorgehoben, daß das binokulare Mikroskop natürliche 
plastische Bilder gibt; dann sind die Bilder aufrecht (nicht 
umgekehrt, wie im gewöhnlichen Mikroskop). Endlich ist 
die Ermüdung der Augen beim binokularen Mikroskopieren 
viel geringer als beim monokularen. Zwar gibt auch das ge¬ 
wöhnliche Mikroskop plastische Bilder, aber nur bis zu einem 
gewissen Grad; so erscheint z. B. eine Kugel im gewöhnlichen 
Mikroskop mehr ovoid, während sie im binokularen Mikro¬ 
skop ganz rund erscheint. Außerdem steigern die Blendrohre, 


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den Objektiven nach unten angefögt, die Tiefenunterschei- 
dnng, zum Teil auf Kosten der Definition und Helligkeit. 
Über die Mängel des Apparates wäre zu bemerken, daß 
eben die Helligkeit besonders bei stärkerer (lOOfacher) 
Vergrößerung manches zu wünschen übrig läßt. Dann ist 
der Apparat in Form des Dermatoskops nicht besonders 
bequem zu handhaben: Bei länger dauernder Untersuchung 
an schwerer zugänglichen Körperstellen tritt eine Ermü¬ 
dung ein, die erst durch gewisse Übung weniger lästig 
wird. Es ist wohl aber nur die Frage der Technik, die 
sich vielleicht mit dem Eintreten geordneter Verhältnisse 
wird rasch lösen lassen. Es sei hier noch darauf aufmerksam 
gemacht, daß die Untersuchung womöglich in dunklen 
Räumen stattfinden soll, ähnlich wie Untersuchungen des 
Augenhintergrundes. Zuerst wird die Hautoberfläche ohne 
Aufhellung beobachtet, dann wird die Aufhellung vor¬ 
genommen. Was den Apparat selbst, das Dermatoskop 
anbelangt, so ist es, wie gesagt, ein binokulares Mikro¬ 
skop mit Porro-Prismen, wie das Hornhautmikroskop, 
ohne unteren Teil des Stativs. Die Okulare sind, ent¬ 
sprechend der Pupillendistanz, regulierbar. Am Tubus¬ 
träger ist statt eines Tisches eine Hartgummigabel. Statt 
der Gabel wurde nach meiner Angabe von der Firma 
Zeiß ein gabelartiger Fuß aus Metall mit einer einschieb¬ 
baren Glasplatte verfertigt. Die Glasplatte war als Phanero- 
skop gedacht. Vorläufig fand sie bei meinen Untersuchungen 
noch keine ausgedehntere Anwendung. Vorne am Tubus 
ist eine Beleuchtungsvorrichtung mit einer Sammellinse; 
sie kann mittels eines Widerstandes an den Straßenstrom 
angeschlossen werden. In der letzten Zeit wurde mir eine 
kleine Nitralampe (6 V 8 K) mit einem beinahe punkt¬ 
förmigen Glühkörper geliefert. Den Apparat demonstrierte 
ich seinerzeit (am 15./VI. 1917) in der k. k. Gesellschaft 
der Ärzte in Wien), dann am Hautmaterial in der Wiener 
Dermatologischen Gesellschaft (am 21. Juni 1917). (Die 
letzthin gelieferte Lampe gibt zwar ein schöneres Licht, 
aber für stärkere Vergrößerungen doch noch nicht ge¬ 
nügend stark). 


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Die Dermatoskopie. 


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Am 23. November 1917 zeigte Prof. Schur in Wien 
ein modifiziertes Zeißsches Einstellmikroskop, welches er 
auch den Dermatologen zur Anwendung empfahl. Aus 
äußeren Gründen konnten wir uns einen ähnlichen Apparat 
nicht verschaffen. 

Das Anwendungsgebiet dieser Untersuchungsmethode 
ist nach den bisherigen Erfahrungen nicht unbeträchtlich' 
Vorläufig sind es nur drei Momente, die uns die Beurteilung 
der anatomischen Verhältnisse in der Haut ermöglichen: 
Die Blutgefäße, das Pigment und die Horngebilde. Die 
Blutgefäße selbst, besonders die Kapillaren bilden das 
Forschungsgebiet der Internisten mit der Otfried Müller- 
Schule an der Spitze. In unseren Untersuchungen spielen 
die Kapillaren selbst eine ähnliche Rolle wie das „peri¬ 
vaskuläre Infiltrat“ in der Hauthistologie. Wir stellen nur 
ihr auffallend abnormes bzw. normales Verhalten fest. Die 
Blutgefäße (oder um sich genauer auszudrücken, der 
Inhalt der Blutgefäße, da sie selbst nicht sichtbar sind), 
das Pigment und die Hornmassen sind die einzigen Gebilde, 
die sich von der Umgebung abheben. Als Pigment kommt 
hier natürlich das melanotische und das Blutpiginent in 
Betracht. 

Wir werden uns erlauben, kurze Auszüge aus manchen 
unserer Protokolle anzuführen. Es sei bemerkt, daß von 
Hunderten der untersuchten Fälle nur diese protokolliert 
wurden, die irgend ein Interesse geboten haben. In vielen 
Fällen waren wir bestrebt, der dermatoskopischen Unter¬ 
suchung eine genaue histologische Untersuchung anzu¬ 
schließen. Hier möchten wir noch nur das wichtigste 
positive Ergebnis unserer Untersuchungen, das ist die 
Dififerentialdiagnose zwischen Lupus und Lues, mitteilen. 

Wir wissen aus der Histologie des Lupusknötchens, 
daß es im Gegensatz zu anderen Tuberkuloseprodukten 
verhältnismäßig gut vaskularisiert ist, womit auch seine 
geringere Neigung zum Zerfall im Zusammenhang steht. 
Während ältere Autoren noch sagen, daß das Lupus¬ 
knötchen gefäßlos sei, behaupten die neueren, daß die 
Lehre von der Gefäßlosigkeit des Tuberkels für die Haut- 


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tuberkulöse schon lange aufgegeben worden sei (Lewan- 
dowsky). Nun finden wir unter dem Dermatoskop im 
Lupusknötchen in der Regel keine Kapillarschlingen. 
Dagegen sieht man ziemlich zahlreiche Gefäßäste in 
bäumchenförmigen (dendritischen) Verzweigungen. Diese 
Gefäße scheinen in einem Niveau zu liegen, was durch 
parallaktische Verschiebung sich feststellen läßt. Zahlreiche, 
außerordentlich zarte Anastomosen verbinden größere und 
kleinere Verzweigungen untereinander und mit den tiefer lie¬ 
genden, dem Auge nicht zugänglichen Gefäßen. Der Kreislaut 
bietet manche Eigenarten, die jedoch in weiteren Studien be¬ 
rücksichtigt werden sollen. Diese dendritischen Gefößver- 
zweigungen sind für Lupus vulgaris direkt pathognomonisch. 
Auch beim Lupus erythematodes discoides findet man oft 
keine Kapillarschlingen, sondern bloß Gefäßerweiterung 
in Form von Schleifen, die durch kurze Anastomosen 
miteinander verbunden sind (s. u.). Die reichliche Vas¬ 
kularisation in der Umgebung der einzelnen Tuberkel, das 
häufige Persistieren der Gefäße innerhalb derselben, dann 
das figurierte Aussehen des Lupusknötchens dürfte diesen 
Anblick im Dermatoskop hervorrufen. Die makroskopisch 
erkrankte Partie sieht unter dem Dermatoskop gelblich¬ 
bräunlich aus, im Gegensatz zur normalen gelblichwei߬ 
lichen Umgebung. Pigmentanhäufungen sind in der Regel 
bei unbehandelten Fällen weder in Schollen noch in Streifen 
in den ergriffenen Stellen zu sehen (Pigmentatrophie). Auch 
am Rande der Krankheitsherde ist keine auffallende Pig¬ 
mentverschiebung. Die hier differentialdiagnostisch in Be¬ 
tracht kommende Luesform, das sog. Tuberculum cutaneum 
(lentikuläre Syphilis) verhält sich unter dem Dermatoskop 
grundverschieden. Vor allem sieht man zahlreiche erweiterte 
Kapillarschlingen. Die Erweiterung ist in der Regel recht 
beträchtlich, wodurch sich der Herd ziemlich scharf von 
der Umgebung abhebt. Dagegen findet man nicht die den¬ 
dritischen Verzweigungen, wie beim Lupus vulgaris-Knöt- 
chen. Außerdem sieht man natürlich auch erweiterte Ge¬ 
fäße des subpapillären Netzes ohne irgendwelche charakte¬ 
ristische Anordnung. Pigmentanhäufungen kommen oft in 


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Die Dermatoskopie. 


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Form von schwarzen Schollen und Streifen vor. Je älter 
4er Herd, desto dichter und intensiver die Pigmentanhäu¬ 
fung (Pigmenthypertrophie). Der Grundfarbenton des syphi¬ 
litischen Knotens ist dem des Lupusknotens ähnlich (gelb¬ 
braun). 

Von den sonst erhobenen Befunden erlaube ich mir 
folgende auszugsweise anznführen: 

Bezüglich der Kapillaren sei hier auf die Arbeiten 
von E. Weiß verwiesen, in denen wir die bereits von 
Lombard (1912) am Nagelfalz beobachteten Kapillar¬ 
schlingen genau beschrieben finden. 

Besondere Beachtung verdienen weiter die Schwei߬ 
drüsenausführungsgänge, auf die wir ein wenig näher bei 
der Beschreibung der normalen anatomischen Verhältnisse 
uns einzugehen erlauben. Die Schweißdrüsenmündungen 
sind auf der Hautoberfläche mit „Rautenstruktur“ bei 
schwacher Vergrößerung kaum von der Umgebung zu 
unterscheiden. Dagegen findet man an den Hautflächen 
mit leistenartiger Struktur bei der Untersuchung vor der 
Aufhellung die Mündungen der Schweißdrüsen in Form 
von schüsselchenartigen Vertiefungen. Tritt zufällig die 
Schweiß-Sekretion ein, was normalerweise infolge von 
ruhiger- Haltung der Hand bei der Untersuchung oft der 
Fall ist, dann sieht man die austretenden und sich zuerst 
in dem Schüsselchen sammelnden Schweißtropfen sehr 
deutlich. Die Schweiß-Sekretion kann man auch nach 
Betupfung mit Zedernöl beobachten in Form von unter 
die ölschicht auftretenden Wassertropfen. Den interessan¬ 
testen Anblick bieten jedoch die Endstücke der Schwei߬ 
drüsenausführungsgänge. Sie sind besonders schön zu 
sehen an den Fingerbeeren, mit zarter Hornschicht, also 
bei jugendlichen Individuen an allen Fingern, bei Erwach¬ 
senen in der Regel am 5. Finger. Nach der Aufhellung 
sieht man ^ binokular bedeutend deutlicher als monokular) 
diese Schweißporen wie ein Stoppelfeld grauweißlicher, 
verhältnismäßig dicker, schiefstehender, bei stärkerer Ver¬ 
größerung leicht gewundener, sonst gerade verlaufender 
Stäbchen, welche die ganze durchsichtige hellgelbliche 


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Schicht in regelmäßigen Abständen durchsetzen. Zn beiden 
Seiten der Stäbchen sieht man, in zwei Reihen gegliedert, 
die Kuppen der Kapillarschlingen. Diese Verhältnisse sind 
uns aus der Anatomie bekannt (Kölliker). Schwerer zu 
deuten ist natOrlich die Ursache der Sichtbarkeit der 
Schweißgänge: Hängt sie von der Hornschicht (verhornte 
Cuticula) oder von der verbreiterten Körnerschicht ab 
(Unna-Kromay er-Streit) oder handelt es sich hier 
um eine Wassersäule, die den Schweißgang ausffillt ? Diese 
Frage müssen wir vorläufig noch unentschieden lassen? es 
könnte hier im Anschluß an die Nagelbeobachtungen eher 
Unna recht gegeben werden. 

Unter der Nagelplatte findet sich bekanntlich 
keine Körnerschicht, mit Ausnahme der Lunula, welche 
mehrere k eratohyalin artige Zellreihen besitzt. Unter der 
Nagelplatte sieht man in der Regel nach der Aufhellung 
sehr deutlich auffallend lange Kapillarschlingen, welche im 
distalen Drittel der Nagelplatte zum Vorschein treten und 
deren Kuppen unmittelbar vor dem „gelblichen Bändchen“ 
sich finden. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß die Nagel¬ 
platte zwar eine dicke, aber auch kompakte, nicht luft¬ 
haltige Hornmasse darstellt. In diesen Kapillaren ist auch 
der Kreislauf deutlich zu sehen. Bei dicken Nagelplatten 
ist das Bild etwas verschwommen. 

Die Beobachtung der Haare hat bis jetzt keine 
nennenswerten Resultate gezeitigt. 

Von den pathologischen Veränderungen dürften 
u. a. wohl die flüchtigen Erytheme eine große Beachtung 
verdienen, die bis jetzt doch nur klinisch beobachtet werden 
konnten. Ein Erythem ist nach einer Biopsie nicht mehr 
erkennbar. Hier leistete mir das Dermatoskop insoterne 
Dienste, als die Erytheme mit urtikariellem Charakter 
von den andern leicht zu unterscheiden waren. In den 
urtikariellen Erythemen sieht man die Gefäße nur rot 
durchschimmern, während sie sonst bei Erythemen deut¬ 
lich sichtbar, erweitert sind und zwar in der Regel die 
Kapillarschlingen als auch das subpapillare Gefäßnetz, was 
auf der normalen Haut nicht immer zu sehen ist. Auf nähere 


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Die Dermatoskopie. 


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Deutungen der Kapillar Veränderungen möchten wir uns 
vorläufig noch nicht einlassen. 

Maculae coeruleae, die bekanntlich auch histo¬ 
logisch einen völlig negativen Befund ergeben, waren bis 
jetzt unter dem Dermatoskop von der normalen Umgebung 
kaum zu unterscheiden. 

Die Beobachtung eines Falles von Akroasphyxie 
(eines beginnenden Morbus Raynaudi) ergab an einer livid 
roten Stelle am Handrücken dicht nebeneinander stehende 
erweiterte Kapillaren, deren abführende Schenkel besonders 
erweitert waren: ziemlich weite Balken des subpapillären 
Netzes; weniger weite Gefäße in roten Gebieten. In den 
am stärksten affizierten Stellen etwas seichtere Furchen 
der Hautoberfläche. 

Interessante Resultate zeitigte auch die Untersuchung 
von Hämorrhagien. Herde, welche klinisch ganz scharf 
abgegrenzt aussahen, wiesen unter dem Dermatoskop un¬ 
scharfen Übergang in die gesunde Umgebung auf, in dem 
kleinere streifen- und punktförmige Anhäufungen von roten 
Blutkörperchen um den makroskopisch sichtbaren Herd 
zum Vorschein traten. Diese Erscheinung trat besonders 
deutlich unter Glasdruck (Phaneroskopie) auf. Auch die 
regressiven Metamorphosen, besonders die Brannfärbung, 
gaben schöne Bilder. 

Frische Knoten bei Erythema exsudativum 
multiforme wiesen nur näher nicht zu deutende Gefä߬ 
veränderungen und zwar Erweiterungen der Kapillar¬ 
schlingen, ebenfalls des subpapillären Netzes auf. Ab und 
zu spärliche Hämorrhagien; die Umgebung des Herdes 
erschien violett-rot. 

In einem toxischen exsudativen Erythem mit 
Knötchen, die z. T. hämorrhagisch waren, sah man stärker 
hervortretende Kapillarschlingen; die hämorrhagischen 
Knötchen sahen wie eingefaßte Rubinsteine aus (oberfläch¬ 
liche Blutung). Daneben frische Hämorrhagien in ver¬ 
schiedener Form: punktförmig, schleifenförmig usw. 
Pigmente von ähnlicher Form, Hauptfarbenton milchkaffee¬ 
braun. In einem anderen Fall von toxisch exsudativem 


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Saphier. 


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Erythem war in der Regel an der Kuppe der Kapillar¬ 
schlinge eine Verdickung, siegelringartig, welche auch 
nnter Glasdruck nicht verschwunden ist. In einem dritten 
ähnlichen Fall sind besonders halbkugelige Kpötchen auf 
einer vollständig unveränderten Basis aufgefallen. Daß es 
Knötchen und keine Bläschen waren, ließ sich mittels des 
Nadelstiches unter der Kontrolle des Dermatoskops ent¬ 
scheiden. 

Ein merkwürdiges Bild bot ein Fall von einer 
Bromakne. Zur Untersuchung gelangten zwei Knoten, 
welche in der Mitte weißlichgraue Verfärbung aufwiesen 
und klinisch als vereiterte Akne-knoten aufgefaßt werden 
mußten. Unter dem Dermatoskop, besonders deutlich aber 
nach der Aufhellung sah man eine starke Vaskularisation, 
speziell in den mehr peripher liegenden Teilen des Herdes, 
in denen die Papillar- und Subpapillargefäße beträchtlich 
erweitert erschienen. In der Mitte war statt des erwarteten 
weißen Fleckes die Durchsichtigkeit völlig erhalten, und 
man sah hier in beiden Knoten ziemlich zahlreiche Gefäße, 
wenn auch nicht so erweitert, wie in der unmittelbaren 
Umgebung. Nach 4 Tagen war der Befund ziemlich unver¬ 
ändert. (Dieser Befund wurde auch von Prof. Riehl bestätigt.) 
Nach 10 Tagen waren die Herde etwas eingetrocknet, der 
dermatoskopische Befund unwesentlich verändert. 

Von den äußerst unscharfen Grenzen der hämorrha¬ 
gischen Herde, welche in mehreren Purpurafällen 
beobachtet worden sind, mit dem allmählichen Übergang 
ins normale Gewebe wurde bereits mitgeteilt. 

Ebenfalls wurde bereits erwähnt, daß bei der Urti¬ 
karia die einzelnen Gefäße in der Quaddel in der Regel 
nicht zu sehen sind; anscheinend infolge von Verdrängung 
•derselben durch das ödem schimmern sie nur rötlich 
durch. Hier möchte ich einen Fall erwähnen, welcher 
-anfangs als Urtikaria imponierte, nur fielen au zahlreichen 
Knötchen, die sonst das urtikarielle Symptom aufwiesen, 
miliäre Bläschen auf. Unter dem Dermatoskop stellte man 
an allen untersuchten Knötchen auffallende netzförmige 
•Gefäßerweiterungen fest. Bei genauerer Untersuchung stellte 


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Die Dermatoskopie. 


IS 


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es sich heraus, daß es sich hier um eine atypisch lokali¬ 
sierte Skabies handelte. 

Krankheiten, die mit Blasenbildung einhergingen, boten- 
bis auf deutlich sichtbare Gefäßkapillaren im befallenen 
Gebiete keine Besonderheiten. Bei dieser Gelegenheit möchte 
ich noch über einen Fall vom Pemphigus foliaceus berichten, 
welcher dem von Fabry mitgeteilten sehr ähnlich war. 
Die wichtigsten histologischen Merkmale des Falles waren 
eine richtige Plasmombildung mit gut erhaltener Elastika, 
einer Akanthose, mächtiger Hyperkeratose mit 
Parakeratose und gut erhaltener z. T. sogar verbrei¬ 
terter Körnerschicht. Unter dem Dermatoskop war nur 
ein rötliches Durch schimmern der Gefäße sichtbar, was 
wohl vorwiegend auf die Hyperkeratose zurückzuführen 
wäre. Auch die Pigmenthypertrophie war undeutlich 
sichtbar. 

Das Knötchen des chronischen Ekzems wies dicht 
nebeneinander stehende, kreisförmig um das helle Zentrum 
angeordnete erweiterte Kapillarschlingen (Ödem im Zentrum, 
Vorstadium der Bläschenbildung?) sonst keine Besonder¬ 
heiten. Bei der Akne vulgaris wiesen einzelne Herde 
schmutzig-weißliches, undurchsichtiges Zentrum, in der 
Peripherie mäßige Erweiterung der Kapillaren. An den 
Narben war die rautenförmige Struktur verstrichen; diffuse 
Pigmentvermehrung. 

Über Lupus vulgaris ist bereits eingangs das 
Wesentlichste hervorgehoben worden. Hier möchte ich 
noch über zwei Fälle berichten. Der eine betrifft eine 
Frau, die links am Hals einen beinahe handtellergroßen 
typischen Lupusherd hatte, welcher unter dem Dermato¬ 
skop die charakteristischen bäumchenartigen Gefäßverzwei¬ 
gungen, Schwund der Kapillaren und Pigmentatrophie 
aufwies. Rechts am Hals war ein isoliertes, ungefähr 
linsengroßes Knötchen mit zwei miliären Eiterpusteln, 
unter dem Druck zwar nicht völlig, aber doch auffallend 
abblassend. Unter dem Dermatoskop sah man keine den¬ 
dritischen Verzweigungen, sondern nur zum Teil erweiterte 
Gefäße, so gut, wie keine Kapillarschlingen. Das Knötchen 


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Saphier. 


wurde exzidiert und eingebettet. Die mikroskopische 
Untersuchung ergab nichts für Tuberkulose charakteristi¬ 
sches : Rundzellen-(Lymphozyten-)Infiltrate, spärliche 
junge Bindegewebszellen, ganz vereinzelte Epitheloidzellen, 
keine Rieseuzellen. Der zweite Fall betraf eine Frau, 
welche an der rechten Wange im Nasen-Augewinkel einen 
fünfmarkstückgroßen Krankheitsherd hatte, der vorher 
vielfach behandelt und geätzt wurde; nach der Reinigung 
war der Herd lividrot, sonst die übrige Oberfläche un- 
charakteristisch. Nach den Angaben der Patientin soll die 
Krankheit bloß ein halbes Jahr gedauert haben. Klinisch 
bestand der Verdacht auf Lupus (per exclusionem); unter 
dem Dermatoskop sah man das für Lupus vulgaris 
charakteristische Bild. Die Probeexzision ergab zahlreiche 
typische Tuberkel auch im subkutanen Gewebe. Hier sei 
noch ein ausgedehnter Lupus vulgaris des Gesichts, beider 
Ohren und der Stirne erwähnt. Er betraf einen 70jährigen 
Patienten, welcher bei der Aufnahme sonst nichts 
besonderes bot. Nach mehreren Monaten Höhensonnen¬ 
behandlung traten Pigmentationen in den Lupusnarben, 
zum Teil auch in den Lupusknoten auf. So findet man 
auch manchmal in anderen, besonders mit Licht behandelten 
Fällen versprengte Pigmentansammlungen. 

Der Lichenscrophulosorum bot folgendes Bild: 
In jedem Knötchen saß fast zentral ein Lanugohaar, 
manchmal war das Knötchen ziemlich tief gedellt und 
machte den Eindruck eines Hornpfropfes, welcher die 
ziemlich stark erweiterten Gefäße in der unmittelbaren 
Umgebung auseinandergedrängt zu haben schien. 

Bei einem Fall von Erythema induratum, welcher 
klinisch große diagnostische Schwierigkeiten dem Erythema 
nodosum gegenüber bot, wurden unter dem Dermatoskop 
auch mit Glasdruck keine Hämorrhagien festgestellt. 
Sonst sah man stark erweiterte Gefäße mit Anastomosen, 
Schwund der Kapillarschlingen. An einem linsengroßen 
Knötchen beobachtete man nach der Aufhellung in der 
Mitte des Herdes 6 bzw. 8 Schläuche (2 tiefer, weniger 
deutlich) leicht gewunden, ziemlich weit dunkelblaurot, 


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Die Dermatoskopie. 


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von unten nach oben divergierend (strauchartig) ohne 
Kreislauf; ringsherum erweiterte Gefäße von gewöhnlicher 
hellroter Farbe. Mit stärkerer Vergrößerung konnte fest¬ 
gestellt werden, daß das Lumen der Schläuche das 5 bis 
8fache einer Kapillare betrug und ihren Inhalt eine An¬ 
schoppung von roten Blutkörperchen bildete. Mit Glas¬ 
druck ließ sich der Inhalt der Schläuche verdrängen, um 
beim Nachlassen des Drucks das Lumen sofort zu füllen. 
Dabei ist keine Farbenveränderung eiugetreten. Anschei¬ 
nend handelte es sich hier um einen Knoten, im Vorstadium 
der Nekrose (Thrombose). An der sonst normal erschei¬ 
nenden Haut wiesen zahlreiche Hornkegel zentral gelegene 
gekräuselte (korkzieherartig gewundene) Haare auf. 

Bei Lupus erythematodes discoides war die 
Gefäß Verzweigung in Schleifenform mit kurzen Anasto- 
mosen, Schwund der Kapillarschlingen zu beobachten; am 
auffallendsten waren natürlich die mächtigen gelblich¬ 
weißlichen Hornzapfen, welche tief ins Gewebe hineinragten. 

Die sekundäre Syphilis bietet wenig charakte¬ 
ristische Bilder. In der Regel sieht man prall gefüllte 
Kapillarschlingen; in der Spätform der Sekundärsyphilis, 
besonders bei längerer Dauer derselben,’ oder im Verlaufe 
der Kur Pigmentanhäufungen. Bei den sog. Tubercula 
cutanea wurden, wie bereits hervorgehoben, Pigment¬ 
schollen neben erweiterten Kapillarschlingen als charak¬ 
teristische Merkmale beobachtet. 

Die Psoriasis vulgaris zeigte in zwei frischen 
Fällen iu Herden von Stecknadelkopfgröße nach der Auf¬ 
hellung äußerst starke Erweiterung der Kapillarschlingen 
und der Gefäße des subpapillären horizontalen Netzes, 
welches unter dem Drucke der Glasplatte nach dem Ver¬ 
schwinden der Schlingen noch deutlicher hervortrat. 

Bei Lichen ruber planus bot das größte Inter¬ 
esse das Verhalten des Pigments und vor allem das „Netz¬ 
phänomen“ (Wickham). Die Pigmentanhäufung war nach 
einem verhältnismäßig kurzem Bestehen (3 Wochen) eines 
unbehandelten Lichen planus-Falles sichtbar, in dem 
klinisch noch keine Pigmentverschiebung festzustellen 


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S a p h i e r. 


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war. Das Netzphänomen, welches in der stellenweise strei¬ 
fenförmig angeordneten, starken Granulosis seine Ursache¬ 
hat, zeigt etwas tiefer unter der Oberfäche gelagerte wei߬ 
liche, völlig undurchsichtige Streifen. Anatomisch 
erklärt sich die tiefere Lagerung der undurchsichtigen Teil» 
durch die Verdickung der Hornschicht an diesen Stellen 
gegen die Eutis zu. Dieser Streifen unterscheidet sich von 
den in die Hornschicht eingelagerten Luftblasen, wie die 
Lunula von der Leukonychie. Nur während die Lunula mehr 
gelblich durchschimmert, erscheinen die Keratohyalin- 
streifen im Lichen planus mehr weiß. Das Netzphänomen 
wurde auch in Herden unter dem Dermatoskop beobachtet, 
in denen es klinisch makroskopisch nicht sichtbar war. 
Das Netzphänomen ist hier also ebenfalls ein Beleg für 
die Richtigkeit Unnas Ansichten gegenüber denen 
Kromayers. Die im Bereiche der Knötchen deutlich 
vorspringenden, dicht nebeneinander gedrängten, z. T. auch- 
erweiterten Kapillaren sind hier von untergeordneter Be¬ 
deutung. 

Bei der Ichthyosis war die Untersuchung ohne 
Aufhellung am wichtigsten. In einem Falle sprangen ver¬ 
schieden geformte Hornkegel hervor, von denen die meisten 
Haare bzw. Haarreste enthielten, an vielen Stellen aber 
war die Eindrückung der Haarwurzel durch die Hornmassen 
meist an der Grenze des Haarschaftes sichtbar. In einem, 
anderen leichteren Falle waren die Lanugohaare di rchwegs 
intakt; viele trugen nicht weit von der Hautoberfläche 
ringsherum silberweiße Hornlamellen. «• 

Warzen (Verruca vulgaris) bestehen auf einzelnen 
Hügeln, von denen manche Gefäßschlingen von beträcht¬ 
licher Größe aufweisen. 

Beim Molluscum contagiosum ist das zarte 
grobmaschige Gefäßnetz auflallend, welches in der Höhe 
der Kapsel liegt. Das Bild ist besonders an größeren 
Knötchen schön zu sehen, in denen die wuchernden 
Epidermismassen die Papillar- z. T. auch die subpapillären 
Gefäße auseinander- und hinaufdrängen. 

Naevus vasculosus (flammeus) zeigt verschieden 


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Die Dermatoskopie. 


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dicke Gefäß-stämme und Äste von bizarrster Form mit 
einer deutlichen, wenn auch etwas trägeren Zirkulation. 

Ein Fall von Xeroderma pigmentosum (Wiener 
Fall) sei hier erwähnt und zwar hauptsächlich wegen der 
eigenartigen Pigmentanordnung, die sich vielleicht im 
Schnitt sonst nur durch lückenlose horizontale Serien 
feststellen ließe. Es handelte sich um eine 58jährige Frau 
mit atrophischer Haut, zahlreichen warzenartigen (papillo- 
matösen) Exkreszenzen, Pigmentierungen an den Streck¬ 
seiten beider Hände, Unterarme und im Gesicht und mit 
Karzinom am Fuß; hier und da erweiterte Gefäße. Zur 
Beobachtung wurden einige Stellen an der Streckseite des 
rechten Unterarmes und am rechten Handrücken herange¬ 
zogen. Unter dem Dermatoskop fiel die Yerdickung der 
Hornschicht mit einer Schuppung auf. Nach Aufhellung 
mit Glyzerin: Kapillarschlingen im allgemeinen spärlich, 
hier und da rote Punkte (?), Pigment außerordentlich 
zahlreich, in mehr weniger gleich großen Ringen — bis 
auf geringe Ausnahmen — angeordnet, die in verschiedener 
Tiefe von der Hornschicht bis in die subpapilläre Kutis- 
schicht in Geldrollenform wie rote Blutkörperchen lagen, 
ab und zu miteinander durch Streifen verbunden; die fein¬ 
körnige Struktur der Ringe und Streifen deutlich sichtbar. 
Außer den Pigmentringen fanden sich unter der Horn¬ 
schicht in einer bestimmten Tiefe pilzartige (knopfförmige), 
leicht gedöllte Gebilde, welche sich von der sonst durch¬ 
sichtigen xUmgebung durch ihre geringe Transparenz 
deutlich abhoben. 

Ferner sei hier noch ein Fall von Sklerodermie 
(Sklerodaktylie) erwähnt, welcher am 21. Juni 1917 in der 
Wiener Dermatologischen Gesellschaft von mir unter dem 
Dermatoskop demonstriert wurde. An beiden Handrücken 
und den Streckseiten der distalen Teile beider Unterarme 
sah man durch die aufgehellte Hornschicht palisaden¬ 
artig zusarainengedrängte Papillen, welche durch die 
zentral gelegenen Gefäße und eigenartig inter- bzw. zir- 
kumpapillär angeordnete Pigmentanhäufungen noch deut¬ 
licher hervortraten. 

Arch. f. Dermal n. Syph. Bd. 128. 2 


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Saphier. 


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Bei dunkelblauen und roten Tätowierungen 
erscheinen die ersten als schwarze Schollen, wie die Ein¬ 
sprengungen bei Steinschleifern („Müller-Krankheit“); die 
roten sind leuchtend rot, meist außerordentlich stark 
lichtbrechend. 

Pilzkrankheiten (wie Favus, Pityriasis versiculor 
usw.) bieteu nichts von Besonderheit 

Die knötchenförmigen Eruptionen der S k a b i e s 
wurden bereits erwähnt. Milbengangverdächtige Stellen 
wurden in mehreren Fällen erfolglos untersucht, ln zwei 
Fällen waren die Milbengänge sehr instruktiv, besonders 
nach der Aufhellung. Stellenweise in gewissen Abständen 
voneinander austerschalenartige Verdickungen der Horn¬ 
schicht, daselbst die stärkste Ansammlung von Schmutz 
(Kot, Exkremente, Haltestellen der Milbe). Am „blinden“ 
(Schwanz-)Ende des Ganges sitzt die Milbe eingebohrt, 
erkennbar hauptsächlich am hellbraun gefärbten Kopfteil 
(Mandibeln), dann aber auch am ziemlich scharf kontu- 
rierten Rumpfteil, der die ovoide Form der Milbe kenn¬ 
zeichnet und sich von der Umgebung trotz seiner Trans¬ 
parenz abhebt. Mit einer Nadel wurde die Milbe unter 
dem Dermatoskop nach Abhebung der oberflächlichen 
Hornschicht herausgedrückt, umgedreht, wobei man die 
Borstenfortsätze beobachten konnte. Unter einem Milben¬ 
gang sah man in seiner Mitte ein kleines Eiterbläschen 
als grauweißes, leicht erhabenes, völlig undurchsichtiges 
Gebilde. 

Die Erkrankungen der Nägel wie die Leukonychien, 
Grübchenbildung usw. sind vorläufig noch nicht ein¬ 
gehender untersucht worden. 

Diese Untersuchungen, die zum Teil noch in Wien 
an der Klinik Riehl durchgeführt, dann hier im Laufe des 
Jahres fortgesetzt und bis zu einem gewissen Abschluß 
gebracht worden sind, boten trotz großer Schwierigkeiten 
Gelegenheit zur Ausbildung einer Untersuchungsmethodik, 
die natürlich noch weiterer Vervollkommnung bedarf. Die 
Ergebnisse der Untersuchungen bieten viele bemerkens¬ 
werte Einzelheiten. Das interessanteste Ergebnis bleibt 


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Die Dermatoskopie. 


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nach wie vor die Differentialdiagnose zwischen Lupus und 
Lues. Der Name der Methodik, die Dermatoskopie, erscheint 
gerechtfertigt, wie* auch der Name des Apparats, über 
dessen Herkunft ich bis jetzt nichts näheres erfahren 
konnte. Eine der ersten Forderungen der Vervollkommnung 
der Methodik wäre die Durchführung der photographischen, 
womöglich farbigen Aufnahmen. Selbstredend liegt hier 
nicht die geringste Absicht vor, die Biopsie irgendwie 
ersetzen zu wollen. Es sei hier zitiert, Mas Prof. Riehl 
zur oben erwähnten Demonstration in "Wien bemerkt hatte: 
„Dieses Instrument, welches mit starker Ver¬ 
größerung binokulares, d. i. plastisches Sehen 
ermöglicht, bedeutet eine Vervollkommnung 
unserer Untersuchungsmethoden und kann 
gewissermaßen die Lücke, welche zwischen 
unserer klinischen Beobachtung und der mi' 
kroskopischen Untersuchung besteht, aus¬ 
füllen. Schon die Besichtigung der Schweißdrüsenspiralen 
mag davon den Beschauer überzeugen.“ Dies scheint mir 
die richtigste Auffassung der Frage zu sein. 

Es sei hier noch darauf aufmerksam gemacht, daß 
die Zahl der untersuchten Fälle verhältnismäßig gering 
war, daß anfangs die Beobachtungen eigentlich ohne einen 
vorher gemachten Plan durchgeführt M'urden, da auf 
diesem Gebiete nichts derartiges als Muster zur Verfügung 
stand, und schließlich darf ich noch hervorheben, daß die 
äußeren, rein technischen Schwierigkeiten manchmal ganz 
enorm waren, besonders wegen der stets unzulänglichen 
Lichtquelle. Hoffentlich wird sich die Technik demnächst 
doch verbessern lassen. 


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Leprastadien, angeschlossen an einige nene histologische 
Beobachtungen bei Lepra tnberosa. 

Von Axel Cedercreutz, 

a. o. Professor der Dermatologie und Syphilidologie an der Universität 
Helsingfors, Finnland. 

(Hierzu Taf. I u. II.) 


1. Allgemeine Übersicht der modernen Auffassung von 
der Histologie des Hautleproms. 

Bereits seit den Fünfzigerjahren des vorigen Jahr¬ 
hunderts haben viele Dermatologen der Histologie des 
Leproms ein großes Interesse zugewendet. Oftmals hat es 
in erster Linie gegolten, zwischen leprösen und nahe ver¬ 
wandten — vor allem tuberkulösen und luetischen — Pro¬ 
zessen Differenzen zu ermitteln und auf Grund der Befunde 
differentialdiagnostische histologische Unterscheidungsmerk¬ 
male festzustellen. 

Im Jahr 1862 hat Virchow die für die Lepra cha¬ 
rakteristischen, gewöhnlich in großen Gruppen auftretenden, 
mit Vakuolen gefüllten, großen epitheloiden „Leprazellen* 
beschrieben, und später hat man gemeint, in diesen sowie 
in der sog. „Gloea“ für die leprösen Prozesse charakte¬ 
ristische oder sogar spezifische histologische Elemente er¬ 
blicken zu können. 

Da die „Leprazellen* und die „Gloea* Gegenstand 
eines sehr lebhaften Interesses seitens aller derjenigen 
Forscher geworden sind, die sich mit der Histologie der 
Lepra beschäftigt haben, so sei den genannten Gebilden 
in dieser Arbeit ein besonderer Abschnitt gewidmet. 


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Cedercreutz. Leprastudien. 


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Als ein weiteres differentialdiagnostisches Merkmal 
der Leprome — vor allem gegenüber dem Tuberkel — 
wurde während langer Zeit das Fehlen L an ghans scher 
Riesenzellen in den Lepromen hervorgehoben. Besonders 
die norwegischen Leprologen wollten geltend machen, daß 
in allen Fällen mit derartigen Zellen die Affektion keine 
rein lepröse sei, sondern derselben eine Symbiose von Lepra 
und Tuberkulose zu Grunde liege. Im Laufe jüngerer Zeit 
sind von zahlreichen Forschern (Dohi, Favre und Savy, 
Jadassohn, Kedrowski, Klingmüller, Rikli, 
Schäffer u. a.) in verschiedenen leprösen Gebilden 
Langhanssche Riesenzellen vorgefunden worden. Schäf¬ 
fer hat durch Schnittserien nachgewiesen, daß diese Ge¬ 
bilde tatsächlich Zellen sind und nicht — wie sie einige 
Dermatologen früher haben deuten wollen — Querschnitte 
durch thrombosierte Lymphgefäße darstellen. Heutzutage 
darf als festgestellt angesehen werden, daß dem Vorhan¬ 
densein Langha ns scher Riesenzellen, sofern es sich um 
die Entscheidung handelt, ob eine gegebene pathologische 
Formation lepröser oder tuberkulöser Natur ist, keine 
differentialdiagnostische Bedeutung zukommt. 

Zum hauptsächlichen Teil sind die Leprome von Fibro¬ 
blasten, Plasmazellen und Lymphozyten aufgebaut. Welche 
von diesen Zellen im Leprom die vorherrschenden und 
maßgebenden sind, darüber liegen verschiedene Angaben 
vor. Unna erteilt den Plasmazellen die führende Rolle, 
indes die Mehrzahl der übrigen Dermatologen diese den 
Endothelzellen oder sonstigen Bindegowebselementen zu¬ 
schreibt. Nur ausnahmsweise werden in Lepromen, und 
zwar ausschließlich in eiternden solchen, polynukleäre 
Leukozyten angetroffen. 

Unna ist der Ansicht, daß der Bau des Leproms im 
Verlaufe der verschiedenen Entwicklungsstadien des letzte¬ 
ren keinen nennenswerten histologischen Veränderungen 
unterworfen sei, und daß kleine, senfkorngroße Knötchen 
ganz die gleiche Struktur — nur in kleinem Maßstabe — 
besäßen wie die größten, stilusartig abgeschnürten Tumoren. 
Andere Forscher dagegen nehmen für den die Leprome 


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Cedercreutz. 


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hervorrufenden chronischen Entzündungsprozeß eine fort¬ 
laufende, auch histologisch sich zu erkennen gebende 
Entwicklung an. 

Ein sehr großes Verdienst hat sich um die Erfor¬ 
schung der Histologie des Leproms B a b e s erworben, allein 
auch andere Forscher haben in dieser Hinsicht wertvolle 
Beiträge geliefert. 

Es soll hier in aller Kürze das Wichtigste angeführt 
werden, was heutzutage über die Entwicklung und den 
Bau des Leproms bekannt sein dürfte. Bei dieser Bericht¬ 
erstattung werde ich mich in erster Linie auf Angaben 
von Babes, Favre und Savy, Jadassohn und 
Jeanselme berufen. 

In klinischer Beziehung wird das Hautleprom in 
seinem allerersten Beginne von einem errötenden oder rot¬ 
braunen Fleck und sodann von einem rotbraunen Haut¬ 
infiltrat dargestellt. Aus diesem entwickelt sich ein erhabe¬ 
ner Knoten, welcher anfangs eher eine weiche Konsistenz 
besitzt, später aber ziemlich fest und derb werden kann. 
Auf weiter vorgerückten Entwicklungsstadien kann das 
Leprom der Geschwürsbildung und Nekrose anheimfallen. 

All den verschiedenen, im Verlaufe der Entwicklung 
des Hautleproms sich darbietenden klinischen Bildern — 
dem Hautinfiltrat, dem Leprom, dem sklerosierten oder 
keloidartigen Leprom usw. — entsprechen je auch ver¬ 
schiedene histologische Bilder; allein auch in einem aus¬ 
gebildeten Leprom kann man oft durch Studium verschie¬ 
dener Teile des Präparates bis zu einem gewissen Grads 
die Entwicklung des histologischen Prozesses verfolgen. 
Es verhält sich nämlich im allgemeinen so, daß die zen¬ 
tralsten und oberflächlichsten Teile des Leproms die ältesten 
Veränderungen aufweisen, während man in der peripheren 
Zone desselben, d. h. in der Grenzzone gegen die umgeben¬ 
den gesunden Gewebe, die für frühere Stadien der Krank¬ 
heit charakteristischen Zellen und Zellkombinationen an¬ 
treffen kann. 

In jungen Lepromen sind, nach Babes, die Hautpa¬ 
pillen zellreich und vergrößert, in älteren verstreichen sie. 


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Leprastudien. 


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die Epidermis wird dünner, zwischen dem Epithel und 
dem Infiltrat findet sich meist eine — manchmal bis 1 mm 
breite — ziemlich unveränderte Koriumzone, in welcher 
Bazillen gar nicht oder doch nur spärlich anzntreffen sind. 
Bei verrukösen sowie bei schwieligen Lepromen kann diese 
verhältnismäßig zellfreie Zone fehlen, so daß das Kutis- 
leprom wenigstens an manchen Stellen bis an die Epidermis 
reicht (Babes, Klingmüller), und in diesen Fällen 
kann das Epithel hypertrophisch hyperkeratotisch, selbst 
atypisch entwickelt („gewuchert“) sein und abnorm reich¬ 
lich Pigment enthalten (Jadassohn). 

Das in der Lederhaut befindliche lepröse Zellinfiltrat 
ist gegen die umgebenden Gewebe diffus abgegrenzt; nach 
der Tiefe hin entsendet es oft Fortsätze, die sich in Be¬ 
gleitung von Bindegewebszügen oder Blutgefäßen häufig 
bis ans Fettgewebe hinab erstrecken. In jungen Lepromen 
tritt es, nach Jadassohn, als in der Cutis befindliche 
Stränge oder Inseln auf. 

In der nächsten Umgebung von Haarbälgen, Schwei߬ 
drüsen, Blutgefäßen und Nerven ist das Infiltrat auffällig 
zellreich. Häufig wird der zentrale Kern des Leproms von 
irgendeinem der genannten Gebilde dargestellt. 

Eine eingehendere Analyse der in verhältnismäßig 
jungen Hautlepromen vorkommendon zelligen Elemente 
ergibt: kleine mononukleäre „Wanderzellen“, Plasmazellen 
und aufgequollene fixe Zellen. Alle diese Zeitformen kön¬ 
nen nach Babes anschwellen und zu vielkernigen, proto¬ 
plasmareichen, stark granulierten Gebilden Auswachsen. 
Mehrere Dermatologen, unter ihnen Jeanselme, haben 
darauf hingewiesen, daß die Plasmazellen namentlich um 
die Blutgefäße herum Vorkommen, wo sie kleinere Haufen 
bilden. 

Wenn die Leprome älter werden, treten in ihnen große 
epitheloide, vakuolisierte Zellen auf, welche teils in der 
Nähe von Blutkapillaren und Lymphräumen, teils in der 
Nachbarschaft von Haarbälgen Vorkommen, und welche 
oft — besonders in den oberflächlichsten Teilen der Haut- 
leprome — zusammenhängende Felder bilden, die sich in 


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24 


Cedercreutz. 


den Präparaten, dank der Takuolisiernng und dem davon 
bedingten „schaumigen“ Aussehen der Zellen, schon bei 
schwacher Vergrößerung als hellere Zonen des Leproms 
darstellen. Diese Zellen, denen Lie, Neisser und einige 
andere Leprologen eine hämatogene Herkunft haben zu¬ 
erkennen wollen, werden seitens der meisten Forscher von 
Endothelzellen *(Jeanselme, Philippson u. a.) oder 
von Fibroblasten (Favre und Savy u. a.) hergeleitet. 

Jadassohn führt an, daß Gurd, in Übereinstimmung 
mit Unna, den Plasmazellen eine sehr wichtige Rolle bei 
der Bildung des Leproms zuschreibt und zwischen diesen 
Zellen sowie den Lymphoidzellen und den Epitheloidzellen 
einen genetischen Zusammenhang annimrat. Auch die 
Riesenzellen will Gurd auf Plasmazellen zurückführen. 

„Mastzellen“ kommen in verschiedenen Teilen der 
Leprome in wechselnder Menge zerstreut vor. 

Alte Leprome können entarten. Hierüber schreibt 
Jadassohn: „Im weiteren Verlauf der Leprome kommen 
Sklerosierungen (bazillen- und zellarmes Bindegewebe), 
hyaline Degeneration und Verkäsung (selten), Erweichungs¬ 
prozesse und Vereiterungen, selbst ohne Sekundärinfek¬ 
tionen (S u gai) vor. Alte Knoten enthalten reichlich fibröses 
Gewebe mit mehr vereinzelten Leprazellen, ferner bazilläre 
Kugeln und Stränge, Riesenzellen und nach Babes eine 
Art von hyalin entarteten Sequestern.“ 

In den Zellen älterer Leprome sind häufig pyknotische 
Veränderungen des Kernes zu sehen, und zu diesen läßt 
sich meines Erachtens vielleicht die Eutstehung der von 
Doutrelepont und Wolters in Lepromen beobachteten 
Russell sehen Körperchen in Beziehung bringen. 

Obgleich Unna es kategorisch in Abrede gestellt hat, 
behauptet Philippson, daß in den Btndegewebszellen 
des Leproms auch eine fettige Degeneration Vorkommen 
kann: „während aber die bazillenhaltige Endothelzelle sich 
anscheinend nicht verändert, verfällt das Protoplasma der 
Bindegewebszelle der fettigen Degeneration, die um die 
Bazillenhäufchen im Protoplasma zunächst auftritt; die 
zweite Veränderung ist eine kugelige Lückenbildung des 


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Leprastudien. 


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Protoplasmas um die Bazillen, wahrscheinlich eine Ver¬ 
flüssigung des Protoplasmas.“ 

Mitosen kommen hauptsächlich in den peripheren 
Teilen der Leprome vor, sind aber auch hier überhaupt 
sehr spärlich anzutreffen, was mit dem langsamen Wachs¬ 
tum des Tumors im Einklang steht. 

Polynukleäre Leukozyten finden sich in Lepromen 
nur selten vor, und zwar treten sie dann gewöhnlich im 
Zusammenhang mit einer Abszeßbildung auf. Über diese 
spricht sich Babes wie folgt aus: „Ebenso wie die Ge¬ 
schwürsbildung ist die Entwicklung von Abszessen bei 
Lepra verschiedener Natur. Die Abszesse können offenbar 
auch nichtlepröser Natur sein, oft sind dieselben aber 
leprös, indem ein größerer Gewebsanteil in Leprabazillen 
erstarrt; allerdings sieht man gewöhnlich im Eiter neben 
zahllosen Leprabazillen auch Eiterkokken.“ 

Das Verhalten der Leprabazillen zu den Zellen des 
Leproms ist vielfach erörtert worden. Wahrend Unna 
und seine Schule eifrig behaupten, daß die Bazillen nie¬ 
mals intrazellulär Vorkommen, ist die Mehrzahl der Der¬ 
matologen im Gegenteil der Ansicht, daß die Bazillen 
sowohl in den Zellen als auch außerhalb derselben liegen 
können. Die Forscher sind darüber einig, daß Bazillen auch 
in anscheinend vollkommen unveränderten Geweben an¬ 
getroffen werden können. Die Rolle der Zellen im Kampfe 
gegen den Infektionsstoff scheint bis jetzt nicht hinlänglich 
aufgeklärt zu sein. Einige Dermatologen nehmen eine 
Phagozytose von Leprabazillen an, indes andere die Ba¬ 
zillen in der Beziehung als Saprophyten aufzufassen ge¬ 
neigt sind, daß dieselben nicht von den Zellen phagozytiert 
•würden. 

Jadassn&n spricht sich über das Verhalten der 
Bazillen zu den Zellen und über ihren auf diese ausgeübten 
Einfluß in folgender Weise aus: „Und ebenso finde ich, daß 
an den Hautlepromen ein sehr großer Teil der Bazillen in 
fibroblastische, peri- und endotheliale und in epitheloide 
Zellelemente in kleinerer oder größerer Zahl eingeschlossen 
ist, wobei die Struktur der Zelle im Anfang noch ebenso- 


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Cedercreuts. 


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wenig leidet, wie die Struktur der Bazillen. Es werden> 
dann die Zellen vergrößert, vakuolisiert, die Kerne ein¬ 
gebuchtet, verdrängt, segmentiert, das Protoplasma mit 
mäßig säurefester Substanz durchtränkt, von fettartigem 
und gelblichen Massen durchsetzt, eventuell auch ganz 
verdrängt (der Kern widersteht länger).“ 

2. Über Leprazellen und Gloea. 

Danielsen hatte gegen Ende der fünfziger Jahre 
des vorigen Jahrhunderts in leprösen Gebilden eigentümliche 
Zellen gefunden, die er für den Aussatz charakteristisch’ 
wähnte. Diese Auffassung hat er jedoch aufgeben müssen, 
als Virchow, der im Jahre 1859 in Bergen die Lepra 
studierte, die Ansicht aussprach, daß die betreffenden 
Gebilde einfach Fettkörner seien. Armauer Hansen 
führt dieses an und fügt hinzu, daß jene Zellen dasselbe 
waren, was wir heutzutage „Globi“ nennen, d. h. An¬ 
häufungen von Leprabazillen und Bazillkörnern. Hansen 
bemerkt kritisch, daß man diesen Gebilden nichtsdesto¬ 
weniger später den Namen „Virchowsehe Leprazellen“ 
gegeben hat. 

Virchow hat 1864 die Leprazellen als in Lepromen 
allgemein vorkommend und für dieselben kennzeichnend 
dargestellt und sie in folgender Weise näher beschrieben r 
„Tn Beziehung auf die Zellen bemerke ich hoch, daß sie 
auf der Höhe ihrer Ausbildung runde, schwach granulierte, 
leicht zerstörbare Elemente mit meist einem, mäßig gro¬ 
ßen und ebenfalls körnigen, nukleolierten Kern darstellen. 
An den frischen ist mir eine Eigentümlichkeit besonders 
aufgefalleu, nämlich ihre große Neigung, eine Art von 
Vakuolen zu bilden, so daß sie unter Umständen ein gan& 
physaliphores Aussehen erlangen.“ 

Als Armauer Hansen 1868 die Lepra zu studieren 
begann, hat er, nach eigener Aussage, diese Gebilde so¬ 
gleich gefunden. Er hat sich auch leicht davon überzeugen 
können, daß dieselben keine mit Fettkörnern gefüllten 
Zellen darstellen. Es ist Hansen aufgefallen, daß dio 
betreffenden Gebilde in ungefärbten Präparaten eine braune- 


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Leprastudien. 


27 


Farbe zeigten, und er hielt sie fOr ein untrügliches Merk¬ 
mal der leprösen Natur einer Affektion. 

Später, nach seiner im Jahre 1871 erfolgten Ent¬ 
deckung des Leprabazillus, beschreibt Hansen näher 
diese „braunen Körperchen“, so wie sie sich im ungefärbten' 
Präparat darbieten, und er benutzt diese Gelegenheit, um» 
allgemein das Studium histologischen Materiales auch in 
ungefärbtem Zustande und an Znpfpräparaten als wichtig 
zu empfehlen. Es erscheint durchaus nicht unwahrscheinlich, 
daß Hansen mit Hilfe dieser primitiven Untersuchungs¬ 
methode bisweilen zu exakteren Resultaten gelangt ist, als 
andere Forscher, welche, auf die derzeitigen Hilfsmittel 
sich verlassend, schlecht gefärbte und oft trügerisch ge¬ 
wordene Präparate studierten. 

Das Ergebnis seiner Untersuchungen faßt Hansen- 
etwa folgendermaßen zusammen: Außer bazillenführenden 
Zellen finden sich fast immer in den Lepromen meist runde 
Gebilde von äußerst wechselnder Größe vor. Sie sind stets 
körnig, und einige von ihnen liegen in Zellen eingeschlos¬ 
sen. Manche Zellen enthalten kleine Klümpchen. Sind die 
Klümpchen größer, so ist schließlich keine Spur des Zell¬ 
protoplasmas oder des Kernes mehr zu sehen. Gewöhnlich 
enthalten die Klümpchen dann eine oder mehrere Vakuolen, 
welche bisweilen so groß werden können, daß sie demi 
bloßen Auge wahrnehmbar sind. Diese großen Yakuolen 
sind häufig nicht mehr rund sondern oval. Die Zellen sind 
manchmal mit einem oder mehreren Fortsätzen ausgestat¬ 
tet und scheinen durch Yerschmelzung mehrerer Elemente 
entstanden zu sein. Gewöhnlich findet sich in jedem Fort¬ 
satz eine Vakuole. So weit Hansen. — Später sind die 
durch Yerschmelzung mehrerer Leprazellen entstandenen 
Gebilde oft als „Leprariesenzellen“ bezeichnet worden, eine 
Bezeichnung, gegen welche jedoch in jüngerer Zeit mehrere 
Leprologen reagiert haben, weil dieselbe zur Verwechslung 
dieser Gebilde mit den echten Lang ha ns sehen Riesen¬ 
zellen Anlaß geben kann. 

Im Jahre 1885 hat Unna im Verein mit dreien seiner- 
Schüler eine Arbeit unter dem Titel „Leprastudien“ heraus- 


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Cedercreuts. 


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gegeben, and in dieser sowie aach in einer Anzahl später 
veröffentlichter Untersuchungen über die Histologie des 
Leproms legt er seine Ansicht über die Virchowscben 
Leprazellen dar, denen er die Eigenschaft von Zellen 
gänzlich abspricht. Er bemerkt, daß die Leprabazillen in 
den Geweben von einer schleimigen Gallerte (einer Gloea) 
umgeben seien, welche auf die benachbarten Zellen schäd¬ 
lich ein wirke und das Protoplasma derselben zerstöre. 
Nach der Auffassung Unnas dringt der Leprabazillus 
niemals in die Zelle ein, sondern liegt stets extrazellulär. 
Die Bilder, in denen man meine, bazillenführende Yakuolen 
in einer Zelle zu sehen, seien Trugbilder. In der Tat handle 
es sich hier um in der Lepragallerte liegende Bazillen 
sowie um dieser Gallerte dicht angelagerte vereinsamte 
Kerne, Überbleibsel von zerfressenen Zellen (meist Plasma¬ 
zellen). Unna meint weiter, daß sich die Plasmazellen zu¬ 
weilen vor ihrem Untergange zu großen polynukleären 
Gebilden (Chorioplaxen) entwickeln könnten, welche rinnen¬ 
förmig Bazillenembolien umschlößen. 

Auf dem ersten Kongreß der Deutschen dermatologi¬ 
schen Gesellschaft (Prag 1889) hat Neisser die Lepra¬ 
zellen als große Gebilde mit einem oder mehreren (bis zu 
12) blaßgefärbten Kernen beschrieben. Außerdem sei in 
denselben eine wechselnde Anzahl kleinerer oder größerer, 
in den gefärbten Präparaten als Yakuolen imponierender 
Gebilde vorhanden. Zugleich trat Neisser gegen die Auf¬ 
fassung Unnas von der Natur der Leprazellen polemisie¬ 
rend auf und erklärte die Yakuolenbildung für eine spezi¬ 
fisch lepröse Degenerationsform. Auf die Frage Unnas, 
was wohl die Pathologen zu dem, von Neisser proklamier¬ 
ten, neuen Degenerationsprozeß sagen würden, erwiderte 
Neisser: „Nun ich glaube, je mehr wir lernen, daß ver¬ 
schiedene Mikroorganismen auch verschiedene Wirkungen 
haben, um so weniger werden wir überrascht sein, für 
diese verschiedenen Wirkungen auch verschiedenartige 
Prozesse an den Zellen zu konstatieren. Ebenso wie der 
Tuberkelbazillus eine Koagulationsnekrose und Verkäsung 
hervorruft, welche zu einem verhältnismäßig schnellen 


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Lepra Stadien. 


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Zerfall des entzündlichen Granulations-Neoplasmas führt, 
ebenso wie das Syphilisgift verhältnismäßig hoch entwickelte 
narbenähnliche Neubildungen einerseits, spezifische (gum¬ 
möse) Degenerationsprodukte andererseits erzeugt, ebenso 
haben die Leprabazillen die Eigentümlichkeit, eben gerade 
diese vakuolenhaltige Zellenform zu produzieren.“ 

Seit dieser Zeit ist zwischen den Schulen Unnas 
und Neissers ein heftiger Streit über die Natur der 
Leprazellen geführt worden. Dieser ist jedoch nunmehr 
als endgültig zu Gunsten Neissers entschieden anzusehen, 
und man darf wohl sagen, daß die betreffenden Gebilde 
von der ganz überwiegenden Mehrzahl der auf diesem 
Gebiete tätigen Forscher — d. h. von allen mit Ausnahme 
von Unna und einigen seiner Schüler — als Zellen auf¬ 
gefaßt werden. Über die Natur und die Herkunft dieser 
Zellen ist indessen die Diskussion noch nicht abgeschlossen. 

Wenngleich manche Forscher (Lie, Marchoux, 
N e i s s e r) für die in Rede stehenden Zellen einen hämato¬ 
genen Ursprung annehmen und Marchoux z. B. gar 
schreibt: „Les cellules l’epreuses de Yirchow ne sont 
pas possibles ä difförencier, ni comme disposition, ni comme 
structure, des grands leucocytes mononuclöaires appelös 
par Metschnikoff macrophages“, so ist doch die ver¬ 
breitetste Ansicht über dieselben die, daß sie sich aus den 
die Blutgefäße und Lymphräume des Leproms auskleidenden 
Endothelzellen entwickeln. Als Vertreter dieser Anschauung 
seien hier Jeanselme und Schäffer genannt. Die Ent¬ 
stehung der Leprariesenzellen wird im allgemeinen dahin 
erklärt, daß, infolge der von einem Bazillenembolus aus¬ 
gehenden Reizung, Lymphendothelzellen sich um den Em¬ 
bolus herum ansammeln, dann anschwellen und zu einer 
einzigen Masse verschmelzen. 

Eine ähnliche Auffassung von der Genese der Lepra¬ 
zellen bringt Babes zum Ausdruck: „Nach meinen Er¬ 
fahrungen werden aber die großen, oft mehrkernigen Lepra¬ 
zellen hauptsächlich auf Kosten der fixen Elemente, der 
Endothelzellen, der Gefäßsprossen und wuchernden peri- 
thelialen Elemente gebildet und kann man oft Übergänge 


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von fixen Zellen za Spindelzellen, za kolbigen und endlich 

zu rundlichen, freiliegenden Riesenzellen verfolgen“. 

„In nicht za alten Knoten findet man oft verschiedene 
Arten von Zellen und verschiedene Verhältnisse zu den 
Bazillen, indem manches in der Genese der Zellen selbst 
noch unentschieden bleibt. So sehen wir manchmal eine 
Infiltration der tiefen Hautschichten, welche sich dadurch 
auszeichnet, daß die Infiltration sich streng an gewisse 
Faser- und Gefäßzüge hält, welche die Haut durchsetzen, 
wobei verschiedene Bazillen enthaltende Elemente, zunächst 
größere protoplasmareiche Zellen, im Inneren unregel¬ 
mäßiger Hohlräume, wohl lymphatischer Natur, liegen. 
Wahrscheinlich handelt es sich hier um vergrößerte Endo- 
thelien, wofür auch die doppelten Kernkörperchen sprechen.“ 
Favre und Savy, welche im Jahre 1913 von den 
Leprazellen, wie sie in einem akuten Leprom Vorkommen, 
eine sehr klare und gute Beschreibung gegeben haben, 
sprechen als ihre Ansicht aus, daß diese Zellen sich aus 
Bindegewebszellen entwickelt haben: „Cette cellule est 
une cellule conjonctive; on voit tous les intermediaires 
entre le petit 616ment univacuolä dont les caraclöres sont 
ceux de l'älöment conjonctif, et l’immense formation 
röticulöe ä bacilles rares et d6g6n6r4s qui repräsente le 
terme ultime de Tinvolution cellulaire, en passant pai* les 
formations vacuolaires moyennes riches en corps bacillaires.“ 
In bezug auf den Kern der Leprazelle sagt 
Jadassohn: „Dabei kann der Kern zentral liegen oder 
an die Wand gedrückt und sehr mannigfach verändert, 
von den Vakuolen wie angenagt oder perforiert (Sch äff er), 
nach einzelnen Autoren selbst unfärbbar geworden sein.“ 
In den Hautlepromon treten die Leprazellen bisweilen 
vereinzelt oder in kleineren Gruppen, im letzteren Falle 
häufig um einen Haarbalg herum, auf, oder aber sie bilden 
größere Herde, in denen sie das ganz überwiegende zellige 
Element darstellen. Derartige Herde haben meist in den 
oberflächlichsten Schichten der Lederhaut ihren Sitz und 
treten in ungefärbten Präparaten schon bei schwacher Ver¬ 
größerung als hellere Zonen hervor, was auf dem Reich- 


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Leprastadien. 


31 


-tum der Zellen an Vakuolen beruht. Diese Zellen sind auch 
als „Schaumzellen“ oder „wabige Zellen* bezeichnet worden. 

Die Vakuolen sind verschieden, und Jadassohn be¬ 
merkt, daß es die Kombination der Bazillen- und der Zell¬ 
degeneration ist, welche die Deutung der Verhältnisse so 
schwierig gemacht hat. Sie werden entweder als Resultat 
einer Degeneration der Bazillen angesehen, und zwar ist 
diese nun als eine eigentümliche fettige, schleimige oder 
hydropische solche aufgefaßt worden, welche zur Folge haben 
soll, daß die Bazillen oft in Gestalt von Körnern erscheinen; 
oder ihre Entstehung wird auf eine ebensolche Degene¬ 
ration des Zellprotoplasmas zurückgeführt. Manche Der¬ 
matologen wollen in einer schleimigen Sekretion von Seite 
der Bazillen oder des Zellprotoplasmas die Ursache der 
Vakuolenbildung erblicken, andere sind der Ansicht, daß 
auch der Zellkern daran teilnimmt. 


In den zentralen Teilen des Leproms wird die so¬ 
genannte Gloea — die G16e der französischen Autoren, die 
„gelben Schollen“ Hansens — angetroffen, welche eben¬ 
falls als für das Leproin spezifisch angesehen wird. Sie 
tritt in Präparaten, die mit den für gewöhnlich gebrauchten 
Färbeflüssigkeiten dargestellt sind, als blaß gefärbte, ziem¬ 
lich strukturlose Massen auf, in denen reichlich Lepraba¬ 
zillen, mehr oder weniger entartete Zellen und Zellkerne 
sowie vakuolenartige Bildungen sich vorfinden. Die Mas¬ 
sen hängen oft zusammen und erinnern in topographischer 
Beziehung etwa an das auf einer Landkarte dargestellte 
Bild von Gewässerzögen, die aus zahlreichen kleinen Seen 
zusammengesetzt sind. Uber die Natur der Gloea hat sich 
eine sehr lebhafte und weitläufige Diskussion entsponnen. 

Unna und seine Schule (v. Bergmann, Bergen¬ 
grün u. a.) halten diese Gebilde für identisch mit den 
Virchowsehen Leprazellen und meinen, daß dieselben 
hauptsächlich aus Leprabazillen nebst diese umgebender 
Schleimmasse gebildet seien, welche letztere die umgebenden 
Zellen arrondiert und zerstört habe. Unna hebt hervor, daß 


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Cedercreutz. 


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die Gloea häufig die Gestalt von Röhren mit ampullenar¬ 
tigen Erweiterungen und mit Verzweigungen nach ver¬ 
schiedenen Seiten annehme. Sie würde dann, seiner Ansicht 
gemäß, dadurch entstanden sein, daß Bazillenmassen Lymph- 
räume thrombosiert und mit ihrer schleimigen Gallerte er¬ 
füllt hätten. 

Im Gegensatz zu Unna betrachtet die Mehrzahl der 
Leprologen (Hansen, Jeanselme, Joseph, Neisser 
u. a.) die Gloea als eine Bildung, die von den Virchow- 
schen Leprazellen gesondert zu halten sei, und erblicken 
in ihr das Ergebnis eines außerordentlich chronisch ver¬ 
laufenden, eine höchst beträchtliche Zellen- und Kern¬ 
degeneration herbeiführenden Entzündungsprozesses. Babes 
vermutet, daß die Gloea eine lipoide Substanz enthalte. 
Eine Einigkeit scheint in bezug auf die Deutung dieser 
Gebilde bis jetzt nicht erreicht zu sein. 

Jadassohn beschreibt in folgender Weise die Ent¬ 
stehung der Gloea: „einzelne Bazillen werden weniger gut 
färbbar, körnig, scheinen miteinander zu verkleben, und 
es scheint sich eine homogene schleimige Masse (Gloea) 
um sie und zwischen ihnen zu bilden, welche dann einzelne 
vakuolenähnliche Bildungen aufweist.“-„Gut abge¬ 

setzt, stellen diese zusamroengesinterten Bazillenhaufen die 
Globi dar.“ 


3. Eigene Untersuchungen. 

Das hauptsächliche Material zu meinen Untersuchun¬ 
gen rührt von einem Patienten her, der am 23./VI. 1917 
in die syphilodermatologische Abteilung des Allgemeinen 
Krankenhauses (zugleich Universitätsklinik) zu Helsingfors 
aufgenommen wurde. Seine Krankengeschichte ist folgende: 

K. H., 59jähriger Feldarbeiter aus Helsingfors. 

Anamnese: Pat. ist im Kirchspiel Asikkala geboren und hat bis 
zum Alter von 34 Jahren dort gelebt. Sodann hat er sich 4 Jahre in Tnsby 
und 2 Jahre in Mäntsälä anfgehalten. Seit etwa 19 Jahren ist er in 
Helsingfors ansässig gewesen. In der Familie sind angeblich keine chro¬ 
nischen Krankheiten zu verzeichnen. Etwa seit seinem zwanzigsten 
Lebensjahr hat Pat. an Magenkatarrh gelitten. Seit dem Alter von etwa 


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Leprastudien. 


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35 Jahren ist sein allgemeiner Gesundheitszustand schlecht gewesen; 
während der letzten drei Jahre ist er von Husten gequält worden. 

Mit 39 Jahren hat Pat. die Lues akquiriert. Diese scheint, wenig¬ 
stens auf den früheren Stadien, ziemlich mangelhaft behandelt worden 
zu sein. 

Als Pat. 51 Jahre alt war, und während er hier in Helsingfors 
arbeitete, begannen bei ihm in der Stirn- und Nasengegend sowie im 
Nacken knollige Gebilde sich zu entwickeln. Etwa zu gleicher Zeit nahm 
die Gesichtshaut nach und nach eine braunere Färbung an. Später be¬ 
gannen die Fußsohlen sich abzuschuppen und wurden sehr empfindlich. 
Die Hautfarbe der Fuße wurde dunkler als vorher, und an den Fuß- 
rändera bildeten sich Geschwüre. Vor 3 Jahren wurden Mund und Rachen 
sehr krank. Ungefähr gleichzeitig verspürte Pat. hin und wieder krampf¬ 
artige Zuckungen in den Händen und Steilheit in den Knien sowie 
starken andauernden Schmerz in den Beinen. Oft hat er auch Schübe 
von Frösteln und Fieber gehabt, welche zuweilen mehrere Tage lang 
fortbestanden haben. Pat. hat mehreremal sowohl in der syphilo-der¬ 
matologischen Klinik als auch in dem Leprosorium in Orivesi unter der 
Diagnose Lepra tuberosa Aufnahme gefunden. Er ist antiluetisch 
sowie — in wechselnder Weise — wegen der Lepra behandelt worden, 
hat auch, zuletzt vor mehr als 5 Jahren, Nastininjektionen erhalten. 

Status praesens am 26./VI. 1917. Pat ist von ziemlich kräftigem 
Körperbau. Ernährungszustand etwas unter dem Mittel. Haut überhaupt 
trocken, ziemlich stark braun gefärbt, letzteres namentlich in den Achsel¬ 
gruben sowie an den Extremitäten. Die Gegend um die Augenbrauen 
und die Nasenwurzel wölbt sich in Gestalt dicker, knolliger, ziemlich 
weicher Wülste vor. Augenbrauen und Wimpern fehlen. Haarwuchs des 
Kopfes in Anbetracht des Alters des Patienten recht gut. An der Brust, 
in der Gegend oberhalb der rechten Brustwarze, zwei noch nicht erbsen¬ 
große Knoten von mittelfester Konsistenz und von gleicher Farbe wie 
die umgebende Haut. An den Extremitäten sind unter der ungleichmäßig 
braun gefärbten Haut zahlreiche mehr oder weniger ausgedehnte, infil¬ 
trierte Partien zu fühlen. An den Handrücken und Fußsohlen hat die 
Haut ein Aussehen wie zerknittertes Seidenpapier und ist hochgradig 
unelastisch. Die rechte Großzehe ist ulzeriert. 

Nasenlöcher erodiert. Aus der Nase fließt eitriger Schleim, welcher 
säurefeste Bazillen in reichlicher Menge enthält. Im Rachen Granulati¬ 
onen und Ulzerationen. Stimme guttural. 

Im Gesicht sowie am größeren Teil des Rumpfes und der Extremi¬ 
täten ist die Haut anästhetisch. Patellar-, Achilles- und Trizepsreflexe 
schwach. Kremasterreflexe lebhaft. 

Von den Lungen und dem Herzen nichts zu verzeichnen. Der Ham 
enthält weder Zucker noch Eiweiß. Wassermann (am 5./XI. 1917) 
negativ. 

Bei der Aufnahme ins Krankenhaus am 26./YI. und in der nächst¬ 
folgenden Zeit war die Körpertemperatur des Pat. unregelmäßig gestei- 

Arch. f. Derni&t. n. Syph. Bd. 128. 3 


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Cedercreutz. 


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gert mit Schwankungen zwischen 37’3° und 40‘0 5 . Am 17./VII. kehrte sie 
wieder zur Norm zurück. 

Am 2S./IX. 1917. Exzision eines erbsengroßen Leproms von der 
Brust; Fixierung in 10% Formol. 

Am 3./X. Exzision eines linsengroßen Leproms von der Brust; 
Fixierung in 10% Formol. 

Am 4./X. wurde P&t. von Frösteln und Fieber befallen. Letzteres 
dauerte, zwischen 37*6° und 39*2° schwankend, bis zum 9./X. fort. Von 
diesem Zeitpunkte an bleibt die Temperatur normal. 

Am 11./X. Vom linken Vorderarme werden ein paar braunrote, 
lepröse Infiltrate, welche allem Anscheine nach während der letzten 
Fieberperiode entstanden sind, exzidiert. Die Präparate werden je in 
3 Teile geteilt und diese in 10% Formol bzw. in Zenkers, Hellys 
und Ciaccios Lösungen fixiert. 

Am 26-/X. Exzision eines Stückes des an der Nasenwurzel befind¬ 
lichen, wulstigen, weichen Leproms. Die eine Hälfte desselben wird in 
Zenkers, die andere in Hellys Lösung fixiert. 

Am 6./XI. Exzision eines erbsengroßen, ziemlich festen Knolens 
vom linken Oberarme. Die den Knoten bedeckende Haut war blasser als 
die der Umgebung. Zenker und Helly. 

Am 20./XI. Exzision eines braunroten Infiltrates von der Vorder* 
seite des rechten Oberschenkels. Zenker und Helly. 

Am 2./1. 1918. Exzision eines schlaffen, wulstigen Leproms von 
der Stirn. Das Stück wird in 8 Teile geteilt, die in 10*/o Formol bzw. 
in Zenkers und Hellys Lösungen fixiert werden. 

Es handelt sich hier um einen Fall von reiner Lepra 
tuberosa. Der Umstand, daß Pat. vor 20 Jahren Lues ge¬ 
habt hat, trübt, meiner Ansicht gemäß, nicht die Reinheit 
des Falles, weil die Läsionen in klinischer Hinsicht typisch 
lepröse sind und keine syphilitischen Symptome beim Pa¬ 
tienten haben konstatiert werden können. 

Ebenso möchte ich annehmen, daß die Nastininjek- 
tionen, welche Pat. vor mehr als 5 Jahren erhielt, das 
histologische Bild nicht mehr alterieren können, zumal die¬ 
ses in den meisten Beziehungen mit früheren Befunden 
mehrerer Lepraforscher gut übereinstimmt. 

Die zuerst exzidierten Leprome wurden nur in 10% 
Formol fixiert, weil ich anfangs lediglich den Fettgehalt 
der leprösen Haut durch Färbung mit Scharlachrot nach 
Herxheimer zu untersuchen beabsichtigte. Die später 
exzidierten Stücke sind teils in Z e n k e r s, teils in Hellys 
Lösung fixiert worden, so daß ich an ihnen die in den 


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Leprastadien. 


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Lepromen sich darbietenden Zellverhältnisse habe studieren 
können. Ein Präparat wurde nach Ciaccio fixiert. Die 
Einbettung ist in Paraffin erfolgt. Die Färbung ist bei den 
Zenker-Präparaten hauptsächlich mit Unnas polychro¬ 
mem Methylenblau (mit Differenzierung in Unnas Gly¬ 
zerinäthermischung), ferner mit Hansens Hämatoxylin 
sowie mit Bordeauxrot-Heidenhains Eisenhämatoxylin 
ausgeführt worden. Bei den H e 11 y-Präparaten wurde zur 
Färbung hauptsächlich eine von Maximow empfohlene 
Kombination von Eosin und Azurblau benutzt. Von sämt¬ 
lichen Stücken sind, behufs Feststellung der Menge und 
der Lage der Leprabazillen, eine Anzahl Schnitte mit 
Karbolfuchsin gefärbt, mit 30°/ o Salpetersäure und 70% 
Alkohol entfärbt und mit polychromem Methylenblau oder 
mit Hansens Hämatoxylin nachgefärbt worden. In einigen 
Präparaten wurden die elastischen Fasern nach Weigert 
gefärbt. Das in Ciaccios Lösung fixierte Stück wurde 
auch nach der Anweisung desselben Verfassers gefärbt. 
Auch einige audere Spezialfärbemethoden für Lipoide sind 
zur Anwendung gelangt. 

In bezug auf Einzelheiten der Fixierungs- und Fär¬ 
betechnik bin ich in der Hauptsache dem Handbuch 
Herxheimers gefolgt. 

Bei der Beschreibung der histologischen Beobachtun¬ 
gen werde ich mich zunächst bei denjenigen Untersuchungen 
der Leprazellen und der Gloea aufhalten, welche in erster 
Linie die chemische Natur dieser Gebilde klarzulegen be¬ 
zweckten. Die wichtigsten hierhergehörigen Beobachtungen 
sind teils an ungefärbten Formolgefrierschnitten, teils an 
ebensolchen aber mit Scharlachrot oder mit Sudan III ge¬ 
färbten Schnitten gemacht worden. Später werde ich ge¬ 
wisse in ein paar leprösen Infiltraten (Exzisionen vom 
11./X. und 20./XI.), in vier ausgebildeten Lepromen (Ex¬ 
zisionen vom 28/IX.. 3./X., 26. X. und 2./I. 1918) sowie in 
einem sklerösen Leprom (Exzision vom 6./XI.) hervortre¬ 
tende zytologische Verhältnisse beschreiben und sodann 
versuchen, aus den Befunden Andeutungen über gewisse 

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Cedercreutz. 


Momente im Verlaufe des leprösen Prozesses und nament¬ 
lich über die Histogenese der Leprazellen herzuleiten. 

Ungefärbte Gefrierschnitte von Lepromen (Exzision 
vom 28./IX. und 3./X.), die in 10% Formol gehärtet wor¬ 
den sind, lassen, bei Untersuchung in physiologischer 
Kochsalzlösung oder in Glyzerin und bei Anwendung 
schwacher Vergrößerung, folgende Verhältnisse erkennen: 

Die Epithelschicht ist dünn; ihre basalen Zellenlagen 
treten leicht braunpigmentiert hervor. Die Papillen sind 
meist verstrichen, so daß die Grenze zwischen Epithel 
und Korium beinahe eine gerade Linie darstellt. Unterhalb 
der Epidermis erstreckt sich eine helle, ziemlich zellfreie 
Zone und unterhalb dieser befindet sich das lepröse In¬ 
filtrat. In diesem finden sich, in der an die helle Zone zu¬ 
nächst angrenzenden Gegend, recht große Felder von hellen, 
großen Zellen vor, und einige der oberflächlichsten dieser 
Zellen macheu sich als braungefärbte, runde oder ovale, 
körnige Klümpchen (Hansens „braune Körper“) bemerk¬ 
bar. Betrachtet man mit Immersionslinse näher diese 
braunen Klümpchen, so kann man in ihnen unregelmäßig 
runde, lichtbrechende Körner wahrnehmen. Im Protoplasma 
einiger der großen, hellen Zellen sind mit Hilfe der Immer¬ 
sionslinse ebenfalls lichtbrechende Körner zu sehen, die 
aber nicht braungefärbt sind. Die Gloea tritt im ungefärbten 
Präparat kaum hervor. 

Die lichtbrechenden Körner sind in heißem Alkohol 
und in Äther leicht löslich. 

Wenn Gefrierschnitte der in 10 %ig em Formol ge¬ 
härteten Leprome während 24 Stunden in Flemmingscher 
Lösung liegen gelassen wurden, so schwärzten sich weder 
die Körner der Leprazellen noch die Gloea. Auch in Prä¬ 
paraten, die nach der Osmierung 12 Stunden lang in ab¬ 
solutem Alkohol lagen („sekundäre Osmierung“), trat keine 
nennenswerte Schwärzung der genannten Gebilde ein. 

Der Geolog, Herr Dr. Victor Hack man hat die Güte 
gehabt, mir bei der Untersuchung meiner Präparate mittelst 
des Polarisationsmikroskopes behilflich zu sein. In Glyzerin 
eingelegt — welches, für sich allein untersucht, isotrop 


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Leprastudien. 


37 


befunden worden war — zeigten die in den Leprazellen 
enthaltenen Körner oder Kristalle eine deutliche Doppel¬ 
brechung. Nach Erwärmung des Präparates bis zum 
Schmelzen des das Deckgläschen umgebenden Paraffinrah¬ 
mens und nach dessen Wiedererstarrung bestand die 
Doppelbrechung fort. Als das Präparat durch ein Gipsblatt 
betrachtet wurde, waren in demselben Flecke zu sehen, 
welche im Verlaufe einer vollen Umdrehung des Nicols 
viermal — zwischen Blau und Gelb — Farbe wechselten. 
In der Gloea konnte keine Doppelbrechung nachgewiesen 
werden. 

Bei Behandlung der Schnitte mit einem Gemisch von 
5 Teilen konzentrierter Schwefelsäure und 2 Teilen Formol 
nach Unna und Golodetz wurden die körnchenführenden 
Leprazellen ziemlich dunkelbraun. Trotz wiederholter 
Versuche ging die braune Farbe niemals — nicht einmal 
bei Zusatz Lugolscher Lösung — in Blau oder Grün über. 

In Gefrierschnitten von denselben Lepromen (Exzision 
vom 28./EX. und 3./X.; Härtung in 10 u / o Formol) konnte 
nach Färbung mit Scharlachrot und Nachfärbung mit 
Hansens Hämatoxylin *) folgendes beobachtet werden: 

In der Epidermis finden sich rote Fettkörnchen un¬ 
gefähr in der gleichen Weise vor wie in der normalen 
Haut, d. h. in den tiefsten Zellenlagen. Unterhalb des ziem¬ 
lich geradlinig abgegrenzten Stratum germinativum er¬ 
streckt sich eine helle, nahezu zellfreie Zone. Unter dieser 
Zone sind recht umfangreiche, in Gestalt von Strängen und 
Gruppen auftretende Konglomerate großer epitheloider 
Zellen (Leprazellen) zu sehen. Viele von diesen — jedoch 
nicht alle und nicht einmal die Mehrzahl derselben — ent¬ 
halten vom Scharlachrot dunkel gefärbte, körnige Massen, 
welche die gleiche Farbe haben wie die Fettzellen der Tela 
subcutanea, und welche das Protoplasma dieser Zellen zu 
größerem oder geringerem Teil erfüllen. 

Das Aussehen der roten, fetthaltigen Zellen und ihre 

*) Einige dieser Präparate wurden in der Sitzung der Finnländischen 
Ärztegesellschaft am 13. Oktober 1917 demonstriert. 


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Cedercreutz. 


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Lage in den Geweben ergeben sieb ans den Fig. 1 und 
2 der Tafel I. 

Sie werden am reichlichsten in der oberflächlichsten 
Schicht des Leproms angetroffen, sind hier groß, rund, 
wohl begrenzt, und haben einen oder ein paar recht große, 
meist runde oder ovale Kerne, ln manchen Zellen tritt der 
rotgefärbte Fettstoff in Gestalt einzelner kleinerer Körn¬ 
chen oder als Klümpchen derartiger Körnchen auf, aber 
zuweilen können diese miteinander zusammenfließen, so- 
daß das ganze Protoplasma wie eine einzige rote Masse 
erscheint, die sich jedoch bei verschiedener Einstellung 
des Mikroskopes aus unregelmäßig gerundeten, stärker 
lichtbrechenden Körnern zusammengesetzt erweist. Die 
Zellen erinnern dann sehr an Xanthomzellen. Manchmal 
sind einige dieser roten, epitheloiden Zellen durch ihre 
ektoplasmatische Schicht miteinander verbunden. Bisweilen 
verschmelzen sie vollständig zu Leprariesenzellen. In an¬ 
deren Zellen füllen die Körnchen das Protoplasma unregel¬ 
mäßig und eventuell dermaßen stark aus, daß der Kern 
durch Kompression verunstaltet oder an die Peripherie der 
Zelle gedrängt wird, wo er häufig als halbmondförmiges 
Gebilde anzutreffen ist. In noch anderen liegt die rotge¬ 
färbte Masse frei im Inneren einer Vakuole, und zuweilen 
sind im Zellprotoplasma leere Vakuolen zu sehen. Auch in 
Synplasmabildungen, die unter den Leprazellen Vorkommen,, 
finden sich manchmal rotgefärbte Körnchen in reichlicher 
Menge vor. In einer geringen Anzahl Zellen sind auch im 
Kern rote Körnchen zu sehen. 

In den tieferen Teilen des Infiltrates enthalten die 
Leprazellen zahlreiche unregelmäßig angeordnete Körnchen r 
und in den tiefen, der Gloea zunächst liegenden Zellenla¬ 
gen kommen in den Zellen Körnchen nur spärlich oder 
vereinzelt vor. 

Fig. 3 und 4 der Tafel I geben verschiedene fett¬ 
haltige Zellformen wieder. Die Zellen der Fig. 4 sowie 
die 13 ersten der Fig. 3 sind dunkler rot und in den ober¬ 
flächlicheren Teilen des Leproms gelegen; die sieben letzten 
Zellen der Fig. 3 sind mehr gelbrot und liegen in der Gloea. 


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Leprastudien. 


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Die in den tieferen Schichten des Leproms gelegene 
Gloea hat eine gelbrote Farbe, die sich von der dunkler 
roten der Leprazellen gut unterscheidet. Die zelligen 
Elemente der Gloea treten undeutlich hervor, scheinen aber 
bedeutend kleiner zu sein, als die Leprazellen. Sie haben 
oft eine ovale Gestalt und ein gelbrotes, stark vakuolisiertes, 
im übrigen aber homogen gefärbtes Protoplasma (Taf. II, 
• Fig. 6). In der Gloea sind keine dunkelroten, stärker licht¬ 
brechenden Körner anzutreffen. Die Yakuolen haben zur 
Folge, daß sich in den Präparaten ringförmige Bildungen 
bemerkbar machen, welche früher vielfach erörtert worden 
sind. Häufig fließen die vakuolisierten, gelbroten Protoplas¬ 
mamassen mehrerer Zellen zusammen, wodurch manchmal 
recht umfangreiche Symplasmabildungen Zustandekommen. 
Die Kerne dieser Zellen sind im allgemeinen dem Anscheine 
nach unverändert und lassen sich auch gut färben. In an¬ 
deren Partien der Gloea ist die Zelldegeneration weiter 
gediehen. Das Protoplasma der Zellen ist gänzlich ver¬ 
schwunden, und neben freien, immer noch gut färbbaren 
Kernen sind im Gewebe gelbrote, runde oder ovale Gebilde 
zu sehen, welche an Gestalt und Größe mit den Kernen 
der rings herum liegenden Fibroblasten und Lymphozyten 
übereinstimmen (Tafel II, Fig. 7). 

Einige der ovalen Zellen oder vielleicht richtiger 
Zellreste der Gloea haben einen exzentrischen Kern und 
könnten möglicherweise degenerierte Plasmazellen darstel¬ 
len. Unna hat angegeben, daß in der Gloea Kerne derar¬ 
tiger Zellen vorkämen. In der Nähe der Gloea, zuweilen 
dicht an derselben, erstrecken sich Züge epitheloider Zel¬ 
len (Leprazellen). Diese enthalten spärlich Vakuolen und 
nur in Ausnahmefällen Fettstoffe. Eine typische, runde 
Leprazelle mit rundem, etwas diffus begrenztem Kern und 
einem von dunkelroten Körnchen erfüllten Protoplasma 
habe ich in einem meiner Präparate dicht an einem im 
Inneren des Leproms befindlichen Lymphgefäß und in un¬ 
mittelbarer Nachbarschaft der Gloea gefunden (Taf. II, 
Fig. 5). 

In den Bindegewebsfäden sind hier und da feine 


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Cedercreutz. 


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Fettkörnchen zu sehen, und die Endothelzellen der Blut¬ 
kapillaren fahren ziemlich reichlich Fett. Indessen haben 
die Untersuchungen Nicolaus und Kreibichs dargetan, 
daß sowohl das Bindegewebe wie das Endothel der Haut¬ 
kapillaren auch unter physiologischen Verhältnissen be¬ 
trächtliche Mengen Fett enthalten können, und ich will 
daher nicht zu entscheiden versuchen, ob der Fettgehalt 
der ßindegewebszöge und Kapillaren-Endothelzellen des * 
Leproms pathologisch ist. 

Leprazellen mit scharlachroten Körnchen wurden 
unter den exzidierten Lepromen nur in diesen beiden an¬ 
getroffen, und diese waren zugleich die einzigen, in denen 
im ungefärbten Präparat „braune Körperchen“ zu beobach¬ 
ten waren. Die Vakuolen der in den fibrigen Lepromen 
vorfindliclien Leprazellen waren mit gelbroten, homogenen 
Lipoidmassen erfüllt, welche den in der Gloea vorhandenen 
vollkommen ähnlich sahen. 

Mit Sudan III wurden ungefähr die gleichen Färbungs¬ 
resultate gewonnen wie mit Scharlachrot, wenngleich die 
Anwendung des ersteren eine gelbe Farbe und schwächere 
Färbung ergab und den Farbenunterschied zwischen dem 
in den großen Leprazellen und in der Gloea vorhandenen 
Fett nur ganz schwach hervortreten ließ. 

Nach der Fischlersehen Methode konnte der in den 
Leprazellen enthaltene Fettstoff nicht gefärbt werden, und 
ebensowenig ist dies in bezug auf die Fettsubstanz der 
Gloea gelungen. Bei Nachfärbung der Präparate mit Schar¬ 
lachrot trat sowohl in den Leprazellen als auch in der 
Gloea die Fettsubstanz hervor. 

Um mich von der Art der in den Zellen enthaltenen 
Lipoide noch sicherer zu vergewissern, habe ich auch nach 
den Vorschriften Ciaccios ein Hautstftck fixiert und ge¬ 
färbt. Leider enthielt das lepröse Infiltrat an dieser Stelle 
nur äußerst spärlich Leprazellen. In dieser Untersuchung 
wurde ein Hautstack benutzt, das am 11./X. aus einem am 
linken Vorderarm des Patienten befindlichen braunroten 
Infiltrat exzidiert worden war. In dem Präparat hat sich 
die Gloea orangerot gefärbt und das gleiche Aussehen an- 


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Leprastadien. 


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genommen wie in mit Scharlachrot gefärbten Formolge- 
frierschnitten. Die in dem Präparat sehr spärlich vorkom¬ 
menden Leprazellen haben keine Farbe angenommen. Mög¬ 
licherweise hätten sie aber auch in H erxheimer-Präpa- 
raten keine Lipoidsubstanzen erkennen lassen. 

Bei einem Versuch, diebisher gewonnenen histologischen 
Ergebnisse zusammenzufassen, läßt sich folgendes notieren: 

Die in den Leprazellen vorkommenden lichtbrechenden 
Stoffe (einschließlich der Hansenschen „braunen Körper¬ 
chen“) erscheinen im ungefärbten Präparat als unregelmäßig 
runde, glänzende, farblose oder gelbbraun gefärbte Körn¬ 
chen. Sie werden von Osmiumsäure weder primär noch 
sekundär in nennenswertem Maße geschwärzt, sind doppel¬ 
brechend lösen sich in heißem Alkohol und in Äther, nehmen 
bei der Cholesterinreaktion von Unna und Golodetz 
braune (bzw. dunkler braune) Farbe an, färben sich nicht 
nach Fischler werden von Scharlachrot dunkel scharlachrot, 
von Sudan III gelb gefärbt. 

Im Hinblick auf alle diese Umstände halte ich die 
Behauptung für begründet, daß die betreffenden Zellen 
Cholesterin in einer oder der anderen Form enthalten. 

Die Gloea tritt im ungefärbten Präparat wenig hervor, 
wird von Osmiumsäure weder primär noch sekundär in 
nennenswertem Maße geschwärzt, läßt keine Doppelbre¬ 
chung erkennen, verhält sich zu der Cholesterinreaktion 
Unna-Golodetz negativ und färbt sich nicht nach 
Fischler. Mit Scharlachrot färbt sie sich gelbrot, mit 
Sudan III gelb, nach Ciaccio orangen. 

Aus dem soeben geschilderten Verhalten der Gloea 
läßt sich, nach meinem Dafürhalten, der Schluß ziehen, 
daß diese Substanz, wenigstens zum wesentlichen Teil, 
von einem Lipoid dargestellt wird. Der Umstand, daß die 
Fis c hl ersehe Reaktion negativ ausfiel, deutet darauf hin, 
-daß der Fettstoff nicht in nennenswerter Menge Fettsäuren 
noch Saponate enthielt. 


Nachstehend sollen zunächst einige Notizen über die 
Histologie der leprösen Hautaffektionen, so wie sich dieselbe 


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Cedercreutz. 


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in den von mir exzidierten nnd in 10% Formol bzw. in 
Zenkers oder in Ilellys Lösung fixierten Hautstücken 
dargestellt hat, mitgeteilt werden. Hierbei soll zuerst das 
lepröse Hautinfiltrat, sodann das ausgebildete Leprom und 
endlich das skleröse Leprom beschrieben werden. 

Da meine Untersuchung in erster Linie den Zweck 
verfolgt, die Natur und Genese der Leprazellen klurzulegen, 
so sollen bei der folgenden Darstellung vor allem diese 
Momente ins Auge gefaßt werden. Auf verschiedene andere 
histologische Einzelheiten, insbesondere auf die in den 
Haarbälgen, den Talg- und Schweißdrüsen vorliegenden 
Verhältnisse soll dagegen gar nicht eingegangen werden, 
weil meine diesbezüglichen Beobachtungen über das bereits 
von früher her Bekannte und Anerkannte hinaus nichts 
Neues ergeben haben. 

Um die bei Beschreibungen histologischer Präparate 
unvermeidlichen Wiederholungen etwas zu reduzieren, 
werde ich im nachstehenden jeder Zellform nur oder na¬ 
mentlich da eine eingehendere Darstellung widmen, wo sie 
zum ersten Male beschrieben wird. Wo dieselbe Zellform 
später als in den Geweben vorkommend notiert wird, soll 
sie im allgemeinen kürzer abgetan und hauptsächlich nur 
dann beschrieben werden, wenn sie irgendwie von dem 
gewöhnlichen Verhalten ab weicht. 

Lepröses Infiltrat. 

I. Exzision vom ll./X. Lepröses Infiltrat vom Vorderarme. 

Epidermis stellenweise verdünnt. Wo dies der Fall ist, sind die 
Papillen verstrichen. An anderen Stellen sind sie niedrig and abgerundet. 
Der Pigmentgehalt der Epidermis ist vermehrt. 

Unterhalb der Epidermis entlang erstreckt sich eine recht breite, 
verhältnismäßig zellfreie Zone, welche hauptsächlich kollagenes Gewebe 
sowie in spärlicher Menge anscheinend normale Bindegewebszellen enthält. 
Unterhalb dieser Zone hat das lepröse Infiltrat seine Lage im Korium. 
Es ist in den tieferen Teilen der Lederhaut und um die Haarbälge herum 
am dichtesten und im übrigen in Gestalt kleinerer Herde im Bindegewebe 
von ziemlich normalem Aussehen eingesprengt. 

Die Endothelzellen der nicht eben sehr reichlich vorkommenden 
Blutgefäße sind etwas aufgequollen, im übrigen lassen aber die Blutgefäße 
kaum irgendwelche Veränderungen erkennen. Im Inneren des Infiltratea 


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Lepr&8tudien. 


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finden sich in spärlicher Menge leere Spaltränme — offenbar Lymph- 
spalten — vor, die mit anfgequollenen Endothelzellen ausgekleidet sind. 
In dem Kern der letzteren ist meist je ein in Eosin-Azurpräparaten rot- 
gefarbter Nukleolus zu sehen. 

In der zentralsten Partie des Infiltrates sind die Zellen durch 
Gloea von einander getrennt, und in einer Gegend erstreckt sich diese 
Gloea bis an die subepitheliale, verhältnismäßig zellfreie Zone heran, 
unterhalb deren sie einen Herd von hellen, mit Vakuolen gefülltem 
Bildungen darstellt. Zwischen diesen finden sich Zellkerne und Zellen, 
deren mehrere dermaßen stark degeneriert sind, daß sie nur als un¬ 
sichere Umrisse oder Schatten hervortreten. Mit Scharlachrot gefärbte 
Formolgefrierschnitte lassen erkennen, daß diese Gloea — zum wesent¬ 
lichen Teil — von dem lipoid degenerierten und vakuolisierten Proto¬ 
plasma der Zellen dargestellt wird. Sie bietet ein Aussehen dar wie es 
bereits beschrieben wurde und in den Fig. 4 und 5 abgebildet ist, und 
enthält ebenfalls lipoid entartete Kerne. Dunkelrote, große, cholesterin¬ 
haltige, epitheloide Zellen sind in dem Präparat nicht zu sehen. 

Bei starker Vergrößerung sind in Z e n k e r - Methylenblau’) und 
in Helly — Eosinazurpräparaten, unter den in den tieferen Teilen des 
Infiltrates befindlichen Zellen sowie um die Haarbälge herum zahlreiche 
Zellen zu beobachten, die einen großen, hellen, ovalen Kern mit meist 
nur einem Kernkörperchen besitzen. Ihr Plasma ist schwach basophir 
und häufig mit langen Fortsätzen ausgestattet. Je näher der Epidermis 
diese Zellen liegen, um so größer und runder sind die Kerne, und im 
Zellplasma sind manchmal kleinere Vakuolen zu sehen. 

Auf Grund ihrer Morphologie bin ich geneigt, diese Zellen ala 
Fibroblasten zu bezeichnen. Das eingehendere Studium ihres Zytoplasmas 
an Zenker-Bordeauxrot-Eisenhämatoxylinpräparaten wird dadurch 
erschwert, daß in den Zellen etwa vorfindliche Bazillen und Bazillenkörner 
häufig dunkel gefärbt sind. 

In den oberflächlichen Schichten erhöht sich die relative Anzahl 
der Fibroblasten auf Kosten der sonstigen zytologischen Elemente. An 
manchen Stellen besteht das Infiltrat fast ausschließlich aus Zellen der 
genannten Art. Ihre Kerne sind im allgemeinen mit der Längsachse etwa 
senkrecht zur Hautoberfläche eingestellt, so daß es den Anschein gewinnt,, 
als würden sie, in Züge gesammelt, der Oberfläche zustreben. Um die 
oberflächlicheren Teile eines in dem Präparat vorfindlichen Haarbalges 
herum nehmen die Fibroblasten dicht unterhalb der verhältnismäßig 
zellfreien subepithelialen Zone ein aufgequollenes Aussehen an, werden 
rund und epitheloid. Ihr Zytoplasma läßt sich schwächer als gewöhnlich 
färben und ist ganz und gar mit recht großen Vakuolen erfüllt. Manche 
dieser Zellen sind mit blassen aber dennoch deutlichen Protoplasmafort- 

l ) Überall wo in der nachstehenden Darstellung von Methylenblau 
die Rede ist, wird damit Unnas polychromes Methylenblau gemeint. 


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Sätzen ansgestattet und erweisen sich auch dadurch als Fibroblasten. 
Andere wiederum sind groß und rund und entsprechen, dem Aussehen 
nach, den Zellen, welche gewöhnlich als Leprazellen beschrieben worden 
sind, wenngleich hier keine der Zellen die höchsten bei Leprazellen 
überhaupt anzutreffenden Größenmaße erreicht. In einigen dieser Zellen 
ist der Kern unregelmäßig eingebuchtet und gewissermaßen sternförmig, 
wahrscheinlich infolge der weit gediehenen Vakuolisierung des Zyto¬ 
plasmas. 

In dem Infiltrat und namentlich in dessen tieferen Schichten finden 
sich außerdem unter den Fibroblasten runde, kleinere Zellen eingestreu t 
mit rundem oder etwas eingebuchtetem, häufig so stark basophilem Kern, 
daß dessen Struktureinzelheiten kaum erkennbar sind, und mit einer 
schmalen Plasmazone von wechselnder Basophilie. Bei den in der Gloea 
befindlichen Zellen ist diese Plasmazone oft nur als ein schmaler, blasser, 
den Kern umgebender Schatten angedeutet. Die soeben beschriebenen 
Zellen sind Lymphozyten. Manche Lymphozyten haben ein größeres Volum 
und einen etwas helleren Kern, worin die Chromatinstruktur deutlich 
hervortritt. Einige wenige in den peripheren Teilen des Infiltrates vor¬ 
kommende Zellen entsprechen dem von Wallgren aufgestellten 
„Großlymphozytentypus“ mit einem großen, helleren Kern und einer 
deutlich strahligen Struktur der den ersteren umgebenden, gleichmäßig 
schmalen Zytoplasmazone. 

Besonders in der Umgebung der Blutgefäße treten in kleineren 
Haufen Zellen mit ausgeprägt basophilem Zytoplasma auf. Sie sind ge¬ 
wöhnlich von runder oder ovaler Gestalt, können aber auch vieleckig 
mit abgerundeten Ecken sein. Der Kern ist gewöhnlich exzentrisch und 
enthält reichlich Chromatin, meist in Gestalt dreieckiger, an der Innen¬ 
seite der Kemmembran gelegener Klümpchen (Rädkern). Im Zytoplasma 
findet sich, in unmittelbarer Nähe des Kernes, ein deutlich hervortreten¬ 
der hellerer Hof. In Zenker-Bordeauxrot-Eisenhämatoxylinpräparaten 
ist es mir gelungen, in diesem Hofe, in einigen Zellen ein Mikrozentrum 
mit zwei oder drei Zentriolen aufzufinden. Zu Gunsten der Auffassung 
dieser Zellen als Plasmazellen spricht weiter auch der Umstand, daß 
ich in ihnen niemals Leprabazillen angetroffen habe« 

Plasmazellen sind auch im Inneren des Infiltrates recht reichlich 
vorhanden. Sie finden sich am dichtesten an dem Außenrande einer 
entartete Zellen enthaltenden Gloea, aber auch mitten in der Gloea sind 
mehrere recht wohl erhaltene Exemplare zu sehen. Außerdem kommen 
hier mehr oder weniger stark degenerierte Plasmazellen vor, in denen 
der im Zytoplasma, in nächster Nähe des Kernes, vorfindliche helle Hof 
bedeutend größer ist als gewöhnlich, und deren periphere Zone unsicher 
konturiert, gleichsam zerfetzt und oft deutlich granuliert ist. In einigen 
Plasmazellen sind zwei Kerne vorhanden. 

Mastzellen kommen in verschiedenen Teilen des Präparates recht 
zahlreich ausgestreut vor. Besonders sind sie in den oberflächlicheren 
Schichten desselben um Blutgefäße herum sowie in der Nähe von Haar- 


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Leprastadien. 


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bälgen zu finden. Sie treten jedoch überall einzeln — nirgends in Hau¬ 
fen — auf. 

Leprariesenzellen und Langh ans sehe Riesenzellen sucht man 
hier vergeblich. 

Polynukleäre Leukozyten kommen nicht in nennenswerter Menge vor. 

In Weigert-Präparaten werden elastische Fasern in dem leprösen 
Infiltrat selbst vermißt; dagegen sind solche in der Umgebung, in der 
hellen subepithelialen Zone und um die Haarbälge herum zu finden. 

Überall im Infiltrat, und ganz besonders in der Gloea, kommen 
säurefeste, teils extrazellulär gelegene, teils in Fibroblasten eingeschlos¬ 
sene Bazillen ungeheuer reichlich vor. Die aufgequollenen Endothelzellen 
der Blutgefäße enthalten ebenfalls oft reichlich Bazillen. In Lymphozyten 
sowie in Plasmazellen ist es mir nicht gelungen, solche zu entdecken. 

2. Exzision am 20./XI. Lepröses Infiltrat vom Oberschenkel. 

Die Epidermis ist verdünnt, die Papillen verstrichen. Unterhalb 
der Epidermis liegt eine verhältnismäßig zellfreie Zone. Im ungefärbten 
Präparat sind keine „braunen Körperchen, - auch keine größeren, stär¬ 
ker lichtbrechenden Klümpchen zu sehen. 

Das in Gestalt großer Inseln in normales Bindegewebe einge- 
sprengte, namentlich um die Haarbälge verdichtete Infiltrat enthält Fi¬ 
broblasten und Lymphoidzellen, insbesondere Lymphozyten. An mehreren 
Stellen sind die Zellen dermaßen stark degeneriert, daß sie in Zenker- 
Methylenblaupräparaten nur als blasse, schwach violett gefärbte Schatten 
oft mit einem deutlicher hervortretenden Kern, erscheinen. 

Die Blutgefäße sind in den die leprösen Herde umgebenden Ge¬ 
weben erweitert, ihre Wandung oft verdickt. Ihre Endothelzellen sind 
nicht selten etwas aufgequollen und zuweilen abgeschilfert. In Helly- 
Eosin-Azurpräparaten tritt ihr Nukleolus nur ausnahmsweise hervor. In 
den Blutgefäßen Bind, außer Erythrozyten, meist Lymphozyten zu sehen. 

Wie bereits erwähnt, tritt das Infiltrat in Gestalt von Inseln auf. 
In einer von diesen, die ziemlich zentral gelegen und von einem Haar¬ 
balg durchzogen ist, läßt sich schon bei schwacher Vergrößerung beob¬ 
achten, daß das Gewebe blasser gefärbt als in der Umgebung und mit 
Vakuolen erfüllt ist. Bei stärkerer Vergrößerung erkennt man in dieser 
Partie eine gewisse Menge Lymphozyten, sowie zahlreiche Fibroblasten, 
die zum Teil epitheloider Art sind. Bei manchen dieser letzteren wiederum 
ist das Zytoplasma stark vakuolisiert, so daß die Zellen ein schäum- 
artiges Aussehen gewinnen und im übrigen der bereits gegebenen Be¬ 
schreibung der Leprazellen entsprechen. An manchen Stellen liegen 
solche stark vakuolisierte Zellen dicht aneinander und bilden einen zu¬ 
sammenhängenden Komplex. An anderen Stellen fließen sie miteinander 
zusammen, und es entstehen dann typische „Leprariesenzellen - mit 
manchmal bis zu zehn oder noch mehr großen, hellen epitheloiden Ker¬ 
nen und einem Zytoplasma, worin zuweilen recht große, runde Vakuolen 
Vorkommen. 


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Plasmazellen finden sich dicht unter der subepithelialen Zone in 
sehr reichlicher Menge vor. Sie treten hier in recht groSen Haufen, ge¬ 
wöhnlich rings um ein Blutgefäß angesammelt, auf. Sie sind oft von 
vieleckiger Gestalt und haben ein mit feinen Vakuolen erfülltes Zyto¬ 
plasma. Sehr oft enthalten sie zwei Kerne. Gewöhnlich sind sie rings 
um enge Blutgefäße und bisweilen um Gebilde gelagert, welche gänzlich 
obliterierte und durch Bindegewebe ersetzte Blutgefäße d&rzustellen 
scheinen. Die Plasmazellen sind häufig insofern stark degeneriert, als 
ihr Plasma blaß und mit kleinen Vakuolen erfüllt sowie an der Peripherie 
zerfetzt und granuliert ist. 

In einigen mit Eosin-Azur gefärbten Helly-Präparaten werden 
in der Gloea, deren lipoide Bestandteile als Vakuolen hervortreten, an 
solchen Stellen, wo Plasmazellen reichlich Vorkommen, einzelne maul- 
beerähnliche Gebilde angetroffen, die aus einem Konglomerat von homo¬ 
genen (hyalinen?), unregelmäßig runden Partikeln zu bestehen scheinen. 
Bei Tageslicht untersucht zeigen sie eine rotviolette Farbe, bei el ktri- 
schem Licht erscheinen sie hell braunrot (Tafel II, Fig. 8). Die Kon¬ 
glomerate sind von wechselnder Größe, und zwar können sie so groß 
werden wie drei bis vier Plasmazellen, und die Zahl der in ihnen ent¬ 
haltenen Partikeln schwankt zwischen einigen wenigen bis zu etwa einem 
Dutzend. Ich muß mich auf die bloße Beschreibung dieser Gebilde be¬ 
schränken, von deren eigentlicher Natur ich zu keiner bestimmten Auf¬ 
fassung gelangt bin. Möglicherweise werden sie von zusammengeballten 
und verunstalteten Erythrozyten dargestellt. Nirgends ist es mir jedoch 
gelungen festzustellen, daß die Konglomerate etwa im Inneren von Blut¬ 
gefäßen gelegen wären; vielmehr scheinen sie ziemlich frei in den Ge¬ 
weben zu liegen* 

Im Infiltrat sind Lymphozyten von etwas wechselnder Größe sowie 
einzelne Zellen anzutreffen, die durch ihre Größe, ihren verhältnismäßig 
großen und ziemlich schwach gefärbten Kern sowie ihre gleichmäßig 
breite und gleichmäßig radiär gezeichnete Zytoplasmazone sich als Zel¬ 
len vom „Großlymphozytentypus“ (Wallgren) erweisen. 

„Mastzellen“ sind in ziemlich reichlicher Menge als einzelne Exem¬ 
plare über verschiedene Teile des Präparates zerstreut. 

In dem kutanen Infiltrat befindet sich, ca. 0*7 mm unter der 
Hautoberfläche, ein kleiner, runder Abszeß, der in Fig. 9, Tafel II, 
wiedergegeben ist. Er kann in einigen Präparaten studiert werden und 
bietet folgendes Aussehen dar: Das Zentrum wird von einer kugligen, 
im Durchmesser 8 mm messenden, Serum und Fibrin enthaltenden Höhle 
dargestellt. Die Höhle ist von einem dichten Herd aus mehr oder weni¬ 
ger entarteten, feingranulierten, polynukleären Leukozyten rings umge¬ 
ben. Dieser Herd mißt im Durchmesser ca. 20 mm. Er ist peripher etwas 
'unscharf abgegrenzt, und man sieht hier, außer Lymphozyten und Binde¬ 
gewebszellen, auch Leprariesenzellen sowie eine geringere Anzahl Zellen, 
die in Hel ly-Eosin-Azurpräparaten ein violettes Plasma und in diesem 
.randständige, dunkle, ovale Kerne aufweisen und somit denLanghans- 


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Leprastudien. 


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«oben Riesenzellen ähnlich sehen. In einer derartigen Zelle können bis 
10 Kerne gezählt werden. In dem Abszeß und in dessen mit Leukozyten 
infiltrierter Umgebung werden Leprabazillen vermißt, während solche in 
den umgebenden Geweben sehr reichlich Vorkommen. Auch sonstige 
Mikroorganismen sind nicht zu entdecken. 

Elastische Fasern fehlen in den leprös infiltrierten Partien; dage¬ 
gen sind sie in dem zwischen diesen befindlichen Bindegewebe wohl 
entwickelt; auch in der verhältnismäßig zellfreien subepithelialen Zone 
sind sie, wenngleich stellenweise spärlich und nur in Form kurzer 
Stümpfe, vorhanden. 


Leprome. 

3. Exzision vom 26./X. Weiches Leprom von der Nasenwurzel. 

Die Epidermis ist verdünnt, die Papillen, mit Ausnahme gewisser 
Partien des Tumors, in denen sehr niedrige solche vorhanden sind, ver¬ 
strichen. In den basalen Zellenlagen der Epidermis ist in der nächsten 
Umgebung eines Haarbalges ein beträchtlich vermehrter Pigmentgehalt 
zu konstatieren. 

Unterhalb der Epidermis liegt eine verhältnismäßig breite, ziem¬ 
lich zellfreie Zone. 

Das lepröse Infiltrat ist in der Hauptsache zusammenhängend, 
jedoch von wechselnder Dichtigkeit, indem die zeitigen Elemente in den 
tieferen Partien reichlicher Vorkommen als in den oberflächlicheren, wo 
sie schon bei schwacher Vergrößerung als größer und weiter auseinander 
gelegen zu erkennen sind. An einigen Stellen ist das Infiltrat zwar 
recht dünn, doch sind innerhalb desselben nirgends größere Partien mit 
normalem, von infiltrierenden Zellen freiem Bindegewebe zu sehen. 

In den oberflächlichsten Lagen der Lederhaut, dicht unter der 
verhältnismäßig zellfreien subepithelialen Zone, sind die Blutgefäße oft 
stark erweitert und haben manchmal verdickte Wände mit aufgequollenen 
und nicht selten abgelösten Endothelzellen, in denen man deutlich ein 
recht großes Kernkörperchen oder — in seltenen Fällen — deren zwei 
unterscheiden kann. 

Mit Scharlachrot und Hansens Hämatoxylin gefärbte Formol- 
Gefrierschnitte zeigen keine großen, roten, cholesterinhaltigen Lepra¬ 
zellen. Das kutane Infiltrat ist mit einer hauptsächlich aus vakuolisierten 
und lipoid entarteten Fibroblasten und Lymphoidzellen bestehenden 
Gloeabildung durchweht. 

Die Fibroblasten kommen in den tiefsten Lagen der Gloea zwischen 
langgestreckte Bindegewebszellen eingesprengt vor, die möglicherweise 
peritheliale Endothelzellen darstellen. An manchen Stellen sieht man im 
Infiltrat Züge von Fibroblasten, die mit langen Fortsätzen ausgestattet 
sind und den Eindruck gewähren, als würden sie in einer nach der 
Epidermis hin gerichteten Bewegung begriffen sein. Weiter gegen die 
Epidermis zu quellen sie auf und nehmen den Charakter epitheloider 


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Zellen an mit stark vakuolisiertem Zytoplasma, worin Bazillen in reich¬ 
licher Menge enthalten sind. 

Nahe der snbepithelialen Zone sind große Zellen zu sehen, die den 
Eindruck machen, aus Strängen von Fibroblasten hervorgegangen zu sein. 
Sie haben ein schwach gefärbtes und gänzlich mit Vakuolen erfülltes 
Zytoplasma. In einigen von ihnen sind die Kerne groß und oval, ent¬ 
halten fast niemals mehr als ein Kernkörperchen und erinnern stark an 
Fibroblastenkerne; in anderen sind die Kerne, wie sich Schäffer aus¬ 
drückt, zernagt, d. h. sie zeigen eine unregelmäßig sternförmige Gestalt, 
welche offenbar im Zusammenhang mit der Vakuolisierung des Zyto¬ 
plasmas entstanden ist. Diese Zellen sind ohne Zweifel als Virchowsche 
Leprazellen zu bezeichnen. Bisweilen fließen mehrere derartige Zellen 
zusammen und bilden Leprariesenzellen. 

In den Infiltraten .kommen zwischen den bereits beschriebenen 
Zellen Lymphozyten vor, deren einige verhältnismäßig klein und rund 
sind und einen sehr dunklen, homogen gefärbten, runden oder etwas 
eingebuchteten Kern haben, indes andere etwas größer sind und ein wenig 
hellere Kerne besitzen. Weiter gegen die Peripherie der Infiltrate zu 
können mitunter einzelne Zellen des Wallgrensehen „Großlymphozyten¬ 
typus“ entdeckt werden. 

Einzelne zerstreute Exemplare von Mastzellen kommen in ver¬ 
schiedenen Teilen des Präparates vor. 

In der Umgebung der Blutgefäße treten in ziemlich reichlicher 
Menge Plasmazellen auf, deren Zytoplasma häufig recht stark degeneriert 
ist und zahlreiche kleine Vakuolen enthält. In einigen derselben sind 
zwei Kerne zu sehen. 

In der oberflächlichsten Partie des Infiltrates, ca. I mm unter der 
Hautoberfläche, finden sich in einigen der Präparate in der Nähe eines 
Haarbalges und im Inneren eines Zellinfiltrates einzelne Lang h ans sehe 
Riesenzellen mit bis zu 8 randständigen Kernen vor. 

In Zenker-Präparaten, die mit Bordeauxrot und Heidenhains 
Eisenhämatoxylin gefärbt sind, haben sich einzelne Bazillen und Bazillen¬ 
körner dunkel gefärbt, ein Umstand, der das Aufsuchen von Mikrosomen 
erschwert. 

In dem Leprom sind, sowohl in Zellen wie in Vakuolen und in 
normalem Gewebe, Bazillen in sehr reichlicher Menge vorhanden. Sie 
sind übrigens ebenso gelegen und beschaffen wie sie im allgemeinen in 
jüngerer Zeit von den Leprologen beschrieben worden sind. 

4 und 5. Exzisionen vom 28.IX. und 3./X. Leprome der Brust. 

Leider wurden diese Präparate ausschließlich in 10% Formol 
fixiert. Infolgedessen haben die feineren zytologischen Verhältnisse hier 
nicht gebührend studiert werden können. Es sind bereits die Bilder ge¬ 
schildert worden, welche nach Färbung mit Scharlachrot und Hansens 
Hämatoxylin entstehen (Taf. I, Fig. 1 und 2). Hier sei kurz angeführt. 


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Leprastudien. 


49 


was in Präparaten zu sehen ist, die vor allem mit Unnas polychromem 
Methylenblau gefärbt sind. 

Das Epithel ist verdünnt, die Papillen meistens verstrichen. In 
den tieferen Schichten der Epidermis läßt sich ein vermehrter Pigment» 
gehalt konstatieren. In den tieferen Teilen des Präparates ist ein dichtes 
Zellinfiltrat nebst Gloea zu sehen. Je näher der verhältnismäßig zellfreien 
subepithelialen Zone, um so heller erscheint bei schwacher Vergrößerung 
das Infiltrat. Dies beruht, wie sich bei Anwendung stärkerer Vergrößerung 
konstatieren läßt, darauf, daß die oberflächlicheren Schichten des Infil¬ 
trates von großen, epitheloiden, meist in zusammenhäogenden Haufen 
auftretenden Zellen dargestellt werden, deren Plasma sich nur an der 
Peripherie und zwar nur so stark färben läßt, daß die Abgrenzung der 
Zellen eben angegeben wird, und deren große, gewöhnlich ovale Kerne 
meist nur ein kleines Kernkörperchen oder gelegentlich deren zwei ent¬ 
halten. Manche dieser Zellen erinnern an Endothelzellen. 

Nicht weit unterhalb der subepithelialen Zone ist an mehreren 
Stellen das Plasma der Zellen mit Vakuolen erfüllt, welche häufig so groß 
sind, daß sie den ganzen Plasmaraum einnehmen, und der Zellkern ab¬ 
geplattet oder halbmondförmig an die Zellperipherie gedrängt wird. In 
anderen Zellen sind die Kerne unregelmäßig sternförmig, gleichsam ge¬ 
kerbt und mit Fortsätzen ausgestattet. Manchmal sind im Inneren des 
Kernes Vakuolen, wie sie Schäffer beschrieben hat, zu sehen. 

Diese Zellen bieten ein Aussehen dar, das vollkommen demjenigen 
entspricht, welches als für die Virchowsehen Leprazellen charakteri¬ 
stisch beschrieben worden ist. 

Oft fließen mehrere derartige große, epitheloide, vakuolisierte Zel¬ 
len miteinander zusammen und bilden Leprariesenzellen. 

Der subepithelialen Zone am allernächsten finden sich jene epithe¬ 
loiden Zellen, die, bei Färbung mit Scharlachrot, sich mit Cholesterin¬ 
körnern vollgepfropft erweisen. Die meisten derselben sind freistehend. 
In Präparaten, die mit polychromem Methylenblau gefärbt sind, treten 
in den betreffenden Zellen kleine Vakuolen hervor, deren jede einem 
Cholesterinkörnchen entspricht. Sie sind von schwach violett gefärbten 
Konturen begrenzt, die das Bild einer das Protoplasma durchziehenden 
feinmaschigen Netzstruktur gewähren. Diese Konturen erscheinen in 
Hämatoxylinpräparaten schwach hellgrau und in Flemming-Ziehl- 
Präparaten deutlich rotbraun. Möglicherweise sind sie als eine Bestäti¬ 
gung der Annahme Kavamuras aufzufasäen, wonach die in verschie¬ 
denen Geweben vorkommenden Cholesterintröpfchen von Hüllen umgeben 
wären, die, aus anderen lipoiden Substanzen bestehend, das Zusammen¬ 
fließen der Tröpfchen verhindern würden. 

Einige dieser Zellen enthalten in ziemlich reichlicher Menge Pig- 

Diese erscheinen in Methylenblau¬ 
sich in verschiedenen Teilen des 

4 


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mentkörner von wechselnder Größe. 
Präparaten grün gefärbt. 

Zahlreiche Mastzellen finden 
Infiltrates zerstreut vor. 

Areh. f. Dermal, n. Syph. Bd. 128. 


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Cedercreutz. 


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In Präparaten, die nach Ziehl gefärbt sind, sieht man im Infiltrat, 
in der Gloea und in den Yaknolen der epitheloiden Zellen sehr große 
Mengen Leprabazillen von der gleichen Beschaffenheit und Lage wie sie 
im allgemeinen von den Leprologen beschrieben worden sind. 

6. Exzision vom 2./I. Schlaffes, gewulstetes Leprom von der Stirn. 

Die Epidermis ist verdünnt, die Papillen verstrichen. Unterhalb 
der Epidermis liegt eine schmale, verhältnismäßig zellfreie Zone, die in 
der Hauptsache kollagenes Gewebe mit spärlich eingestreuten elastischen 
Fäden enthält, welche jedoch in der Mitte des Leproms fehlen, wo das 
Infiltrat denn auch so gut wie bis an die Epidermis heran reicht. Die 
subepitheliale Zone enthält in spärlicher Menge längliche und mit Fort¬ 
sätzen ausgestattete, allem Anscheine nach normale Bindegewebszellen. 
Sie liegen im allgemeinen mit ihrer Längsachse parallel der Hautoberfläche. 

Unterhalb der verhältnismäßig zellfreien Zone fangt das lepröse 
Infiltrat an, welches ziemlich dicht und zusammenhängend ist. Nur in 
dessen tiefsten Schichten ist, zwischen den pathologisch veränderten 
Partien, in Gestalt kleiner Inseln, normal entwickeltes Bindegewebe zu 
sehen, dessen längliche Zellen abgeplattete Kerne enthalten. 

Das Zellinfiltrat ist zum überwiegenden Teil aus Fibroblasten 
aufgebaut, enthält aber auch Lymphoidzellen. Zwischen den normal 
ausgebildeten finden sich auch hochgradig entartete Zellen vor, die in 
He 1 ly -Eosin-Azurpräparaten eine so blasse Färbung angenommen haben, 
daß sie nur andeutungsweise hervortreten, und die mit Vakuolen erfüllt 
sind. Außerdem sind hier Kerne von wechselndem Aussehen anzutreffen. 
Teils sind es blasse, runde, recht große Kerne, die von einer Membram 
begrenzt sind und ein verhältnismäßig kleines Kernkörperchen enthalten 
(Fibroblastenkerne), teils wiederum runde und ovale, dunkel gefärbte 
solche; letztere stammen vielleicht von Lymphozyten her. Auch sind noch 
vereinzelte spärlich vorkommende Radkerne zu sehen, welche vielleicht 
Reste von Plasmazellen darstellen. 

Näher der subepithelialen Zone finden sich unter diesen von Fibro¬ 
blasten und epitheloiden Zellen umgebenen, entarteten Zellen Gruppen 
von großen, blaß gefärbten Zellen mit je einem oder mehreren blassen 
Kernen von wechselnder Gestalt. Einige sind rund, andere unregelmäßig 
gekerbt; einige sind halbmondförmig und an die Peripherie des Proto¬ 
plasmaleibes gedrängt. Letzterer ist ganz und gar mit Vakuolen erfüllt, 
in denen zahlreiche, häufig zu größeren Klumpen vereinigte Leprabazillen 
nachgewiesen werden können. An manchen Stellen fließen diese Zellen 
zu recht großen Leprariesenzellen, die bis zu 10 Kernen enthalten kön¬ 
nen, zusammen. 

In den zwischen diesen Zellen befindlichen Geweben kommen ver¬ 
einzelte Langhanssche Riesenzellen sowie einige größere, mit lipoiden 
Massen ausgefüllte, runde Vakuolen ohne organisierte Wände vor. Sie 
enthalten reichlich Bazillen und scheinen mir den Gebilden zu entspre- 


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Leprastudien. 


51 


«hen, welche Babes folgenderweise beschrieben hat: „größere Bazillen¬ 
kolonien mit Vakuolen von einem Protoplasmamantel umgeben, welcher 
wahrscheinlich einer Zelle angehört, obwohl ich im gegebenen Falle 
nicht entscheiden will, ob diese Globi sich inner- oder außerhalb von 
Zellen entwickelt haben. u 

Plasmazellen kommen, wenngleich nicht besonders zahlreich, im 
Inneren des Infiltrates vor. Die meisten dieser Zellen sind mehr oder 
weniger entartet. Ihr Protoplasma ist blasser als gewöhnlich und ent¬ 
hält in reichlicher Menge kleine Vakuolen, die manchmal der Zell¬ 
peripherie ein zerfetztes Aussehen verleihen. Viele von ihnen enthalten 
zwei Kerne. 

Manche oberflächlicher verlaufende Blutgefäße sind recht stark 
erweitert und verdickt. Ihre Endothelzellen sind fast immer aufgequollen 
und oft abgeschilfert. In der Regel enthalten diese Zellen ein deutlich 
hervortretendes Kemkörperchen. Um die Gefäße herum sind Haufen von 
Plasmazellen anzutreffen, welche häufig groß sind, und deren beinahe 
polygonal gestalteter, mit kleinen Vakuolen erfüllter Plasmaleib nicht 
selten eine unsichere periphere Abgrenzung hat. Auch in der Umgebung 
der in den tieferen Teilen des Präparates befindlichen Blutgefäße sind 
reichliche Mengen haufenweise liegender Plasraazellen, zuweilen auch 
einzelne Mastzellen zu sehen. Auch kommen hier manchmal Zellen von 
epitheloidem Typus vor. Sie treten gruppenweise auf und bieten das 
Aussehen von Endothelzellen dar. 

In Formol-Gefrierschnitten, die mit Scharlachrot und Hansens 
Hämatoxylin gefärbt sind, werden dunkelrote, cholesterinhaltige Lepra¬ 
zellen vermißt; dagegen sind in dem Infiltrat Zellen zu sehen, die an 
Fibroblasten mit stark vakuolisiertem, rotgelbem Plasma und blauem 
Kern erinnern (Tafel II, Fig. 6). Auch finden sich hier ovale und 
runde, gleichmäßig rotgelbe Gebilde, die an Gestalt und Größe Lympho¬ 
zyten- und Fibroblastenkemen entsprechen. Das gelbrote Protoplasma 
der vakuolisierten Zellen fließt oft mit demjenigen benachbarter Zellen 
der gleichen Art zusammen, wodurch Leprariesenzellen gebildet werden. 
Am zahlreichsten sind diese in dem zunächst unter der subepithelialen 
Zone gelegenen Teil des Infiltrates anzutreffen. Hier finden sich auch 
den Langhansschen Riesenzellen ähnliche Gebilde vor. Der Plasma¬ 
leib der letzteren ist gelb gefärbt und scheint manchmal im Begriff zu 
sein, sich zu einer Vakuole auszubilden. 

Leprabazillen sind in überaus reichlicher Menge vorhanden. Ihr 
Verhalten entspricht dem für die Leprome gemeinhin beschriebenen. 

Fibröses Leprom. 

7. Exzision vom 6./XI. Blasses, festes Leprom des Oberarmes. 

Die Epidermis ist verdünnt, außer über der Mittelpartie des Le- 
proms, wo sie im Gegenteil verdickt und von einer Hornschicht bedeckt 
ist, welche dicker ist als unter normalen Verhältnissen. Im Stratum 

4* 


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Cedercreutz. 


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spinosum trifft man in dieser Partie der Epidermis immigrierte Wan¬ 
derzellen an. Die basalen Epidermiszellen enthalten ziemlich reichlich 
Pigment. Die Papillen sind über den zentralen Teilen des Leproms ver¬ 
strichen, über den peripheren Teilen aber erhalten. Unterhalb der 
Epidermis befindet sich eine verhältnismäßig zellfreie Zone, die ledoch 
über der Mitte des Infiltrates fehlt, indem dieses hier direkt an die 
Epidermis stößt. 

In dem Infiltrat sind die Blutgefäße nicht besonders erweitert 
und kommen in mäßiger Menge vor. Ihre Endothelzellen sind nicht in 
nennenswertem Maße auf gequollen, und es ist oft schwer, in den Ker¬ 
nen dieser Zellen ein Kernkörperchen zu entdecken. In den Blutgefäßen 
sind rote Blutkörperchen und Leukozyten, unter letzteren auch eosino¬ 
phile, grobgranulierte solche zu sehen. 

Das neugebildete Gewebe wird von einem dichten Infiltrat dar* 
gestellt und besteht fast ausschließlich aus Bindegewebszellen, die in 
den tieferen Teilen des Präparates schmal und langgestreckt sind, platte 
oder länglich ovale Kerne besitzen und zwischen Bündeln kollagener 
Fäden gelagert sind, indes sie in den oberflächlicheren Schichten ziem¬ 
lich dicht aneinander liegen und mehr abgerundet und epitheloid sind, 
jedoch keine größeren Vakuolen auf weisen. Diese letzteren Zellen ent¬ 
halten fast alle nur je einen Kern, der hell, groß, rund, oval, halbmond¬ 
förmig oder unregelmäßig gestaltet ist, und in dem gewöhnlich nur ein 
Kernkörperchen sich vorfindet. Das Protoplasma dieser Zellen erscheint 
in H e 11 y -Eosin-Azurpräparaten blaß violett, in Zenker-Methylenblau¬ 
präparaten metachromatisch blaß rot violett gefärbt. In Präparaten, die 
mit Karbolfuchsin gefärbt sind, werden in den Zellen und auch außer¬ 
halb derselben reichliche Mengen im allgemeinen wohl erhaltener und 
nicht körnig zerfallener Bazillen angetroffen, die sich oft zu nic ht be¬ 
sonders dichten Haufen angesammelt haben. 

Auch in oberflächlichen Teilen des Infiltrates sind jedoch Züge 
langgestreckter Bindegewebszellen zu sehen, welche nicht selten je zwei 
oder drei Kemkörperchen enthalten und von perithelialen Endothelzellen 
ihren Ursprung genommen zu haben scheinen. 

In den Seitenpartien des Leproms ist das Gewebe weniger dicht 
und in eine Gloea, wie sie bereits beschrieben worden ist, umgewandelt; 
in dieser befinden sich längliche Zellen mit stark vakuolisiertem Proto¬ 
plasma. Zwischen diesen liegen, an manchen Stellen recht zahlreich, 
ziemlich gut erhaltene Plasmazellen. In den tieferen sowie in den weiter 
peripher gelegenen Teilen des Leproms sind um einzelne Blutgefäße 
herum Haufen von Plasmazellen zu sehen. Dies ist namentlich am Rande 
der sklerosierten Partie der Fall. Im Inneren der letzteren sind die 
Plasmazellen spärlicher vertreten, und sie sind hier oft beinahe bis zur 
Unkenntlichkeit entartet. Ebenso verhalten sich auch die in der sub¬ 
epithelialen Zone spärlich anzutreffenden Plasmazellen. Diese sind im 
allgemeinen groß, der Kern hell mit unscharfem Kontur; der helle Hof 
im Protoplasma ist sehr groß und ist peripherwärts nur von einem ganz 


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Leprastudien. 


53 


schmalen, zerfetzten oder körnigen, dunkleren Bandsaum begrenzt. In 
keiner von diesen entarteten Zellen habe ich eine radiäre Protoplasma¬ 
struktur wahrnehmen können, aut Grund deren es berechtigt gewesen 
wäre, dieselben als epitheloide Polyblasten anzusehen. In einigen Plasma¬ 
zellen sind zwei Kerne vorhanden. 

Mastzellen finden sich in verschiedenen Teilen des Infiltrates als 
einzelne Exemplare zerstreut vor. Lymphozyten sind, wenngleich nicht 
besonders zahlreich, in den peripheren und tieferen Teilen des Infiltrates 
.anzutreffen. 

Biesenzellen — sowohl Langhanssche als auch Leprariesenzellen 
— fehlen. 

Leider wurden von dem Leprom keine Formol-Gefrierschnitte an¬ 
gefertigt. 

In Weigert-Präparaten werden in dem Leprom elastische Fäden 
vermißt. Von der Seite her erstrecken sich jedoch einige wenige solche 
in die verhältnismäßig zellfreie subepitheliale Zone hinein, ln der Mitte 
des Leproms, wo das Infiltrat bis an das Epithel heranreicht, sind keine 
elastischen Fasern zu finden. 

Bazillen sind, wie bereits erwähnt wurde, in reichlicher Menge 
vorhanden; sie liegen oft im Inneren entarteter Zellen. In Plasmazellen 
finden sich keine Bazillen. Anhäufungen von Bazillen zu größeren Globi 
kommen nicht vor. 

Wie aus der obigen Darstellung hervorgeht, haben 
mir nur die allerersten zwei Biopsien cholesterinhaltige 
Leprome ergeben. In der Hoffnung, noch einige derartige 
zn erhalten, die ich nun in verschiedenen Lösungen fixie¬ 
ren könnte, wandte ich mich brieflich an den leitenden 
Arzt am Leprosorium Orivesi, Herrn Dr. E. af Häll- 
ström, mit der Bitte, mir gefälligst Untersuchungsmaterial 
zu beschaffen. Dr. af Hällström hat denn auch die 
große Freundlichkeit gehabt, von Orivesi einen an Lepra 
tuberosa leidenden Patienten herüberzuschicken. In dem 
•exzidierten Leprom waren indessen leider keine cholesterin¬ 
haltigen Leprazellen zu finden. Die Krankengeschichte des 
Pat. ist folgende: 

J. N., 42jähriger ehemaliger Bahnhofsbediensteter. 

Pat. ist im Kirchspiel Messuby geboren, wo sein Yater Bauer war. 
Dieser ist im Alter von 65 Jahren durch einen Unfall ums Leben ge¬ 
kommen. Die Mutter des Pat. ist mit 73 Jahren einem Herzleiden er¬ 
legen. Pat. ist das vierte von 8 Geschwistern. Die übrigen Geschwister 
leben und sind gesund. Im Alter von 20 Jahren wurde er an der 
Flachsspinnerei in Tammerfors angestellt. Sodann hat er beim Tavaste- 
huser Bataillon seinen Militärdienst absolviert und während dessen in 


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Cedercreutz. 


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Ingermannland veranstaltete Feldmanöver mitgemacht. Später ist er 
wieder in Taromerfors ansässig gewesen nnd hat hier anf der Gäterab¬ 
teilang des Bahnhofs Anstellung gehabt. Pat. ist in finanzieller Beziehung 
verhältnismäßig gut situiert gewesen und hat ein regelmäßiges Leben 
geführt. Sein Gesundheitszustand ist früher gut gewesen. In letzteren 
Jahren hat er an Magenschmerzen gelitten« Als Pat. 35 Jahre alt war* 
traten an seinen Händen und Unterarmen kleinere, rote Knoten auf, die 
von einem, gelinden Jucken begleitet waren. Etwas später zeigte sich an 
den unteren Extremitäten ein ähnlicher Ausschlag. Im Gesicht hat Pat. 
seit etwa 5 Jahren Knotenbildungen bemerkt. Der Hals ist seit ca. 3 
Jahren krank. Gegenwärtig hat Pat. Schmerzen in den Beinen. Er hat 
nie mit Aussätzigen zusammen gelebt und weiß nicht, wo er die An¬ 
steckung hat akquirieren können. Seit l l /i Jahren ist er im Leprosorium 
in Orivesi aufgenomroen. 

Status praesens am 15./XII. 1917. Pat. ist von gewöhnlichem 
Körperbau, etwas abgemagert. Facies leonina. An der Stirn knollige 
Leprome. Die diese bedeckende Haut rotbraun verfärbt. An den Nasen¬ 
flügeln geschwürige und von Krusten bedeckte kleinere Leprome. Au¬ 
genbrauen und Wimpern fehlen fast vollständig. Haar- und Bartwuchs 
normal. An der Brust einige flache, rotbraune Infiltrate. Haut der Arme, 
namentlich auf den Streckseiten, trocken und abschilfernd. Auf den Hand¬ 
rücken zahlreiche braunpigmentierte Narben. Auf den Streckseiten der 
Finger torpide Ulzerationen. Die Nägel des dritten, vierten und fünften 
Fingers der linken Hand verdickt und rissig. Ihre Umgebung entzündet. 
Untere Extremitäten leicht geschwollen. Großzehe des linken Fußes 
mutiliert. An der Fußsohle am Metatarsalknochen dieser Zehe eine 
kleinere, kraterformige Geschwürsbildung. 

Im Rachen ausgedehnte speckige Ulzerationen. 

Kleine Adenopathien überall. 

Knochen, Muskelsystem und Gelenke gesund. 

Haut über den früher geschilderten Knoten sowie in deren näch¬ 
ster Umgebung gefühllos, desgleichen an der medialen Seite der Füße 
und der Unterschenkel. Patellar- und Pupillarreflexe erhalten. 

Körpertemperatur normal. Von inneren Organen nichts zu bemer¬ 
ken. Harn eiweiß- und zuckerfrei. Im Nasensekret reichlich Leprabazillen. 
Wassermanns Reaktion am 15./XII. negativ. 

Am 15./XII. Exzision eines braunroten, ziemlich festen Stirnleproms. 
Das gewonnene Präparat wird in drei Teile geteilt, die in 10% Formol 
bzw. in Zenkers und in Hel ly 8 Lösung eingelegt werden. 

8. Exzision vom I5./XII. Ziemlich festes Stirnleprom. 

Die Epidermis ist verdünnt, die Papillen verstrichen. Unterhalb 
des Epithels befindet sich eine verhältnismäßig zellfreie Zone. 

Das Infiltrat, welches in Gestalt von Inseln in anscheinend nor¬ 
malem Bindegewebe eingebettet liegt, besteht zum überwiegenden Teil 


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Leprastudien. 


55 


aas Bindegewebszellen mit ovalen, häufig recht großen, blassen Kernen. 
Es enthält indessen auch reichlich Lymphozyten, deren einige verhält¬ 
nismäßig groß sind und einen etwas helleren, recht großen, runden oder 
ovalen Kern besitzen, worin Chromatinklumpen in reichlicher Menge zu 
sehen sind. 

In den tieferen sowie in den Seitenteilen des Präparates bieten 
die Bindegewebszellen das normale Aussehen ruhender Zellen dar. In 
den oberflächlicheren Schichten finden sich unter diesen auch eingegprengte 
Züge von Fibroblasten, welche oft zwei oder drei Kernkörperchen 
enthalten, und deren manche aufgequollen sind und einen sehr blassen 
oder vakuolisierten Plasmaleib aufweisen. An manchen, der Epidermis 
näher liegenden Stellen sind Gruppen von hell gefärbten, länggestreckten, 
mit Fortsätzen ausgestatteten (in Bewegung begriffenen) Fibroblasten zu 
sehen, die sich zuweilen, wo sie an die verhältnismäßig zellfreie Zone 
heranreichen, in runde epitheloide Gebilde um wandeln, die an einigen 
Stellen zur Bildung von Symplasmata miteinander verschmelzen. 

Die Blutgefäße der subepithelialen Zone sowie der übrigen das 
Infiltrat umgebenden Gewebe sind erweitert, verdickt und mit aufge¬ 
quollenen Endothelzellen ausgekleidet. In einigen der letzteren ist ein 
Kemkörperchen deutlich zu erkennen. Im Inneren des Infiltrates sind nur 
äußerst wenige deutliche Blutgefäße vorhanden. Dagegen kommen dort 
schmale, blutleere, mit Endothelzellen ausgekleidete Spalten vor, um 
welche herum manchmal Züge von langgestreckten, blassen Zellen sich 
vorfinden, deren helle Kerne ein, zwei oder drei recht große Kernkör¬ 
perchen enthalten. Diese Zellen sehen Endothelzellen ähnlich. 

Um die Blutgefäße herum sind auch zerstreute Exemplare von 
Mastzellen sowie kleinere Haufen von Plasmazellen zu sehen. 

Unter der subepithelialen Zone finden sich einzelne Gruppen von 
Plasmazellen, deren Protoplasma kleine Vakuolen enthält und bei Fär¬ 
bung mit polychromem Methylenblau violette Farbe annimmt, jedoch 
blasser ist als gewöhnlich. 

Langhanssehe Zellen und Leprariesenzellen fehlen. 

Mit Scharlachrot gefärbte Formol-Gefrierschnitte lassen keine 
dunkelroten, cholesterinhaltigen Leprazellen erkennen. In dem Infiltrat 
kommen rotgelbe Gloeamassen vor, die zum Teil aus schwer zu beschrei¬ 
benden, ringförmigen Gebilden bestehen, welche wie Überreste des lipoid 
entarteten und vakuolisierten Protoplasmas von Zellen aussehen. Zwischen 
diesen finden sich längliche Zellen mit gut färbbaren Kernen und rot¬ 
gelbem Protoplasma, sowie ovale oder runde Gebilde, die in bezug auf 
Gestalt und Größe vollständig an die Kerne benachbarter Fibroblasten 
erinnern (Fig. 7). Um einige dieser Gebilde herum ist eine undeutlich 
hervortretende helle Zone zu sehen, welche möglicherweise dem gänzlich 
degenerierten Protoplasmaleib der Zelle entspricht. 

Die Gloea erscheint in H e 11 y - Eosin-Azurpräparaten schwach 
hellrot. 


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Cedercreatz. 


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Mittelst Karbolfachsins lassen sich im Infiltrat, teils in, teils 
außerhalb von Zellen, reichliche Mengen von Bazillen nachweisen. 

Aus dem vorstehend angeführten geht hervor, daß 
meine Untersuchungen recht erschöpfende Auskunft über 
die in den Zellen des Leproms vorfind liehen fettartigen 
Substanzen gegeben haben. Sie haben dargetan, daß diese 
Substanzen in der tiefer gelegenen Gloea isotrope, homo¬ 
gene, lipoidartige Stoffe sind, in den oberflächlicher gelegenen 
epitheloiden Zellen mancher Leprome aber von doppel¬ 
brechenden, cholesterinhaltigen Körnchen dargestellt sein 
können. 

Als eine Parallele des erstgenannten dieser Unter¬ 
suchungsresultate sei angeführt, daß Anitschkow bei 
Untersuchung des in entzündlichen Zellen vorkommenden 
Fettes dieses stets isotrop befunden hat. 

Im Anschluß an die letztere Beobachtung wiederum 
mag hervorgehoben werden, daß die in gewissen Lepromen 
dicht unterhalb der verhältnismäßig zellfreien subepithe¬ 
lialen Zone vorkommenden cholesterinhaltigen Zellen den 
Abbildungen vollkommen ähnlich sind, welche Anitschkow 
von seinen „Cholesterinphagozyten“ gegeben hat, die nach 
seiner Ansicht den von ihm als Polvblasten aufgefaßten 
„Eiterphagozyten“ gleichzustellen sind. 

Desgleichen erinnern mehrere von ihnen in morpho¬ 
logischer Hinsicht lebhaft an Xanthomzellen, deren Ursprung 
einige Dermatologen auf Fibroblasten, andere auf Endothel- 
zellen zurückführen, indes Maximow sie als Polyblasten 
rubriziert: „Die Xanthomzellen sind gewöhnliche Makro¬ 
phagen (Polyblasten, Histiozyten), wie sie bei den entzünd¬ 
lichen Prozessen auf treten, die sich nur etwas eigenartig 
differenziert haben.“ 

Es scheint mir, als würden die sogenannten Yi rc h o w- 
schen Leprazellen im allgemeinen von Zellen bindegewebiger 
Natur herstammen, welche stark entartet sind und in ihren 
Yakuolen Lipoide und zuweilen Cholesterin enthalten. 
Schwieriger ist zu entscheiden, ob diese Zellen nun als 
Fibroblasten oder als Endothelzellen zu bezeichnen sind. 

Die Leprariesenzellen sehen oft den Zellen in hohem 


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Leprastadien. 


57 


Grade ähnlich, welche v. Fieandt. als „Fibroblastriesen¬ 
zellen“ abgebildet und beschrieben hat 

Auf die Frage einzugehen, ob die cholesterinhaltigen 
Leprazellen auch von Lymphoidzellen, in nächster Instanz 
von Polyblasten, ihren Ursprung nehmen könnten, erscheint 
schon deshalb unersprießlich, weil der Unterschied zwischen 
epitheloiden Fibroblasten und großen epitheloiden Poly¬ 
blasten oft haarfein ist. Die Differentialdiagnose zwischen 
diesen beiden Zellformen läßt sich, wie v. Fieandt 
angibt, nur mit Hilfe spezieller Untersuchungsmethoden 
und durch Studium der feineren Strukturverhältnisse des 
Zytoplasmas stellen; allein dieses Studium gestaltet sich 
in aufgequollenen, stark cholesterinhaltigen und mit Bazillen 
und Bazillkörnern erfüllten Zellen überaus schwierig. 

In meinen Präparaten habe ich keine Zellen angetroffen, 
die einen nieren-, hufeisen-oder halbmondförmigen, ziemlich 
chromatinarmen Kern, sowie eine — wenn auch schwach 
hervortretende — strahlige Plasmadifferenzierung um das 
Mikrozentrum herum gehabt hätten und die ich deshalb 
ohne Bedenken als Polyblasten zu bezeichnen gewagt hätte. 

In einer Arbeit über Fibroblasten und Makrophagen 
führt Krompecher alle die verschiedenen pathologischen 
Zellformationen, die sich morphologisch durch ihre auffällige 
Größe sowie durch ihr mit allerlei Bestandteilen erfülltes, 
schaumähnliches Protoplasma kennzeichnen, zu der großen 
Gruppe der „Makrophagen“ und er leitet ihren Ursprung 
sowohl von Lymphozyten als auch von Bindegewebszellen 
(Fibroblasten) her. Es würde ja ein einfacher Ausweg sein, 
den Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, indem man 
sich damit begnügte, die Leprazellen als Makrophagen zu 
bezeichnen. 

Die Ansicht Unnas von den Leprazellen, denen er 
die Natur von Zellen abspricht, wurde bereits angeführt. 
Ich kann nicht umhin, hier darauf hinzuweisen, daß Unna 
hinsichtlich der Xanthomzellen der gleichen Auffassung 
ist, indem er diese nicht als Zellen, sondern nur als Ergüsse, 
namentlich in die perivaskulären Lymphräume hin, be¬ 
trachtet oder wenigstens betrachtete; diese Ergüsse würden 


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58 


Cedercreutz. 


aas einer sehr beständigen, oft Zellkerne enthaltenden Fett' 
raasse bestehen. Diese Anschauungsweise Unnas, die die 
Analogie zwischen den Leprazellen und den Xanthomzellen 
betont, habe ich hier in Erinnerung bringen wollen, weil 
ich vorhin schon die zwischen Xanthomzellen und gewissen 
stark cholesterinhaltigen, epitheloiden Leprazellen be¬ 
stehende morphologische Ähnlichkeit hervorgehoben habe. 

Meine Biopsien sind nicht der Art, daß ich lediglich 
auf Grund ihrer den Verlauf des chronischen Entzfindungs- 
prozesses bei der Lepra tuberosa sowie die Rolle zn be¬ 
schreiben wagte, welche die verschiedenen Zellformen bei 
diesem Prozeß spielen. Im allgemeinen haben meine zyto- 
logischen Beobachtungen schon früher gemachte solche 
bestätigt und ich habe sie veröffentlicht hauptsächlich als 
Erläuterungen zu dem, was im Anfang dieses Aufsatzes 
angeführt worden ist, und zu dem, was in dem nächstfol¬ 
genden Abschnitt mitgeteilt werden soll. 

4. Vergleichende Gesichtspunkte in bezug auf die Histologi» 
des Lepronis, des Syphiloms und des Tuberkels. 

In diesem Abschnitt werde ich einen Weg einschlagen, 
der von demjenigen abweicht, den man gewöhnlich betreten 
hat, wenn es sich darum gehandelt hat, die bei verschie¬ 
denen Krankheiten sich darbietenden histologischen Bilder 
zu vergleichen. 

Ebenso wie es noch vor einigen Jahrzehnten gewöhnlich 
war, bei den Pathologen einer Auffassung zu begegnen, 
die sich, mit einiger Übertreibung, durch die These aus- 
drücken ließ: jede Krankheit hat ihren eigenen Mikro¬ 
organismus, ebenso wollen die Histologen auch heutzutage 
noch vielfach als ihr Ziel den Nachweis hinstellen, daß 
jede Bakterienart von seite der Gewebselemente ihre be¬ 
sondere, charakteristische Reaktion auslöst. Eine derartige 
Bestrebung ist n. a. in der bereits zitierten Aussprache 
Neissers auf dem Dermatologenkongreß iu Prag deutlich 
zu erkennen. 

Diesmal will ich nicht nach differentialdiagnostischen 
Unterscheidungsmerkmalen suchen, sondern vielmehr ge- 


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Leprastadien. 


59 1 


wisse, die histologische Entwicklung und Struktur des 
Lepronis betreffende Beobachtungen mit den Ergebnissen 
vergleichen, zu denen andere Forscher in bezug auf dis 
beiden „Schwesterkrankheiten“ der Lepra — der Ausdruck 
rührt von Jadassohn her — die Tuberkulose 
und die Syphilis, gelangt sind, um zu sehen, ob die¬ 
jenigen in den Geweben sich abspielenden Prozesse, die 
zur Entstehung der genannten drei Granulome beitragen, 
möglicherweise in gewissen Beziehungen miteinander ver¬ 
wandt sein könnten. 

Yor etwa drei Jahrzehnten nahmen mehrere Derma¬ 
tologen, unter ihnen in erster Linie die norwegischen 
Leprologen, an, daß, wo man bei einem Leprösen tuber¬ 
kulose-ähnliche histologische Yeränderungen vorfand, eine 
Symbiose von Tuberkulose und Lepra vorlag. 

Untersuchungen, die nach der Leprakonferenz von 1897 
von Judassohn, Klingmüller, Schäffer u. a. aus¬ 
geführt worden sind, haben indessen dargetan, daß zwischen 
den Gewebsveränderungen in erster Linie bei der an¬ 
ästhetischen Lepraform auf der einen, bei der Tuberkulose 
und Syphilis auf der anderen Seite in gewissen Punkten 
große Ähnlichkeiten bestehen. 

Hierüber spricht sich Schäffer folgendermaßen aus: 
„Wir fanden also bei unseren Fällen das Nebeneinander¬ 
stehende zweier durchaus verschiedener Krankheitsprozesse. 
Der eine Prozeß entspricht zweifellos der typischen leprösen 
Erkrankung mit dem charakteristischen Yerhalten der 
Bazillen und den im ersten Teil der Arbeit besprochenen 
Gewebsveränderungen. Daneben spielen sich aber andere 
pathologische Vorgänge ab, die von Anfang an einen 
durchaus abweichenden Charakter aufweisen. Wir sehen 
knötchenförmige Herde, aus epitheloiden Zellen und Lym¬ 
phozyten zusammengesetzt mit typischen Langhanssehen 
Riesenzellen und spärlichen, einzelliegenden Bazillen, meist 
mit Nekrose und käsigem Zerfall in den zentralen Partien. 
Sie erinnern großenteils an die histologischen Bilder von 
Tuberkulose, zeigen jedoch insofern keine vollständige 
Übereinstimmung mit diesen, als in vielen Präparaten ein 


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Cederoreutz. 


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gewisses Mißverhältnis zwischen den spärlichen Zell- 
elementen der Knoten und den ausgedehnten Degenerations¬ 
vorgängen besteht. Wir müssen ferner mit der Tatsache 
rechnen, daß es nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge 
nicht mehr angängig ist, die Struktur des Tuberkels als 
ausschlaggebend für die Diagnose anzusehen. So ist es ja 
jetzt allgemein anerkannt, daß auch das syphilitische 
Virus durchaus analoge Gewebsveränderungen hervor- 
rufen kann (Verkäsung, Riesenzellen). Wir hatten selbst 
Gelegenheit, eine Anzahl .von sicher rein luetischen Haut¬ 
eruptionen (mikropapulöse und gummöse Herde) zu unter¬ 
suchen und haben hierbei bisweilen lebhaft an Tuber¬ 
kulose erinnernde Bilder gefunden. Ebenso müssen wir 
heute mit der histologischen Differentialdiagnose zwischen 
Lepra und Tuberkulose vorsichtig sein, nachdem die neuen 
Untersuchungen gezeigt haben, daß auch Nekrose, ja tuberkel¬ 
ähnliche Bildungen bei der Lepra Vorkommen können/ 

Jadassohn, der die Analogien und die Unterschiede 
zwischen Lepra, Lues und Tuberkulose erörtert, spricht 
hauptsächlich von bakteriellen und „biologischen“ Verhält¬ 
nissen, weniger dagegen von Reaktiousverhältnissen seitens 
der zytologischen Elemente. Von diesen sagt er: „Im all¬ 
gemeinen aber tritt im Vergleich mit Tuberkulose und 
Syphilis das Bindegewebe hinter den sehr zahlreichen 
Zellen zurück (Sugai 1911). Die Zellformen sind zum 
geringeren Teil lymphozytärer Natur, Plasmazellen, Mast¬ 
zellen, noch weniger im allgemeinen polynukleäre und 
eosinophile Leukozyten (Gurd 1911), zum größeren Teil 
Fibroblasten und Zellen von epitheloidem Typus, seltener 
mehrkernige Zellen, die aber im allgemeinen nicht den 
Typus der Lan ghanssehen Riesenzellen haben, trotzdem 
auch diese unzweifelhaft in typischen Lepromen Vor¬ 
kommen.“ 

Versuchen wir uns die Grundzüge dessen, was über 
die Entwicklung eines Syphiloras oder eines auf experi¬ 
mentellem Wege hervorgerufenen Tuberkels bekannt ist, 
ins Gedächtnis zurückzurufen und vergleichen wir die bei 
diesen Affektionen auftretenden Gewebsveränderungen 


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Leprastadien. 


61 


untereinander sowie mit den im Leprom wahrzunehmenden, 
so werden wir bald einigen, sehr großen Ähnlichkeiten 
begegnen. 

Pirilä beschreibt die Entwicklung des syphilitischen 
Primäraffektes etwa folgendermaßen: „ln ganz jungen 
Primäraffekten 1 ) kommen an manchen Stellen, namentlich in 
dem die Blutgefäße umgebenden Bindegewebe, recht zahl¬ 
reiche, neutrophil granulierte Leukozyten vor, indes jedoch 
die Lymphoidzellen schon auf diesem Stadium in der Um¬ 
gebung der Blutgefäße zahlreicher sind als die Leukozyten. 

Etwas später ist der Lymphozyt die unleugbar am 
reichlichsten vertretene Zellform und noch später treten 
Plasmazellen auf, die sich allmählich dermaßen vermehren, 
daß sie mächtige Infiltrate bilden. Namentlich in jüngeren- 
Primäraffekten kommen außerdem spärliche Zellen vom 
Großlymphozytentypus sowie einzelne Polyblasten vor. 
Seite an Seite mit den lymphoiden Elementen reagieren 
die Fibroblasten schon frühzeitig gegen die Spirochäten 
nnd in ganz jungen Primäraffekten kann man zahlreiche, 
mit langen Fortsätzen ausgestattete Bindegewebszellen an¬ 
treffen. Erst einige Zeit, nachdem die Plasma zellen in dem 
Infiltrat erschienen sind, beginnt indessen eine stärkere 
Neubildung von Fibroblasten und diese wird schließlich 
sehr intensiv. Es treten nunmehr auch zahlreiche abge¬ 
rundete Fibroblastenformen auf. In alten, narbig umge¬ 
wandelten Sklerosen nehmen die Fibroblasten allmählich 
immer mehr die Gestalt von Bindegewebszellen an, die 
das ganze Syphilom durch weben. Die noch übrigen In¬ 
filtratzellen und Zellgruppen, die fast ausschließlich von 
Plasmazellen dargestellt werden, sind durch hypertrophische 
Bindegewebsbalken von einander getrennt. 

In den Syphilomen scheint es Zellen zu geben, die 
den Leprazellen entsprechen. Dieser Art sind die ab- 

*) Zu bemerken ist jedoch, daß es Pirilä nicht gelangen ist, in. 
dem acht Tage alten, als Primäraflekt beschriebenen Gebilde Spirochäten 
nachzuweisen and daß es daher in diesem Falle möglicherweise etwas 
fraglich erscheinen kann, inwiefern die beschriebenen Gewebsver¬ 
änderungen wirklich luetischer Natur sind. 


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Ced ercreutz. 


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gerundeten Fibroblasten und die diesen vollkommen ähn¬ 
lichen, aus den Blut- und Lymphgefäßen stammenden 
Endothelzellen. Über diese Zellen schreibt Pirilä: „In 
den älteren Sklerosen finden sich diese abgerundeten Fibro¬ 
blasten recht spärlich und zwar hauptsächlich nur an den 
dickest infiltrierten Stellen. Sie haben offenbar größten¬ 
teils wieder ihre gewöhnliche Form angenommen; es ist 
auch wahrscheinlich, daß ein Teil durch Degeneration 
verschwunden ist, denn in früheren Stadien können wir 
einzelne degenerierte Exemplare mit stark vakuolisiertem 
Plasma sehen.“ 

Pirilä fügt hinzu, daß Krzystalowicz in Syphi- 
lomen „noch mehr abgerundete, gleichsam netzartig durch¬ 
löcherte Zellen (Schaumzellen)“ gefunden hat. „Diese letzt¬ 
genannten Zellen,“ fährt Pirilä fort, „entsprechen ohne 
Zweifel den von mir beschriebenen abgerundeten Fibro¬ 
blasten, welche besonders in den peripheren Teilen des 
Zellkörpers eine wabige Plasmastruktur und oft größere 
oder kleinere Vakuolen haben.“ 

Nach diesen kurzen Notizen über die Histologie des 
luetischen Primäraffektes werde ich versuchen, in aller 
Kürze die Hauptzüge der bei experimenteller Tuberkulose 
sich abspielenden Zellreaktionen zu schildern. Dabei werde 
ich mich vor allem auf die überaus sorgfältig beschriebenen 
Untersuchungen v. Fieandts über experimentelle Menin- 
geal- und Zerebraltuberkulose bei Hunden stützen. 

In den allerfrühesten Stadien der Infektion kommen 
in den Geweben zahlreiche feinkörnige Leukozyten vor, 
diese verschwinden aber sehr bald und machen bei Menin- 
gealtuberkulose hauptsächlich den Polyblasten Platz, welche 
bei der Meningealtuberkulose des Hundes eine große Rolle 
spielen. Bei der Entstehung der intrazerebralen Tuber¬ 
kulose ist ihre Anzahl — ebenso wie es im luetischen 
Primäraffekt der Fall war — eine verhältnismäßig geringe. 

Dieses Moment des frühesten Verlaufes bei der Ent¬ 
stehung eines Tuberkels hat, dem Anscheine nach, bei der 
Entstehung desLeproms kein Gegenstück; allein das Auf¬ 
treten der feinkörnigen Leukozyten ist auch beim Tuberkel 


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Leprastudien. 


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— wie auch v. Fieandt hervovhebt — von sehr kurzer 
Dauer und erfolgt nur auf einem sehr frühen Stadium. 
Sollte etwa auch bei der Bildung des Leproms ein der¬ 
artiges rasch vorübergehendes Auftreten feinkörniger 
Leukozyten Vorkommen, so wäre es möglich, daß dies 
auf einem so frühen Stadium geschähe, daß die Affektion 
noch nicht klinisch erkannt werden könnte. Favre und 
Savy, welche ebenfalls die histologischen Ähnlichkeiten 
in der Entwicklung der Leprome und der experimentellen 
Tuberkulose betonen, bemerken dabei, daß Leukozyten 
möglicherweise bei der allerersten Entstehung des Leproms 
eine gewisse Rolle spielen könnten; doch getrauen sie sich 
nicht zu behaupten, daß dies der Fall sei. Das ist wohl 
der Standpunkt, den man zu dieser Frage einzunehmen 
hat. Die Polyblastenreaktion wiederum dürfte beim Hunde 
«ine recht gewöhnliche Erscheinung sein, ist aber beim 
Menschen selten und fehlt, wie bereits erwähnt, auch beim 
Hunde bei der Entstehung des intrazerebralen Tuberkels. 

Später erscheinen bei der experimentellen Tuberkulose 
Zellen vom Großlymphozytentypus sowie Plasmazellen, 
denen v. Fieandt jedoch nur eine sekundäre Bedeutung 
beimißt und die wenigstens nicht direkt an dem Kampfe 
gegen die Tuberkelbazillen beteiligt sind. 

Über das Verhalten der Fibroblasten bei der experi¬ 
mentellen Tuberkulose läßt sich v. Fieandt folgender¬ 
maßen aus: „Erst nachdem die hämatogenen Zellelemente 
ihre Rolle zum größten Teil ausgespielt haben, ungefähr 
eine bis zwei Wochen nach der Infektion, beginnt eine 
lebhafte Proliferation der fixen Bind ege webselemente und 
von diesem Zeitpunkt an scheinen die Fibroblasten für die 
Gestaltung und den Verlauf des tuberkulösen Prozesses 
von entscheidender Bedeutung zu sein. Die stark phago- 
zytierenden Fibroblasten gehen hierbei oft in plasmareiche, 
abgerundete, epitheloide Zellformen über und bilden oft 
durch Znsammenschmelzung größere Synplasmabildungen, 
unter denen auch typische Riesenzellen Vorkommen.“ 

Bezüglich der epitheloiden Fibroblasten sagt v. Fie¬ 
andt, daß sie eine lebhafte Phagozytose, teils an Bazillen, 


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Cedercrents. 


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teils an allerlei Zellresten, ansfiben; sie „schließen unter 
anderem nicht selten Fett-Tropfen in ziemlich reichlicher 
Menge ein und weisen oft eine ausgeprägte gitterartig* 
Protoplasmastruktur auf“. 

Dieser Beschreibung gemäß bietet also das Verhalten 
der Fibroblasten in dem tuberkulösen Herde mit der Ent¬ 
wicklung und Entartung der gleichen Elemente im Syphiloin 
und Leprom viele Ähnlichkeiten dar. 

Ein Versuch, die gemeinsamen Umrisse des Verlaufe* 
der histologischen Vorgänge zu sammeln, so wie sich 
dieser Verlauf bei Lepra, Lues und Tuberkulose darstellt,, 
ist schwierig, weil die Lepra sich nicht auf experimentellem 
Wege her vorrufen läßt und weil es fast unmöglich ist, 
das Alter des menschlichen Leproms zu bestimmen. Ea 
sieht indessen aus, als würden bei allen drei Affektionen 
auf den früheren Stadien der Infiltration die aus dem 
Blute stammenden zelligen Elemente im Kampfe gegen 
die Infektion die tätigsten sein. Hierbei hat es bei dem 
syphilitischen Primäraffekt und bei der experimentellen 
Tuberkulose festgestellt werden können, daß die Lympho¬ 
zyten schon frühzeitig eine wichtige Rolle spielen, indes 
die Plasmazellen erst später auf der Bühne erscheinen und 
am Kampfe gegen den Infektionsstoff im allgemeinen keinen 
direkt aggressiven Anteil zu nehmen scheinen. 

Die Reihenfolge, in der die verschiedenen, in dem 
Leprom vorkommenden Zellen auftreten, läßt sich nur 
schwer feststellen, allein irgendwelche Umstände, die der 
Annahme widersprächen, daß der Verlauf bei der Lepra 
dem bei der Lu es und bei der Tuberkulose beobachteten analog 
sei, haben nicht vorgebracht werden können. Auf einem 
frühen Stadium sind bei allen drei Affektionen in dem 
Infiltrat Fibroblasten anzutreffen und je weiter der Prozeß 
fortschreitet, um so mehr gewinnt die von ihnen gespielte 
Rolle an Bedeutung. Sie unterliegen bald verschiedenen 
Gestaltverändernngen, werden rund, epitheloid und ihr 
Zytoplasmaleib wird in höherem oder geringerem Maße 
vakuolisiert. 

Diese Entartung der Fibroblasten tritt in dem Leprom 


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Leprastadien. 


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ohne Vergleich am stärksten hervor und sie geht hier mit 
einer Lipoidinfiltration der Zellen einher, die, wenngleich 
in viel geringerem Grade, auch im Syphilom und im 
Tuberkel Vorkommen zu können scheint. 

In seinen Hauptzflgen scheint der histologische Prozeß 
bei den drei Affektionen gleichartig zu sein und wo sich 
bei der einen oder anderen von ihnen Abweichungen zeigen, 
handelt es sich — wie z. B. in betreff der Leprazellen — 
meistens nur" um eine Weiterentwicklung eines Prozesses, 
der sich andeutungsweise auch in den anderen Granulomen 
vorfindet. 

In bezug auf die Natur des Infektionsstoffes steht die 
Lepra der Tuberkulose bedeutend näher als der Syphilis. 
Hinsichtlich der Quantität der vorfindlichen Mikroorga¬ 
nismen wiederum nähern sich einander eher die Lepra und 
die Lues. Die in den Lepromen anzutreffende, überaus 
große Menge von Bazillen hat einige Forscher zu der 
Hypothese verlockt, daß die Leprabazillen, wenigstens zum 
Teil, in dem Leprom ein verhältnismäßig inaktives Dasein 
führen sollten. Hierüber läßt sich Jadassohn folgender¬ 
maßen ans: „Bei der tuberösen Lepra kommen dann die 
den infektiösen Granulationsgeschwülsten zugehörigen 
massenhaften Neubildungen zu stände. Nach der Auf¬ 
fassung der einen findet dabei eine Symbiose der Bazillen 
mit den Zellen, nicht aber eine Phagozytose im gewöhn¬ 
lichen Sinne, statt, da ja die Bazillen nicht zerstört werden, 
sondern nur zur „Encystieruug“ kommen. Doch sprechen 
die Veränderungen der durch die Wachshülle allerdings 
geschützten Bazillen (Marchoux) im Sinne der Frag¬ 
mentierung, des Verlustes der Säurefestigkeit etc. doch 
für eine gewisse Einwirkung der Zellen auf die Bazillen. 
Nach der anderen Anschauung (Unna) handelt es sich um 
die ungemeine Vermehrung der Bazillen in den Lymph¬ 
spalten und Gefäßen.“ 

Wenn wir diejenigen Zellen, die in den drei genannten 
Granulomen Mikroorganismen enthalten, miteinander ver¬ 
gleichen, so finden wir, daß sie im wesentlichen der 
gleichen Art sind und daß Plasmazellen niemals Mikro- 

Areh. f. Dermat. o. Syph. Bd. 128. 5 


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Cedercreuts. 


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Organismen zu enthalten scheinen, obwohl Babes in bezug 
auf die Leprome das Gegenteil behauptet hat. 

5. Ober den Lipoidgehalt der Haut bei gewissen pathologischen 
Verhältnissen und im normalen Zustande. 

Aus meinen Untersuchungen geht hervor, daß der¬ 
jenige Stoff, welcher eine große Anzahl der Vakuolen der 
Leprazellen erfüllt, ein Lipoid ist and zwar in gewissen 
Zellen eine Cholesterioverbindang darstellt. Hierdurch 
erklärt sich der Sachverhalt, daß die Lepromzellen, obwohl 
sie einen Fettstoff enthalten, dennoch von Osminmsäure 
nicht in nennenswertem Maße geschwärzt werden. 

Schon klinisch macht sich der Fettgehalt der Leprome 
geltend und Jeanselme sagt: „Nodales ou plaques 
präsentent, corame les macules, un aspect huileux, dü ä la 
meme cause, l’hypers6cr6tion huileuse. 

Auch histologisch haben einige Forscher in den 
Lepromen die Anwesenheit von Fett konstatieren zu können 
geglaubt. Als erster hat (im Jahre 1859) Virchow die 
Meinung ausgesprochen, daß die Vakuolen der Leprazellen 
Fettkörner enthalten. 

Indessen hat es später den Anschein gehabt, als hätten 
neuere — mit Hilfe „vervollkommenterer Methoden“ aus¬ 
geführte — Untersuchungen die Unhaltbarkeit der Virchow- 
schen Auffassung dargetan. Insbesondere hat Unna leb¬ 
haft die Ansicht vertreten, daß in den Lepromzellen kein 
Fett enthalten sei. Hier sei jedoch daran erinnert, daß 
man bis zu den letzten Jahren unter Fett nur solche Sub¬ 
stanzen verstanden hat, die von Osmiumsäure geschwärzt 
werden, d. h. Olein und Ölsäure, welche primär geschwärzt 
werden, sowie Palmitin- und Stearinsäure, die sich sekundär 
osmieren lassen. Unna schreibt 1894: „Mir ist es bisher 
nicht gelungen, auch in den ältesten vereiterten Lepromen 
Spuren von Fett in den Zellen des Bindegewebes nachzu¬ 
weisen“ und er fügt hinzu, daß, wenn man in den Leprom¬ 
zellen etwa eine fettige Umwandlung erwarten könne, dies 
nur bei den endothelialen Riesenzellen möglich sei: „Es 
kann sich nur um die endothelialen Riesenzellen handeln. 


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Leprastudien. 


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an denen eine Verfettung im Protoplasma etwa analog der 
sekundären Degeneration der Lupuszellen Vorkommen 
könnte. An den nach Flemming gehärteten Präparaten 
müßte sie hervortreten, ist mir aber trotz eigens darauf 
gerichteter Untersuchung nicht aufgestoßen.* 

Einige Dermatologen haben dennoch geglaubt, in den 
Lepromzellen Spuren von Fett nachweisen zu können, so 
z. B. Babes: „Die von früher her in den Zellen befind¬ 
lichen Bazillen sitzen in großen mehrkernigen Zellen, 
welche mit Osmiumsäure gefärbt, deutliches Protoplasma 
und in Vakuolen enthaltene Bazillen sowie Fettgranu¬ 
lationen enthalten. Ob es sich in der Tat um Fett oder 
aber um andere durch Osmiumsäure geschwärzte Gebilde 
handelt, ist nicht ganz erwiesen.“ Philippsons Auf¬ 
fassung ist in der diesen Aufsatz einleitenden allgemeinen 
Übersicht angeführt worden. 

Im Jahre 1908 schreibt Unna: „Als das Fett der 
Leprabazillen — durch Osmierung — entdeckt wurde, 
ergab es sich, daß die Gloea auch, wenn auch, in viel ge¬ 
ringerem Grade fetthaltig war.“ 

Bei meinen Untersuchungen habe ich eine der Behaup¬ 
tungen Unnas bestätigen können. Die in den Lepromen 
vorkommenden Fettsubstanzen werden in der Regel nicht 
von Osmiumsäure geschwärzt, und wenn sie es gelegentlich 
werden, so geschieht dies in sehr geringem Maße. Wie 
bereits erwähnt, halte ich diese Substanzen für Lipoide 
oder für Cholesterin verbin düngen; da sie aber infolge einer 
Zelldegeneration entstanden oder wenigstens Hand in Hand 
mit einer solchen aufgetreten sind, so erscheint es mir sehr 
wahrscheinlich, daß die Fettsubstanzen nicht in allen 
degenerierten Zellen die gleiche chemische Zusammensetzung 
zu haben brauchen. Vielleicht könnten einige derselben 
aus Gemischen von Cholesterinverbindungen und Fettsäuren 
bestehen und deshalb dank der freilich wohl nur in sehr 
geringer Menge vorhandenen Fettsäure, von Osmiumsäure 
schwach geschwärzt werden. 

Die lipoide Umwandlung ist ein sehr gewöhnlich vor¬ 
kommender, degenerativer Prozeß, der unter verschieden- 

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Cedercreutz. 


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artigen pathologischen Bedingungen auftritt. Aber auch 
unter physiologischen Verhältnissen ist ein Lipoidgehalt 
der Zellen verschiedener Gewebe konstatiert worden. 
Vers 6 läßt sich über diese Erscheinungen folgendermaßen 
aus: „Vor allen aber beobachtete ich im Fettgewebe, so¬ 
wohl im Mesenterium als auch im übrigen Körperfett, ein 
mehr oder weniger reichliches Auftreten von doppelt¬ 
brechenden Substanzen innerhalb der Fettzellen selbst 
mitten im Neutralfett, meist in Form von Nadeln“ .... 
„Diese „Cholesterinsteatose“ beruht im Fettgewebe offenbar 
auf rein infiltrativen Vorgängen infolge eines größeren 
Angebots solcher Cholesterin Verbindungen.“ .... „Bei 
rein degenerativen Prozessen kommt anscheinend neben Fett¬ 
säuren gelegentlich auch reines Cholesterin zur Ablagerung“ 
.... „Jedenfalls ist das Vorkommen der Cholesterin¬ 
verbindungen an sich sehr häufig und hängt zum Teil wohl 
einfach von der Art des mit der Nahrung aufgenommenen 
Fettes ab; ihr Auftreten ist nicht pathognomonisch für 
degenerative Zustände, worauf ja auch schon Aschoff* 
der die Lipoide in normalen Gallenblasenepithelien beob¬ 
achtete, hingewiesen hat. Ihr Überwiegen bei Degenerations¬ 
prozessen ist aber auch dadurch verursacht, daß in den 
degenerierten Zellen sich diese Substanzen infolge des 
veränderten Zellchemismus leichter niederschlagen.“ .... 
„Bezüglich des Auftretens von doppeltbrechenden Sub¬ 
stanzen in Geschwulstbildungen kann ich die Mitteilung 
über ihr Vorkommen im Xanthom nur bestätigen.“ 

Pick und Pinkus waren die ersten, die das Vor¬ 
kommen einer doppelbrechenden Substanz in den Xanthom- 
zellen nachwiesen, und sie wollten die bei Diabetikern und 
bei ikterischen Personen zuweilen beobachteten generali¬ 
sierten Xanthome als ein Symptom eines gesteigerten 
Cholesteringehaltes des Blutes deuten. 

Wie das Cholesterin in den Zellen der Haut entsteht 
ist nicht klargestellt. M a x i m o w, der bei der weißen 
Ratte die Entstehung des Fettes in Polyblasten bei ent¬ 
zündlichen Prozessen studiert hat, gibt an daß diese in viererlei 
Weise erfolgen könne, nämlich: durch Phagozytose von 


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Leprastudien. 


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Fett, durch Fettinfiltration, durch fettige Entartung des 
Protoplasmas und durch intrazelluläre Synthese von Fett aus 
Resten von den Zellen uufgenommener Zellenzerfallsprodukte. 

Was das Leprom betrifft, könnte möglicherweise die 
in den Leprazellen vorkommende cholesterinhaltige Fett¬ 
substanz „Transportfett“ sein, indes die lipoide Substanz 
■der Gloea „Degenerativfett“ wäre; dies sind aber einst¬ 
weilen nur Annahmen. 

In der normalen Haut ist das Vorkommen von 
Cholesterin schon im J. 1904 von Lins er und 1908 von 
Unna und Golodetz beobachtet worden. Die letzteren 
wiesen das Vorhandensein dieser Substanz in gewissen 
Hautzellen mittelst des Golodetzschen Reagens nach. 
Unna faßt 1913 die Ergebnisse seiner diesbezüglichen 
Untersuchungen folgendermaßen zusammen: „Das Cholesterin 
■der menschlichen Haut findet sich der Hauptsache nach 
in den jüngeren Epithelien, in der basalen Schicht der 
Keimzellen sowohl des Deckepithels wie der Haarbälge, 
4er Knäueldrüsen, Knäueldrüsengänge und Talgdrüsen. 
Besonders viel enthalten (in Form von Körnergruppen) die 
Knäueldrüsen, die Keimzellen der Knäuelgänge und die 
hasale Stachelschicht des Deckepithels, wenn sie stärker 
pigmentiert ist. Etwas Cholesterin beherbergen die Binde¬ 
gewebszellen der Kutis, die Endothelien der Blutkapillaren 
und die glatte Muskulatur; gar kein Cholesterin findet 
sich im kollagenen und elastischen Gewebe. Auch die 
älteren Stachelzellen haben viel Cholesterin verloren, und 
dieser geringe Vorrat an Cholesterin erhält sich durch die 
keratobyalinhaltigen Könerzellen und eleidinhaltigen basalen 
Hornzellen und weiter durch die ganze Hornschicht.“ 

An der Mehrzahl derjenigen Stellen der Haut, wo 
Unna und Golodetz Cholesterin nachgewiesen zu haben 
meinen, hat Nicolau in Gefrierschnitten, die nach 
Herxheimer mit Scharlachrot gefärbt waren, kleine 
lipoide Körner gefunden. Später habe ich, mit Hilfe der 
gleichen Methode, bei Parakeratose und in seborrhoischen 
Warzen einen vermehrten Fettgehalt der oberflächlicheren 
■Schichten der Epidermis nachgewiesen. Dieses Fett scheint 


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Cedercreatz. 


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im allgemeinen von Osmiumsäure nicht geschwärzt za 
werden, and im Gegensatz zu Unna und Pollitzer, 
denen es angeblich in einzelnen Fällen gelungen ist, diese 
Fettstoffe zu osmieren, stellt die große Mehrzahl der 
Dermatologen (Dabreuilh, Waelsch u. a.) die Möglich¬ 
keit dieser Reaktion in Abrede. 

Möglicherweise könnte dieser Fettstoff, den Unna 
in seiner „Biochemie der Haut“ zu den Phosphatiden führt, 
gleicher Natur sein wie der in den Leprazellen vorfindlicbe, 
und dies gilt auch sowohl jenen Fettkörnem, welche 
Nicolau und nach ihm Kreibich in den Endothel- 
zellen der Blutkapillaren der normalen Haut konstatiert 
haben, als auch denjenigen, welche Kreibich bei der 
lipoiden Entartung des Elastins beobachtet hat. Gewisse 
Umstände, vor allem das Aussehen der Körner sowie die 
dankeirote Farbe, welche diese nach Färbung mit Scharlach¬ 
rot annehmen, könnten die Vermutung naheliegend er¬ 
scheinen lassen, daß es sich auch hier um Cholesterin 
der einen oder anderen Form handeln könnte. 

Nebenbei sei darauf hingewiesen, daß gewiß mehrere 
Hautkrankheiten demjenigen ein dankbares Forschungs¬ 
gebiet dar bieten werden, der in Zukunft und namentlich 
mit Hilfe des Polarisationsmikroskopes den Gehalt der 
Haut an fettähnlichen Substanzen eingehender studieren 
will. Als derartige Dermatosen sind beispielsweise zu 
nennen: der bei kleinen Kindern so häufig zu beobachtend» 
Milchschorf (Crusta sebacea), der Lupus erythematodes, 
welcher auf Grund des fettigen Aussehens der Efflores- 
zenzen auch „Seborrhoea congestiva“ (Hebra) oder 
„Lupus seborrhoicus“ (Volkmann) genannt worden ist, 
sowie die Dariersche Krankheit, die von Lailler den 
Namen „acnö söbacöe concrbte avec hypertrophie“ erhielt. 

Li ns er gibt an, daß der normale Hauttalg arm an 
Cholesterin ist, während dieses sich in der Hornsubstanz 
und bei den Prozessen, welche mit pathologisch vermehrter 
Hornbildung einhergehen, reichlicher findet. So fand sich 
bei der Seborrhoea oleosa Cholesterin nur in Spuren vor, 
während bei der Seborrhoea sicca dasselbe in erheblich 


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Leprastadien. 


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größerer Menge vorhanden war und die Ichthyosis, Psoriasis 
und Eomedonen größere Quantitäten lieferten. 

Nach Unna enthält das Fett der Talgdrüsen 2*8%, 
dasjenige der Vernix caseosa, der Homschicht der Haut 
sowie der Nägel 16*i—19' fi 2% Cholesterin. Die chemische 
Zusammensetzung des Talgdrüsensekrets scheint indessen, 
nach den Versuchen Platos sowie Kurznitzkyszu 
arteilen, bis zu einem gewissen Grade von den mit der 
Nahrung einverleibten Fettsubstanzen abhängig zu sein. 

6. Notizen Ober den Fettgehalt der Leprabazillen und Ober 
einige damit im Zusammenhang stehende Umstände. 

In Gefrierschnitten, die mit Scharlachrot gefärbt sind, 
treten die Leprabazillen nicht hervor, sie werden aber, in 
Übereinsstimmung mit anderen säurefesten Bazillen, von 
Osmiumsäure geschwärzt. Dies letztere Verhalten ist zu¬ 
erst von Neisser sowie von Unna beobachtet worden. 

Die Ursache hierzu hat man in einer Fetthülle er¬ 
blicken wollen, die den Bazillus umhüllen sollte. 

Nicht bei allen Bazillenexemplaren jedoch findet 
sich diese Hülle in gleichem Maße entwickelt vor, und 
Unna hat dargetan, daß, wenn man ein Präparat mit 
verdünnter Salpetersäure (1 : 1000) vorbehandelt und es 
daranf mit Earbolfuchsin färbt, sodann mit Salpetersäure 
entfärbt und mit polychromem Methylenblau nachfärbt, 
die in dem Präparat vorfindlichen Leprabazillen teils rot, 
teils blau gefärbt werden. Unna faßt diesen Sachverhalt 
so anf, daß die roten Bazillen eine Fetthülle besäßen und 
lebendig und lebenskräftig wären, indes die blauen 
der Fetthülle entbehren und abgestorben sein würden. 
Hierauf versucht Unna sogar eine Methode zu bauen, die 
Ergebnisse der Therapie bei der Lepra zn kontrollieren. 
Durch regelmäßig wiederholte Probeexzisionen und mikro¬ 
skopische Untersuchung der Präparate auf „lebendige und 
tote“ Leprabazillen sollte man, nach Unnas Meinung, die 
Einwirkung der Arzneimittel verfolgen können. Unna 
selbst hat sich denn anch in einigen Fällen dieser Methode 
bedient. 


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Cedercreutz. 


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Seine Hypothese, daß die rotgefärbten Bazillen leben¬ 
dig, die blauen dagegen abgestorben wären, hat Unna 
später weiter ausgebaut, und im Jahre 1908 hat er eine 
neue Methode—„Viktoriablau-Safranin“ — zur „Doppel¬ 
färbung normaler und abgestoi*bener Bazillen in leprösem 
Gewebe“ veröffentlicht. 

Gegen diese Unnasche Theorie hat jedoch u. a. 
Terebinsky lebhaften Einspruch erhoben. Terebinsky 
basiert seine Auffassung auf bakteriologische Experimente, 
welche dargetan haben, daß säurefeste Bazillen — Tuber¬ 
kelbazillen, Timotheibazillen — in Kulturen, deren In¬ 
dividuen nicht azidoresistent sind, vollkommen lebendig 
sein können. 

Obwohl Unna in einem recht nervösen Tone gegen 
Terebinsky polemisiert, will es doch wenigstens mir 
scheinen, als hätte er seine Annahmen nicht zu stützen 
vermocht. 

Im Jahre 1913 schreibt Jadassohn: „Doch wissen 
wir von Differenzen der pathogenen Wirkung der säure¬ 
festen und nicht säurefesten Bazillen noch nichts“, und 
im Jahre 1914 läßt sich Arning über diesen Gegenstand 
folgendermaßen aus: „Unnas Methode, durch Färbung 
uns über Leben und Tod des Leprabazillus Aufschluß zu 
geben, ist, so verlockend sie erscheint, noch in ihrer 
Deutung unerwiesen und durchaus noch nicht zur Ent¬ 
scheidung heranziehbar.“ 

Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß bei dem von 
mir im Jahre 1900 studierten polymorphen Hautkokkus 
die Färbbarkeit mit polychromem Methylenblau auch den 
Individuen abgestorbener Traubenzuckeragarkulturen zu¬ 
kommt, während dagegen auf gewöhnlichem Agar gealterte 
Kulturen, in denen die Bakterienindividuen sich äußerst 
mangelhaft färben lassen, völlig lebenskräftig und repro¬ 
duktionsfähig sind. Ähnliche Beobachtungen sind übrigens 
auch in betreff vieler anderen Bakterien gemacht worden. 

Über das Verhalten der Leprabazillen zum Fettgewebe 
weist die Literatur etwas auseinandergehende Angaben 
auf. Während Unna, Jeanselme u. a. darauf bestehen, 


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Leprastadien. 


73 


daß der Bazillus eine förmliche Abneigung vor Fett habe, 
und daß, wenn er gelegentlich ins Unterhautfettgewebe 
eindringe, dies nur deshalb geschehe, weil das Fett vor 
ihm geschwunden sei, behauptet Babes, in Fettzellen 
Leprabazillen angetroffen zu haben. 

Diesen Notizen über den Fettgehalt der Leprabazillen 
und über das Verhalten der letzteren zum Fettgewebe 
seien noch einige Worte über die Babes sehe „Leprin- 
reaktion“ sowie über die „Nastintherapie“ angeschlossen, 
weil diese bis zu einem gewissen Grade auf den beiden 
angeführten Umständen fußen. 

Jadassohn erwähnt, daß Babes einmal — im Jahre 
1899 — durch Verreibung leprösen Leichenmaterials in 
Glyzerinbouillon eine Substanz erhielt, die er „Leprin“ 
nannte, und deren Reaktionen mit denen des Tuberkulins 
Analogien darboten. Später gelang es weder Babes selbst 
noch Klingmüller und Scholtz, ein wirksames „Leprin“ 
darzustellen. Da Babes angegeben hat, daß lipoide Sub¬ 
stanzen in auffälliger Weise auf den leprösen Organismus 
einwirken, so habe ich mir gedacht, daß die bei der Leprin- 
bereitung erzielten verschiedenen Resultate möglicherweise 
dahin zu erklären seien, daß das von Babes bei seinem 
ersten Versuch benutzte Leichenmaterial Cholesterin ent¬ 
halten habe, indes diese Substanz in dem bei den späteren 
Versuchen zur Anwendung gelangten Ausgangsmaterial 
nicht vorhanden gewesen sei. 

Bei ihren Versuchen, Leprabazillen zu züchten, haben 
Deycke-Pascha und Reschad Bey im Jahre 1907 oft 
Kulturen einer säurefesten Leptothrix-Art erhalten, die 
jedoch ein Saprophyt zu sein schien. Dieser Bazillus er¬ 
zeugte, wenn in Milch gezüchtet, eine Fettsubstanz, die 
es Deycke endlich gelang, in Kristallform zu gewinnen. 
Diese Substanz wurde von Deycke als ein Neutralfett 
bezeichnet und Nastin genannt; er gebrauchte sie — am 
liebsten in Benzoylchlorid gelöst — zu subkutanen In¬ 
jektionen, um dadurch eine aktive Immunisierung gegen 
die resistente Fettsubstanz zu erzielen, welche nach seiner 


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Cedercreuti. 


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Ansicht den Leprabazillen ihre Widerstandskraft und 
Pathogenität verleiht. 

Über die therapeutische Bedeutung des Nastins will 
ich mich nicht äußern. Mehrere „gelungene Kuren“ sind 
zwar veröffentlicht worden, allein viele erfahrene Leprologen, 
unter ihnen Käyser, sagen geradehin, daß das Nastin 
kein spezifisches Heilmittel gegen die Lepra darstellt. 

Much hat die Theorie der Nastintherapie erörtert 
und läßt sich darftber folgendermaßen aus: „Tuberku¬ 
loseimmune wie tuberkulöse Individuen“ .... besitzen 
eine große Menge von Neutralfettantikörpern. Leprakranke 
dagegen reagieren auf die Tuberkulosepartialantigene in 
der Weise, daß bei nicht spezifisch behandelten Fällen der 
Antikörper gegen das Neutralfett fehlt, und der gegen 
das Fettsäurelipoid vorhanden ist. Erst wenn Leprakranke 
mit spezifischem Neutralfette behandelt werden — und als 
solches müssen wir nach dem vorhergesagten das Nastin 
Deycke ansehen — gewinnen sie in ihrem Blute auch 
spezifische Antikörper gegen das Nastin und gegen das 
Neutralfett der Tuberkelbazillen. Und diese Neutralfett¬ 
antikörperbildung geht einher mit klinischer Besserung; 
ja mit der Heilung der Krankheit. 

Auf diese Fragen will ich hier ebensowenig wie auf 
gewisse andere, im Zusammenhang mit der Nastintherapie 
hervortretende theoretische Fragen näher eingehen, weil 
sie von meinem eigentlichen Thema abseits liegen. Nur 
beiläufig sei daran erinnert, daß Möllers bei serologischen 
Untersuchungen von Patienten mit Lepra tuberosa geglaubt 
hat, in ihrem Blutserum eine nicht spezifische Lipoid¬ 
reaktion feststellen zu können. 

Auch auf den allgemein bekannten Sachverhalt, daß 
Patienten mit Lepra tuberosa häufig eine positive Was s er¬ 
mann -Reaktion aufweisen, glaube ich in diesem Zusam¬ 
menhänge hinweisen zu dürfen, ohne mir deshalb den 
Vorwurf zuzuziehen, den Rahmen dieser Untersuchung zu 
weit überschritten zu haben. Einige Serologen haben 
bekanntlich zwischen der Wasser mann sehen Reaktion 
und den im Blutserum vorkommenden Lipoidsubstanzen 


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Leprastadien. 


75* 


einen Zusammenhang vermutet; andere haben eine alko¬ 
holische Cholesterinlösung benutzt, um bei der Reaktion 
das Antigen zu verstärken. 

Neuerdings hat Lubarsch einen Fall von generali¬ 
sierter Xanthomatose veröffentlicht, bei welchem die Was¬ 
sermann-Reaktion ungemein stark positiv war, obgleich 
nichts in der Anamnese für Lues sprach, und wo bei der 
Sektion keine Anhaltspunkte für eine syphilitische Infektion, 
gefunden werden könnten. 

Möglicherweise wird meine den manchmal hohen 
Cholesteringehalt der Leprome betreffende Beobachtung 
auch denjenigen einiges von -Interesse darbieten können, 
die sich speziell mit serologischen Leprastudien so wie mit 
Untersuchungen über Nastin und Nastintherapie beschäftigen. 

Literatur. 

Anitschkow, N. Experimentelle Untersuchungen über die Abla¬ 
gerung von Cholesterinfetten im subkutanen Bindegewebe. Arch. f. D. u. 
S. pag. 627. Bd. CXX. 1914 — Arning, Ed. Über das Erhaltenbleiben 
der Leprabazillen in der verwesenden Leiche. Dermatol. Wochenschr. 
Bd. LVIII. Erganzungsheft 1914 — Aschoff, L. Zur Morphologie der 
lipoiden Substanzen. Zieglers Beitr. Bd. XLYII. 1910. — Babes. Über 
die Kultur der von mir bei Lepra gefundenen Diphterideen. Zentralbl. 
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gehalt der Epidermiszellen bei der Parakeratose. Arch. f. D. u. S. p. 739;. 
Band CXI. 1912. — Cedercreutz. Über den Fettgehalt des Epithels 
der seborrhoischen Warzen. Archiv für Dermatologie und Syph. p. 743. 
Bd. CXI. 1912. — Cedercreutz. Leprastudier, grupperade kring n&gra 
nya iakttagelser vid lepra tuberosa. Finska läkaresällskapets handlingar. 
p. 257. 1918. — Deycke Pascha und Reschad Bey. Ein bakterielle* 
Fett als immunisierende Substanz bei der Lepra, seine Bedeutung und* 
praktische Verwendung. Deutsche med. Wochenschrift Nr. 3. 1907. — 
Dohi, K. Zur Histologie der Lepra, insbesondere über Leprazellen, Globi 
und Riesenzellen. Verhandlungen der internet. Leprakonferenz. Bd. HL 
Berlin 1897. — Doutrelepont und Wolters. Beitrag zur viszeralem 
Lepra. Arch. £ D. u. S. Bd. XXXIV. 1896. — Dubreuilh, W. Verruces 
in La pratique dermatoL Paris, pag. 811. Band IV. 1904. — Favre et 
Savy. Histologie pathologique du läprome cutanö aigu. Arch. de m&L 


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76 


C edercreutz. 


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exp. et d’anat. pathol. p. 225. Bd. XXY. 1918. — v. Fieandt. Beiträge 
zur Kenntnis der Pathogenese und Histologie der experimentellen Menin- 
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Lepra. In Kolle nnd Wassermann. Handbuch der pathogenen Mikroorga¬ 
nismen. p. 178. Bd. II. 1903. — Hansen, A. nnd Looft, C. Die Lepra 
vom klinischen nnd pathologisch-anatomischen Standpunkte. Bibliotheca 
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pathologisch-histologischen Untersuchung. Bergmann. Wiesbaden 1912. — 
Jadassohn. Lepra. In Kolle und Wassermann: Handbuch der pathoge¬ 
nen Mikroorganismen. Zweite vermehrte Auflage, p. 791. Bd. Y. 1913. — 
Jeanselme. Lepre. In La pratique dermatologique III. p. 1. Paris 1902* 

— Joseph, M. Über Lepra. Berl. klin. Wochenschrift Nr. 87. 1896. — 
Kawamura. Die Cholesterinesterverfettung. Jena 1911. — Kreibich. 
Zur Anatomie des Ekzema seborrhoicum und der seborrhoischen Warzen. 
Arch. f. D. u. S. pag. 628. Heft 3. Bd. CXIV. 1913. — Kreibich. Über 
lipoide Degenerationen der Haut. Arch. f. D. u. S. H. 8. Bd. CXY. Mai 
1913. — Kreibich. Über den physiologischen Lipoidgehalt der Haut¬ 
kapillaren. Arch. f. D. u. S. p. 681. Bd. CXXI. 1916. — Krompecher* 
Vergleichende Studien betreffend Fibroblasten und Makrophagen. Zieg¬ 
lers Beiträge. Band LVI. 1913. — Kuznitzky, E. Experimentelle und 
klinische Beiträge zur Frage der Hauttalgsekretion. Arch. f. D. u. S. Bd. 
CXIV. H. 3. p. 691. 1913. — Käyser, J. D. Über Ätiologie, Prophylaxis 
und Therapie der Lepra. Dermatol. Wochenschr. Bd. XXIII. p. 651. 1914. 

— Lie, H. P. Zur pathologischen Anatomie der Lepra. Arch. f. D. u. S. 
Bd. XXIX. 1895. — Lie, H. P. Über Tuberkulose bei Leprösen. Arch. f. 
D. u. S. Bd. CVII. 1911. — Linser, P. Über den Hauttalg beim Gesun¬ 
den und bei einigen Hauterkrankungen. Tübingen. 1904. Ref. Monatshefte. 
£ prakt. Dermatologie. Bd. XLII. p. 520. 1906. — Lubarsch, O. Gene¬ 
ralisierte Xanthomatose bei Diabetes. Deutsche med. Wochenschr. p. 484. 
1918. — von MarsGhalko. Über die sogenannten Plasmazellen, ein 
Beitrag zur Kenntnis der Herkunft der entzündlichen Infiltrationszellen. 
Arch. f. D. u. S. Band XXX. 1895. — Marchoux. Les migrations du 
bacille de la lepre. Lepra, p. 57. Vol. XI. 1910. — Maximow. Experi¬ 
mentelle Untersuchungen über die entzündliche Neubildung von Binde¬ 
gewebe. Zieglers Beitr. Bd. XXXIII. Supplementheft. 1902. — Maximow. 
Über entzündliche Bindegewebsneubildung bei der weißen Ratte. Zieg¬ 
lers Beitr. Bd. XXXV. 1904. — Maximow. Beitrag zur Histologie der 
eitrigen Entzündung. Zieglers Beitr. Bd. XXXVIII. 1905. — Möllers, B. 
Serologische Untersuchungen bei Leprösen. Deutsche med. Wochenschr. 
p. 595. Nr. 13. 1913. — Much, H. Neue immunbiologische und klinische 
Tuberkulosestudien mit Berücksichtigung der Lepra. Münch, med. Wo- 
^henschr. p. 685. Mars. 1912. — Neisser, A. Histologische und bakterio¬ 
logische Leprauntersuchungen. Virchows Arch. Bd. CIH. 1886. — Neis¬ 
ser, A. Über Leprazellen. Verhandl. der Deutsch. Dermatol. Gesellsch. 
Erster Kongreß. 1889, — Nicolau. Recherches histologiques snr la 
graisse cutanee. Ann. de Dermatol, p. 641. 1911. — Pincus und Piek. 


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Leprastudien. 


77 


Zur Struktur und Genese der symptomatischen Xanthome. Deutsche med. 
Wochenschrift, p. 1426. Nr. 34. 1908. — Pirilä. Zur Kenntnis des lueti¬ 
schen Primäraffektes. Fischer. Jena. 1914. — Philippson, L. Die Hi¬ 
stologie der akut entstehenden hyperämischen (erythematösen) Flecke 
der Lepra tuberosa. Yirchows Arch. pag. 229. Band CXXXII. 1893. — 
Plato, J. Untersuchungen über die Fettsekretion der Haut. Yerhandl. 
der Deutsch. Dermatol. Gesellschaft. VII. Kongreß, pag. 182. 1901. — 
Pollizer, S. Die seborrhoische Warze. Monatsheft f. prakt. Dermatol. 
Bd. XL 1890. — Rikli, A. Beiträge zur pathologischen Anatomie der 
Lepra. Yirchows Arch. Bd. CXXIX. 1892. — Schaffer, J. Die Viszeral¬ 
erkrankungen der Leprösen. „Lepra.“ Bd. I. pag. 11 und Bd. II. p. 67. 
1900—1901. — Scholtz und Klingmüller. Über Züchtungs-Versuche 
des Leprabazillus und über sogenanntes „Leprin“. „Lepra“. Yol. I. Fase. 
8. 1900. Terebinsky, W. J. Sur la signification des formes non 
acidorösistantes du b&cille tuberculeux. Annales de Dermatol, pag. 503. 
1908. — Unna, P. G. Leprastudien. Zur Histologie der leprösen Haut. 
Monatsheft £ prakt. Dermatol. 1885. Ergänzungsheft. — Unna, Baelz, 
Burow, Wolff. Leprastudien. Hamburg und Leipzig. L. Voss. 1885. — 
Unna, P. G. Die Leprabazillen in ihrem Verhältnis zum Hautgewebe. 
Monatsh. f. prakt. Dermatol. Bd. V. 1P86. — Unna, P. G. Die Bazillen¬ 
klumpen der Leprahaut sind keine Zellen. Virchows Arch. Band CIII. 
1886. — Unna, P. G. Wo liegen die Leprabazillen? Deutsche med. Wo¬ 
chenschrift Nr. 8. 1886. — Unna, P. G. Die Histopathologie der Haut¬ 
krankheiten. Hirschwald. Berlin. 1894. — Unna, P. G. Über eine neue 
Doppelfarbung normaler und abgestorbener Bazillen im Lepragewebe. 
Monatsh. f. prakt. D. p. 195. I. 1908. — Unna, P. G. und Golodetz. 
Der mikrochemische Nachweis des Cholesterins der menschlichen Haut, 
Monatsh. f. prakt. Dermatol, p. 179 u. 242. Bd. XLVII. 1908. — Unna. 
P. G. Est-it possible de mettre en evidence la mort des bacilles de la 
lepre dans l’organisme humain? Annales de Dermatol, p. 481. 1910. — 
Unna, P. G. Biochemie der Haut. Fischer. Jena. 1913. — Vers6. Über die 
Cholesterinverfettung. Zieglers Beitr. p. 1. Bd. LII. 1912. — Virchow* 
R. Die krankhaften Geschwülste, pag. 515. Teil II. Hirschwald. Berlin 
1864/65. — Waelsch, L. Über die Verruca senilis und die aus ihr ent¬ 
standenen Epitheliome. Archiv f. D. u. S. p. 81. Bd. 00. 1905. — Wall- 
gren, A. Zur Kenntnis der lymphoiden Zellen des Kaninchenblutes.- 
Folia haematologica .Bd. VIII. 1909. 


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Cedercreutz. Leprastudien. 


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Erklärung der Abbildungen auf Taf. I u. II. 

Sämtliche Abbildungen geben die betreffenden Präparate so wieder, 
wie sich diese beim Betrachten durch Ze iß sehe Apochromatlinsen und 
bei Glühlampenlicht darstellen« 

Fig. 1. Leprom der Brust. Cholesterinhaltige epitheloide Zellen 
und Gloea. (Exzision vom 28./IX. 1917.) 10 % Formol-Gefrierschnitt. 
Scharlachrot—Hansens Hämatoxylin. Obj. 8, Ok. 6. 

Fig. 2. Leprom der Brust. Cholesterinhaltige epitheloide Zellen. 
(Exzision vom 8/X. 1917.) 10% Formol-Gefrierschnitt. Scharlachrot— 
Hansens Hämatoxylin. Obj. 8, Ok. 4. 

Fig. 8. Cholesterin- und lipoidhaltige Zellen verschiedener Typen. 
(Exzisionen vom 28./IX. und 3./X. 1917.) 10% Formol-Gefrierschnitte. 
Scharlachrot—Hansens Hämatoxylin. Immersion 2 mm, Ok. 4. 

Fig. 4. Epitheloide, stark cholesterinhaltige Zellen aus der Gegend 
dicht unterhalb der verhältnismäßig zellfreien subepithelialen Zone eines 
Leproms. (Exzision vom 8./X. 1917.) 10% Formol-Gefrierschnitt. Schar¬ 
lachrot—Hansens Hämatoxylin. Imm. 2 mm, Ok. 4. 

Fig. 5. Leprom der Brust. (Exzision vom 29./IX. 1917.) 10% For¬ 
mol-Gefrierschnitt. Scharlachrot—Hansens Hämatoxylin. Imm. 1*5 mm, 
Ok. 6. 

Fig. 6. Leprom der Stirn. (Exzision vom 2./I. 1918.) Vakuolisierte 
und lipoidentartete Gloea. 10% Formol-Gefrierschnitt. Scharlachrot— 
Hansens Hämatoxylin. Obj. 4, Ok. 4. 

Fig. 7. Leprom der Stirn. (Exzision vom 16/Xü. 1917.) Gloea 
mit lipoidentarteten Zellen und Zellkernen. 10% Formol-Gefrierschnitt. 
Scharlachrot—Hansens Hämatoxylin. Obj. 8, Ok. 8. 

Fig. 8. Maulbeerähnüche Bildung in einem leprösen Infiltrat. (Ex- 
jsision vom 20./XI. 1917.) Helly. Eosin-Azur. Imm. 2 mm, Ok. 4. 

Fig. 9. Leproses Infiltrat und Abszeß. (Exzision vom 20./XI. 1917.) 
Zenker. Polychromes Methylenblau. Obj. 16, Ok. 8. 


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Taf. I. 


Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. 128. 



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Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. 128. 


Taf. II. 




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Verlagsbuchhandlung von Julius Springer 

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Geschichte der Syphilis in Reval. 

Yon Dr. A. Spindler (Reval). 

I. Kapitel. 

Nachrichten über die Syphilis in Reval aus dem 
XV. und XVI. Jahrhundert. 

Es ist noch immer eine viel umstrittene Frage, ob 
die Syphilis eine Krankheit ist, so alt wie das Menschen¬ 
geschlecht, 1 ) oder ob sie — wenigstens in der alten Welt 
— erst in historischer Zeit zum ersten Male aufgetreten ist. 

Es wird ja bekanntlich von vielen Autoren a ) behaup¬ 
tet, daß sie erst im Jahre 1493 von den Matrosen des Ko¬ 
lumbus aus Amerika nach Europa eingeschleppt worden sei. 

Soviel ist jedenfalls zweifellos, daß sie in vielen uns 
erhaltenen Urkunden aus der Zeit der Wende des 15 /16. 
Jahrhunderts als „neue Krankheit“ bezeichnet wird, nach 
der Meinung vieler damals lebender Menschen also neu 
war; ob in dem Sinne, daß es sie früher in Europa nicht 
gegeben hat, oder bloß in dem, daß man sie vorher nicht 
als Krankheit sui generis erkannt hat, sie sich also unter 
andern Diagnosen, z. B. der der Lepra, verborgen hätte — 
bleibe dahingestellt. 

Auch in den Alt-Livland (d. h. dem heutigen „Balten¬ 
land“) benachbarten Ländern wird die Syphilis zu Ende 
des XV. Jahrhunderts zum ersten Male erwähnt: der Gro߬ 
fürst von Moskau, Iwan Wassiljewitsch, beauftragt im Jahre 
1499 seinen Gesandten in Wjasma, nachzufragen, ob dort 
jemand aus Smolensk angekommen sei „mit der Krankheit, 
die Ausschläge verursacht und die französische genannt 


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Spindler. 


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wird; dem Vernehmen nach sei sie in Wilna eiugeschleppt 
worden“. a ) 

Nach Polen soll der Morbus gallicus nach dem Be¬ 
richt der chronica Polorum des Mathias de Miechovia im 
Jahre 1495 aus Rom gebracht worden sein. 4 ) 

Aus Livland haben wir die erste Nachricht über die 
Syphilis aus dem Jahre 1497; am 18. Dezember dieses 
Jahres schreibt der Statthalter des Hochmeisters dem Or¬ 
densmeister: „wir vornehmen och, wie das die krankheit 
mala Francosa gnant in den landen Leiffland vast gemene 
szey, schicken Euch ein remedium“. 6 ) Was das für ein 
„remedium“ war, können wir leider nicht erfahren, da die 
Fortsetzung des Briefes fehlt. 

Schon im Januar des folgenden Jahres sah der Rat 
der Stadt Reval sich genötigt, energische Maßregeln gegen 
die Verbreitung der Mala franzosa zu treffen: Es werden 
zeitweilig die öffentlichen Badstuben in der Stadt geschlos¬ 
sen. 6 ) Offenbar nahm man an, daß hier leicht Ansteckungs¬ 
herde entstehen können; und wohl nicht mit Unrecht, da 
die Bader sich auch mit dem Verbinden von Wunden be¬ 
schäftigten 7 ) und ihnen natürlich alle Begriffe von Anti¬ 
sepsis fehlten. Vielleicht war es auch schon bekannt, daß 
der Hauptquell der Ansteckung der außereheliche Ge¬ 
schlechtsverkehr ist, und da zu diesem die Badstuben mi߬ 
braucht wurden — wenigstens haben wir aus Riga darüber 
eine Nachricht 8 ) — war es zweckentsprechend, sie zu 
schließen. Jedenfalls mag sich der Rat der Stadt zu diesem 
Vorgehen nicht leicht entschlossen haben, da die Badstuben 
damals eine bedeutend größere Rolle im Leben der Städter 
spielten als jetzt, 9 ) und die Furcht vor Ansteckung muß 
recht groß gewesen sein, wenn man sich zur Anwendung 
eines so einschneidenden Mittels entschloß. 

Daß die Mala franzosa, oder wie man sie in Reval 
bald allgemein nannte, „die Pocken“ damals in der Tat hier 
recht verbreitet war, sieht man auch daraus, daß es hier 
im Jahre 1499 schon mindestens zwei Ärzte gab, die sich 
speziell mit der Behandlung dieser Krankheit beschäftigten. 
Es werden nämlich in einer Urkunde vom 26. April dieses 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


81 


Jahres die beiden „Pockenärzte“ Kor dt und Reineken 
erwähnt. 10 ) Beide sind übrigens, da sie nur beim Vornamen 
genannt werden, vermutlich nur „chirurgi“ und nicht ge¬ 
lehrte Ärzte. 

Außer diesen einheimischen Spezialisten werden auch 
noch auswärtige Ärzte für die Behandlung von Syphilitikern 
aus Reval in Anspruch genommen: Im Jahre 1501 schreibt 
der Ordensmeister an den Rat der Stadt Reval und bittet, 
seinem „Diener“, Fritz Ritter, bei Einforderung seiner aus¬ 
stehenden Lohnforderung behilflich zu sein, er habe „etliche 
Eurer Stadt Eingesessene und Kaufgesellen daselbst ver¬ 
kehrende mit großer Mühe und angewandten Kosten an 
der neuen Plage der Pocken geheilet und des von ihm be¬ 
dingten Lohnes keine Ausrichtung gekrieget“. 11 ) 

Während der ersten zwanzig Jahre des XVI. Jahr¬ 
hunderts war die Syphilis in Reval jedenfalls so häufig, 
daß man sich genötigt sah, ein Hospital speziell für diese 
Kranken einzurichten. In einem Testament vom Jahre 1522 
finden wir schon ein Vermächtnis „int elende Pockenhus 
X. M.“. Solche Stiftungen „thom Pockenhuse“ oder „den 
pockigen Armen“ finden sich aus den folgenden Jahren bis 
1592 in 21 Testamenten. 12 ) — Aus dem Jahre 1524 finden 
wir noch eine andere Erwähnung der Syphilis: der Rat 
begehrt, daß im Mönchskloster ein bequemes Gemach an¬ 
gewiesen werde, wo die armen Kranken, zumal die an den 
Pocken Befallenen, deren man so viele auf den Straßen 
liegen und stehen sah, aufgenommen werden könnten. 18 ) 
Daraus dürfen wir wohl schließen, daß das neue Pocken¬ 
haus damals entweder noch nicht fertig war, oder zu wenig 
Platz för alle Kranken hatte. 

Wie viele dort Aufnahme fanden, erfahren wir aus 
den Rechnungen der Vorsteher dieses Krankenhauses, die 
sich vom Jahre 1548 an zum Teil erhalten haben. 14 ) Im 
Jahre 1562 schreibt der Vorsteher, der Unterhalt von sechs 
Kranken koste 300 Mark jährlich und fügt hinzu „aber 
noch zwei begehren Aufnahme“. Nach den uns erhaltenen 
Jahresabrechnungen betragen die Ausgaben immer 3—600 
Mark jährlich. Also etwa 6 bis höchstens 12 Kranke müssen 

Arch. f. Dermmt. u. Syph. Bd. 128. 


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durchschnittlich im Pockenhause gelegen haben. Einmal, 
den 25. Juni 1570, werden fünf Kranke aufgenommen, die 
namentlich genannt werden. Dieselben werden am 29. Juli 
entlassen und es wird bei dieser Notiz hinzugefügt „nu 
bleibt hier noch drin ein lahm Weib“. — Eine Zahl von 
etwa fünf Kranken täglich findet man auch, wenn man das 
verbrauchte Brot berechnet: Aus dem Jahre 1569 findet 
sich nämlich einmal die Notiz, daß in zweiundeinhalb 
Monaten zwanzig Pud Roggen verbraucht worden sind. 
Daraus kann man etwa dreizehn Pfund Brot täglich backen, 
was für fünf bis zehn Personen genügt. Da nun das Pflege¬ 
personal aus fünf Personen bestand, waren in dieser Zeit 
höchstens täglich fünf Kranke im Hospital. 

Gelegen war das Pockenhaus vor der Großen Strand¬ 
pforte, und es war recht gut eingerichtet: Umgeben war 
es von einem Plankenzaun, 13 ) wohl um die Kranken von der 
Außenwelt zu isolieren: zu ihm gehörte eine Badestube, 
ein Brauhaus zum Bierbrauen, eine „Ruckemolle“ (Roggen¬ 
mühle) ; die Anstalt besaß ein eigenes Pferd und zwei 
Kühe; beköstigt wurden die Kranken hauptsächlich mit 
Brot, Fleisch, Kaldaunen, Fisch und Dünnbier. Das Per¬ 
sonal bestand aus einer Wirtin, einer Krankenpflegerin und 
noch einer „Dirn“, dem Krankenkoch und einem Knecht. 
Die ärztliche Behandlung lag in den Händen des „Meisters 
Hans Kerne Arsten“, der als Honorar 15 M. für jeden 
Patienten bekam. 

Medikamente wurden bezogen aus der Stadtapotheke; 
wir finden einmal als Ausgabe notiert „vor Krudt up den 
Abteken gegeben 10 M.“. Die Therapie war schon damals 
hauptsächlich die noch jetzt bekannte Schmierkur; der 
Ratsherr Selhorst vermacht im Jahre 1586 in seinem Testa¬ 
mente 500 M. „to denen, so in der smer an den francosen 
liggen“. Es dürften aber wohl anch andere Methoden der 
Behandlung angewandt worden sein, denn im Ratsarchiv 
findet sich vom Jahre 1562 eine Rechnung 16 ) auf 10 Pfund 
Guajakholz und ein Rezept, das Aloe, Guajak, Sarsaparill 
und „Saxifrg“ enthält, was wohl auch gegen Syphilis ver¬ 
schrieben worden ist. Die Behandlungsdauer war gewöhn- 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


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lieh etwa vier Wochen. Auch heute dauert es bei einer 
Schmierkur ja ungefähr ebenso lange, bis die Symptome 
der Syphilis zum Schwinden gebracht sind. 

Die Einnahmen des Pockenhauses bestanden aus testa¬ 
mentarischen Stiftungen, die oft recht bedeutend waren — 
«s kamen Vermächtnisse bis zu 500 M. vor, was für dama¬ 
lige Zeiten eine große Summe ist — aus Sammlungen in 
-den Becken vor den Eirchentüren, aus Spenden einzelner 
Wohltäter und Sammlungen, die bei privaten Gesellschaften 
veranstaltet wurden, z. B. verzeichnet der Vorsteher Jo¬ 
chim Belhold, daß er am 7. Oktober 1569 eine Summe 
Geldes empfangen habe „von mynen Gesten“. Im ganzen 
balanzierten die jährlichen Einnahmen und Ausgaben mit 
etwa o —600 M.; ein eventuelles Defizit wurde von der 
Stadt gedeckt. 

Im Jahre 1570 zerstörten die Soldaten des Herzogs 
Magnus von Holstein bei der Belagerung Revals durch die 
Russen das Leprahospital zu St. Johannis bei Reval. Drei¬ 
undzwanzig von dort vertriebene Lepröse wurden in der 
Badstube des Pockenhauses untergebracht. 

Aber auch dem Pockenhause selbst war kein langes 
Bestehen mehr beschieden: im selben Jahre, in der Nacht 
vor Martini „waren Herzog Magnus seine deutschen Diener 

— Benediktus Koch seine beiden Söhne sind auch dabei 
gewesen — in diesem armen Pockenhause. Die slugen alle 

Dören, slugen der armen Glasfenster, spoleerten. 

schlugen das arme Weib die Krankenpflegersche zu Boden, 
rissen sie an den Haaren, fragten nach Gold und nahmen 

alles, was da vorhanden, die Kleider vom Leibe. 

schlugen der pockigen Armen Kammer auf, nahmen aus 
der Pockigen Bettstade die Betten, reine und unreine 
Laken, Decken, Bettkleider .... Gott, der Allmächtige“ 

— mit diesem frommen Wnnsch schließt der Bericht — 
„gebe ihnen allen so viel Franzosen als die Leute gehabt, 
die in diesem Hause und in diesen Kleidern gelegen und 
gehelet geworden sind“. 

Kurze Zeit darauf wird das Haus auf Befehl des Rats 
abgebrochen. — Im Januar des nächsten Jahres setzten 

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sich die Russen in den Räumen des Pockenhauses fest und 
stellten dort Kanonen auf, um die Stadt zu beschießen; 
nach wiederholten Ausfällen gelang es den Revalschen, sie 
hinausznwerfen, das Pockenhaus zu stürmen und gänzlich 
zu zerstören. 17 ) 

Seitdem hat es in Reval kein spezielles Krankenhaus 
für Syphilitiker mehr gegeben. Das für die Pockenkranken 
gesammelte Kapital, etwa 7000 M., wurde von den „Vor¬ 
stehern der pockigen Armen“ weiter verwaltet; 18 ) die letzte 
Quittung über empfangene Rente stammt vom Jahre 1619. 
Bei der Gründung des Gotteskastens wurde das Kapital zu 
diesem hinzugezogen. 

Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts wird die Syphilis 
noch erwähnt im Tagebuche des Revalschen Predigers Petrus 
von Halle; 19 ) er schreibt etwa im Jahre 1535, daß er durch 
seine Erkrankung an Syphilis sich so unglücklich fühle, 
daß er Gott bitte, ihn an der damals in Reval herrschenden 
Pest sterben zu lassen. 

Ferner finden sich im Ratsarchiv Urkunden Wander¬ 
ärzte betreffend, welche, wie es scheint, in jener Zeit oft 
Reval besuchten und u. a. auch die Syphilis behandelten. 80 } 
Aus dem Jahre 1569 ein Zeugnis, das sich der „kunstreiche 
und wohlerfahrene Meister“ Balthasar von Hartz hatte aus¬ 
stellen lassen, daß er sich „bei uns eine zeitlank vor einen 
Bruch- und Steinschneider hat finden und gebrauchen lassen 
und damit sonderlich auch was belanget die sonst man 
morbum gallicum nennet, etzliche Personen allhier bei uns 
durch Hülf und Zudath Gottes des Allmächtigen gedient 
und geholfen, also daß die davor glücklich genesen und zu 
ihrer vorigen Gesundheit wieder gekommen“. 

Aus demselben Jahr stammt ein ganz modern reklame¬ 
haft anmutendes Papier betreffs des Bruchschneiders Peter 
von Kölln, der sich anheischig macht „alten Schaden to 
helen mit Gottes Hülfe, och Ogen kurieren, och Frantzosen 
to helen binnen twölf Tagen one to smeren, one baden.“ 
Mitsamt seinen Gesellen habe er allhier drei arme Gesellen, 
die an den Franzosen . auch schwerlich gelegen“ mit Gottes 
Hülfe geholfen. 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


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Eine dritte Urkunde betrifft den Meister Hans von 
Staden „Ogenarste und Leibarste, Franzosen-Arst, man¬ 
cherlei Gebreken tho kurieren in wendig und utwendig.“ 

Man sieht, diese „Meister“ sind alle recht vielseitig! 

II. Kapitel. 

Die Prostitution im alten Reval. 

Wenn wir die Nachrichten überblicken, die wir aus 
den ersten hundert Jahren, seit wir zum ersten Mal von 
der Syphilis in Alt-Livland hören, haben, so finden wir, 
daß die Krankheit hier schon im Jahre 1497 nach dem 
Urteil der Zeitgenossen sehr verbreitet war. Daß dieses 
Urteil ein richtiges war, scheint uns hervorzugehen aus 
den Tatsachen, daß der Rat der Stadt Reval sich zu so 
energischen Maßregeln gegen eine Weiterverbreitung der 
Seuche entschloß, wie es die zeitweilige Schließung der 
öffentlichen Badstuben war, ferner daraus, daß schon im 
Jahre 1498 in Reval wenigstens zwei Ärzte sich speziell 
mit Bahandlung der Syphilis beschäftigten und sich bald 
die Einrichtung eines speziellen Krankenhauses für Syphi¬ 
litische als nötig erwies. Die Zahl der im „Pockenhause“ 
Internierten war im Durchschnitt etwa fünf, was bei einer 
Heilungsdauer von vier Wochen, fürs Jahr eine Frequenz 
von etwa 72 Kranken ergibt, von denen wir aber natürlich 
nicht annehmen können, daß alle Neuinfektionen waren. 
Wenn wir berücksichtigen, daß Reval damals eine Stadt 
von bloß 10- bis 15.000 Einwohnern, also 10 mal so klein 
wie jetzt war, so kommen wir zur Annahme, daß hier 
Jamals verhältnismäßig etwa ebensoviel an Syphilis Kranke 
gewesen sein müssen wie jetzt. Freilich wurden noch viele 
außerhalb des Hospitals behandelt, aber dafür stammten 
viele der im Pockenhause Liegenden vom Lande. 81 ) 

Besonders bösartig scheint die Krankheit — wenig¬ 
stens um die Mitte des XVI. Jahrhunderts — nicht gewesen 
zu sein, da unter der gebräuchlichen Schmierkur ihre Symp¬ 
tome in 4 Wochen zu schwinden pflegten. Für die An¬ 
nahme einer epidemieartigen Verbreitung der Syphilis in 
Reval fehlen alle Anhaltspunkte. 


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Nach Reval eingeschleppt worden kann die Syphilis 
sein — wenn wir eine Einschleppung etwa ans Amerika 
Aber Spanien (auf die sich aber in den Urkunden keinerlei 
Hinweise finden) annehmen wollen — entweder auf dem 
Seewege durch Handelsschiffe direkt aus Spanien, oder zu 
Lande über Deutschland resp. Polen. Die heimkehrenden 
Söldner aus dem Heere Earls YIII., die sonst so gern fflr 
die Verbreitung der Syphilis verantwortlich gemacht wer* 
den, dürften hierzulande kaum eine Rolle gespielt haben. 

Was die Art ihrer Verbreitung betrifft, so mag die 
Syphilis damals mehr als heutzutage in Reval auch auf 
außergeschlechtlichem Wege übertragen worden sein, da 
der ärmere Teil der Bevölkerung noch auf einer recht nie¬ 
drigen Kulturstufe stand und von Reinlichkeit nicht viel 
wissen wollte.“ 8 ) Die häufigste Art ihrer Verbreitung wird 
aber damals wohl dieselbe gewesen sein wie heutzutage: 
die Prostitution. — Diese gab es in Reval schon seit den 
ältesten Zeiten; schon im Jahre 1403 werden „lose Wiwen* 
d. h. Prostituierte erwähnt. 83 ) Es wird nach Möglichkeit 
dafür gesorgt, daß dieselben nicht überhand nehmen. Di» 
geheime Prostitution war verboten. Allein leben und eigen» 
Wohnungen haben durften die Mädchen nicht; 84 ) sie mußten 
„sich vermieten“ und durften nur leben, wo die Polizei es 
gestattete, also in Bordellen. Auf den Straßen durften sie 
sich nicht auffallend kleiden, durften weder „gold noch 
bunt“ tragen. 85 ) Auch „Animierkneipen“ waren verboten j 
die losen Wiwen durften nicht in Bierkellern als Schenk¬ 
mädchen funktionieren. 83 ) Wenn in den Bordellen Unfug 
vorkam, wenn es dort unziemlich herging, mischte sich 
die Polizei natürlich ein, 86 ) aber sonst ließ man die losen 
Wiwen ruhig ihr Wesen treiben, sie wurden sogar mehr 
oder weniger als gewerbetreibende anerkannt; wenigstens 
ließ sich der Rat von ihnen Abgaben zahlen. 87 ) Nichtsdesto¬ 
weniger galt der Verkehr mit ihnen auch für Unverheiratet» 
als Verstoß gegen die gute Sitte und wurde von den Gil¬ 
den, die ja überhaupt für Zucht und Ehrbarkeit ihrer Mit¬ 
glieder sorgten, eventuell sogar mit Strafen belegt. Sa 
findet sich im Schrägen (d. h. den Satzungen) der Schmiede- 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


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gesellen 98 ) ein aus dem Anfang des XY. Jahrhunderts stam¬ 
mender und jedenfalls während der in Frage kommenden 
Zeit geltender Punkt, der es den Brüdern bei Strafe ver¬ 
bietet, während der Drunken „Hurenbuden“ zu besuchen 
„denn ein Mensch verliert mit solchem Werke die Selig¬ 
keit der Stärke.dazu wird er berüchtigt an seiner 

Ehre und ledig in dem Beutel“. — Wenn ein Ehemann 
sich mit losen Wiwen herumtrieb, konnte er auf eine Klage 
seiner Frau hin sogar ins Gefängnis gesetzt werden. 89 ) 

Schlimmer als bei den deutschen Bürgern Revals mag 
es mit der Sittlichkeit bei den Esten gestanden haben, 30 ) 
von denen viele, meist als Arbeiter, Dienstleute etc. in Reval 
lebten; auch von den auf dem Lande lebenden Deutschen, 
namentlich den Ordensrittern jener Zeit, heißt es übrigens, 
daß sie sich durch ihren Lebenswandel den Abscheu aller 
christlich Gesinnten zuzogen. 31 ) Unter den Esten soll große 
Lasterhaftigkeit, sinnloser Aberglaube, Zügellosigkeit und 
Roheit auch im Verhältnis der beiden Geschlechter zu ein¬ 
ander geherrscht haben. 39 ) Noch gegen Ende des XVI. Jahr¬ 
hunderts sei es bei den „Undeutschen“ Sitte gewesen, un- 
getraut zusammen zu leben. Ehebruch sei etwas so oft 
vorkommendes gewesen, daß es von vielen gar nicht als 
Sünde angesehen wurde. Es ist natürlich anzunehmen, daß 
diese Leute, wenn sie zur Stadt zogen, nicht mit einem 
Mal ihre Sitten änderten; wir dürfen aber nicht vergessen, 
daß alle Vorwürfe gegen sie immer von Geistlichen er¬ 
hoben werden. Die Hauptsache bei den Klagen ist immer, 
daß sich die Esten den kirchlichen Ordnungen und Ge¬ 
bräuchen nicht fügen wollen; daß sie, wenn sie ehelich 
zusammen leben, sich nicht trauen lassen usw. 

Im Laufe des XVI. Jahrhunderts änderte sich das 
Verhalten der maßgebenden Kreise in Reval zur Prosti¬ 
tution: war man bis dahin tolerant gewesen, hatte die Bor¬ 
delle geduldet, solange sie kein öffentliches Ärgernis er¬ 
regten, hatte bis zu dieser Zeit der hochedle und hoch¬ 
weise Rat selbst Abgaben von den „losen Wiwen ■* empfan¬ 
gen, so verbot man jetzt kurzer Hand jede Prostitution. 
Im Revaler Stadtrecht vom Jahre 1586 heißt es: 33 ) „Offen- 


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S p i n d 1 e r. 


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bar unzüchtige Weiber sollen in dieser Stadt nicht gelitten, 
weder gehauset noch beherbergt sondern, da ein oder meh¬ 
rere betroffen und überweiset, die sol der Stadt verwiesen 
und da sie in der Stadt wiederumb kommen und in ihrem 
sündlichen Leben verharren, soll sie an dem Pranger ge- 

stäupet und ... • der Stadt verwiesen werden.Alle 

diejenigen, welche Laster des Ehebruchs, Unzucht und 
Hurerey helffen procurieren .... die Personen der Huren 
und Buben hausen, herbergen .... sollen sie gleich den 
Huren und Buben gehalten und nach Erkändtnis gestrafft 
werden,“ 

Diese im Vergleich zu denen der vorhergehenden Zeit 
rigorosen sittlichen Anschauungen sind ohne Zweifel eine 
Folge der Reformation, die bekanntlich seit 1524 in Reval 
Eingang gefunden hatte und die sich nicht so tolerant zu 
den Gebrechen ihrer Bekenner verhielt w T ie die katholische 
Barche, die ja Askese — zu der auch Abstinenz in venere 
gehört — höchstens von der Geistlichkeit verlangt. 

Möglich, daß auch die Erkenntnis, daß die Syphilis 
sich besonders durch außerehelichen Geschlechtsverkehr 
verbreitete und sie als Strafe Gottes aufgefaßt wurde, zur 
Verschärfung des sittlichen Urteils beitrug. Eine Andeu¬ 
tung darauf scheint sich in einer z. T. erhaltenen Predigt 
des Revaler Pastors Sagittarius aus dem Jahre 1597 34 ) zu 
finden: In seinem Vaterlande Deutschland, sagt er, hätte 
wohl alle Schande und Laster überhand genommen, wes¬ 
halb es von den Spaniern (d. h. der Syphilis) und sonsten 
geplaget und gestraft werde, aber gleich wie die deutsche 
Sprache allhier ihre äußerste Grenze hat .... also hätte 
hier Ehr und Redlichkeit ein Ende. 

Aber weder die angedrohten harten Strafen noch die 
strengen Sittenprediger wie Sagittarius oder der Chronist 
Balthasar Russow vermochten es, die Prostitution in Reval 
abzuschaffen. Möglich, daß die „losen Wiwen“ in der Stadt 
selbst verschwanden — um so mehr trieben sie ihr Wesen 
in den Vorstädten. Aus dem Jahre 1660 haben wir im 
Revaler Staatsarchiv eine interessante Urkunde, welche uns 
über die Prostitution aus jener Zeit berichtet. Es wurde 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


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nämlich aus irgend einem Grunde ein Verzeichnis aller „in 
den vier Quartieren vor der Stadt“ lebenden, einen unsitt¬ 
lichen Lebenswandel führenden Frauenzimmer angefertigt. 35 ) 
Die Überschrift lautet: „Kurzer Auszug derer Huren von 
A<> 1660 den 13 und 14 Juni.“ Im ganzen werden 30 Lokale, 
in denen sich „lose Weiber“ auf halten, genannt; meist sind 
es Krüge und die größte Zahl derselben befindet sich im 
Groß-Strandpforten- und Systernpforten-Quartier, also um 
den Hafen herum, wo sich begreiflicher Weise viel loses 
Volk herumtrieb. Es sind hier u. a. Lantings Krug, Loh¬ 
manns Krug, Dehrenthals Krug, „Külma Körtz“ (zu deutsch 
„der kalte Krug“), Klas Toyers Garten, Velhagens Garten, 
Hutfilters Krug, Badens Krug, Roddens Krug usw. — In 
Konstans Korbmacher seinem Krug, heißt es, „ist ein Soldat 
zum Krüger bestellt, bei welchem sich drei lose Weiber 
aufhalten, welche mit Tanzen, Springen und schandloser 
Hurerei ein ärgerliches Leben führen sollen“. — Im Lehm¬ 
pforten-Quartier werden u. a. erwähnt Johann von Wehren 
sein Krug, Vesaks Krug, Bredemanns Krug, „auf Thiel 
Soyes Grund drei lose Weiber und zwei Mägde“. Aus der 
Gregend vor der Kampforte wird nur erwähnt: „in Lang 
Annen ihr Logement ist in eine Hur vom Lande“. Im 
ganzen werden 53 lose Weiber aufgezählt und außerdem 
wird bei manchen Lokalen keine Zahl genannt, so heißt 
•es z. B.: „In der alten Russen Mühle sollen sich viele 
leichtfertige Huren aufhalten, bei welchen Soldaten stets 
ihr Aus- und Eingehen halten und was sie guten Leuten 
geraubt und abgestohlen haben, daselbst verfressen und 
verhuren.“ 


IH. Kapitel. 

Die Syphilis in Reval vom XVII. bis zum XX. Jahrhundert. 

Ebensowenig wie die Prostitution verschwand natür¬ 
lich die Syphilis, und die Bürgerschaft Revals hatte auch 
nicht mehr wie im XVI. Jahrhundert das Einsehen, daß 
eine rationelle Bekämpfung derselben nötig war; jedenfalls 
wurde das Pockenhaus nicht mehr aufgebaut und wir hören 


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überhaupt nichts mehr von irgend welchen Maßregelm 
gegen die Verbreitung der Syphilis. Seit 1561 stand Reval 
unter schwedischer Herrschaft, mit der Selbständigkeit 
Alt-Livlands war es vorbei, der Orden existierte nicht mehr,, 
und auch Reval, die bis dahin stolze und mächtige Hansa¬ 
stadt, war zu einer bescheidenen Provinzialstadt geworden, 
in der die freilich auch jetzt noch wohlhabende Bürger¬ 
schaft nicht mehr wie früher bereit war, für das Allge¬ 
meinwohl jedes Opfer zu bringen. 

Im Jahre 1666 wird die Syphilis erwähnt in einem 
Schreiben der Barbiere und Wundärzte an den Rat, in dem. 
sie darauf hinweisen, wie sehr die Stadt erfahrener Wund¬ 
ärzte bedürfe zur Behandlung von allerlei äußerlichen 
Schäden, wobei unter anderen Krankheiten auch der „ mor¬ 
bus gallicus“ genannt wird. 86 ) 

1674 werden bei Besichtigung der Straßen- und Sie- 
chenarmen zwei mit „der bösen Krankheit* genannt, vorn 
denen es heißt: „wofern sie hier noch befunden werden, 
sollen sie ins Spital“. 37 ) 

Im Jahre 1692 weisen die Vorsteher der Armen im 
einem Schreiben an den Rat darauf hin, daß die Armen¬ 
kasse sehr in Anspruch genommen sei u. a. durch „die 
infizierten Persohnen, die sich jetzt mehr als sonsten be¬ 
finden und ihre Pflege und Unterhaltung haben*. 38 ) 

Aus dem Jahre 1684 haben wir ein Schreiben des 
ritterschaftlichenMedikus Juchius an den Rat: 39 ) Er könne 
nicht untorlassen, aus redlichem Gemüt und traurigem 
Herzen . . . einem Hochedlen und Hochweisen Rat zu be- - 
richten, welcher Gestalt die schlimme, abscheuliche Krank¬ 
heit bei den gemeinen Leuten so zunimmt, daß auch inner¬ 
halb Monatszeit woll sechs redliche nicht gemeine Häuser 
wovon infiziert und in schwere, abscheuliche Krankheit ge¬ 
raten wären, wenn er nicht durch Gottes Gnade bei Zeiten 
Rat und Hülfe geschafft hätte. Dieses Unglück werde un¬ 
vermeidlich auf redliche Leute gebracht auf zweierlei Weise, 
teils durch Ammen, teils durch Speise. Durch Ammen, 
indem diese unrein sind und die Kinder zugleich mit der 
Mutter säugen, dadurch dann Kind und Mutter und endlich 


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Geschichte der Syphilis in Beval. 


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das ganze Haus angesteckt wird. — Durch Speise, indem- 
in unterschiedlichen Winkelbuden hin und wieder Weiber 
sitzen, die mit solchen abscheulichen Krankheiten behaftet 
und daher nur halbe und viertel Nasen mehr übrig haben. 
Diese verkaufen Wecken und Brot und andere Speisen vor 
gemeine Leute. Die Wecken und Brot werden nun von 
solchen ungesunden Leuten mit Händen traktiert und man¬ 
cher redliche Mann lässet es bisweilen vor sich und seine 
Kinderchen nach Hause holen und isset sich auf solche 
Weise mit seinen Kinderchen unwissend eine abscheuliche 

Krankheit an Hals.Weil er nun dieses etliche Mal, 

nun in Monatsfrist gar überflüssig observieret, habe er 
E. H. und H. Rat als der lieben ordentlichen Obrigkeit 
dieser guten Stadt wollen kund tun, damit bei Zeiten guter 
Rat geschaffet und manches Ehrliche Haus von dieser ab¬ 
scheulichen Krankheit befreit bleiben möge. 

Es ist auffallend, daß der Dr. Juchius noch recht 
unklare Vorstellungen über die Ansteckungswege der Sy¬ 
philis zu haben scheint und ihre Verbreitung durch Ge¬ 
schlechtsverkehr gar nicht erwähnt; doch dürfte das wohl 
nicht aus Unkenntnis geschehen, sondern weil er betont,, 
daß auch ein redlicher Mann und unschuldige Kinder¬ 
chen angesteckt werden können. 

Daß man die Syphilis damals schon in Reval recht 
gut kannte, sehen wir aus einer vom Jahre 1700 datierten, 
im Ratsarchiv befindlichen Beschreibung derselben. 39 ) Sifr 
ist verfaßt von einem gewissen Balthasar Schindler — es 
ist nicht gesagt, ob er Arzt war; in Reval gab es damals 
jedenfalls keinen gelehrten Medicus dieses Namens, viel¬ 
leicht war er „chirurgus“ — und trägt die Überschrift: 
„Von den eigentlichen Franzosen oder Spanischen Pocken,, 
wie sie zu erkennen und zu kurieren.“ Die Krankheit ent¬ 
stehe, schreibt er, durch „Anliegen“, Küsse, Saugen, in 
welchem Falle 1 sich der Anfall an den Teilen, welchen das 
Gift beigebracht ist, zum ersten zeiget. Später trete Müdig¬ 
keit auf und Kopfschmerzen. Wenn dann die „Franschen 
Pocken ausschlagen“, so entstehen anfänglich kleine Blat¬ 
tern und Geschwüre, vornehmlich an den Teilen, welchen^ 


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das Gift zuerst mitgeteilt worden ist; dann am ganzen 
Körper offene Blattern und Schwären, ingleichen unter¬ 
schiedliche Beulen an den Schamteilen. „Es offenbaren sich 
aber diese Pocken nicht allein äußerlich am Leibe, sondern 


es werden auch die Eingeweide besetzt.Zwerchfell, 

Luftröhre, Lunge, Leber und auch Magen.Man hat 


angemerkt, daß mit dieser Krankheit die Kinder im Mutter¬ 
leibe sind behaftet gewesen, welche wohl mit solchem 
Übel beschmutzten Weibern sind geboren worden, so daß, 
wenn sie auf die Welt kommen, an ihrem ganzen Leibe 
mit Beulen und schwärendem Grind besetzt gewesen. . . . 
Die Eingeweide sind von den Pocken ganz besetzt, auch 

das Blut sehr verderbet.Die giftige Materie ergreift 

auch die Nasendrflse und es fällt diese wie auch der Gau¬ 
men des Mundes ein.“ — Der zweite Teil — über die The¬ 
rapie — ist leider ungeschrieben geblieben. 

Aus den letzten Jahren der schwedischen Herrschaft 
erfahren wir, daß die schwedische Militärverwaltung für 
die mit Syphilis angesteckten Soldaten bei dem Garnisons¬ 
lazarett zwei Salivationskammern hatte einrichten lassen. 40 ) 

Ins Jahr 1710 fällt die Eroberung Revals durch Peter 
den Großen. Die schwedische Besatzung und die Bürger¬ 
schaft verteidigten ihre alte Stadt tapfer gegen den Erb¬ 
feind, den Moskowiter, und weniger den feindlichen Be¬ 
lagerungstruppen als Hunger und Pest, die in der Stadt 
wüteten, gelang es, den Mut der Verteidiger zu brechen 
und sie kapitulierten. Während dieser Belagerung waren 
die meisten alten Revaler Geschlechter ausgestorben; von 
15.000 Einwohnern blieben nur 2000 noch. 41 ) Aber auch die 
unter russischem Szepter wieder an wachsende Stadt fand 
nicht die Mittel zum Bau von Krankenhäusern. Die Syphi¬ 
litiker wurden bis zur Einrichtung des „Kollegiums der 
Allgemeinen Fürsorge“ durch die russische «Regierung im 
Jahre 1784 nach wie vor in den bestehenden Kranken¬ 
häusern untergebracht: Im sogen. Neuen Siechenhaus oder 
Stadtkrankenhause in der Ritterstraße und im früheren 
Leprahospital in der Gr. Dörptschen Straße. Hier wie dort 
lagen sie gemeinsam mit andern Kranken, es waren aber 


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Geschichte der Syphilis in Beval. 


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für sie, der Mode der Zeit entsprechend, „Salivationskam- 
mern“ eingerichtet. 42 ) 

Daß es Syphilitiker in Reval auch im XYI1I. Jahr¬ 
hunderte gab, sehen wir u. a. aus ein paar erhaltenen Sek¬ 
tionsprotokollen : in dem einen vom Jahre 1788 heißt es: 43 ) 
„die Nase war durch eine vor drei Jahren gehabte vene¬ 
rische Krankheit eingefallen“, im andern, vom Jahre 1792: 
„sie war gänzlich venerisch, welches auch die Ursache ihres 
Todes war“. — Ferner findet sich ein Schreiben des Stadt- 
physikus Bluhm aus dem Jahre 1787 an das Kaiserliche 
Polizeiamt, 44 ) in dem er über die unleidlichen Zustände im 
Stadtsiechenhause klagt: in einem Raum, 15 Kubikfuß groß 
lägen zusammen „wohl 30 Kranke, durch einander Skor- 
butische, Lungensüchtige, Wassersüchtige, Krätzige, Vene¬ 
rische .... kurzum der Inbegriff aller Krankheiten“. 

Schließlich sah sich die russische Militärverwaltung 
im Interesse ihrer Soldaten veranlaßt, Schritte zu ergreifen, 
zur Einschränkung der Ansteckungsgefahr mit Syphilia 
durch die Zivilbevölkerung: Im Jahre 1748 macht der Platz- 
Major Schwobedskoy drauf aufmerksam, daß „unter dem 
gemeinen Volk sowohl männlichen wie weiblichen Geschlechts 
viele lue venerea laborierten, dabei frei auf der Gasse herum¬ 
gingen, auf welche Weise aber Garnisonsleute angesteckt 
werden können durch den täglichen Umgang mit solchen 
infizierten Leuten. Deshalb ergeht an den Magistrat diu 
generalgouvernementliche Verordnung, die Sache zu unter¬ 
suchen und verdächtige Personen im Hospital unterzu¬ 
bringen wie auch ferner unter genauer ärztlicher Aufsicht 
zu halten, damit den hieraus erwachsenden Übeln zeitig 
vorgebeugt werde. 45 ) — Die anempfohlenen Maßnahmen 
scheinen aber ungenügend gewesen zu sein, denn bis zum 
Jahre 1751 hatten sich die Erkrankungen derart gemehrt, 
daß der Platz im Garnisonslazaret nicht mehr ausreichte,, 
und der Gouverneur, Fürst Dolgorukoff, verlangte, daß der 
Magistrat der Stadt ein besonderes Haus zur Unterbringung 
der infizierten Soldaten anweise und zwar bald „weil solche- 
Krankheiten einen baldigen coux requirieren“. 

Ein solches Haus mag damals angewiesen worden sein ^ 


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genügende Räume zur Behandlung syphilitischer Frauen 
wollte die Stadt aber durchaus nicht zur Verfügung stellen, 
versucht es vielmehr, diese Pflicht der Hafenverwaltung 
.zuzuschieben, welches Ansinnen vom Admiralitätskollegium 
in einem Schreiben vom Jahre 1794 zurückgewiesen wird: 
es habe keinen Ort noch Fond zur Kur der von der Lust¬ 
seuchen angesteckten Weiber, die Sorge dafür liege der 
Stadt ob. Deshalb wird der Rat gebeten, „dafür Sorge zu 
tragen, daß in Zukunft soviel immer möglich, durch die 
Aufsicht der Polizei über den Lebenswandel herrenloser 
weiblicher Dienstboten.durch Visitationen und an¬ 

dere Polizei-Maßnahmen die Ansteckung verhütet ..... 
und dieses den Truppen Sr. Kaiserlichen Majestät so nach¬ 
teilige Übel allhier ausgerottet werden könne“. 46 ) 

So kommt es im Interesse des in Reval gamisonie- 
renden Militärs schließlich im Jahre 1797, zur Einführung 
der Kontrolle der Prostitution. Die Estländische Medizinal¬ 
verwaltung ersucht den Rat der Stadt 47 ) „um Ergreifung 
aller Polizey-Maßregeln zur Ausfindigmachung aller der 
Ansteckung verdächtigen Weibspersonen, wie auch die Ver¬ 
waltung zu benachrichtigen, damit diese Weibspersonen 
alsdann besichtigt werden können, wozu der Revalsche 
Kreisarzt, Hofrat Körber ernannt worden ist“. Die krank 
befundenen Frauenzimmer werden im Hospital „des Kolle¬ 
giums der Allgemeinen Fürsorge“ untergebracht, in wel¬ 
chem zu diesem Zweck eine Abteilung eingerichtot wird. 
Diese mit ihren 17 Betten für weibliche Kranke genügte 
bald nicht mehr; deshalb wird im Jahre 1854 befohlen, 
syphilitische Frauenzimmer, die dort keinen Platz mehr 
finden, im Kriegshospital unentgeltlich aufzunehmen. 48 ) Spä¬ 
ter geriet diese letztere Maßregel in Vergessenheit und 
Syphilitiker fanden einzig und allein im Hospital des „Kol¬ 
legiums der Allgemeinen Fürsorge“ Aufnahme — soweit 
dort Platz war, d. h. Männer bis zu 20, Frauen bis 17. 

Daß die polizeiliche Kontrolle der Prostitution und 
die zwangsweise Internierung der Kranken nicht genügen, 
um die Syphilis auszurotten, sehen wir aus der Statistik 
für dieselbe, die wir vom Jahre 1886 bis 1911 haben. In 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


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-den fünf ersten Jahren dieses Zeitraumes erkrankten auf 
tausend Einwohner der Stadt durchschnittlich im Jahr 7*3 
.an Syphilis. — In den fünf letzten Jahren, von 1907—1911, 
•durchschnittlich jährlich 17*4. 49 ) 

Die Kontrolle der Prostitution bestand bis zur Re¬ 
volution im März 1916. Dann hörte, da die Kaiserliche 
Polizei aufgehoben wurde, auch die Kontrolle auf. — Die 
Bordelle wurden von einem Volkshaufen zerstört und an- 
gezündet. 

Irgend welche statistische Daten über die Zahl der 
Infektionen an Syphilis während der Kriegsjahre seit 1914 
liegen nicht vor; es scheint allerdings, daß durch den 
Krieg und namentlich durch die mit der Revolution be¬ 
ginnende maßlose „Freiheit“ der Sitten eine starke Zu¬ 
nahme aller Geschlechtskrankheiten verursacht worden ist 
und infolge des durch die Verhältnisse der letzten Jahre 
vor und während des Krieges bedingten Anwachsens gerade 
der russischen Bevölkerung speziell die Syphilis sehr zu¬ 
genommen hat. 

Wir haben gesehen, daß alle Ereignisse in Revals 
Geschichte auch Einfluß gehabt haben auf die Verbreitung 
und Bekämpfung der Syphilis: die alte deutsche Hansa¬ 
stadt, die ihre Geschicke selbst lenkte, traf, ohne die Kosten 
zu scheuen, energische und — auch nach modernem Maß 
gemessen — durchaus rationelle Maßregeln zur Bekämpfung 
der Seuche: ein spezielles Krankenhaus wird gebaut, die 
Ansteckungsgefahr wird durch Schließung der öffentlichen 
Badstuben bekämpft und last not least werden Maßregeln 
ergriffen zur Einschränkung einer wilden Prostitution. — 
Als die Stadt unter fremde — zunächst schwedische — 
Herrschaft geriet, verloren ihre Bürger den sie bis dahin 
auszeichnenden opferfreudigen Gemeinsinn; das im Kriege 
zerstörte Krankenhaus wird nicht mehr aufgebaut, an ein 
Isolieren der infektionsgefährlichen Kranken denkt nie¬ 
mand mehr. Die fremde Regierung hat nur das Wohl der 
militärischen Besatzung im Auge und richtet nur für diese 
•ein Krankenhaus ein. Dasselbe sahen wir unter russischer 
Herrschaft, obgleich der Wohlstand immer mehr zunahm; 


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Spindler. 


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die Bürgerschaft scheut auch jetzt die zur Bekämpfung der 
Geschlechtskrankheiten nötigen Kosten; die russische Re¬ 
gierung ergreift wohl Maßregeln zur Einschränkung der 
überhandnehmenden Syphilis, aber nur im Interesse des in 
Reval garnisonierenden Militärs. 

Wir wollen hoffen, daß in unserer Zeit der Neuord¬ 
nung aller Verhältnisse die Geschichte der alten Hansastadt 
eine Wendung nimmt, die auch eine Bekämpfung der Sy¬ 
philis mit neuer Energie und mit Erfolg gewährleistet. 

Anmerkungen, Quellen- und Literaturnachweise. 

Abkürzungen: LU ” Livländisches Urkundenbucb, begründet von 
F. G. v. Bunge, fortgesetzt von H. Hildebrand, Ph. Schwartz und. 
L. Arbusow. 

R. A. iz Revaler Ratsarchiv. 

Beiträge zi Beiträge zur Kunde Est-, Liv- und Kurlands, heraus¬ 
gegeben von der Estländischen Literarischen Gesellschaft. 

Bezüglich der allgemeinen Geschichte Revals vergleiche v. Nott- 
beck und Neumann, Geschichte und Kunstdenkmäler der Stadt Reval. 
Reval 1904. 

1. Ygl. u. a. Proksch, Die Geschichte der venerischen Krank¬ 
heiten. Bonn 1895. 

2. Ygl. u. a. Iwan Bloch, Der Ursprung der Syphilis. Jena 1901 
und 1911. 

3. Richter, Geschichte der Medizin in Rußland. Beilage N I. 
Moskau 1817. 

4. Zenon Grossek, „Das erste Erscheinen der Syphilis in Polen“ 
in der Dermatologischen Zeitschrift XXI. 5. Mai 1914. 

6. L. U. I. 1. N. 625. 

6. L. U. I. 1. N. 625. Anmerkung: „des syn etlike staven nicht 
ingebut unde syn okvortan intobotende vorbaden te etliken tiden umme 
de grausamen plage, geheten mala frantosa de spanschen pocken.“ 

7. Dehio, „Mitteilungen über d. Medizinalverhältnisse Alt-Revals.“ 
Beiträge IV. 

8. L. U. II. 2. 412. 84. 

9. Amelung, Baltische Kulturstudien. I. p. 177. Dorpat 1884. 

10. L. U. II. 1. 798. Johann von der Recke bevollmächtigt seinem 
zwei Diener vor den Gerichten in Reval zu verhandeln mit den städtischen 
Pockenärzten Kordt und Reyneken. Der „Pockenarzt“ Kordt wird 
außerdem noch erwähnt in Urkunden aus den Jahren 1502 und 1507, die 
sich im Archiv der Großen Gilde zu Reval befinden. 

11. L. U. II. 2. 54. Auch aus dem benachbarten Dorpat wird eim 
Pockenarzt, Hinrich mit Namen, erwähnt; vgl. Arbusow, Akten und 
Rezesse. 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


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12. R. A. Katalog. B. N. Testamente von Hinnerk Halle vom 
Jahre 1522, Wilhelm 1536, Klenow 1540, Grawen 1541: „denarinen 
to hülpe, de mit der plage beladen sein 300 M. a Erik Kock 1549, Sel¬ 
horst 1536, Hurlenn 1539: „denjenigen, die an sonderliche krankheit 
alszo an pocken, franzosen .... befallen sein“. — Holtappel 1552, Beyer 
1553, Witwe Knnrad 1560, Witwe Kruus 1558, Witwe Buchenbach 1556, 
Fressei 1557, Kordes 1567, Molen 1563, Hower 1568, Gröwe 1564, Witwe 
Todde 1666, Klenkel 1670, Schwarte 1670, Anna Todde 1592. 

Darauf, daß die zwischen 1512 und 1522 in mehreren Testamenten 
mit Vermächtnissen bedachte St. Hiobs-Gilde oder Bruderschaft in Reval 
mit der Syphilis irgend etwas zu tun hatte, Enden sich keine Hinweise. 
— Ebensowenig habe ich einen Zusammenhang der zwischen 1495 und 
1505 mehrfach erwähnten St. Antonius-Bruderschaft mit der Syphilis 
Enden können. Die Angabe v. Nottbecks („Die alten Schrägen der 
Großen Gilde“ Reval 1885. p. 13), daß sich die St. Antoniusbruderschaft 
mit der PEege Pockenkranker befaßt habe, habe ich nirgends bestätigt 
gefunden. — Die einzige Beziehung, die ich in den Urkunden zwischen 
der St. Antoniusbruderschaft und Pockenkranken (d. h. Syphilis) gefunden 
habe, war in einer im Archiv der Gr. Gilde befindlichen Urkunde, in der 
es heißt, daß der Pockenarzt Kor dt von den Ältesten der Hausarmen, 
kasse 50 M. habe leihen wollen. Da in der Lade der Hausarmen kein 
Geld war, liehen die Ältesten dasselbe von den Ältesten der St. Anto¬ 
niusbruderschaft. 

13. v. Hansen „Die Kirchen und ehern. Klöster Rewals“ p. 135. 

14. Zum ganzen Abschnitt über das Pockenhaus, vgl. R. A. Katalog 
B. d. 1 und 3. 

15. Russow. Livländische Chronik, pag. 75a. 

16. R. A. Katalog. Bg. 

17. Russow a. a. O. 

18. Archiv der Großen Gilde in Reval. 

19. R. A. Katalog. A. 9. 

20. R.A. Katalog. Bg. 

21. Russow, Livl. Chronik, pag. 26b. 

22. Auf die Sittenroheit und namentlich Unreinlichkeit, mit der man 
damals rechnen mußte, fallt ein Licht durch eine im Jahre 1495 abge¬ 
faßte Hausordnung für das Leprahospital in Reval (R. A. Kat. B. d. i ), 
deren diesbezügliche Partien ich im nachfolgenden mitteile: 

„Ditt is der Seken Recht to St. Johannsen, in demHuße der seken 
to folgende. In datt erste datt ever en den andern nicht vortornen zall. 
Welker deme andern owele spreket zall utgeben 4 Schilling. Item de 
nicht in de Kerken geiht, de gan kann, to der Missen und tor Vesper, 
wenn man lud, de bröke (zz büße) 4 Schilling. — De den andern fleiht, 
de bröke is davon 4 Schilling. — We den andern in dat Antlat speiet, 
bröke 4 Schilling. We da in de Doresen (n Stube) pfuhlet, bröke ein, 
Ketel Berh; item de dat Huseken unrein maket, de zull datt wedder 
reine maken und de bröke 4 Schilling. Item we dar in dem Huse pfuhlet, 
Arch. f. Dermmt. u. Sypb. Bd. 128. 7 


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S p i n d 1 e r. 


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edder buten vor de Dor, 4 Schilling bröke. — Der geliken off (zz wenn) 
lie enen Gast bede. — We da pisset vor der Dor edder pisse utgöt 
(z: ausgießt) bröke 4 Schilling. . . . Item welk wif edder man tosamen 
slapen, ofte unkeuschheit driven, de zallen nt dem Huse, ok enzollen de 
wiwe of dem manne nemanden to zik intun bi en to slapende bi denen 
zulwen bröke. — Item we so vele drinke dat he speiet, bröke 2 Kettel 
Bers .... Dem Mannen und Frawen zullen nicht tosammen baden bi 
bröke 4 Schilling. Wilk Mann off (oder) wif dem andern tastet zwischen 
de Bene, de bröke 4 Schilling. — We sine Schiemende (Scham) wiset 
unde sine Kledern upbort, de bröke 2 Kettel Bers. — We sin Mesfc tut 
uppe den andern, de bröke es 1 Ferding. — Item* de den andern wun- 
det, datt Recht steht an den Vormündern/ 

23. L. U. IV. N. 1619; vgl. auch Ivonst. Höh Iba um, „aus Revals 
Mittelalter“, Beiträge II. „Item von losen wiwen, de des somers in den 
Kelren hier tappen“; der Rat resolwiert betreffs deswegen vorgebrachter 
Beschwerde: „Teneri debet ut praeceptum est.“ 

24. So scheint der Satz zu verstehen zu sein „von den megeden 
de up sik sulven liggen.“ Der Rat resolwiert „varietur“. L. U. IV. 1619. 
cf. Dazu L. U. IV. 1922 die Rigische Bursprake vom Jahr 1412. pag. 77 
„so sollen de losen wiwe nicht up sik sulwen liggen, sundern se sollen 
sik vormeden, anders de voged se laten wiisen, wos se sollen wonen.“ — 
Desgl. L. U. II. 8. N. 742. 72. Die Rigische Bursprake vom Jahre 1510. 
„Vormer so sollen de losen wive und megede nicht erhe egen waninghe 
hebben edder wesen, se sollen sik vormeden.“ 

26. R. A. Ratswillküren von den Jahren 1406 und 1412. 

26. v. Nottbeck, die alte Kriminalchronik Revals. Reval 1884. 
pag, 55 N. 52 vom Jahre 1475 .... „er ward eingesetzt, weil er seinen 
Sohn, den Mönch, der Gewalt des Gerichtes entziehen wollte, als ihn die 
Gerichtsboten greifen wollten, da sie ihn in weltlicher Kleidung in dem 
Hurenhause fanden und ihn auf meinen Befehl ins Kloster bringen woll¬ 
ten.“ Ebenda, pag. 59 N. 77 vom Jahre 1486 .... Andreas Bar wurde 

aus dem Gefängnisse entlassen.Er saß mit losen Weibern und 

trank auf Palmsonntag des Morgens vor sechs Uhr. Und sie hielten sich 
unziemlich, darum wurden sie gestraft und die Weiber auch. 

pag. 80. N. 244. „Anno 1531 ließ ich ins Gefängnis setzen Rolf 
Amsink. Die Ursache war, er hatte ein Gastmahl mit Mädchen gehabt 
mit Ratsspielleuten, das wollte der Rat bestraft haben. Er setzte sich 
dem entgegen. Er mußte Strafe zahlen 80 M. und tat Urfehde und saß 
auf der Junkerkammer, pag. 82. N. 276 vom Jahre 1535. „Hans Fres hatte 
im Hurenhause mit einem andern eine Hure geschlagen und den Wirt 
mit einem Heile hauen wollen.“ 

27. R. A. Kämmereibuch 1432—63; es zahlten die „froweken“ der 
Stadt eine Abgabe von ihrem Heuschlag. Außerdem wird 1456 gebucht: 
„item empfangen von den losen wiwen 4 M.“ 

28 Beiträge I. pag. 388. 

29 v. Nottbeck a. a. 0. pag. 45. N. 8. „Anno 1439 am Mittwoch 


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Geschichte der Syphilis in Reval. 


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vor Pfingsten ward hier einer aus der Boten Haus entlassen, der heißt 
Hans Gerwer. Er tat Urfehde vor mir. Er wurde inhaftiert, weil er ge¬ 
sessen hatte mit losen Weibern beim Bier, und dahin pflegte er öfters 
zu gehn, also verklagte ihn sein Weib, die ihn mit den losen Weibern 
getroffen hatte.“ 

30. G. 0. F. Westling „von den religiösen und sittlichen Zustän¬ 
den in Estland 1561—1710“. In den Beiträgen V. pag. 334 ff. 

31. Ebenda. 

32. Ygl. die oben angeführte Hausordnung im Leprösenhospital zu 
Reval. Die dort internierteu Kranken waren fast ausschließlich Esten. 
Ygl. A. Spindler „Geschichte der Krankenhäuser Revals“. Reval 1916. 

33. v. Bunge, Die Quellen des Revaler Stadtrechtes, p. 174. p. 5. 

34. Beiträge III. pag. 250. ff. 

35. R. A. Katalog B. s. I. r. 

36. R. A. Katalog B. g. 

37. R. A. Katalog B. d. 1. 1. 

38. R. A. Katalog B. d. 1. 1. 

39. R. A. Katalog B. g. 

40. R. A. Katalog B. g. Schreibendes Garnisonsarztes Enitzel an 
den schwedischen Gouverneur und die Resolution des letzteren. 

41. „Inland“ 1845. pag. 743. 

42. R. A. Katalog B. d. 7. Rechnung des Vorstehers Brehm über 
das Stadtsiechenhaus, und Jordan, die Anstalten des Kollegiums der all¬ 
gemeinen Fürsorge, „Inland“ 1854. 

43. R. A. Katalog B. g. 

44. Ebenda. 

45. R. A. Katalog B. g. VI. 20. 

46. R. A. Katalog B. g. Schreiben der Medizinalverwaltung an den 
Rat. N. 214. 

47. Ebenda. N. 150. 

48. „Inland“ 1854. pag. 686. 

49. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. 1913. N. 17. 



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Aus der Klinik für Syphilidologie und Dermatologie in Wien. 

(Vorstand: Hofrat Prof. E. Finger.) 


AMtomisch-eipenmeDtelle Stadien über Aleppo-Benle. 

Yon Prof. J. Kyrie and Doz. J. Reenstierna (Stockholm). 

(Hieran Taf. III—VII.) 

Das Krankheitsbild der unter dem Namen Aleppo¬ 
oder Orientbeule geläufigen Hautaffektion ist sowohl nach 
der klinischen als pathologisch-anatomischen Seite hin so 
oft Gegenstand eingehender Beobachtung und Untersuchung 
gewesen, daß unsere Kenntnisse hierüber der Hauptsache 
nach als durchaus gut fundiert bezeichnet werden müssen. 
Wir wissen, daß es sich um einen Affekt handelt, der 
durch Protozoen hervorgerulen wird, u. zw. durch Para¬ 
siten, welche in die Gruppe der Leishmanien gehören, daß 
zwischen Infekt und Auftreten der Krankheitssymptome 
ein mehrere Monate umfassendes Zeitintervall liegt, daß 
sich die Krankheitsäußerungen ausschließlich auf das Inte¬ 
gument beschränken, daß wir es demnach mit einer Haut¬ 
erkrankung im vollen Sinne des Wortes zu tun haben und 
schließlich, daß das Überstehen des Infektes einen lang¬ 
währenden Schutz gegen neuerliche Ansteckung verleiht. 
Außer diesen Kardinalpunkten sind wir auch noch, dank 
einer Reihe sorgfältiger anatomischer Studien, über die 
Histologie des Prozesses gründlich informiert — kurz, wir 
haben in der Aleppobeule einen Prozeß vor uns, der 
eigentlich nach allen Richtungen hin gut erkannt ist. 

Gewisse Details im Wesen der Erkrankung bedürfen 
allerdings noch ihrer Erklärung. So ist beispielsweise die 
Tatsache bisher nicht genügend geklärt, warum der ana¬ 
tomische Bau der Aleppobeule gelegentlich so verschieden 
ist; die größte Zahl der Untersucher beschreibt lupusähn¬ 
liche Infiltrate (Levis und Cunnigham, Riehl, Unna, 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 101 


B e 11 m a n n u. a.) und demnach wird auch in den meisten 
Zusammenstellungen dieser Zustand als der charakteristische 
für den Prozeß bezeichnet. Einzelne Mitteilungen in der 
Literatur lauten aber anders; es wird in ihnen von einer 
tuberkuloiden Struktur nichts bemerkt, sondern mit aller 
Bestimmtheit von banal entzündlichen Veränderungen be¬ 
richtet (Kuhn, Brocq und Veilion, Terra, Aimenara) 
— also eine auffallende Divergenz in den Befunden, die 
bisher nicht zum Ausgleich gebracht werden konnte. 

Auch über das Verhalten des Virus im Gewebe gehen 
die Ansichten weit auseinander. Eine Reihe von Autoren 
konnte die Parasiten im Infiltrat leicht und in großer 
Zahl nachweisen, in jedem Ausstriche von der Oberfläche 
waren Leishmanien unschwer aufzufinden (Wright, Mar- 
zinowski und Bogrow, Mesnil, Nicolle, Plelin, 
Bettmann, Reinhardt u. a.). Andere Untersucher hin¬ 
gegen fanden trotz eingehendsten Studiums die Erreger 
entweder überhaupt nicht, oder nur außerordentlich spär¬ 
lich; ihr Nachweis im Ausstrich war in solchen Fällen 
nicht zu erbringen (Darling und Connov, Arndt und 
Zürn, Hodara und Fuad Bey). Daraus mußten sich, 
wie selbstverständlich, oft Schwierigkeiten bezüglich sicherer 
Diagnose ergeben. 

Ein weiterer Punkt, über den die Akten bisher noch 
nicht geschlossen werden konnten, betrifft die Frage der 
Immunitäts- und Allergieverhältnisse bei der Aleppobeule. 
Bewirkt das Überstehen des Infektes eine absolute Immu¬ 
nität oder nur eine relative? Zu welchem Zeitpunkte nach 
dem Infekt macht sich dieser Schutz gegen eine neuerliche 
Ansteckung geltend, wann erreicht er die höchste Inten¬ 
sität? u. dgl. m. 

Wir sehen also, daß trotz der eingangs als gut fun¬ 
diert bezeichneten Kenntnisse bezüglich des pathologischen 
Geschehens bei der Aleppobeule doch noch eine ganze 
Reihe von Detailfragen ihrer Erledigung harrt und daß 
gerade hinsichtlich der feineren biologischen Vorgänge bei 
dieser interessanten Erkrankung unser Wissen noch Lücken 
genug aufzuweiseu hat. Zu diesen schwebenden Fragen 


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102 


Kyrie und Reenstierna. 


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einen kleinen Beitrag zu liefern, soll Zweck der folgenden 
Mitteilung sein. 

Die Möglichkeit, uns mit diesem Krankheitsbilde 
etwas eingehender beschäftigen zu können, war dadurch 
gegeben, daß ein Kollege, der in russische Kriegsge¬ 
fangenschaft geraten, nach abenteuerlicher Flucht durch 
Persien und die Türkei in die Heimat zurückgekehrt, die 
Klinik wegen einer Beule im Gesichte und am Handrücken 
aufsuchte, um therapeutischen Rat einzuholen. Die Diagnose 
wurde von dem Kollegen selbst mit aller Bestimmtheit 
gestellt, da er während der Gefangenschaft Gelegenheit 
hatte, viel Aleppobeule zu sehen und damit das Krank¬ 
heitsbild hinlänglich gut kennen zu lernen. Für uns war 
die Aifektion ein Novum. Wir waren beim ersten An¬ 
sehen durch die frappante Ähnlichkeit überrascht, die der 
Prozeß, insbesondere der Herd am Handrücken mit 
einem syphilitischen Primäraffekt darbot. Darüber später 
noch mehr. 

Wir wollen zunächst an Hand der Krankengeschichte 
das Wesentliche des Falles mitteilen und dabei insbeson¬ 
dere auf einige ungewöhnliche Vorkommnisse hinweisen. 

Pat. bemerkte im August 1916 am Dorsum der linken Hand einen 
kleinen roten Fleck von etwa Stecknadelkopf große, der persistent war 
und allmählich za schuppen begann. Ungefähr einen halben Monat 
später entstand ein ähnlicher Herd in der rechten Unterkiefergegend 
etwas über der Mitte des rechten Unterkieferrandes, noch später ein 
dritter solcher Fleck über der rechten Achillessehne und schließlich 
einer derselben Art am linken Dorsum pedis. Die Flecke im Gesicht 
und am Handrücken vergrößerten sich allmählich und wurden zugleich 
infiltriert — die im Bereiche der unteren Extremitäten zeigten nur ein 
sehr beschränktes Wachstum. Schmerzen hat der Pat. infolge der Affekte 
niemals empfunden. 

Nach mehrwöchentlichem Bestände entwickelten sich an den zwei 
zuerst erwähnten Infil tratst eilen oberflächliche Ulzerationen, die nicht 
mehr zur Heilung zu bringen waren, vielmehr sich nach und nach zu 
umfänglicheren Geschwüren entwickelten. Die Knoten am Fuß zeigten 
stets nur eine ganz kleine ulzerierte Stelle. 

Status praesens am 31./XII. 1916: An der Haut finden sich an den 
früher erwähnten Stellen furunkelartige Bildungen. Der größte Herd ist 
der am Handrücken links. Es zeigt sich hier ein ungefähr fünf kronen¬ 
stückgroßes, auf Druck durchaus schmerzloses Infiltrat (Fig. 1), dessen 
Zentrum ulzeriert, von einer fest haftenden Kruste bedeckt wird. Das 


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Anatomisch-experimentelle Studien über» Aleppo-Beule. 1( 13 


Infiltrat greift sich ziemlich hart an und ist von schmutzig braunroter 
Farbe. Hebt man die Kruste ab, so sieht man, daß es sich um einen 
ganz oberflächlichen Substanzverlust handelt, daß also nicht ein etwa 
kraterförmig in die Tiefe vordringendes Ulkus entwickelt ist. Auffällig 
ist der eigentümlich lackartige Glanz, den das von der Kruste frei- 
^gemachte Infiltrat erkennen läßt. Das an der Oberfläche austretende 
Serum zeigt rasche Gerinnung, neuerliche Krustenbildung erfolgt sehr 
bald nach Abnahme der alten Kruste. 

Der am Kinn sitzende Affekt ist etwas kleiner, als der an dem 
Handrücken, er ist ungefähr kronenstückgroß. Die klinischen Symptome 
stimmen durchaus mit jenen überein, wie sie gerade früher geschildert 
worden sind. 

Die an den Füßen lokalisierten Infiltrate sind ungefähr je heller¬ 
stückgroß und durchaus nicht so massig wie die beiden anderen Herde; 
sie zeigen im Zentrum eine ganz kleine Perforationslücke, die wieder 
durch eine festhaftende Kruste bedeckt ist. 

Der palpable Drüsenapparat erscheint vollkommen normal. 

Bei unserem Kranken fanden sich also vier Herde 
von Aleppobeule, zwei voll entwickelte mit mächtigen 
Ulzerationen und zwei auf einer niedereren Entwicklungs¬ 
stufe stehen gebliebene, die wir als „Zwergbeulen“ be¬ 
zeichnen möchten. 

Das klinische Aussehen der beiden großen 
ulzerierten Herde erinnerte, wie oben schon 
bemerkt, durchaus an das von syphilitischen 
Primäraffekten. Die Qualität der Infiltrate, 
ihre Farbe, der lackartige Glanz und Cha¬ 
rakter der Ulzeration, sowie ihre völlige 
Schmerzlosigkeit waren durchaus so, wie wir 
es bei Sklerosen zu sehen gewohnt sind. 

Auf diese Ähnlichkeit der klinischen Symptome bei Aleppobeule 
und syphilitischem Affekt erscheint unserer Meinung nach zu wenig hin¬ 
gewiesen, sowie bisher überhaupt das mannigfach Analoge der beiden 
Erkrankungen ungenügend betont wurde. Und dabei besteht doch eine 
Reihe interessanter Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten; vergegen¬ 
wärtigen wir uns nur die Entwicklung beider Prozesse: Dort wie da 
kommt das Infiltrat erst nach einer längeren Inkubationszeit zum Vor¬ 
schein, allerdings ist bei der Beule diese um ein Vielfaches länger als 
beim luetischen Primäraffekt. Das Infiltrat entwickelt sich bis zu einer 
gewissen Höhe, dann tritt Stillstand im Wachstum ein, indessen hat 
sich eine oberflächliche, dem Typus nach eigenartige Ulzeration gebildet, 
die während der ganzen Zeit der^Erkrankung bestehen Jbleibt; das ist 
bei beiden Prozessen dasselbe. Ferner besitzt sowohl die Beule als der 


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104 


Kyrie und Reenstierna. 


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Primäraffekt Tendenz zur spontanen Rückbildung und bei beiden Infil¬ 
traten zeigt das Virus eine besondere Affinität zum Lymphgefäßapparat. 
Bei der Sklerose werden zunächst in jedem Falle die regionären Lymph- 
drüsen affiziert, bei der Aleppobeule scheint dies gar nicht selten vor¬ 
zukommen ; in der Literatur ist zum Beispiel von Riehl, Weber. 
Marzinovski, Strong, Bettmann und Wasielewsky, Werner, 
Cipolla u. a. darauf hingewiesen worden und auch wir haben bei un¬ 
seren experimentellen Studien solches finden können, wie später berichtet 
werden wird. Endlich wäre noch eine gewisse Übereinstimmung in ätio¬ 
logischer Hinsicht zu erwähnen; beide Erkrankungen werden durch Para¬ 
siten bedingt, die gegenüber den gewöhnlichen Infektionskeimen als höher 
differenzierte Lebewesen bezeichnet werden müssen und durch deren Etab¬ 
lierung das Integument eine solche Umstimmung in seinem Reaktions¬ 
vermögen erfahrt, daß das Haften eines zweiten derartigen Infektes von 
einem gewissen Zeitpunkte an nicht mehr in derselben Weise wie das 
erste Mal möglich ist. 

Diesen analogen Punkten steht gegenüber, daß die Entwicklung der 
Sklerose viel schneller erfolgt, daß der Primäraffekt keinen so langen 
Bestand hat wie die Aleppobeule, von der ja bekannt ist, daß sie bis zu 
einem Jahre und darüber bestehen kann — daher der Name Jahresbeule 
— und daß es von ihm aus stets zur Allgemeininfektion des Organismus 
kommt, was wir von der Aleppobeule nicht wisseu. Und noch auf einen 
differenten Punkt muß hier verwiesen werden, das ist die verschiedene 
histologische Struktur, die beide Prozesse zeigen. Bei der Sklerose finden 
wir in der Regel keinen tuberkuloiden Bau des Infiltrates, wohl aber bei 
der Aleppobeule im Stadium der vollen Entwicklung. Gewisse Überein¬ 
stimmung zeigt die Histologie der Beule mit der des syphilitischen Primär¬ 
affektes nur im Beginn ihrer Entwicklung. Hier finden wir nämlich, wie 
später ausgeführt werden wird, banal entzündliche Veränderungen. Die 
Umwandlung zur lupusähnlichen Struktur erfolgt erst mit dem Älterwerden 
des Prozesses. Ein derartiges Ereignis als gesetzmäßigen Vorgang kennen 
wir bei der Sklerose nicht. Dafür wissen wir aber, um diesen Gedanken 
weiter zu führen, daß bei der Lues zu einem späteren Zeitpunkt Manifesta¬ 
tionen mit tuberkuloidem Bau auftreten können, deren Zustandekommen wir 
mit Um8tiramung8Vorgängen in Zusammenhang bringen, die sich im Integu¬ 
ment abgespielt haben. Bei der Infektion mit Leishmanien scheint nun eine 
solche Umstimmung am Orte des Infektes viel rascher einzutreten. Das 
der anatomischen Struktur nach dem Tertiärstadium bei der Lues ana¬ 
loge löst bei der Aleppobeule die primären Veränderungen am OVte der 
Infektion gewissermaßen unmittelbar ab. Der Ablauf der Ereignisse 
wäre demnach hier im Gegensatz zu den Verhältnissen bei der Syphilis 
ein außerordentlich rascher, ja überstürzter. 

Den zwei kleineren Affekten ira Bereiche der unteren 
Extremitäten fehlte jede klinische Ähnlichkeit mit Skle¬ 
rosen; es waren im ganzen unscheinbare Manifestationen. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. ] 05 

Bemerkenswert erschien nur wieder die festhaftende Kruste, 
welche im Zentrum der Knötchen entwickelt war. Daß es 
sich hier tatsächlich um Äußerungen von Aleppobeule ge¬ 
handelt hat, kann nicht zweifelhaft sein; der anatomische 
Befund spricht, wie später ausgeführt werden wird, mit 
aller Sicherheit dafür. 

Der vorliegenden Literatur nach scheinen solche 
rudimentär entwickelte Formen der Aleppobeule selten zu 
sein; in der Regel erfahren alle Knoten, die sich an einem 
Individuum linden beträchtliche und ziemlich gleichmäßige 
Entwicklung. Es fragt sich nun, warum diese Läsionen 
hier im Wachstum und damit in der vollen Entfaltung der 
klinischen Symptome zurückgeblieben sind, trotzdem ihr 
Bestand über Monate gewährt hat. Wir meinen, daß dies 
mit dem Zeitpunkte des Infektes für beide Herde in Zu¬ 
sammenhang steht, der nicht derselbe gewesen sein wird, 
wie für die voll ausgebildeten Beulen im Gesicht und an 
der Hand. Ein gewisser Anhaltspunkt für diese Meinung 
ist in der Mitteilung des Kranken gegeben, daß diese 
Affekte tatsächlich später aufgetreten sind. Wir hätten 
uns demnach die Sache so vorzustellen, daß zur Zeit, als 
die Infektion im Bereiche der Füße erfolgt ist — wahr¬ 
scheinlich handelte es sich um eine Autoinokulation — 
der Boden durch den früher erlittenen Infekt schon so 
verändert war, daß nur mehr eine abortive Entwicklung 
der Infiltrate zustande kommen konnte. Der Grund wäre 
also in den eigenartigen Immunitätsverhältnissen zu suchen, 
mit denen wir bei der Leishmania furunkulosa zu rechnen 
haben. 

Unwillkürlich wird man hier wieder an die Verhält¬ 
nisse bei der Syphilis erinnert. Wir wissen, daß auch bei 
ihr vom Tage des Infektes bis zum Manifestwerden der 
Sklerose, also in der Zeit der sogenannten ersten Inkuba¬ 
tion, Virus neuerlich haften kann, daß aber die Affekte, 
welche dadurch bedingt werden, in der Regel nicht mehr 
jene Höhe erreichen können, als die von der ersten Infek¬ 
tion herrübrenden. Und zwar fällt jeder Schanker um so 
rudimentärer ans, je weiter sein Infektionstermin von dem 


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Kyrie und Reeustierna. 


ersten Insult entfernt liegt. Wir sprechen in dem Sinne 
doch von dein Zustandekommen von Zwergschankern. 
Am Ende der zweiten Inkubation und im Sekundärstadium 
ist ein weiteres Haften des Virus unter gewöhnlichen In¬ 
fektionsbedingungen (wenu nicht inokuliert wird!) in der 
Kegel überhaupt ausgeschlossen. 

Bei der^Leishmaniose scheinen die Verhältnisse ähnlich zu 
liegen, nur sind die Intervalle, um welche es sich dabei handelt, 
andere. Vom Zeitpunkte des Infektes bis zum Hervortreten des 
Infiltrates vergehen in der Regel wenigstens zwei Monate. 
Während dieser Zeit wird die Haut gegen neuerliche In¬ 
fektion gewiß nicht immun sein, zum mindesten nicht im 
ersten Teile dieser Periode. Da wird also immer noch 
Virus haften können, das die Bildung schließlich voll ent¬ 
wickelter Beulen bedingt. Wenu sich demnach bei einem 
Individuum mehrere, klinisch ausgeprägte Affekte finden, 
so brauchen diese durchaus nicht von einem gleichzeitig 
erfolgten Infekt herzustammen, sondern die Inokulationen 
können zu verschiedenen Terminen im Verlaufe dieser 
langdauernden, wenn wir sie so nennen wollen, ersten In¬ 
kubationszeit erfolgt sein. Ja es ist beiin Übertragungs¬ 
modus der Erkrankung — der allgemeinen Meinung nach 
sollen Fliegen den Infekt vermitteln — viel wahrschein¬ 
licher, daß dort, wo mehrere Beulen sind, die Infektion 
nicht auf ein Trauma, sondern auf mehrere, zu verschie¬ 
denen Zeiten erfolgte Läsionen bezogen werden muß. Im 
selben Verhältnisse aber, als das Infiltrat heranwächst, 
wird auch der Immunitätszustand der Haut allmählich 
hervortreten. Dementsprechend wird das Angehen des 
Virus immer schwierig und die Entwicklung des Infiltrates 
rudimentär bleiben. Schließlich wird bei voll ausgebil¬ 
detem, längere Zeit bereits bestehendem Affekt der Im¬ 
munitätszustand der Haut ein absoluter und damit ein 
neuerliches Haften des Virus unmöglich sein. Dieser Vor¬ 
stellung nach wird das klinische Aussehen und die Qua¬ 
lität aller Knoten, die auf eine spätere, als die erste In¬ 
fektion zu beziehen sind, hauptsächlich davon abhängen, 
zu welcher Zeit diese Reinfektionen stattgehabt haben, ob 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 


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der betreffende Termin gegen das Ende der Inkubationszeit zu 
gelegen war oder nicht. Je rascher der zweite Infekt dem 
ersten folgt, um so ähnlicher wird ein Affekt dem anderen 
sein, je größer das Intervall zwischen beiden Schädigungen, 
um so mehr wird sich der zweite Inokulationseffekt quali¬ 
tativ vom ersten unterscheiden müssen. Für unseren Fall 
hätten wir dementsprechend zu postulieren, daß die beiden 
Zwergbeulen einem Infekt ihre Entstehung verdanken, der 
ziemlich spät nach dem ersten erfolgt ist. Der Inmiuni- 
tätszustand der Haut muß dazumal schon ein relativ hoher 
gewesen sein, so daß die Entwicklung der Infiltrate derartig 
niedergehalten werden konnte. Und dabei muß hier gleich 
noch bemerkt werden, daß die Entwicklung der in Rede 
stehenden Knoten nicht nur der Masse nach eine Hem¬ 
mung erfahren haben, sondern, daß auch die Qualität der 
Infiltrate eine etwas andere geworden ist. Wir werden 
später sehen, daß der anatomische Bau dieser Affekte 
gegenüber dem der voll entwickelten Beulen gewisse 
Differenzen erkennen läßt; und gerade das halten wir für 
den Ausdruck dafür, daß das Integument auf den dama¬ 
ligen Infekt schon anders zu reagieren in der Lage war, 
als auf den ersten Insult hin. 

Dieser unserer Vorstellung über die Gründe des ver¬ 
schiedenen klinisch-anatomischen Verhaltens der Hauter¬ 
scheinungen bei unserem Kranken, die wir an anderer 
Stelle 1 ) schon einmal kurz angedeutet haben, hat sich 
jüngst II. Schrötter, 2 ) der im Orient reiche Erfahrung 
über Aleppo-Beule gewinnen konnte, angeschlossen; er 
meint, daß sich im allgemeinen „das Zurückbleiben jener, 
anscheinend durch Kratzeffekte vermittelten, in ihrem 
feineren Bau spezifischen Infiltrate, die man gelegentlich 
an der mit einer Beule behafteten Extremität beobachtet“, 
aus dem Immunitätszustand, der beim Infizierten allmählich 
auftritt, erklärt, H. Schrötter, scheint demnach auch 
Beobachtungen gemacht zu haben, wo neben voll ent- 


*) „Wiener klinische Wochenschrift“, Januar 1918. 
*) „Wiener klinische Wochenschrift“, Nr. 38, 1918. 


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Kyrie und Reenstierna. 


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wickelten Beulen kleine, rudimentäre Infiltrate zu finden 
waren. 

In letzter Zeit hatte einer von uns (Kyrie) Gelegenheit, noch 
einen zweiten Fall von Aleppobeule zu beobachten. Auch diesmal war 
es ein Kollege, der sich während seiner Kriegsdienstleistung in Meso¬ 
potamien infiziert hatte. Hier war es zur Entwicklung einer „Zwerg¬ 
beule“ im vollen Sinne dts Wortes gekommen. An der linken Halsseitei 
noch im Bereiche der bebarteten Haut, fand sich ein kaum hellerstuck¬ 
großer Affekt, der beim ersten Ansehen infolge der festhaftenden Kruste 
und seiner Lage zum Haare am ehesten an einen umschriebenen älteren 
Sykosisplaque erinnerte. Nach Loslösung der Kruste trat nun aber ein 
braunrotes Infiltrat hervor, das durch einen eigenartigen lackartigen 
Glanz ausgezeichnet war, mithin durchaus an jene Verhältnisse erinnerte, 
wie wir sie bei unserem ersten Patienten gefunden hatten. Der Kollege 
hielt den Affekt mit aller Bestimmtheit für Aleppobeule, er wußte sich 
auch genau zu erinnern, daß er am 9./VI. 1918 in Mosul (Mesopotamien) 
von einer Mücke gestochen worden sei, daß er nach dem Stich beständig 
Juckreiz an der betreffenden Stelle empfunden habe und daß nach ungefähr 
(j Wochen dortselbst ein Infiltrat entwickelt gewesen sei, das bald ulzeriert 
und sich mit Krusten an der Oberfläche bedeckt hätte; während der 
drei Monate, die bis zu dem Zeitpunkte vergingen, wo sich der Kollege 
an der. Klinik vorstellte (1 ./XII. 1918), vergrößerte sich der Herd in 
keiner Weise, auch sonst war es an demselben zu irgendwelchen Verän¬ 
derungen nicht gekommen. Der Herd wurde in toto exzidiert; die histo¬ 
logische Untersuchung bestätigte die Diagnose des Kollegen: Es fanden 
sich massenhaft Leishmanien in dem Infiltrat, u. zw. waren dieselben 
hauptsächlich in jenen eigenartig großen Zellen eingeschlossen, wie sie 
für diese Erkrankungstype immer wieder als charakteristisch bezeichnet 
werden. Ohne auf die histologischen Details näher einzugehen, soll nur 
gewissermaßen als Ergänzung zum später Ausgeführten, bemerkt sein,- 
daß das Infiltrat hier hauptsächlich banal entzündliche Struktur darbot. 
Knötchenförmige Bildungen von Epitheloidzellen mit Langhans sehen 
Riesenzellen waren nicht entwickelt. Eine gewisse Ähnlichkeit mit 
letzterem war nur durch die zahlreichen, zwischen die Rundzellen ein¬ 
gestreuten, Parasiten’ enthaltenden Makrophagen gegeben. Interessant 
ist der Fall mit Rücksicht auf das oben Erwähnte deshalb, weil das 
Wachstum des Infiltrates eine so weitgehende Hemmung erfahren konnte, 
trotzdem es sich um den ersten und einzigen Infekt gehandelt hat. 1 ) 

Zur Frage des histologischen Baues der menschlichen 
Beule können wir, wie selbstverständlich, nur im be¬ 
schränkten Maße Stellung nehmen. Es liegt uns ja zur 
Untersuchung eigentlich nur ein Stadium vor und zwar das 

*) Zusatz b. d. Korrektur (.20./XI. 1919): Auch in diesem Falle ist 
Übertragung der Beule auf Hunde gelungen. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 109 


länger bestehender Beulen. Über die Jugendformen derselben 
konnten wir keine Orientierung gewinnen. 

Genau zu entscheiden, wie alt die Affekte in unserem 
ersten Falle waren, ist nicht möglich. Jedenfalls waren sie 
schon relativ alt; das geht daraus hervor, daß der Kollege 
von einer sechsmonatlichen Dauer berichtet und ferner, daß 
der Herd am Handrücken unter unserer Beobachtung, un¬ 
gefähr 5 bis 6 Wochen nach der ersten Vorstellung abge¬ 
heilt war. 

Der Herd am Kinn und die beiden Zwergbeulen an 
den unteren Extremitäten wurden in toto exzidiert. 

Was nun den Bau der voll entwickelten Beule am Kinn 
anlangt, so können wir denselben mit einem Satze charak¬ 
terisieren: Es findet sich hier typisch tuberkulo- 
ide Struktur. (Fig. 2.) Beim ersten Ansehen war man 
nicht in der Lage irgendwelchen Unterschied gegenüber 
dem, was man immer wieder beim Lupus findet, festzu¬ 
stellen. Epitheloidzellen in knötchenförmiger Anordnung, 
oft zu massigen Komplexen vereint, waren von Rundzellen¬ 
lagern umgeben, Riesenzellformen vom L anghansschen 
Typus erschienen dort und da zwischen die Epitheloid¬ 
zellen eingestreut; im ganzen waren letztere aber ziemlich 
spärlich. Die gesamte Kutis und Subkutis erschien vom 
Granulationsgewebe diffus infiltriert. Wir hatten den ver¬ 
schiedenen Beschreibungen nach eigentlich ein etwas 
anderes Bild erwartet; daß ein lupusähnlicher Bau vor¬ 
handen war, überraschte uns nicht, die meisten Beobachter 
berichten ja in diesem Sinne, daß aber eine solch’ weitgehende 
Übereinstimmung mit dem Bau des Lupus möglich sein sollte, 
erschien uns zunächst fast unannehmbar. Wir suchten nun 
nach den Erregern und hofften dieselben leicht auffinden zu 
können; in der Mehrzahl der Arbeiten wird nämlich immer 
wieder gesagt, daß der Nachweis der Parasiten beim reich¬ 
lichen Vorkommen derselben im Gewebe keinerlei Schwie¬ 
rigkeiten bereite. Tatsächlich fanden wir aber in den 
ersten Präparaten, trotz sehr fleißigen Studiums, nichts, 
was wir für Leishmanien hätten erklären können. Es sei 
hier noch bemerkt, daß es uns mit Ausstrichen von der 


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Kyrie und Reenstierna. 


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Beule am Handrücken und von dem später exzidierteu 
Herd am Kinn ganz ähnlich ergangen ist; in mehreren 
Dutzenden von solchen Präpai*aten haben wir niemals die 
Erreger aufzufinden vermocht. Nach diesen ersten Mi߬ 
erfolgen haben wir andere Stellen des exzidierteu Materials 
zur Untersuchung gewählt; der histologische Bau war auch 
hier wieder durchaus derselbe und jetzt fanden wir auch 
an einer Stelle sichere Leishmanien, allerdings nur in ein 
paar Exemplaren. Diese lagen in großen, geblähten Zellen 
mit großen, ziemlich chromatinarmen Kernen. Durch diese 
Zellelemente hatte das histologische Bild in jenen Ab¬ 
schnitten, wo sie gelagert waren, eine gewisse Eigenart 
erhalten; hier kamen zu den epitheloiden Zellen noch diese 
markanten Formen hinzu uud wir können uns vorstellen, 
daß bei reichlichem Vorhandensein des Virus im Gewebe, 
demnach bei reichlicher Produktion solcher Zellen, trotz 
der tuberkuloiden Struktur des Infiltrates Unterschiede 
gegenüber dem Bilde beim Lupus sogleich hervorspringen. 
In unserem Falle war wohl gerade wegen des Mangels an 
Parasiten und der sie begleitenden Zellformen die Überein¬ 
stimmung mit dem Bau des Lupus vulgaris eine so weit¬ 
gehende. 

Aus den Untersuchungen an diesem Material haben 
wir demnach eigentlich sehr wenig Kenntnisse über den 
Erreger und sein Verhalten im Gewebe, sowie über das 
anatomische Geschehen bei der Beule überhaupt gewinnen 
können; nicht sehr viel weiter brachten uns diesbezüglich 
auch die Studien der beiden kleinen Affekte an den Füßen. 
Auch in ihnen fanden wir, das sei gleich vorweggenommen, 
trotz sorgfältigen Suchens in vielen Schnitten keine Leish¬ 
manien. Die histologischen Veränderungen hier w’aren im 
Vergleiche zu denen des Herdes im Gesicht gewisser¬ 
maßen im kleinen entwickelt. Das Infiltrat (Fig. 3) er¬ 
streckte sich nur auf den Papillarkörper und die Kutis, 
die Subkutis war frei. Die entzündlichen Zellformen, 
Lymphozyten und Rundzellen traten gegenüber den epithe¬ 
loiden Elementen an Zahl beträchtlich zurück. Letztere 
durchsetzten förmlich diffus das Gewebe, eine knötchen- 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 


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förmige Anordnung derselben kam nicht besonders präg¬ 
nant zum Vorschein. Was in den Präparaten am ersten 
Blick auffällt, ist der reiche Bestand an Riesenzellen und 
zwar an allen möglichen Formen derselben. Typische 
Langhan ssche Riesenzellen von verschiedener Größe und 
Form mit wenigen oder vielen Kernen, am Rand oder mehr 
gegen das Zentrum gelagert, liegen neben kleineren Formen, 
die nur zwei oder drei Kerne haben, oder nur einen ein¬ 
zigen, dafür aber reichliches Plasma. Mit einem Worte, es 
herrscht hier bezüglich der Riesenzellen großer Reichtum 
und große Polymorphie. Einen Typus derselben möchten 
wir noch besonders hervorheben: es sind das große Lang¬ 
han ssche Zellen mit vielen randgestellten spindeligen 
Kernen, bei welchen die Kernkörpercheu besonders präg¬ 
nant hervortreteu. Auf Schnitten, die nach Giemsa ge¬ 
färbt waren, war dies besonders deutlich zu sehen. Hier 
erschien die helleuchtend rot gefärbte Nukleolarsubstanz, 
im ganzen mächtig vermehrt, oft wie in Körnchen aufge¬ 
löst, dann aber wieder zu größeren Klumpen zusammenge¬ 
ballt, kurz ein ganz merkwürdiges Bild, wie wir es bisher 
noch nicht gesehen hatten. Und diese eigenartigen Zell¬ 
formen sind gar nicht wenig, oft sind mehrere dicht neben¬ 
einander, es entstehen so förmlich kleine Herde von solchen 
Elementen. In welchem Sinne wir diese Erscheinung zu 
deuten haben, können wir nicht entscheiden. 

Wir habenalso, um zusammenzufassen,bei un¬ 
ser er anatomischenUntersuch ung an Aleppo b eule 
erstens ausgesprochen tuberkuloide Gewebs- 
struktur feststellen können und zweitens die 
Erreger entweder gar nicht oder nur sehr 
spärlich nachzuweisen vermocht. Diese Tatsache 
allein muß uns zur Vorstellung führen, daß zwischen 
der Produktion des tuberkuloiden Infiltrates 
und dem Schwinden der Parasiten aus dem 
Gewebe offenbar ein Zusammenhang besteht; 
daß es nicht nur Zufall ist, was wir diesbe¬ 
züglich feststellen konnten, sondern daß es 
sich hier um ein Kausaiverhältnis handelt. 


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112 Kyrie und Reenstierna. 

In welcher Weise diesbezüglich die Dinge liegen, darüber 
konnten wir aus Experimenten Aufschluß gewinnen, welche 
im folgenden eingehender mitgeteilt werden sollten. 

Das Exzisionsmaterial vom Herde aus dem Kinn be¬ 
nützten wir zu Impfungen auf einen Affen und auf einen 
Hund. Bei beiden Tieren wurden Taschenimpfungen in 
die Kutis vorgenoinmen, das hiezu verwendete Material 
wurde im lebenswarmen Zustande in ganz kleinen Parti¬ 
kelchen eingebracht. Es sollen nun zunächst die Proto¬ 
kolle, welche sich auf Tierimpfungen beziehen, in extenso 
wiedergegeben sein: 


I. Generation. 

a) Affe „P u . Inokulation an der Oberlippe rechts und links vom 
Naseneingang, sowie am medialen Abschnitt des rechten oberen Augen¬ 
lides. I0./I. 1917. « 

11./I. Anschwellung der Impfstellen. 

18./I. Anschwellung zurückgegangen. 

20./I. Im Bereiche der Impfstellen an der Oberlippe zwei kleinste 
Knötchen. 

27. /I. Die Knötchen erbsengroß, das rechte ein bißchen größer als 
das linke* 

4./II. Derselbe Befund. Vielleicht etwas Rötung der Haut über 
dem rechten Knötchen. 

16./1I. Knötchen unverändert vorhanden. 

März-April: An den Impfstellen keinerlei Veränderungen (vielleicht 
sind die Stellen ein wenig derber). 

Anfang Mai zeigen sich an allen drei Impfstellen deutliche An¬ 
schwellungen, die Haut darüber ist leicht gerötet. 

10./V. Besonders an der Supraorbitalstelle wird der Knoten 
größer, an der Oberlippe gleichfalls deutlich gerötete Knoten. 

16./V. Knoten an der Supraorbitalstelle kirschkerngroß, derb an- 
zu fühlen. Die Knoten an der Oberlippe unverändert. 

20./V. Am Knoten an der Supraorbitalgegend zeigt sich ein 
kleines Krüstchen. Desgleichen an den beiden Lippen Knötchen. 

28. /V. Der Knoten in der Augenbogengegend (Fig. 4) zeigt an der 
Kuppe einen über linsengroßen Substanzverlust, durch eine Kruste ge¬ 
deckt. Nach Abhebung derselben zeigt sich eine scharf umschriebene, 
seichte Ulzeration (braunrotes Infiltrat). (Es werden Strich Pp. angelegt.) 
Das Knötchen an der Oberlippe rechts wird exstirpiert. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 113 

31./V. Der Impfeffekt an der Supraorbitalgegend deutlich größer 
nach Wegnahme der Kruste bleibt eine stark nässende, kupferbraune 
Infiltration offen liegen, über welche sich rasch eine neue Kruste bildet, 
(Inokulation von Sekret auf „alten“ Affen siehe Protokoll Generation 2.) 

14./VI. Nachdem in den folgenden Tagen mehrmals Wanzen an 
den großen Herd in der Supraorbitalgegend zum Saugen angesetzt 
worden waren, werden am 14./VI. beide noch übrig gebliebenen Herde 
exstirpiert. (Es wird weiter geimpft] auf Affen „ohne Kette“, siehe Pro¬ 
tokoll Generation 2.) 


b) Hund 1. Inokulation am Übergang der Oberlippe zur Nase 
rechts und links vom Septum, sowie in der Schwanzgegend und an einer 
Stelle der linken Brusthaut. I0./I. 1917. 

11./I. Anschwellung der Impfstelle an der Brust, im Bereiche 
der Nasenöffnung Impfstellen ein wenig inflammiert, Hund schleckt fort¬ 
während. 

13./I. Anschwellung und entzündliche Rötung zurückgegangen- 

20. /I. Ein kleines Knötchen an der Brust noch sichtbar; Impf¬ 
stellen an der Oberlippe vollkommen abgeheilt. 

Bl./I. Nichts Auffälliges zu sehen. 

18./II. Nichts Auffälliges zu sehen. 

2./V.] An den Nasenöflhungen beiderseits haben sich an den Stellen 
der Impfung kleine Infiltrate entwickelt, die von kleinen festhaftenden 
Krusten bedeckt sind. An den zwei anderen Impfstellen normale Ver¬ 
hältnisse. 

10./V. Status idem. Nach Wegnahme der Kruste bleibt eine 
nässende, lachsrote Erosion an der Kuppe des Infiltrates. Sehr rasche 
Krustenbildung. 

21. /V. Beiderseits bestehen kleine Ulzerationen an der Impfstelle. 

30./V. Zeichnung. (Fig. 5) 

4./VI. Beide Herde werden exstirpiert. (Strichpräparate.) Material 
wird in Sublimat-Alkohol eingelegt, ferner wird geimpft („Ketten“-Affe 
und Hund II siehe Protokoll 2. Generation.) 

Bei beiden Tieren ist also die Inokulation angegangen: 
beim Affen an allen Stellen, beim Hunde nur im Bereiche 
der Oberlippe, nicht aber in der Schwanzgegend und an 
der Brusthaut. 

Wir möchten hier daran erinnern, daß auch bei Syphilis¬ 
impfungen an Affen nicht alle Körperstellen gleich empfänglich für das 
Haften des Virus sind, daß wir beispielsweise die Augenbogengegend 
und das Genitale als sehr geeigneten Impfplatz kennen, während Extre¬ 
mitäten oder Brust - Bauchgegend ein refraktäres Verhalten zeigen. 
Ähnliches scheint nun auch für den Hund bezüglich Haftens des Impf¬ 
materiales zu gelten. 

Arcfc. f. Dermal, u. Syph. Bd. 128. g 


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Kyrie und Beestierna. 


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Ungefähr vier Monate nach der Impfung entstanden 
sowohl beim Affen als beim Hund an den Inokulations¬ 
stellen 1 Affekte, die dem klinischen Aussehen nach durchaus 
mit jenen übereinstimmten, wie wir sie bei unserem 
Kranken gesehen hatten. Sie waren nur im ganzen kleiner. 
Besonders bemerkt sei, daß der Typus der Ulzerationen 
genau so war wie bei der menschlichen Beule. Leish¬ 
manien fanden sich im Gewebe, doch nicht allzu reichlich. 
Über die histologischen Verhältnisse wird später berichtet 
werden. 

In dem Protokoll ist auch erwähnt, daß versucht 
wurde, ob das Virus etwa durch Wanzen zu übertragen 
wäre; alle diesbezüglichen Versuche verliefen ergebnislos. 

II. Generation. 

Mit Sekret aus der Orbit aleffloreszenz des Affen P. wird am 
30./V. 1917 „alter* Affe geimpft u. zw. in die Supraorbitalgegend beider 
seits, rechts in drei, links in zwei Hauttaschen. 

5./VI. An den Impfstellen noch kleine Knötchen zu sehen (Inoku¬ 
lationstrauma). 

14./VI. Impfstellen erscheinen normal. 

13. /VII. An den Impfstellen keinerlei Veränderung. 

30./VII. Status idem. 

14. /V1II. Status idem. 

24./VIII. Es finden sich zwei kleine, über linsengroße, braun¬ 
gelbe Knötchen rechts und links vom Nasenansatz in der Supraorbital¬ 
gegend. 

27./VIII. Das kleine, am linken Supraorbitalrand sitzende Knötchen 
wird exstirpiert. 

20./IX. Der Herd rechts ist ein wenig größer geworden, in Farbe 
und Konsistenz unverändert. 

7./X. Der Herd wieder deutlich größer, die Farbe röter. Kon¬ 
sistenz des Infiltrates ziemlich derb. 

10./X. Knötchen wird exstirpiert. 


Affe „ohne Kette“ wird am 14./VI. in subkutane Taschen 
mit Material von dem aus der Supraorbitalgegend exstirpierten Herd 
des Affen P. inokuliert u. zw. im rechten inneren Augenwinkel, in der 
linken Supraorbitalgegend und am rechten äußeren Augenwinkel. (Es 
wird hiezu ziemlich reichlich Material verwendet.) 

13./VII. An den Impfstellen keinerlei Veränderung. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 115 


30./VII. Status idem. 

24./VIII. Status idem. 

26./IX. Status idem. Tier +. Obduktion ergibt nichts Bemerkens¬ 
wertes. Die histologische Untersuchung der Impfstellen läßt nichts Auf¬ 
fälliges erkennen. 


Mit Beulenmaterial von Hund I wird geimpft am 4./VI. 1917: 

a) „Kette n u -Af f e: An beiden inneren Augenwinkeln, desgleichen 
am rechten äußeren Augenwinkel. Kein Erfolg. 

b) Hund II am Naseneingang, rechts und links vom Septum. (In¬ 
trakutane Taschenimpfung.) 

13. /V1I. An den Impfstellen keinerlei Veränderung. 

20./VIII. Nichts Sicheres an der Impfstelle nachweisbar. 

14. /IX. An der rechten Inokulationsstelle ein Infiltrat nachweis¬ 
bar. Der Hund schleckt beständig an dieser Stelle. 

10./X. Das Infiltrat deutlich großer geworden, Epidermis darüber 
erhalten. Infiltrat springt als Knötchen vor. Linke Inokulationsstelle 
frei von Veränderung. 

20./X. Knoten an der rechten Impfstelle unverändert groß, an der 
Kuppe fehlt im ganz kleinen Umfang die Epidermis, das Infiltrat liegt 
bloß, nässende Stelle. 

25./X. Knoten deutlich erodiert. Wird exzidiert. Damit werden 
geimpft: Hund III, Affe H und „großer“ Affe (siehe Protokolle der 
III. Generation.) 

10./XI. Die zweite Impfstelle am linken Naseneingaug beginnt 
nun auch hervorzutreten. 

15. /XI. Heute findet sich am linken Naseneingang ein veritables 
Infiltrat. Die Exzisionsstelle der rechten Seite, die bis auf eine kleine 
Ulzeration in der Mitte verheilt war, ist nun zu einem großen Ulkus 
umgewandelt. 

27./XI. An der Impfstelle links ein übererbsengroßer Knoten, der 
an der Kuppe eine kleine Erosion trägt. An der Exzisionsstelle rechts 
besteht ein über zehnhellerstückgroßes, braunrot gefärbtes Ulkus mit 
scharf begrenztem Rand. 

10./XII. Das Ulkus rechts zeigt vom Rand her Vernarbung, der 
Geschwürsgrund noch immer düsterbraunrot gefärbt. Impfknoten links 
unverändert, an der Kuppe besteht eine kleine Ulzeration. 

15./XII. Hund wird getötet. Mit dem Material vom Knoten links 
wird auf Hund IV weitergeimpft (siehe Protokoll III. Generation). 

Obduktionsbefund: Innere Organe makroskopisch unverändert, die 
Drüsen in der Submaxillargegend beiderseits deutlich vergrößert. 
(Leishmanien +++.) 

In dieser Versuchsreihe sehen wir zunächst, daß zwei 
Inokulationen (von Hund auf Affen und von Affen auf 

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Kyrie und Reenstierna. 


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Affen) nicht angegangen sind. Die beiden anderen Imp¬ 
fungen ergaben positive Resultate u. zw. fanden sich beim 
„alten“ Affen schon nach etwas weniger als drei 
Monaten an zwei Impfstellen über linsengroße Knötchen, 
von denen das eine im Verlaufe von weiteren zwei Monaten 
deutlich größer wurde. In beiden Impfeffekten fand sich, 
wie gleich bemerkt sei, eine außerordentlich große Zahl 
von Leishmanien. Die Inkubationszeit für die 
Entwicklung de’r Knoten erscheint bei diesem 
Versuchstier gegenüber der ersten Genera¬ 
tion etwas verkürzt. 

Beim Hund trat der Impfeffekt an der einen Stelle 
nach etwas mehr als drei Monaten hervor und entwickelte 
sich rasch zu einem größeren Knoten, der an der Kuppe 
ulzerierte. Die Exzisionsstelle dieses Affektes heilte nicht 
per primam, sondern sie wandelte sich in etwas mehr als 
14 Tagen zu einem großen spezifischen Ulkus um. Leish¬ 
manien waren in diesem Affekte reichlichst vorhanden. 

An der zweiten Impfstelle ging das Inokulat erst nach 
mehr als fünf Monaten auf und führte zur Bildung eines, 
allerdings nicht allzu großen ulzerierten Knotens, in dem 
auch Leishmanien gefunden werden konnten. 

Hier haben wir also einen gewiß auffallenden Befund 
vor uns: Gleichzeitig eingebrachtes Virus ver¬ 
hielt sich im Gewebe wesentlich verschieden; 
an der einen Stelle löst es die Infiltratbildung zur gewöhn¬ 
lichen Zeit ans, an der anderen Stelle blieb es fast doppelt so 
lang inaktiv liegen, zeigt schließlich aber doch volle Pro¬ 
liferationsfähigkeit. Trotz der voll entwickelten 
Beule an der einen Inokulationsstelle konnte 
doch der zweite Infekt, wenn auch wesentlich 
verspätet, heranwachsen. Ein hoher Immunitätszu¬ 
stand war dazumal also trotz Bestehens der einen Beule 
noch nicht gegeben. 

Von dieser Impfserie wurde nun weiter übertragen: 

III. Generation. 

Material von Hand II wird am 25./X. übertragen a) auf Hand III, 
b) auf Affe „H“, c) auf „großen“ Affen und am 15./XII d) auf Hund IV. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. H7 

a) Hund III wird geimpft (25./X. 1917) links und rechts vom 
Nasenseptum. Es wird viel Impfmaterial verwendet. 

19. /XI. Das Impfmaterial zum größten Teile resorbiert, an den 
Impfstellen kaum eine Resistenz. 

27./XI. An beiden Impfstellen markieren kleine Depigmentationen 
den Ort der Materialeinbringung. Schwellung nicht nachweisbar. 

16./XII. Beide Stellen deutlich infiltriert, Hund schleckt fort¬ 
während. 

1. /I. 1918. Impfstelle links erodiert, kleines Ulkus; das Infiltrat 
rechts noch von Epidermis bedeckt. 

12./I. Beiderseits übererbsengroße Ulzerationen. 

24. /I. Das Ulkus rechts wesentlich vergrößert, Ulkus links unver¬ 
ändert. 

3. /II. Ulkus rechts einhellerstückgroß, links etwas kleiner, deutlich 
infiltriert, von der Peripherie aus beginnt vielleicht Vernarbung. (Fig. 6.) 

12./II. Ulkus rechts unverändert, ebenso das linke große; 
letzteres wird exstirpiert. (Überimpfung auf Hund V, siehe Pro¬ 
tokoll Generation IV.) 

2. /III. Ulkus rechts in Vernarbung, die linke Exzisionsstelle, die 
in toto zu einem Ulkus umgewandelt war, gleichfalls in Vernarbung. 

4. /IV. Ulkus rechts noch nicht zur Gänze vernarbt, links ge¬ 
schlossen. 

14. /V. Auch die Stelle, wo das rechte Ulkus gesessen war, völlig 
vernarbt. 

b) Affe „H. u , am 25./X. k 1917 wird in drei subkutane Taschen 
geimpft u. zw. 1. unmittelbar am rechten Augenwinkel, 2. in der Mitte 
des rechten Augenbogens, 3. links im äußeren Drittel des linken Augen¬ 
bogens. 

25. /XI. Das Impfmaterial an allen drei Stellen völlig resorbiert. 

15. /XII. Impfstellen durch ganz kleine infiltrierte Erhebungen 
markiert. 

10./I. 1918. Unmittelbar am rechten Augenwinkel ein übererbsen¬ 
großes, braunrotes, leicht schuppendes, ziemlich derbes Knötchen. In 
der Mitte des Augenbogens rechts Infiltrat deutlich fühlbar, doch an der 
Oberfläche noch keine so markante Veränderung als an der früher er¬ 
wähnten Stelle. Auch die dritte Impfstelle scheint zu kommen. 

15./I. Der älteste Knoten noch etwas größer, auch die linke lateral 
gelegene Impfstelle tritt deutlich hervor. 

20. /I. Der mittlere Knoten zu Übererbsengröße herangewachsen, 
auch der rechte laterale Knoten deutlich größer. An der dritten lnoku- 
lationsstelle^links deutliches Infiltrat sichtbar, Oberfläche leicht braunrot. 
Der laterale rechte Knoten und das frische Infiltrat links wird exstirpiert. 
(Damit wird geimpft „Ketten“-Affe, siehe Protokoll Generation IV.) 

31 ./I. Der Testierende Impfknoten unverändert groß, an der Ober¬ 
fläche keine Ulzeration. 

2./II. An der Kuppe des Knotens eine kleine Kruste. 


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Kyrie und Reenstierna. 


6./H. Knoten scheint noch gewachsen zu sein, er präsentiert sieh 
heute förmlich als prominenter Tnmor von Kirschkerngroße; an der 
Oberfläche eine kleine Kruste. 

16./I1. An der Kuppe zeigt der jetzt überhaselnußgroße Knoten 
deutliche Ulzeration. 

Im Bereiche der linken Exzisionsstelle hat sich an der medialen 
Ecke des Schnittes (der Narbe) ein kleines braunrotes Infiltrat gebildet. 

24. /1I. Knoten besteht fort, in der Exzisionsstelle links gleichfalls 
deutliche Knötchen nachweisbar. 

2. /III. An der Exzisionsstelle links ist heute ein übererbsengroßes, 
braunrotes Knötchen zu sehen (wird exzidiert.) Auch rechts ist neben 
der Exzisionsstelle in der Subkutis ein Knötchen zu fühlen (wird exzi¬ 
diert). Der Knoten in der Mitte unverändert, zeigt Ulzeration im Zen¬ 
trum, bzw. festhaftende Kruste. 

29./III. Der übrig gebliebene große Knoten behndet sich in 
starker Rückbildung. Es ist nur mehr ein flaches, braunrotes Infiltrat 
übrig (wird exstirpiert). 

c) „Großer“ Affe wird am26./X. 1917 in der rechten Backen¬ 
gegend geimpft (wenig Material). 

25. /XI. An der Impfstelle läßt sich ein kleines, derbes Knötchen 
naohweisen. Macht den Eindruck eines unspezifischen Affektes. 

26. /XII. Status idem. 

25./IL 1918. In der Gegend der Impfstelle das Knötchen noch 
immer unverändert, wird exzidiert. (Histologisch unspezifisch — keine 
Leishmanien). 

d) Hund IV, geimpft am 15./Xn. 1917 u. zw. am Naseneingang 
links mit Material vom verspätet aufgetretenen Knoten. 

14. /I. 1918. Die Stelle der Impfung durch eine depigmentierte 
Narbe markiert. Kein Infiltrat. 

24./I. An der Impfstelle links weißliche Narbe, vielleicht etwas 
infiltriert. 

3. /II. Impfstelle gegen früher unverändert, Infiltrat nicht sicher 
nachweisbar. 

15. /II. Impfstelle zeigt noch immer eine deutliche Resistenz. 

2./III. Impfstelle macht heute den Eindruck des Normalen. 

2./IV. Impfetellen unverändert. 

In dieser Generation ist das Virus bei zweien von 
vier Tieren angegangen u. zw. in noch kürzerer Zeit, als 
wir es bei der zweiten Generation gesehen haben. Schon 
nach weniger als zwei Monaten fanden sich an den Iuoku- 
lationsstellen knötchenförmige Infiltrate, die rasch größer 
wurden. Zur Zeit, wo wir bei der ersten Generation erst 
den Beginn der Infiltratbildung beobachten konnten (zirka 
vier Monate nach der Impfung), waren hier die Erscheinun- 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Benle. 


119 


gen bereits in voller Blüte, bzw. schon in Rückbildung, 
dabei war beim Affen wieder die Tatsache festzustellen, 
daß nicht alle Impfstellen im gleichen Tempo die Infiltrat¬ 
entwicklung zeigten. Bemerkenswert ist ferner noch, daß 
durch Exzision und Naht der Affekte keine Primaheilung 
zu erzielen war, sondern daß sich um die Schnittstelle 
große spezifische Ulzerationen entwickelten u. zw. nicht 
sogleich im Anschlüsse an die Operation, sondern erst 
einige Zeit später, nachdem man zunächst den Eindruck 
gewonnen hatte, daß eine glatte Vernarbung erfolgen werde. 
Es ist offenbar Virus in der Umgebung des Affektes depo¬ 
niert gewesen und allmählich zum Wuchern gekommen. 
Leishmanien waren in dem mannigfachen Exzisionsmaterial, 
mit Ausnahme des schon stark im Rückgang begriffenen, 
letzt ausgeschnittenen Knotens vom Affen überall reichlich 
vorhanden. 

Die Weiterimpfung auf eine vierte Tierreihe ergab 
folgende Resultate: 

IV. Generation. 

Material vom Affen „H.“ wird auf „Ketten“-Affen und vom 
Hund III auf Hund V übertragen. 

a) „Ketten“-Affe wird am 20./I. 1918 mit Material vom Affen H. 
(III. Generation) geimpft an der Oberlippe, u. zw. an zwei Stellen rechts 
und links vom Haseneingang. 

31./I. An der Impfstelle links ein deutliches Infiltrat fühlbar. 
Rechts ist die Impfstelle nicht mehr erkenntlich. 

1. /1I. Infiltrat links besteht unverändert fort. Auch rechts an der 
Impfstelle ein kleines Infiltrat fühlbar. 

6. /II. Impfstelle links zeigt die Inokulationsstelle noch deutlich 
infiltriert, rechts heute kaum etwas fühlbar. 

15./1I. Infiltrat links unverändert bestehend, rechts nicht sicher 
nachweisbar. 

24./II. An der Inokulationsstelle links ein braunroter, oberflächlich 
schuppender Knoten von ungefähr Erbsengroße. Rechts nichts Sicheres 
nachweisbar. 

2. /III. Knoten links noch etwas größer, intensiv braunrot verfärbt. 

7. /III. Die Hälfte der Knoten wird exzidiert und Partikelchen 
hievon auf „großen“ Affen überimpft (siehe Protokoll Generation V). 

29/III. Exzisionsstelle völlig vernarbt. Die übrig gebliebene 
Hälfte des Knotens unverändert. Die rechte Inokulationsstelle nun auch 
deutlich infiltriert. 


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3. /IV. An beiden Impfstellen zeigen die Infiltrate nun ein sehr 
auffälliges Wachstum. Der intakte Knoten rechts ist zu Erbsengroße 
herangewachsen, er ist förmlich entzündlich gerötet. Das zur Hälfte 
exzidierte Infiltrat links zeigt gleichfalls stürmisches Wachstum; die 
völlig vernarbte Exzisionsstelle ist deutlich infiltriert und zeigt braunrote 
Verfärbung. Der ganze linke Oberlippenanteil tritt plateauartig infiltriert 
hervor. 

5./IV. Knoten in den letzten zwei Tagen noch vergrößert. Die 
ganze Oberlippe geschwollen. 

7./IV. Der rechte, übererbsengroße, an der Peripherie entzündlich 
gerötete Knoten, der noch geschlossen ist, im Zentrum aber bereits die 
Stelle zeigt, wo es zum Durchburch und zur Ulzeration kommen wird, 
wird exstirpiert. 

An der Exzisionsstelle des anderen Knotens sind die Verhältnisse 
im gleichen, die starke Infiltrierung und Schwellung der Oberlippe be¬ 
steht fort. 

Ferner findet sich im Bereiche des linken inneren Augenwinkels 
ein kleines, reiskorngroßes, braunrotes Knötchen (vielleicht Metastase?). 

Ferner im rechten äußeren Augenwinkel ein entzündliches, in der 
Mitte mit einer Kruste bedecktes Infiltrat von Erbsengroße, dessen Ent¬ 
wicklung seit ungefähr acht Tagen beobachtet wird. 

Mit dem exstirpierten Material wird geimpft: Affe H. (Reinoku- 
lation, siehe Protokoll hierüber) und Hund IV (zum zweiten Mal), ferner 
zwei Meerschweinchen subkutan in die Bauchhaut (negatives Resultat). 

13./IV. Das Knötchen im linken inneren Augenwinkel deutlich 
größer, braungelb verfärbt. Das Knötchen im rechten äußeren Augen¬ 
winkel entzündlich, gegen früher unverändert groß. 

16. /IV. Knötchen rechts vom äußeren Augenwinkel unverändert, 
stark entzündlich gerötet, auch das Knötchen im linken inneren Augen¬ 
winkel heute entzündlich verändert. 

17. /IV. Beide Knötchen werden exstirpiert. 

An dem am 7./III. zur Hälfte ausgeschnittenen Knoten auch jetzt 
eine große Ulzeration entwickelt. Oberlippe noch immer mächtig ge¬ 
schwollen, auch die Schleimhaut ist in die Schwellung einbezogen. 

4. /V. Die große Testierende Beule an der Oberlippe wird in toto 
exzidiert. 

20./V. Exzisionsstelle geheilt. 

9./VL Tier +• Obduktion ergibt nichts Bemerkenswertes. 

6) Am 12./II. 1918 wird Hund V mit Exzisionsmaterial vom 
Hund III geimpft u. zw. an vier Stellen im Bereiche des Naseneinganges, 
bzw. der Oberlippe; zwei Inokulationsstellen ganz lateral vom Septum, 
zwei demselben rechts und links benachbart. 

2./III. An den Impfstellen bis auf weißliche Närbchen nichts 
nachweisbar. 

2./IV. An den Impfstellen nichts nachweisbar. 

2./V. Status idem. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 121 


2./VI. Status idem. 

2./VII. An den Impfstellen sind deutliche Infiltrate zu sehen. 
Hund schleckt. 

10./VIII. Die vom Septum lateral gelegenen Infiltrate zeigen Ulze- 
rationen; alle Infiltrate sind größer geworden. 

20./VT1I. Die Infiltrate sind in ihrer ganzen Erstreckung ulaeriert 
und so beträchtlich vergrößert, daß sie fast aneinander stoßen. 

10./1X. Der ganze Naseneingang links ist eigentlich zu einem 
großen Ulkus nmgewandelt. 

5./X. Status idem. Ein Stück des Ulkus wird exzidiert und damit 
auf „großen“ Affen überimpft (Reinokulationsversuch). 

Bei beiden Tieren konnte also Haften des Virus er¬ 
zielt werden. Beim Hunde sehen wir die Inkubationszeit 
gegenüber der bei den früheren Generationen verlängert. 
Fast fünf Monate sind nach der Impfung vergangen, bis 
die Infiltrate markant wurden; Ulzeration an den Inoku¬ 
lationsstellen war erst nach ungefähr sechs Monaten auf¬ 
getreten. Alle Impfstellen verhielten sich diesbezüglich 
gleich. — Beim Affen hingegen konnte ein geradezu über¬ 
stürztes Angehen des Virus beobachtet werden. Hier war 
schon nach ungefähr fünf Wochen an einer Impfstelle ein 
typischer braunroter Knoten entwickelt, in dem sich bei 
der histologischen Untersuchung reichlich Leishmanien 
fanden. Die zweite Impfstelle war etwas später hervor¬ 
gekommen, aber auch sie war ungefähr zwei Monate nach 
der Inokulation schon mit einem voll entwickelten Infiltrat 
versehen. Was bei diesem Tiere noch als besonders auf¬ 
fällig bezeichnet werden muß, ist der Umstand, daß im 
Bereiche der Infiltrate wie mit einem Schlage stürmisches 
Wachstum eingesetzt hat. Die Knoten wurden plötzlich 
inflammiert und nahmen innerhalb weniger Tage an Größe 
auffallend zu. Zweieinhalb Monate post inoculationem 
war dieser Höhezustand bereits erreicht. Erwähnt sei, daß 
sich auch hier wieder an den Exzisionsstellen spezifische 
Ulzera etabliert hatten. 

Ob es sich in den beiden abseits von den Impfstellen 
zur Entwicklung gekommenen Knötchen um Äußerungen 
gehandelt hat, die zum Infekt gehören, ob demnach hier 
vielleicht eine Propagation des Virus über die Stelle der 
Läsion hinaus stattgefunden hat, kann nicht sicher ent- 


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schieden werden; Leishmanien konnten wir in diesen 
Knötchen nicht auffinden; die histologische Struktur wfirde 
allerdings nicht gegen die ätiologische Zugehörigkeit zu 
dem spezifischen Prozeß sprechen. 

Zweifellos haben wir bei diesem Tiere die stürmi¬ 
schesten und am raschesten zur Entwicklung gekommenen 
Erscheinungen unter allen Versuchen vor uns. Das Virus 
hat also durch die wiederholte Tierpassage gewiß an Pro¬ 
liferationsvermögen nichts eingebüßt, ja man wird im 
Gegenteil zur Vorstellung gedrängt, daß hier eher eine 
Steigerung des Virulenzzustandes eingetreten ist. Wir 
werden später noch davon zu sprechen haben. Bemerken 
müssen wir noch, daß, wie aus den früheren Protokollen 
hervorgeht, der Affe, bei welchem die Erscheinungen so 
stürmisch verlaufen sind, schon früher einmal im Versuche 
war (siehe Generation III). Die dazumal am 4./VI. 1917 
vorgenommene Impfung ergab ein negatives Resultat. Wir 
glauben nicht, daß der auffallende Verlauf bei der um 
mehr als ein halbes Jahr später wiederholten Impfung 
durch diesen ersten Eingriff irgendwie beeinflußt worden 
sein konnte. 

Die Weiterimpfung auf eine fünfte Generation führte 
zu folgenden Ergebnissen: 


V. Generation. 

Material vom „Ketten“ - Affen wird übertragen a) auf „großen“ 
Affen 7./III, 1918, b) auf Hund IV 7./IV. 1918. 

d) 7./III. 1918. An zwei Stellen an der Oberlippe wird „großer" 
Affe mit Material vom „Ketten“-Affen geimpft. 

29./III. An beiden Impfstellen deutliche linsengroße braunrote 
Knötchen. 

31./III. Das Knötchen links wird exstirpiert (Leishmanien -f- + +). 
Mit der Hälfte des Exzisionsmateriales wird alter Affe geimpft (Reino- 
kulationsversuch.) 

3./IV. Exzision in Heilung; die zweite Stelle mit dem Impf¬ 
knötchen ist gegen letzte Beobachtung unverändert. 

7./IV. Das Knötchen rechts etwas größer. Die Exzisionsstelle 
erodiert, es scheint hier zur Ulkusbildung zu kommen. 

13./IV. Knötchen besteht unverändert. 

19./IV. Knötchen besteht unverändert, links hat sich ein Ulkus 
entwickelt. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 128 


22./IV. Status idem. 

5./V. Das Ulkus an der Exzisionsstelledeutlich größer. Das Knötchen 
rechts besteht fort, es ist wieder ein wenig gewachsen. 

21, JV. Ulkus besteht weiter fort. Das Knötchen rechts deutlich 
größer. Das Ulkus wird exstirpiert; damit wird geimpft Affe 0. (Tier 
vier Tage später eingegangen.) 

25./VI. Knötchen rechts rückgebildet. 

b) Hund IV wird am 7./IV. neuerlich inokuliert u. zw. an zwei 
Stellen an der Nasenöffnung am Übergang der Haut in die Schleimhaut 
rechts und an einer Stelle links. Die ersten zwei Stellen mit reichlichem 
Material beschickt, die dritte Stelle hat weniger bekommen. 

Anfang August finden sich an den Inokulationsstellen aiemlich 
umfängliche Infiltrate, an einer Stelle Beginn der Ulzeration. 

Anfang September : Die Erscheinungen an den Impfstellen haben 
an Intensität noch zugenommen, die Ulzerationen sind miteinander zum 
Teil konfluiert. 

10./IX. Der Naseneingang trägt ein großes spezifisches Ulkus, das 
sich vom Septum über den Nasenflügel erstreckt. 

25./IX. Teilexzision des Ulkus. (Reinokulationsversuch auf Affe H.) 

Hund und Affe, vom Affen geimpft, zeigten demnach 
positiven Inokulationseffekt. Beim Hund sahen wir wieder, 
ähnlich, wie bei der vierten Generation, ein etwas ver¬ 
spätetes Angehen des Virus. Das Infiltrat brauchte fast 
vier Monate, bis es zur Entwicklung kam. — Der Affe 
hingegen läßt bezüglich des Tempos der Enötchenbildung 
Ähnliches erkennen wie in der früheren Versuchsreihe. 
Auch hier kommt das Infiltrat außerordentlich rasch zum 
Vorschein, ja noch ein wenig rascher, als wir es beim 
„Ketten“-Affen in der vierten Generation gesehen haben. Nach 
etwas mehr als drei Wochen konnten wir schon ein veri- 
tables Knötchen exstirpieren, in dem sich geradezu unge¬ 
heure Mengen von'Leishmanien vorfanden. An der zweiten 
Impfstelle kam es, wenn auch etwas verzögert* so doch 
gleichfalls sehr rasch, zur Infiltratbildung. Die Exzisions¬ 
stelle bildete sich auch hier wieder zu einem Ulkus um. 

Überblicken wir unsere Experimente, so' geht aus 
denselben zunächst eindeutig hervor, daß die 
Übertragung von Aleppobeule auf Tiere leicht 
gelingt. Darin decken sich unsere Ergebnisse voll¬ 
kommen mit denen einer Reihe anderer Autoren (Mar- 
zinowski, Nicolle und Siere, Nicolle und Mau- 


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Kyrie und Reenstierna. 


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c e a u x, Reinhardt, Rox, Wenyon, Gonder, 
Bouiller, Laveron). Weiter ergibt sich aus den Unter¬ 
suchungen, daß die Überimpfung von Tier zu Tier 
ohne Schwierigkeiten durchzufQhren ist und daß bezüg- 
lich der Zahl von Generationen, die man erreichen kann, 
eine Grenze offenbar nicht besteht. Das Virus erfährt 
allem Anscheine nach durch die wiederholte Tierpassage 
keinerlei Hemmung in seinem Proliferationsvermögen, ja 
man muß im Gegenteile aus unseren Impfresultaten den 
Eindruck gewinnen, daß das Wachstumsvermögen der Para¬ 
siten von Generation zu Generation zugenommen hat. Bei 
der Übertragung von Mensch auf Tier benötigte das Virus 
ungefähr vier Monate, um am Orte des Infektes ein Infil¬ 
trat hervorrufen zu können, bei der zweiten und dritten 
Generation war das Intervall hiefür schon etwas verkürzt, 
bei der vierten und fünften Reihe auf wenige Wochen 
reduziert. Dies gilt für den Affen. Beim Hunde liegen 
die Verhältnisse anders. Es scheinen sich demnach diese 
beiden Tierspezies gegen die Infektion mit Leishmanien 
verschieden zu verhalten, Affen sind für das Virus offenbar 
empfänglicher, die Parasiten akkomodieren sich an diesem 
Organismus anscheinend rascher, als es beim Hunde der 
Fall ist. 

Gleichzeitig mit der auffallend verkürzten Inkubations¬ 
zeit bei der vierten und fünften Affengeneration sahen wir 
aber auch ein ungewöhnlich stürmisches Einsetzen des 
Wachstums der Infiltrate. Im Gegensatz zur Entwicklungs¬ 
art der Knoten bei den ersten Generationen, wo der Affekt 
nur sehr langsam größer wurde und akut entzündliche 
Erscheinungen niemals festzuhalten waren, konnten wir 
hier beobachten, wie das Infiltrat von acht zu acht Tagen 
massiger wurde und der Herd während dieser Periode des 
stürmischen Wachstums deutlich inflammiert erschien. Mit 
der Begrenzung des Wachstums schwanden auch die akut 
entzündlichen Erscheinungen und die Rückbildung des In¬ 
filtrates ging rasch vor sich. Diese beiden Tatsachen zu¬ 
sammengenommen, die Verkürzung der Inkubationszeit 
einerseits, das auffallend stürmische Wachstum der Infil- 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 


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träte andrerseits, scheinen uns der bestimmte Aus¬ 
druck dafür zu sein, daß das Virus durch die 
wiederholte Tierpassage in seiner biologischen 
Qualität eine Änderung erfahren hat, u. zw. im 
Sinne einer Virulenzsteigerung. Allerdings war 
dieselbe in gewisser Hinsicht auch nur eine beschränkte. 
Das Virus vermochte infolge des erhöhten Proliferations¬ 
vermögens zwar am Orte des Infektes rascher Erschei¬ 
nungen zu produzieren, nicht aber abseits von diesen 
Stellen Krankheitsherde hervorzurufen. Propagationsfähig 
in dem Sinne, daß eine hämatogene Anssaat des Virns in 
den Organismus stattgefnnden hatte, ist es trotzdem nicht 
geworden, wenigstens konnten wir hiefür keine sicheren 
Anhaltspunkte gewinnen. Denn daß es sich in den 
Affekten des Versuchstieres der vierten Generation, welche 
entfernt von den Impfstellen aufgetreten waren, um Pro¬ 
zesse gehandelt hat, die durch Leishmanien bedingt ge¬ 
wesen sind, konnte, wie früher schon bemerkt, nicht sicher 
entschieden werden. Und selbst wenn es sich hier um 
spezifische Infiltrate gehandelt hätte, so wäre man noch 
nicht gezwungen, für ihr Entstehen eine hämatogene Pro¬ 
pagation des Virus annehmen zu müssen. Es würde sich 
dies auch mit einer Wanderung des Virus auf dem Lymph- 
wege erklären lassen. Schließlich lagen diese Knötchen 
ja im Gesicht, nicht allzu weit entfernt vom Impfplatze, 
das Virus hätte dorthin auf dem Lymphwege gelangen 
können; und daß das Virus in die Lymphspalten 
und -Gefäße eindringt und von da bis zu den 
regionären Lyraphdrüsen gelangen kann, steht 
ja über jeden Zweifel fest. Wir haben dies an 
unserem Materiale sicher beobachten können an dem 
Hunde II (II. Generation). In der zum Sitze des Ulkus 
regionär gelegenen Drüse fanden sich reichlich Leishma¬ 
nien. Hier waren also die Parasiten auf dem Lymphwege 
gewissermaßen bis zur höchsten Stelle vorgedrungen. 
Vielleicht ist dieses Vorkommnis nicht die Regel, daß aber 
die Leishmanien über den Ort des Infektes hinaus ins ge¬ 
sunde Gewebe Vordringen und dort in den Gewebs- und 


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Lymphspalten deponiert werden, daß demnach eine örtliche 
Wanderung des Virus, wenn vielleicht auch nur in be¬ 
schränktem Maße stattfindet, erscheint uns zweifellos sicher. 
Dafür sprechen schon die Erfahrungen, welche wir bei den 
vielfachen Exzisionen in unserem Materiale machen konnten. 
In mehreren Fällen gelang es uns, trotzdem wir iin Ge¬ 
sunden ausgeschnitten hatten, nicht eine Primaheilnng zu 
erzielen. In den ersten Tagen nach der Exzision hatte 
man ja den Eindruck, als ob die Naht glatt verheilen 
müßte, schließlich aber bildete sich doch die ganze Stelle 
zu einem spezifischen Ulkus um. Hier war also jedenfalls 
Virus im Umkreis des Infiltrates eingelagert, das nun, 
vielleicht provoziert durch den Reiz bei der Operation, zur 
Proliferation gekommen ist. Daß das Gewebe erst beim 
Eingriff infiziert worden sei, daß früher demnach Parasiten 
dort überhaupt nicht vorhanden waren, erscheint uns 
weniger wahrscheinlich. 

Aus den erwähnten Beobachtungen glauben wir also, 
daß wir es in dem Erreger der Aleppobeule mit einem 
Virus zu tun haben, dem eine gewisse Affinität zum Lymph- 
gefäßsystem innewohnt. Es bleibt bei seinem Eindringen 
in die Haut nicht strenge lokalisiert am Orte des Infektes, 
sondern es dringt auf dem Wege der Lymphspalten und 
Gefäße in die Umgebung vor und kann selbst bis in die 
regionären Lymphdrüsen gelangen. Darüber hinaus scheint 
eine Propagation allerdings nicht mehr zu erfolgen. In 
dem Sinne erscheinen der Proliferation des Virus bestimmte 
Grenzen gesetzt. 

Diese Proliferationsbeschränkung des Virus verleiht 
der Erkrankung, mit der wir es hier zu tun haben, eine 
gewisse Besonderheit; und sie ist, wie wir meinen, haupt¬ 
sächlich bedingt durch die eigenartigen Immunitätszustände, 
welche bei Anwesenheit des Virus in der Haut ausgelöst 
werden und nicht durch abnorme Qualitäten des Virus 
selber, etwa in dem Sinne, daß Leishmanien, ähnlich wie 
wir es beispielsweise von gewissen Fadenpilzen wissen, 
überhaupt die Fähigkeit abginge, in die Blutbahn Vor¬ 
dringen zu können. Wir kennen ja doch eine Erkrankung, 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 


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bei der die dem Virus der Aleppobeule morphologisch 
und kulturell völlig gleichartigen Parasiten ausgesprochene 
Neigung zum Einbruch in die Blutbahn zeigen, ja uns ge¬ 
radezu als Paradigma für ein Blutvirus zu gelten haben: 
wir meinen den Kala-Azar. In der biologischen Qualität 
des mit dem Virus des Kala-Azar völlig übereinstimmenden 
Erregers der Aleppobeule kann es demnach, wie wir 
glauben, wohl kaum gelegen sein, daß der Übertritt des 
Virus in die Blutbahn und damit die Bildung von Meta¬ 
stasen unterbleibt. Der Grund dafür muß, wie es scheint, 
vielmehr nur darin gesucht werden, daß das Virus in der 
Haut und Wohl auch in den Lymphdrüsen, wenn es dort¬ 
hin gelangt, eine weitgehende Inaktivierung erfährt. 

Bemerkt sei noch zur besseren Illustration der eigen¬ 
artigen Verhältnisse, die diesbezüglich vorliegen, daß bis¬ 
her kein Fall bekannt ist. wo Aleppobeule mit Kala-Azar 
oder umgekehrt Kala-Azar mit Aleppobeule kombiniert 
vorgekommen wäre. Kala-Azar setzt niemals spezifische 
Veränderungen auf der Haut, Aleppobeule wieder führt 
nie zu Erkrankungen der inneren Organe. Das morpho¬ 
logisch und kulturell absolut gleiche Virus führt also zu 
ganz verschiedenen Äußerungen, je nachdem es sich in 
der Haut oder in den inneren Organen lokalisiert. Trotz¬ 
dem stellen Kala-Azar und Aleppobeule der gangbaren 
Meinung nach eine ätiologisch einheitliche Erkrankung 
dar, letztere scheint gewissermaßen] die kutane Form der 
ersteren zu sein. Hierin sind wir mit Schrötter 
einer Meinung. Der Grund dafür, warum der Infekt der 
Haut ganz anders verläuft wie der der inneren Organe, 
ist, wie oben schon bemerkt, wohl hauptsächlich auf die 
eigenartigen Abwehrkräfte zu beziehen, über welche die 
Haut Infekten gegenüber verfügt. Gerade hier erscheint 
uns das Integument wieder so recht als Organ sui generis, 
in seinem Reaktions- und Abwehrvermögen gegen Infekte 
irgendwelcher Art ganz besonders eingestellt. 

Wir sind auf diese Verhältnisse deshalb zu sprechen 
gekommen, weil es uns nicht ganz unmöglich erscheint, 
daß die Beziehungen des Kala-Azar zur Aleppo beule auf 


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dem Wege des Tierexperimentes endlich doch eindeutig 
erkannt werden können. Durch die in unseren Versuchen 
gefundene Tatsache, daß die Virulenz des Virus der Aleppo¬ 
beule durch wiederholte Tierkörperpassage eine Steigerung 
erfährt, erscheint es doch ziemlich wahrscheinlich, daß in 
der Virulenzzunahme schließlich ein Punkt erreicht werden 
kann, wo der natürliche Schutz von Seite des Integuinentes 
vielleicht nicht mehr auszureichen vermag, um die Proli¬ 
feration des Virus auf die Haut allein beschränken zu 
können. Wir halten es demnach für nicht unmöglich, daß 
bei fortgesetzter Generationsimpfung mit Aleppobeulen¬ 
material ein Stadium erreicht werden kann, wo das Virus 
eine hämatogene Aussaat erfährt, wo demnach beim Tier 
Erscheinungen auftreten, die mit denen des Eala-Azar in 
eine Linie gebracht werden können. So hypothetisch 
diese Annahme zunächst scheinen mag — Mangel an Tier¬ 
material, durch die Kriegsverhältnisse bedingt, verhinderte 
uns weitere Versuche zur Klärung dieser Frage anzu¬ 
stellen — die Tatasche, daß man die Virulenz des Virus 
durch wiederholtes Verimpfen von Tier zu Tier überhaupt 
steigern kann, ist doch schließlich ein ziemlich deutlicher 
Hinweis darauf. Wenn die lange Inkubationszeit für die 
Entwicklung der Infiltrate wegfällt, so wird damit auch 
die Mobilisierung der Schutzkräfte der Haut eine Beschrän¬ 
kung erfahren müssen, kurz, es werden die Verhältnisse 
derart verändert, daß damit auch die Möglichkeit einer 
hämatogenen Propagation des Virus gegeben erscheinen 
kann. Diese Hypothese von vornherein durch den Hinweis 
entkräften zu wollen, daß beim Menschen, trotz fortwäh¬ 
render Infektion von Generation zu Generation weder eine 
Verkürzung der Inkubationszeit, noch ein stürmischeres 
Angehen des Infektes erreicht werden konnte, erscheint 
uns nicht angängig. Die Übertragung des Virus von 
Mensch zu Mensch erfolgt ja in der Regel doch nicht 
direkt, sondern, wie heute allgemein angenommen wird, 
mittels eines Zwischenwirts; es wäre also durchaus möglich, 
daß das Virus deswegen auf einer gewissen konstanten 
Virulenz erhalten wird, daß aber bei einem fortgesetzten 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 129 

direkten Ubertragungsmodus sehr bald eine Änderung ein- 
treten würde. Wir wollen diesbezüglich an die Verhältnisse 
bei der Malaria erinnern, bei der es für den Verlauf der 
Erkrankung auch durchaus nicht gleichgültig ist, auf wel¬ 
chem Wege der Infekt erfolgt, ob durch Vermittlung von 
Anophelen, oder etwa direkt von Mensch zu Mensch. Ähnlich 
könnten die Dinge doch auch für die Aleppobeule liegen. 
Vielleicht ist also die Konstanz der Virulenz der Para¬ 
siten und damit das sich ständige Gleichbleiben des Ver¬ 
laufs der Erankung beim Menschen mit in dem Umstande 
begründet, daß das Virus vor seinem Übertritt auf die 
Haut des Menschen eben einen bestimmten Zwischenwirt 
passiert. Unsere Ergebnisse der Tierexperimente gestatten 
eine solche Vorstellung gewissermaßen e contrario. 

Von besonderem Interesse sind nun die histologischen 
Befunde, welche wir in unseren Tierversuchen erheben 
konnten. Wir wollen dieselben nicht in extenso beschreiben, 
sondern nur jene herausgreifen, die uns vor allem bemer¬ 
kenswert erscheinen. Das anatomische Bild war ja in den 
verschiedenen Exzisionen vielfach ein übereinstimmendes 
und wir müßten daher bei einer detaillierten Schilderung 
jedes einzelnen Falles der Hauptsache nach immer wieder 
das Gleiche erwähnen. Gewisse Unterschiede in der 
Struktur waren nur bei den verschieden alten Läsionen zu 
erkennen; es genügt deshalb für Zwecke der Orientierung, 
mit welchen Vorkommnissen hier überhaupt zu rechnen 
ist, wenn wir an je einen Vertreter der verschiedenen 
Entwicklungsstadien die histologischen Verhältnisse 
darlegen. 

Zunächst der jüngste Affekt, den wir untersuchen 
konnten: er stammt vom „großen“ Affen der V. Gene¬ 
ration, exzidiert am 24. Tag nach der Impfung (siehe Pro¬ 
tokoll Generation V). Wir finden auf Schnitten durch 
dieses Infiltrat (Fig. 7) im ganzen keine besonders hoch¬ 
gradigen Veränderungen entwickelt. Hauptsächlich die 
Kutis ist der Sitz von entzündlichen Erscheinungen, es 
liegen in ihr, vornehmlich dem Zuge der Gefäße folgend, 

Areh. f. Dermat. n. Syph. Bd. 12a 9 


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Kyrie and Reenatierna. 


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größere und kleinere Haufen von entzündlichen Elementen, 
von Randzellen verschiedener Art, eingelagert; es ist also 
noch zu keiner diffusen, die ganze Kutis gleichmäßig 
treffenden Infiltration gekommen, sondern die Entzündungs¬ 
herde sind nur dort und da in das Gewebe eingesprengt. 
Der Charakter der Zellanhäufungen ist durchaus der, wie 
wir ihn bei banal entzündlichen Prozessen verschiedenster 
Ätiologie immer wieder finden können, irgend etwas 
Spezifisches, für den Prozeß als besonders 
charakteristisch zu Bezeichnendes läßt sich an 
dem Infiltrate nicht feststellen, vor allem 
fehlen durchaus Epitheloid- und Riesenzellen. 
Von der Entwicklung tuberkuloider Gewebs- 
strukturen ist also hier absolut nicht die 
Rede. Etwas ist aber im Bereiche der Infiltrate auffällig: 
es finden sich zwischen den banalen Rundzellen große, 
wie gebläht aussehende Zellformen, deren Kern oft ganz an 
die Peripherie gedrängt, sichelförmig aussieht, ja gelegent¬ 
lich überhaupt fehlt. Das Innere solcher Zellen erscheint 
oft vakuolisiert, wie in einzelnen Kammern abgeteilt. Bei 
Anwendung starker Vergrößerung findet man nun, daß 
hauptsächlich diese Elemente die Träger der Leishmanien 
sind, welche sich in den Präparaten von diesem Entwick¬ 
lungsstadium außerordentlich reichlich finden. (Fig. 8.) Die 
Form der Erreger ist genau die, wie sie immer wieder be¬ 
schrieben wird. Es handelt sich um oft recht große, 
ovoide bis runde Gebilde mit dem großen intensiv ge¬ 
färbten Hauptkern und dem kleinen, meist ganz randstän¬ 
dig gestellten Blepharoblasten. Die Erreger sind in den 
früher erwähnten, großen Zellen oft so reichlich vorhanden, 
daß sie dortselbst nicht genügend Platz zu haben scheinen; 
sie platten sich gegenseitig förmlich ab, ja ab und zu ge¬ 
winnt man den Eindruck, als ob größere Exemplare mit¬ 
einander verschmolzen wären, als wenn vier und 6 Kerne 
eine gemeinsame Hülle hätten. Vielleicht handelt es sich 
hier auch um Teilungsvorgänge. Man findet das Virus 
gelegentlich aber auch außerhalb solcher Elemente frei 
zwischen den Rundzellen liegen, sowie auch in Gewebs- 


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Anatomisch-experimentelle Stadien über Aleppo-Beale. 131 


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spalten, in deren Bereich überhaupt eine nennenswerte 
•entzündliche Reaktion noch nicht zustande gekommen ist. 
Die Verhältnisse, unter denen das Virus im Gewebe vor¬ 
kommt, sind also recht variable. 

Der Nachweis des Virus macht bei seinem reichlichen 
VorkQmmen hier keinerlei Schwierigkeiten. Schon in den 
gewöhnlichen Hämalaun - Eosin - Präparaten sind sie bei 
etwas stärkerer V ergrößerung sicher zu erkennen. Spezial¬ 
färbungen der Schnitte (Giemsa, van Gieson) brachten uns 
eigentlich nicht mehr Gewinn. Was speziell die Tinktion 
der Präparate mit Giemsa anlangt, so konnten wir niemals 
jene prächtigen Bilder mit den hellrot gefärbten Kernen 
der Erreger erhalten, wie sie in den verschiedenen Arbeiten 
(Plehn, Bettmann u. Wasiele wsky, May er, Schil¬ 
lin g, M a n s o n u. a.) immer wieder reproduziert sind. Worin 
das gelegen war, konnten wir nicht ergründen, eventuell war 
doch die „Kriegs“-Giemsa-Lösung nicht ganz vollwertig. — 
Bemerken müssen wir noch als Besonderheit, daß die Er¬ 
reger in diesem Falle oft eine ungewöhnliche Größe zeigten. 
Es fanden sich Exemplare, welche gut die doppelten Dimen¬ 
sionen erkennen ließen, als im gewöhnlichen. Es scheint 
das Virus demnach bezüglich Größe gewisser Verände¬ 
rungen fähig zu sein, vielleicht hängt dies mit der Viru¬ 
lenz, bzw. mit den jeweiligen Proliferationsbedingungen 
für die Parasiten im Gewebe zusammen. 

Das Wesentliche an diesem jüngsten Stadium ist also 
darin gelegen, daß wir hier das Gewebe einer¬ 
seits förmlich überschwemmt sehen mit den 
Erregern, die sich zum Teile frei im Gewebe 
finden, teils schon in große Zellen einge¬ 
pfercht sind, und daß es andererseits nur zu 
einer Gewebsreaktion im Sinne von banaler 
Entzündung, nicht aber zur Entwicklung ir¬ 
gend eines spezifischen Infiltrates gekom¬ 
men ist. 

2. Stadium. Es wird repräsentiert durch den Affekt 
bei „Ketten“-Affe (IV. Generation). Untersuchung des 

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Kyrie und Reenstierna. 


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Materiales am 46. Tag nach der Impfung. Das Infiltrat 
(Fig. 9) ist hier im ganzen viel massiger als in dem 
früheren Fall. Die Kutis ist entsprechend der Größe des 
Knotens im ganzen von dem Infiltrat durchsetzt, von der 
Entzündung verschont gebliebene Stellen finden sich hier 
nicht.. Der Hauptanteil des Infiltrates ist wieder banal 
entzündlicher Natur, doch stößt man ab und zu auch 
schon auf kleinere und größere Gruppen von 
epitheloiden Zellen, die in die Rundzellen¬ 
masse eingestreut liegen. Jedenfalls stehen diese 
aber, was ausdrücklich hervorgehoben sei, gegenüber den 
Rundzellen an Intensität der Entwicklung weit zurück, den 
Plan behaupten die akut entzündlichen Veränderungen. 

Leishmanien sind auch in diesem Stadium wieder 
reichlich aufzufinden, bezüglich ihres Verhaltens im Ge¬ 
webe ist dem früher Geschilderten nicht viel hinzuzufügen. 
Auch hier sind große Zellen als hauptsächliche Träger der 
Krankheitskeime zu erkennen; die Zahl der Parasiten, die 
noch frei im Gewebe lagert, ist hier sicherlich viel ge¬ 
ringer als in dem ersten Stadium. Im Bereiche der epi¬ 
theloiden Zellanhäufungen stoßen wir auch anf Leishma¬ 
nien; sie sind intrazellulär gelagert, oft mehrere Exem¬ 
plare in einer Zelle. Die Zellen selbst erscheinen vielfach 
ein wenig vergrößert, Ansätze zur Riesenzellbildung sind 
sicher vorhanden; allein voll entwickelte Riesenzellen, 
etwa vom Langhanssehen Typus, konnten wir noch 
nicht sehen. 

In diesem Stadium zeigt sich also eine gewisse 
Differenz gegenüber dem früheren; die entzündlichen Er¬ 
scheinungen sind noch mächtiger entwickelt, das Gewebe 
ist diffus infiltriert. Der akut entzündliche Typus des In¬ 
filtrates herrscht in diesem Stadium ebenfalls vor, doch 
ist es auch bereits zur Produktion von epithelo¬ 
iden Zellhaufen gekommen. Wir haben also ein ge¬ 
mischtes Infiltrat vor uns, banal entzündliche neben tuber- 
kuloider Zellstruktur, letztere allem Anscheine nach im 
Beginne der Entwicklung. Parasiten waren im Bereiche 
des Infiltrates genug vorhanden. 


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Anatomisch-experimentelle Stadien über Aleppo-Beule. 133 


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3. Stadium. Wir wählen dafür ein Material mit einer 
ungefähr eineinhalb Monate länger währenden Entwicklungs¬ 
zeit als in dem an zweiter Stelle besprochenen Falle 
(Affe H, III. Generation). Die Schilderung des histolo¬ 
gischen Bildes (Fig. 10) kann mit wenigen Sätzen abgetan 
werden. Die Intensität der Infiltratentwicklung ist in der 
gleichen Weise ausgeprägt wie oben. Der Charakter des 
Infiltrates muß als ausgesprochen tuberkuloider bezeichnet 
werden. Es finden sich größere, knötchenförmige Herde 
von epitheloiden Zellen, umschlossen von mächtigen Lagern 
von Kundzellen. Riesenzellformen sind, wenn auch spärlich, 
im Bereiche der epitheloiden Zellknoten vorhanden. Leish¬ 
manien konnten wir in nicht allzugroßer Zahl auffinden, 
jedenfalls waren sie relativ weniger, als in den vorher be¬ 
sprochenen Präparaten. Die Parasiten waren ihrer Form 
nach typisch, doch im ganzen kleiner dimensioniert, als 
wir dies in dem ersten Stadium gesehen hatten. 

Ihre Beziehung zu den epitheloiden Zellen war offen¬ 
sichtlich, extrazellulär liegende Formen konnten wir nicht 
mehr feststellen. Vielfach fanden sich im Bereiche der 
epitheloiden Zellverbände Stellen, an denen man den Ein¬ 
druck gewinnen mußte, daß hier Leishmanien gerade im 
Abbau begriffen seien. Man sah im Zellinnern Vakuolen, 
die entweder noch schlecht gefärbte Parasiten beherbergten, 
oder wo man ans kleinkörnigen, detritusähnlichen Massen 
vermuten konnte, daß es sich um Reste von Leishmanien 
handeln dürfte. 

Das Bild, welches wir hier vor uns haben, ist also 
ein wesentlich anderes als in den früheren Stadien. I n 
diesem Falle steht schondie tuberkuloide 
Gewebsstrukturim Vordergrund. DerReich- 
tnm an Parasiten im Gewebe hat wesent¬ 
lich abgenommen, wir befinden uns zweifellos nicht 
mehr im Stadium der Proliferation, sondern in jenem der 
Rückbildung des Prozesses. 

Die höchste Entwicklung im Sinne der Ausbildung 
eines tuberkuloiden Infiltrates zeigt nun das vierte Stadium. 
Wir haben es hier mit Material zu tun, das von dem 


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Kyrie and Beenstierna. 


am längsten beobachteten Affen (Affe H, dritte Generation 
mehr als fflnf Monate post inoculat.) stammt. Hier 
stoßen wir auf volle Übereinstimmung mit den Verhält¬ 
nissen, wie wir sie eingangs bei der menschlichen Beule 
geschildert haben. Der lupusähnliche Bau ist vom Infiltrat 
völlig nachgeahmt, Langhanssehe Riesenzellen finden 
sich in den oft recht umfänglichen Lagern von epitheloi- 
den Zellen in gar nicht geringer Zahl; Leishmanien sind 
außerordentlich spärlich auizndecken, man muß viele Ge¬ 
sichtsfelder durchmustern, bis man auf einzelne Exemplare 
von ihnen stößt. Der Unterschied diesbezfiglich gegenüber 
den ersten Stadien ist augenfällig. 

Wir können also auf Grund unserer, an dem experi¬ 
mentellen Material angestellten histologischen Unter¬ 
suchungen zusammenfassend folgendes aussagen: In den 
jüngsten Entwicklungsstadien, wo das Gewebe 
überfüllt mit Parasiten ist, erscheint nur ein 
banal entzündliches Intiltrat produziert; je 
älter der Affekt wird, um so mehr nimmt das 
Infiltrat lupusähnlichen Bau an, im selben 
Verhältnisse werden aber auch die Parasiten 
im Gewebe weniger: auf dem Höhepunkte der 
Entwicklung und in der Phase der Rückbil¬ 
dung zeigen die Knoten exquisit tuberkuloide 
Struktur, die Erreger der Affektion sind 
jetzt nur schwer, oder überhaupt nicht mehr 
nachzuweisen. 

Auf Grund dieser Befunde können nun auch, wie wir 
meinen, die bezüglich des histologischen Baues der mensch¬ 
lichen Beule noch immer different] lautenden Mitteilungen 
eindeutig geklärt werden. In der Richtung wäre zunächst 
festzustellen, daß man bei Aleppobeule des Men¬ 
schen von vorneherein mit verschiedenen 
histologisehen Bildern zu rechnen haben wird, 
daß es ein in allen Fällen übereinstimmendes, 
demnach einheitliches anatomisches Substrat 
hiebei überhaupt nicht geben kann. Die je¬ 
weilige Struktur der Beule ist vom P rolife- 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 135 

rationszustand ihres Erregers und damit vom 
Alter des Prozesses abhängig. Sowohl banal 
entzündliche Strukturais auch lupusähnlicher 
Bau der Infiltrate muß hier erwartet werden. 
Mitteilungen in der Literatur nach der einen oder anderen 
Richtung haben in gleicher Weise Anspruch auf Richtig¬ 
keit, ihre Differenz erklärt sich daraus, daß den Unter¬ 
suchern verschiedene Entwicklungsstadien des Affektes 
Vorgelegen sind. Hat man Gelegenheit die anatomischen 
Verhältnisse einer Beule im Jugendstadium zu studieren, 
so wird man die banal entzündliche Komponente im Infil¬ 
trate vorherrschend finden; besteht der Affekt schon 
länger, hat seine Entwicklung vielleicht gar schon die 
Höhe überschritten, dann werden wir äinen lupusähnlichen 
Bau zu erwarten haben, und je mehr sich der Prozeß dem Ende 
nähert, um so prägnanter wird dieser hervortreten. Ein 
gutes Beispiel dafür liefert ja unser Fall, der sich knapp 
vor der Abheilung befunden hat, und bei dem in der 
histologischen Struktur irgend ein Unterschied gegenüber 
den Bildern, wie wir sie beim Lupus der Haut zu finden 
gewohnt sind, überhaupt nicht festzustellen war. 

Diese experimentellen Ergebnisse scheinen uns nun 
im besonderen dazu geeignet, in die Frage der Entwicklung 
tuberkuloider Gewebsstruktur überhaupt einiges Licht 
zu bringen, bzw. Ansichten, die in letzter Zeit hierüber laut 
wurden, entsprechend zu fundieren. Wir meinen damit 
speziell die Auffassung, zu welcher sich Lewandowsky 
auf Grund eigener Arbeiten und der in der Literatur vor¬ 
handenen Studien hinsichtlich des Zustandekommens von 
lupusähnlichen Infiltraten bei ätiologisch differenten Er¬ 
krankung bekannt hat. Die Ansichten dieses Autors gi¬ 
pfeln der Hauptsache nach darin, daß die Produktion von 
tuberkuloidem Gewebe stets als Ausdruck dafür ange¬ 
sehen werden müsse, daß der Abbau des in das 
Gewebe eingedrungenen Bakterienmate¬ 
rials bereits im vollen Gange ist. Aktive, 
in stürmischer Proliferation befindliche Krankheitskeime 
lösen banal entzündliche Reaktionen aus, erst in einen 


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Kyrie und Ree nstierna. 


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gewissen Zustand der Inaktivität versetztes Virus regt die 
Bildung tuberkuloider Struktur an. Jedes tuberkuloide 
Granulom habe daher ein länger oder kürzer währendes, 
banal entzündliches Vorstadium, es bestehe dies so lange, 
als die Abwehrkräfte der Haut noch nicht genügend 
mobilisiert sind, um dem schrankenlosen Wachstum der 
Parasiten im Gewebe Halt zu bieten; Gewebsnekrose und 
Eiterung seien die Begleitsymptome dieser Phase der Er¬ 
eignisse. So komme gewissermaßen auf mechanischem 
Wege die Elimination der Krankheitserreger znstande. 
Sobald aber das Integument durch Reaktionsänderungen, 
die unter den Begrifl der Allergie fallen, in die Lage ver¬ 
setzt ist, die schrankenlose Proliferation des Virus zu ver¬ 
hindern, mithin eine relative Inaktivierung desselben her¬ 
beizuführen, setze die Produktion von tuberkuloidem 
Gewebe ein und mit dessen Hilfe erfolge dann die defini¬ 
tive Elimination der Krankheitskeime. Die tuberkuloide 
Struktur sei demnach gewissermaßen als Hilfsapparat 
anzusehen, dessen sich das Gewebe bedient, um in ihrer 
Virulenz bereits beschränkte Krankheitserreger aus dem 
Gewebe beseitigen zu können. Warum der Organismus 
eine relativ so komplizierte Aktion benötigt, um sich 
dieser Infektionserreger erwehren zu können, scheint in der 
biologischen Eigenart der Parasiten zu liegen, die hier in 
Betracht kommen. 

Auf die näheren Details der Frage soll nicht einge¬ 
gangen sein, es sei diesbezüglich auf die Arbeiten Lewan- 
dowsky, und auf die dort zitierte Literatur verwiesen, 
sowie auf ein Referat über diesen Gegenstand, das einer 
von uns (Kyrie) 1 ) unlängst erstattet hat. 

Die hier erhobenen Befunde vermögen unserer Meinung 
nach der eben kurz skizzierten Auffassung volle Beweis¬ 
kraft zu verleihen. Wir haben in unseren experimentellen 
Untersuchungen das Entstehen der tuberkuloi- 
den Struktur vom Aufange an verfolgen und 
gerade aus dem Verhalten des Virus im Ge- 

') Referierabend d. Wiener dermatolog. Gesellschaft: Über tnber- 
kuloide Gewebsstrukturen d. Haut. Archiv f. Dermatolog. u. Syphilis. 1919. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 137 


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webe die Bedienungen für ihre Entstehung 
verfolgen können. Im Anfänge, wo die Impf¬ 
stelle von Parasiten überschwemmt war, fan¬ 
den wir nur banal entzündliche Reaktion, erst 
nach einigerZeit traten dieAnfänge des tuber- 
kuloiden Gwebes hervor; im selben Verhält¬ 
nisse, als dies mehr und mehr wurde, nahm 
die Zahl der Leishmanien ab und schließlich 
war das Gewebe fast frei von Keimen, zugleich 
aber der exquisit lupusähnliche Bau des In¬ 
filtrates vorhanden. 

Sind die Parasiten aus dem Gewebe restlos entfernt, 
dann wandelt sich das Granulom zur Narbe um. Und ge¬ 
rade deshalb, weil wir in der Aleppobeule einen Prozeß 
vor uns haben, bei dem alles Virus, das in der Haut 
zur Proliferation gelangt war, schließlich zugrunde geht, 
nicht wie beim Lupus oder bei der Lepra, wo nur Teile 
desselben inaktiviert und abgebaut werden, während 
andere wucherungsfähig bleiben, können wir an diesem 
Beispiel den Ablauf des Geschehens besonders gut er¬ 
kennen. Es kann unserer Meinung nach kein besseres 
Objekt geben als gerade die Aleppobeule, um über das 
Wesen der tuberkuloiden Struktur, über die Zusammen¬ 
hänge, mit welchen wir bezüglich ihres Auftretens zu 
rechnen haben, Orientierung zu finden. Und da werden 
wir besonders auch auf einen Punkt gelenkt: Daß es die 
morphologische Eigenart der Erreger sein muß, welche 
die Auslösung des tuberkuloiden Granuloms vor allem bedingt. 
Bedenken wir nur mit welch* morphologisch besonderen 
Gattung von Parasiten wir es hier zu tun haben. Die 
Leishmanien besitzen eine Hülle, die dem Parasiten offen¬ 
bar große Resistenz verleiht. Ein Vergleich mit der 
Hüllensubstanz des Tuberkel- oder Leprabazillus liegt 
nahe. Bei der Vernichtung des Parasiten im Gewebe muß 
diese Hülle zunächst aufgeschlossen werden und dazu 
ist nun offenbar ein ganz besonderer Mechanismus nötig. 
Mit den gewöhnlichen Hilfsmitteln, die das Gewebe bei 
den akuten Infekten mobilisiert, kann hier allem Anscheine 


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Kyrie und Reenstierna. 


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nach nicht das Auslangen gefunden werden, es muß em 
qualifizierterer Abbaumechanismus aufgeboten werden: daa 
tuberkuloide Granulom. Die produzierten spezifischen 
Zellelemente entwickeln phagozytäre Eigenschaften, im 
Zellinnern erfolgt der Aufschluß des Parasiten und damit 
sein Abbau. Das Gewebe kann sich auf gar keinem 
anderen Wege als auf dem des tuberkuloiden Granuloma 
von den Krankheitskeimen befreien. So sind offenbar 
ganz allgemein die Verhältnisse zu deuten, wo wir in der 
Haut auf lupusähnliche Struktur stoßen, wir haben es hier 
allem Anscheine nach mit einem biologischen Gesetze 
zu tun. 

Der letzte Punkt, auf dem wir noch zu sprechen 
kommen wollen, betrifft die Frage der Reinfektionsmög¬ 
lichkeit beim Tier und damit die der Immunitätsverhält¬ 
nisse. Es sollen zunächst wieder die hierauf bezüglichen 
Versuchsprotokolle angeführt werden: 

а) Reinokulationsversuch bei Affe P. (I. Generation). Während* 
des Bestehens der Beule wird die Reinokulation mit eigenem Mate¬ 
riale versucht. Impfung am 30./V. 1917 in der linken Wangengegend. 
Negatives Ergebnis. 

б) Am 31./III. 18 wird „alter“ Affe reinokuliert mit Exzisionsmateriat 
vom „großen“ Affen (siehe Protokoll Generation V). Es wird an drei 
Stellen im Bereiche der Oberlippe inokuliert. 

3./IV. An den Impfstellen leicht entzündliche Rötungen. 

6. /IY. Entzündliche Reaktion geschwunden. Impfstellen durch 
leichte Erhabenheiten markiert. 

7. /IV. An allen drei Stellen deutliche, braunrote Knötchen. 

13. /IY. An allen drei Stellen sind immer noch deutliche, braunrote 
Knötchen zu sehen. 

14. /IV. Das zu äußerst rechts sitzende Knötchen wird exzidiert. 
(1. Exzision 14 Tage nach der Reinokulation.) 

19./IY. Das zu äußerst links sitzende Knötchen noch nachweisbar,, 
das in der Mitte scheint geschwunden, oder ist in der Schwellung,, 
die von der Exzision des rechts gesessenen Knötchens herrührt, auf¬ 
gegangen. 

22./IY. Das laterale Knötchen links wird exstirpiert. (Drei Wochen, 
nach der Inokulation.) 

15. /Y. An beiden Exzisionsstellen entwickeln sich im Zentrum) 
der Narbe kleine Operationen.. 

2./VI. Ulzerationen bestehen unverändert fort. 

2./YII. Tier +• Die Hautpartien an der Oberlippe mit den 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 139 

Testierenden kleinen Ulzerationen werden für histologische Zwecke ein¬ 
gelegt. Obduktion ergibt niehts Bemerkenswertes. 

c) Affe H. wird am7./IV.im Bereiche der Oberlippe an drei Stellen 
(eine rechts, eine in der Mitte, eine links mit Exzisionsmaterial vom 
„Ketten-Affen“ inokuliert) (siehe Protokoll Generation IY)J 

13. /IY. Impfstellen durch deutliche Knötchen markiert. 

14. /IY. Das rechts sitzende Knötchen wird exzidiert. (Exzision 
am 7. Tage nach der Impfung.) 

19./IY. Die beiden übrig gebliebenen Inokulationsstellen zeigen 
deutlich Knötchenbildung mit entzündlicher Reaktion. 

22. /IV. Ein zweites Knötchen (das laterale links) wird exstirpiert. 
(14. Tag nach Exzision.) 

4. /V. Das dritte Knötchen wird exstirpiert (26. Tag nach"der In¬ 
okulation). 

Bei diesem Tiere wird am 25./IX. 1918 neuerliche Reinokulation 
versucht und zwar mit Geschwürmaterial vom Hund IV (siehe Protokoll 
Generation Y). Impfstellen: unter dem linken unteren Augenlid, an der 
Wange unmittelbar rechts und links vom Nasenloch. 

5. /X. An allen drei Impfstellen sind deutlich fühlbare (etwa erbsen¬ 
große) Knötchen entwickelt. 

12./X. Die Knötchen scheinen heute etwas kleiner zu sein. 

23. /X. Von den drei Impfstellen ist nur mehr die links neben dem 
Nasenloch durch ein Infiltrat markiert (wird exstirpiert). 

d) „Großer“ Affe wird am ö./X. 1918 mit Geschwürsmaterial von 
Hund V (siehe Protokoll Generation IV) in der Haut im Bereich dea 
Naseneingangs geimpft. 

12./X. Nichts Auffälliges zu finden. Impfstellen deutlich erhaben. 

23./X. An beiden Impfplätzen Knötchen, besonders markant ist 
die linke Stelle. 

30./X. Knötchen bestehen noch, sie zeigen deutliche braunrote 
Farbe, sind aber augenscheinlich in Rückgang begriffen. 

10./XI. Knötchen rückgebildet. 

Wenn wir von dem unter a ) erwähnten Versuche, in 
welchem bei dem Tiere während des Bestandes einer Beule 
mit negativem Erfolg reinokuliert worden war, absehen, 
so ist es uns bei drei Tieren, die Aleppobeule überstanden 
hatten, gelungen, durch neuerliches Einbringen 
von Leishmanien enthaltendem Impfmaterial 
gewisse Effekte auf der Hau t zu erzielen. In allen 
drei Fällen haben sich bei den Tieren an den Impfplätzen 
braunrote Knötchen entwickelt, die nach mehrwöchentlicher 
Persistenz zur Rückbildung kamen. Ulzeration der Infiltrate, 
demnach Umwandlung der Affekte zu einer typischen Beuln 


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Kyrie und ReenBtierna. 


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konnten wir nickt beobachten. Daß es sich bei diesen 
Impfeffekten nicht um Reaktionen gehandelt hat, wie sie 
etwa durch Einbringen von Fremdkörpern überhaupt 
ausgelöst werden, scheint uns Aber jeden Zweifel sicher 
zu stehen. Dafür spricht schon zunächst der klinische 
Verlauf der Ereignisse. In den ersten Tagen nach der 
Inokulation fanden sich im Bereiche der Impfstellen akut 
entzündliche Rötungen, also Verhältnisse, wie wir sie bei 
jeder Deponierung von Gewebspartikeln unter die Haut 
antreffen. Diese Erscheinungen klangen aber rasch ab und 
allmählich entwickelten sich knötchenförmige Infiltrate, 
die sich schon durch ihre braunrote Farbe und durch ihren 
relativ langen Bestand als etwas Spezifisches präsentierten. 
Vergegenwärtigt man sich das Schicksal irgend eines 
unspezifischen, in die Kutis eines normalen Tieres ein- 
gebrachten Gewebsmateriales, so treten die Differenzen 
gegenüber den Resultaten bei unseren Reinokulationsver- 
suchen klar hervor. In solchen Fällen wird das Inokulat 
sehr rasch resorbiert, nach 14 Tagen beispielsweise ist der 
Impfplatz durch irgendwelche Besonderheiten wohl über¬ 
haupt nicht mehr ausgezeichnet. Es spricht also schon der 
Verlauf unserer Impfversuche gegen die Annahme, daß 
wir es hier etwa nur mit gewöhnlichen, unspezifischen 
Reaktionsvorgängen zu tun hatten, wie man sie bei Ein¬ 
bringung von Gewebsmaterial in die Haut überhaupt antrifft. 

Gestützt wird nun noch die Annahme, daß es hier 
zur Entwicklung spezifischer Impfeffekte gekommen ist, 
durch die histologischen Befunde, welche wir an den 
exzidierten Knoten erheben konnten. Der jüngste Affekt, 
der uns zum Studium zur Verfügung stand, war eine 
Woche alt (vgl. Protokoll c, Exzision am 14./1V. 1918). 
Hier fand sich ein sehr reiches Infiltrat, das vom Papillar¬ 
körper bis in die Subkutis hinzog; der Hauptsache nach 
bestand dasselbe aus Rundzellen, viel! ach traf man aber 
auch auf große Zellkomplexe, die kernlos waren, deren 
Protoplasma den Farbstoff nur ungenügend aufgenommen 
hatte — allem Anscheine nach Reste des Inokulationsma¬ 
teriales ; in diesen Detritusmassen waren auch viele Riesen- 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Benle. 141 


zellen entwickelt. Leishmanien konnten wir in diesem Sta¬ 
dium ziemlich reichlich auffinden, u. zw. hauptsächlich in 
den Riesenzellen, gelegentlich aber auch außerhalb den¬ 
selben zwischen den Rundzellen. 

Das zweite Stadium, das uns zur Untersuchung Vor¬ 
gelegen war, ist durch zwei, je 14 Tage alte Impfeffekte 
vertreten (Protokoll b und c, Exzision beider Knötchen am 
14./IV., bzw. 22./IY. 1917). Hier waren die histologischen 
Veränderungen schon wesentlich andere. Es fanden sich 
in beiden Objekten ausgesprochene tuber- 
kuloide Strukturen. Das Infiltrat erstreckte sich auch 
hier von der obersten Papillarkörperschichte bis in die 
Subkutis. Rundzellen waren in großer Zahl produziert und 
zwischen dieselben eingesprengt lagen verschieden umfäng¬ 
liche, meist ziemlich streng begrenzte Haufen von Epitheloid- 
zellen mit Riesenzellen; letztere waren nicht allzu reichlich. 
Das Bild, welches uns hier entgegentrat, erinnerte durchaus 
an die Verhältnisse, wie wir sie bei einer diffusen Infiltra¬ 
tion des kutanen und subkutanen Gewebes mit Lupusma¬ 
terial anzutreffen gewohnt sind. An Fremdkörpergranulome 
wird man in beiden Fällen durchaus nicht erinnert, ins¬ 
besondere haben die Riesenzellen, welche sich finden, aus¬ 
schließlich den Langhanssehen Typus und nicht den von 
Fremdkörperriesenzellen. Leishmanien waren in keinem 
der Präparate aufzufinden. 

Das dritte und älteste Stadium der von uns histolo¬ 
gisch untersuchten Impfeffekte (26, bzw. 28 Tage nach 
der Inokulation Protokoll c, Exzision 4./V. und 23./X. 1918) 
unterschied sich nicht sehr wesentlich von dem an 2. Stelle 
erwähnten. Auch hier war die tuberkuloide Struktur sehr 
prägnant entwickelt. Große Herde von epitheloiden Zellen 
fanden sich von Rundzellenlagern umschlossen, Riesenzellen 
waren sehr spärlich vorhanden. In dem einen der Präparate 
(Exzision vom 4./V.) fand sich neben dem spezifischen 
Granulom auch noch ein Fremdkörpergranulom, das um 
ein, bei der Inokulation mit in die Tiefe der Kutis ver¬ 
lagertes Haar entstanden war. Hier trat der Unterschied 
dessen, was als spezifische und als Fremdkörper-Reaktion 


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Kyrie and Reenstierna. 


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-aufzufassen ist, besonders deutlich hervor. Vielfach gewinnt 
man an dem Material dieses Stadiums den Eindruck, daß 
die Umwandlung des Granuloms zur Narbe schon im Gange 
ist; das Infiltrat ist nicht mehr so dicht, die Epitheloid- 
zellen erscheinen stellenweise schon in die Länge gezerrt, 
oft zu förmlichen Zögen angeordnet, Bindegewebsbänder 
sind zwischen ihnen dort und da bereits nachweisbar. 
Leishmanien waren nirgends festzustellen. 

Unsere Keinokulationsversuche zeigen 
demnach, daß es bei Tieren, die Aleppobeule 
überstanden haben, gelingt, durch Neuimpfung 
mit virulentem Material Hautaffekte zu erzeu¬ 
gen, die sich allerdings von denen im Anschluß 
an die erste Inokulation entstandenen unter¬ 
scheiden, im übrigen aber als spezifische Reak¬ 
tionen charakterisiert erscheinen. Ihre klinischen 
Merkmale sind gegeben durch das rasche Auftreten eines 
Infiltrates am Orte der Impfung, eines braunroten, ziemlich 
-derben Knotens, der nach mehrwöchentlichem Bestände 
zur Resorption gelangt, histologisch ist hiefür die sehr 
bald in Erscheinung tretende tuberkuloide Struktur des 
Granuloms charakteristisch. 

Es fragt sich nun, in welcher Weise man das Zustande¬ 
kommen dieser Impfeffekte zu deuten hat, ob es sich um 
Gewebsreaktionen handelt, die durch proliferierendes Virus 
ausgelöst wurden, also um einen ganz ähnlichen Vorgang, 
wie wir ihn im Anschlüsse an die erste Inokulation an¬ 
nehmen müssen, oder ob wir es mit einer Erscheinung zu 
tun haben, die auf einen durch die überstandene erste 
Infektion bedingten allergischen Zustand des Integumentes 
bezogen werden muß, demnach in die Gruppe der Kuti- 
reaktionen einzureihen ist. Wir halten die zweite Annahme 
für das Wahrscheinlichere. Für eine Vorstellung, daß das 
mit dem Impfgewebe eingebrachte Virus proliferiert, läßt 
sich kein sicherer Anhaltspunkt finden; acht Tage nach 
4er Inokulation waren in den Präparaten allerdings Leish¬ 
manien anzutreffen, es scheint aber, daß es sich hiebei 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 143 

nur um jene Exemplare gehandelt hat, die eingebracht und 
noch nicht eliminiert worden waren. Dafür spricht, daß 
man dieselben hauptsächlich innerhalb jener Zellelemente 
feststellen konnte, die auf Grund ihres färberischen Ver¬ 
haltens als eingebrachte, bereits in Abbau begriffene 
Gewebspartikeln angesprochen werden müssen. Daß sich 
gelegentlich auch außerhalb solcher Elemente Leishmanien 
finden, kann nicht als Gegenbeweis angesehen werden. Bei 
dem Zugrundegehen der Zellen können ja Parasiten frei 
werden, bei ihrer großen Resistenz, die sie der Hüllen¬ 
substanz verdanken, vermögen sie den Wirtskörper eben 
zu überdauern. Aus den vielen früheren Versuchen wissen 
wir ferner, daß dort, wo die Leishmanien im Gewebe pro- 
liferieren, sich immer wieder jene eigenartigen großen Zellen 
finden, die mit den Parasiten voll gefüllt sind. Proliferation der 
Erreger und Entwicklung der Makrophagen, die dieselben 
in sich aufnehmen, geht Hand in Hand. Von derartigen 
Vorkommnissen ist in den in Rede stehenden Präparaten 
nichts zu sehen. Dazu kommt dann noch weiter, daß wir 
14 Tage post inoculationem Leishmanien in den Präparaten 
überhaupt nicht mehr nachweisen konnten. Es müßte 
demnach die proliferative Phase an und für sich sehr kurz 
gewesen sein; auch darin wäre wohl schon ein sehr wesent¬ 
licher Unterschied gegenüber den Verhältnissen, wie wir 
sie im Anschluß an die erste Inokulation kennen gelernt 
haben, gelegen. Es müßte also auch bei der Annahme, daß 
tatsächlich eine Proliferation des eingebrachten Virus 
erfolgt ist, mit einem ganz ungewöhnlichen Ablauf der 
Ereignisse gerechnet werden müssen. 

Demgegenüber kommt man mit der Vorstellung, daß 
es sich hier um einen grundsätzlich anderen Vorgang als 
bei der Entwicklung des Knotens nach der ersten Inokulation 
handelt, nämlich um den Ausdruck eines allergischen 
Phänomens im Sinne einer Kutireaktion leichter zum Ziele. 
Analogien hiefür kennen wir genügend, wir erinnern an 
die Knotenbildungen nach Tuberkulinimpfung bei Tuber¬ 
kulösen, an die Kutireaktion bei Tertiärsyphilitischen oder 
bei Menschen, die eine tiefe Trichophytie überstanden 


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Kyrie und Reenstierna. 


haben und ähnliches mehr. Wir glauben, daß es sich bet 
unseren ReinokulationsVerhältnissen um etwas ganz Analoges 
handelt. Die Bedingungen sind ja durchaus ähnliche wie 
bei den erwähnten Krankheitsformen. Die Tiere haben dio 
Leishmanien-Infektion überstanden, sie haben damit einen 
gewissen Immunitäts- und allergischen Zustand der Haut 
akquiriert, neuerlich eingebrachtes spezifisches Material 
führt nicht mehr zur Wiederholung dessen, was bei dem 
ersten Insult aufgetreten, das überempfindliche Gewebe 
wird der Läsion sehr leicht Herr, die Parasiten werden 
unter Zuhilfenahme eines tuberkuloiden Granuloms rasch 
vernichtet, nach Ausschaltung der Noxe bildet sich das 
Infiltrat bald zurück. 

Ein zwingender Beweis für diese Auffassung wäre 
erbracht, wenn es gelingen würde, mit inaktivem Impf¬ 
material dieselben Effekte zu erzielen. Diesbezügliche 
Versuche waren wir nicht in der Lage anzustellen. Wir 
glauben aber, daß auch schon die vorliegenden Befunde 
mit großer Wahrscheinlichkeit für den oben ver¬ 
tretenen Standpunkt sprechen, daß wir nach überstandener 
Aleppobeule mit einem ähnlichen Überempfindlichkeits¬ 
zustand von seiten des Integumentes zu rechnen haben, 
wie uns dies von der Tuberkulose und der tertiären 
Syphilis her bekannt ist. 

Zusammenfassung der hauptsächlichen Ergebnisse: 

ln voll entwickelten „Beulen* des Menschen , insbesondere 
in solchen, die der Abheilung nahe sind , finden sich Leishma¬ 
nien entweder überhaupt nicht oder nur sehr spärlich. Der 
Reichtum an Parasiten im Gewebe hängt vom Alter des Pro¬ 
zesses ab. 

Völlig parallel mit dem Abbau der Erreger gehen be- 
simmte Strukturveränderungen im Gewebe, ln den Anfangs¬ 
stadien, wo die Herde übervoll mit Parasiten sind, finden wir 
banal entzündliche Veränderungen im Vordergrund , allmählich 
kommt dann die epitheloide Zellstruktur zur Entwicklung, zu 
dieser Zeit werden die Erreger im Gewebe weniger, schließlich 
findet sich typischer Lupusbau , damit ist der Zeitpunkt für die 


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Anatomisch-experimentelle Stadien aber Aleppo-Beule. 145 


völlige Eliminierung der Leishmanien gegeben. Die differenten 
Angaben in der Literatur über Reichlichkeit der Parasiten in 
den Krankheitsherden und über die histologische Struktur der 
Beule erklären sich aus dem verschiedenen Alter und damit der 
verschiedenen Entwicklungshöhe, in denen die Fälle zur Unter¬ 
suchung gekommen sind. 

Die Übertragung der menschlichen Beule auf Affen und 
Hunde gelingt , wie vielfach ja schon festgestellt , leicht. Hat 
das Virus auf Tieren gehaftet , so läßt es sich in Generationen 
unschwer weiter verimpfen. Eine Grenze nach oben scheint dies¬ 
bezüglich nicht zu bestehen. Bei der Passage durch den Tier¬ 
körper scheinen die Virulenzverhältnisse der Leishmanien geän¬ 
dert zu werden, u. zw. im Sinne einer Steigerung der Virulenz. 
Dies geht aus der Tatsache hervor> daß die Inkubationszeiten 
für die Entwicklung der Impfeffekte mehr und mehr verkürzt 
werden; in unseren Versuchen ist das Intervall zwischen Inoku¬ 
lation und Entwicklung des Knotens von einigen Monaten bis 
auf einige Wochen herabgesunken. Generalisation des Virus 
konnte nicht festgestellt werden. 

Die histologischen Veränderungen der Beule beim Ver¬ 
suchstiere stimmen mit denen der menschlichen Beule völlig 
überein. Aus der systematischen Untersuchung aller Altersstadien 
des Prozesses beim Tiere konnte bezüglich der Pathologie der 
menschlichen Beule, der verschiedenen Entwicklungsstadien der - 
selben u. dgl. guter Aufschluß gefunden werden. 

Auf Grund von Reinokulationsversuchen bei Tieren sind 
wir der Ansicht } daß man bei Individuen , die Aleppo-Beule 
überstanden haben , mit ähnlichen Überempfindlichkeitszuständen 
zu rechnen haben wird } wie uns dies bei anderen Prozessen 
(Syphilis } Tuberkulose) begegnet. 

Literatur. 

Bezüglich der überaas großen Literatur über die Aleppo-Beule 
verweisen wir in erster Linie auf folgende bekannte Arbeiten: 

Hirsch. Handbuch d. histor.-geogr. Pathologie. 1886. 2. Auflage. 
8. Abt. pag. 467. — v. Dühring, Orientbeule. Eulenburgs Realenzy¬ 
klopädie d. ges. Heilk. 1898. 8. Aufl. Bd. XVIII. p. 82. — Babes. Die 
endemische Orientbeule. Kolle-Wassermanns Handb. d. pathog. 
Mikroorganismen. 1903. Bd. III. — Plehn. Die trop. Hautkrankheiten. 

Arch. f. Derma), u. 8ypb. Bd. 128. in 


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146 


Kyrie und Reenstierna. 


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Handb. d. Tropenkrankheiten von M e n 8 e. 1905. Bd. I. p. 58. — S t r o n g, 
A study ofsome tropical ulcerations of the skin with particular refereuce 
to their etiologie. Philippine Journ. of Science. 1906. Vol. 1. pag. 91. — 
Marzinowsky, Die Orientbeulen und ihre Ätiologie. Zeitschr. f. Hyg. 
1909. Bd. LXII. pag. 49. — Bettmann und v. Wasielewski. Zur 
Kenntnis der Orientbeule und ihres Erregers. Arch. f. Schiffs- und 
Tropenhyg. 1909. Bd. XIII. Beiheft 5. p. 1. — Mayer, Martin. Leishmania 
tropica s. furunculosa. Handb. d. pathog. Mikroorg. von Ko Ile und 
Wassermann. 1918. 2. vermehrte Aufl. Bd. VII. p. 449. — Laveran* 
Les Leishmanioses chez les animaux. Ann. Inst. Past. 1914. T. XXVIII. 
p. 823, 885; 1915. T. XXIX. p. 1, 71. — Im übrigen werden hier nur die 
Arbeiten angeführt, die wir besonders benutzt haben, nämlich: Aimenara, 
Anatoraia patologica de los Leishmaniosis därmices. Lima. 1916. 8. pag. 
41. Ref. Ann. de derm. et syph. 1916/17. V. Ser. p. ‘443. — Arndt und 
Zürn, Kurzer klin. Beitrag zur Kenntnis der Orientbeule. Arch. f. Dermat. 
u. Syph. 1912. Bd. CXIII. p. 45. — Bettmann. Über die Orientbeule. 
Vortrag, gehalten am 20. Nov. 1906 im naturhist.-mediz. Verein zu 
Heidelberg. Münch, med. Woch. 1907. Jahrg. 54. p. 289. — B.ouiller, 
(Kontribution ä l’ätude et ä la repartition de quelque affections parasitai- 
res etc. Bull. Soc. path. exot. 1916. Bd. IX. Nr. 3. pag. 143. Ref. Arch. für 
Schiffs-u. Tropenhyg. 1916. Bd. XX. p. 287. — Brocq et Veillon, Note 
sur un bouton d’Alep. Ann. de derm. et de syph. 1897. 3. Sär. T. VIII. 
p. 553. — Cipolla, M. Ein Fall von Orientbeule in der Provinz Pa¬ 
lermo. Zentralbl. f. Bakt. 1913. Orig.-Bd. LXVII. p. 621. — Cunningham. 
On the presence of peculiar parasitic organisms in the tissue of a spe- 
cimen of Delhi Boil. Scientific memoirs by medical officers of the Army 
of India. Part I. 2. Kalkutta. 1885. p. 21. Zit. nach Firth. — Darling 
et Connor, A case of Oriental sore (Leishmaniasis) in a native colom- 
bian. Joum. Am. Med. Ass. 1911. Vol. LVI. pag. 1257. — Gonder, 
Experimentelle Übertragung von Orientbeule auf Mäuse. Arch. für Schiffs¬ 
und Tropenhyg. 1913. Bd. XVII. p. 397. — Hodara und Fuad Bey. 
Zwei Fälle von Orientbeule. Dermat. Wochenschr. 1912. Bd. L1V. p. 16. 
— Laveran, Infections experimentales par la Leishmania tropica. 
Compt. rend. Acad. Sei 1914. T. CLIX. p. 539. — Kuhn, Johanna. 
Ein Beitrag zur Kenntnis der Histologie d. endemischen Beule. Virch. 
Arch. 1897. Bd. CL. H. 2, p. 372. — Laveran, Infections experimentales 
de souris, d’un meriones, d’un rat et d’un macaque par la „Leishmania 
tropica 14 . Bull. Soc. path. exot. 1914. T. VII. p. 663. Ref. Bull. Inst. Past. 
1915. T. XIII. p. 17. — Derselbe. Präsentation d’un chien inoculä avec 
succes an moyen de la Leishmania tropica sur souris. Bull soc. path. 
exot. 1914. T. VII. pag. 697. Bull. Inst. Past. 1915. T. XDDL pag. 17. — 
Derselbe. Non veile contribution ä l’ätude des infections expärimentales 
de la souris par la Leishmania tropica; un cas d’infection de la gerbille. 
Bull. soc. path. exot. 1915. T. VIII. p. 680. Ref. Bull. Inst. Past. 1916. 
T. XIV. p. 305. — Derselbe. Leishmaniose cutanäe expärimentale chez 
les macaques et le chien etc. Bull. Soc. path. exot. 1916. T. IX. p. 265. 


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Anatomisch-experimentelle Studien über Aleppo-Beule. 147 

Ref. Bull. Inst. Past. 1916. T. XIV. p. 306. — Derselbe, An sujet de 
Involution de infections experimentales des petits nougeurs par Leishmania 
Tropica. Bnll. soc. path. exot. 1917. T. X. p. 110. Ref. Bull. Inst. Past. 
1917. T. XV. p. 498. — Derselbe, Uoutons d’Orient expörimentaux 
ehez un Geres pithecus moua etc. Bull. soc. path. exot. 1917. T. X. pag« 
445. Ref. Bull. Inst. Past. 1917. T. XV. p. 498. — Marzinowsky und 
Bogrow. (Moskau), Zur Ätiologie der Orientbeule (bouton d’Orient). 
Virch. Arch. 1904. Band CLXXVIII. Heft 1. p. 112. — Mayer, Martin« 
Kala-Azar. Handb. d. pathog. Mikroorg. von Kolle und Wassermann. 

1913. Zweite vermehrte Aufl. Bd. VII. p. 419. — Mesnil, Nicolle et 
Remlinger. Sur le Protozoaire du bouton dAlep. C. r. Soc. biol. 1904. 
Bd. LVII. p. 167. — Nicolle, Ch., fitude microscopique de cinq cas de 
boutons d’Orient. Arch. Post, de Tunis. 1907. T. III. pag. 142. — Derselbe. 
Culture du parasite du bouton d’Orient. C. r. Acad. Sc. 1908. T. CXLVI. 
13. Avr. p. 842.. — Derselbe et Manceaux. Recherches sur le bouton 
d’Orient. Ann. de l’Institut Past. 1910. Bd. XXIV. p. 673. — Nicolle et 
Sicre. Reproduktion experimentale du bouton d’Orient chez le singe 
(Macacus sinicus). C. r. soc. biol. 1908. T. LX. p. 1096. — Reinhardt, 
Die endemische Beulenkrankheit oder Orientbeule. Deutsch, med. Woch. 
1911. Nr. 34. p. 1555. — Riehl. Zur Anatomie und Ätiologie der Orient¬ 
beule. Vierteljahresschr, f. Dermat. u. Syphil. 1886. p. 805. — Row, R. 
The development of the Parasite of Oriental sore in culture. Quart. Journ. 
of micr. Sc. 1909. T. LIII. pag. 747.* (Ref. Bull. l’Instit. Pasteur. 1910. 
T. VIII. p. 161.) — Row, R. Further observations of Leishmania tropica 
of Oriental Sore of Cambay (India). Brit. med. Journ. 1910. Vol. 2. p. 867. — 
Derselbe. Leishmania tropica and the Oriental sore of Cambay. Ibidem. 

1911. Vol. 2. p. 828. — Derselbe. Experimental Leishmaniasis in the 
monkey and the mouse induced bej the parasites in culture. Indian Journ. 
med. research. 1913/14. Vol. I. Nr. 4. p. 617. — Schilling. Leishmaniosen. 
Spez. Pathol. und Therapie innerer Krankheiten von Kraus u. Brugsch. 

1914. II. 2. p. 867. — Terra. Leishmaniose tögumentaire an BrösiL 
Boletim da Sociedasle Brasileira de Dermatologia. 1913. p. 58. Ref. Ann. 
de dermat. et syph. 1916/17. V. Sör. pag. 143. — Unna, P. G., 
Histopathologie der Hautkrankheiten. Berlin. 1894. p. 472. — Webe, 
£tude sur le clou de Biskra. Rec. de möm. de milit. 1876. p. 44. Zit. 
nach Kuhn. — Wenyon, Report on Bix months work of the expedition 
to Bagdad on the subject of oriental sore. Journ. of trop. med. and 
Hyg. 1911. Vol. XIV. Nr. 7. pag. 103. — Derselbe. A supposed 
peculiarity in the structure of the Leishmania from skin lesions in South 
America. Ibidem. 1912. Vol. XV. Nr. 13. p. 193. — Derselbe. Dermal 
Leishmaniasis from South America. Journ. London School trop. med. 

1912. Vol. I. July. Journ. of trop. med. and Hyg. 1912. Vol. XV. Nr. 18. 
pag. 284. — Werner, H., Über Oricntbeule aus Rio de Janeiro mit 
ungewöhnlicher Beteiligung des Lymphgefäßsystems. Arch. f. Schiffs- u. 
Tropenhyg. 1911. Bd. XV. pag. 681. — Wright. Protozoa in a case of 
iropical ulcer („Delhi sore*). Journ. of Medic. Research. 1903. Vol. X. 

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148 Kyrie und Reenstierna. Anat.-exp. Sind. üb. Aleppo-Beule. 


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(New Series Yol. V.) p. 472. — Joura. of cut. diseas. 1904. Bd. XXII. 
p. 1. — Bull. Inst. Past. 1904. T. II. pag. 114. 

Erklärung der Abbildungen auf Taf. III—VII. 

Fig. 1. Aleppobeule an der linken Hand des Patienten. Nach 
Moulage. Fig. 2. Schnitt durch die „Beule" am Kinn. Lupusähnlicher 
Bau; Epitheloidzellknötchen mit Langhanssehen Riesenzellen. Ver¬ 
größerung 80/1. Fig. 3. Schnitt durch die „Zwerg“beule am linken FuB 
des Patienten. Epitbeloidzellstruktur von mehr diffus infiltrierendem Typus. 
Großer Reichtum an Riesenzellen. Links unten: Riesenzelle mit den 
eigenartigen Kernverhältnissen. Vergrößerung 80/1. Fig. 4. Affe P. 
Impfeffekte 4V t Monate nach der Impfung. Ad naturam. Fig. 5. Hund 
I. (I. Generation.) Impfeffekte 47t Monate nach der Impfung. Ad naturam» 
Fig. 6. Hund III. (III Generation.) Großes Ulkus rechts, kleineres links 
von der Mitte der Oberlippe. Drei Monate nach der Impfung. Ad naturam. 
Fig. 7. Schnitt durch einen Impfeffekt des „großen" Affen (V. Genera* 
tion), 24 Tage nach der Inokulation. I. Stadium; in den obersten Schichten 
der Kutis, banale Entzündung. Vergrößerung 80/1. Fig. 8. Stelle aus- 
dem früheren Präparat. Große Zellen mit Leishmanien. (Immersion 1000/1). 
Fig. 9. Schnitt durch einen Impfeffekt bei „Ketten“ Affe. (IV. Gene¬ 
ration.) 40. Tage nach der Impfung, n. Stadium. Neben Rundzellen* 
Infiltration tuberkuloide Struktur..E. Z.: Epitheloidzellen, R. Z.: Riesen¬ 
zellen. Vergrößerung 80/1. Fig. 10. Schnitt durch einen Impfeffekt bei 
Affe „H tf . (III. Generation). 17? Monate älteres Stadium als das früher 
beschriebene. III. Stadium. Lupusähnlicher Bau; E. Z.: Epitheloidzell¬ 
knötchen, R. Z.: Riesenzellen. Vergrößerung 80/1. Fig. 11. Schnitt 
durch einen Impfeffekt bei Affe „H u . (III. Generation.) Mehr als fünf 
Monate nach der Impfung. IV. Stadium. Ausgesprochene EpitheloidzeU- 
struktur mit reichlich Riesenzellen. Vergrößerung 80/1. 


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Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. 128, 


Taf. 111 



Kyrie 

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Reenstierna: Aleppobeule. 

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Berlin W.Ongi na rfrönT 

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Arch. f. Derm. u 




Kyrie 

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id Reenstjerna: Aleppobeule, 


Verlagsbuchhandlung von Julius Springer 
Berlin Wl'rigiral frorn 

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Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. 128. 


Taf. V. 





Fig. 6. 


Fig. 8. 


Kyrie und Reenstierna: Aleppobeule. 

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Verlagsbuchhandlung von Julius Springer 
Berlin W. Q r jgj ra | fpom 

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Digitizec 


Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. 128. 


Taf. VI. 




Fig. 9. 




na: Aleppobeule. 


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UNlfäfel'h OF MINNESOTA 




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Ans der dermatologischen Klinik in Basel. 

(Vorsteher: Prof. Lewandowsky.) 


Ober nngevöhnliche Tnberknlidformen. 

(Großpapulöse, annuläre und gruppierte Tuberkulide.) 
Yon Alfred Hauser, 

Assistent der Klinik. 


(Hierzu Taf. VIII.) 

Die Klinik der Hauttuberkulose ist in den letzten 
Jahren um vieles bereichert und derartig ausgebaut wor¬ 
den, daß man sie nach den zusammenfassenden Arbeiten 
von Jadassohn, Zieler und Lewandowsky für ab¬ 
geschlossen halten könnte. Trotzdem finden sich bei einem 
an Tuberkulose reichen Material immer wieder Fälle, die 
bei der Unterordnung in eine bestimmte Gruppe Schwierig¬ 
keiten machen. Ein jeder solcher Fall hat ein gewisses 
Interesse, da wir nur durch Sammeln von Einzelbeobach¬ 
tungen dazu kommen, den Kreis der bekannten Krankheits¬ 
bilder zu erweitern und, wenn es sich als notwendig er¬ 
weist, neue Formen aufzustellen. Deshalb ist es wohl 
berechtigt, die beiden folgenden Fälle näher zu beschreiben. 

Erster Fall: GroOpapulOses und annulSres Tuberkulid. 

Herr E. V., 43 J., Magazineur. 

Familienanamnese: Vater gest. 60 J. alt an Darmoperation 
(Dannverwicklung). Mntter lebt gesund 8 Brüder und 1 Schwester, alle 
verheiratet, mit gesunden Kindern. Pat. ist verheiratet. Frau ist ge¬ 
sund, hat aus früherer Ehe 4 gesunde Kinder. 

Frühere Krankheiten: als Kind war Pat. nie krank. Mit 
16 Jahren Typhus. 1910 Pleuritis sicca. Zur Zeit fühlt sich Pat. voll¬ 
ständig wohl; keine Gewichtsabnahme, keine Nachtschweiße. 

Auftreten des Hautleidens: Ende 1914 Auftreten eines hell¬ 
roten Fleckens über der linken Tibia, anfangs im Niveau der Haut 
gelegen, später erhaben und peripher sich vergrößernd. Konsultierung 
der allgemeinen Poliklinik ohne Erfolg. 1916 eine analoge EfSoresseni 
am linken Oberarm. Ende 1916 Aufschießen eines Knötchens auf dem 
Rücken. Behandlung bei einem Spezialisten, der alle Effloreszensen bis 


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150 


H a u 8 e r. 


zu starker Blasenbildung mit Quarzlampe bestrahlte. Das Knötchen am 
Rücken blieb dauernd weg. Am linken Unterschenkel trat die Affektion 
4—6 Wochen nach Bestrahlung wieder neu auf. 

Aligemeinstatus: Kräftiger Mann in gutem Ernährungszustand. 
Kopf: frei beweglich. Konjunktiven eher blaß. Skleren rein. Pupillen 
reagieren prompt auf Licht und Akkommodation. Kornea vollkommen 
klar. Mund: Zunge leicht belegt. Schleimhaut o. B. Rachen, Uvula 
und Tonsillen leicht gerötet. Zähne gut erhalten. Hals: keine palpabeln 
Lymphdrüsen. Thyreoidea nicht vergrößert. Thorax: symmetrisch. Atem¬ 
exkursionen bds. gleich. Lunge: Grenzen hinten unten proc. spin. XII, 
stark verschieblich; r. v. u. unt. Rand der 6. Rippe. Spitzenfeld bds. 
gleich. Perkutorisch nirgends Dmpfg. Atemgeräusch überall laut, rein 
vesikulär. Röntgenbild zeigt normale Lungenzeichnung. Herz t 
Grenzen o. B. Töne rein, mäßig laut. 2. A. T. z: 2. P. T. Aktion regel¬ 
mäßig. Pul8 o. B. Abdomen: reichlich Pannikulus. Leberdämpfg. am 
unteren Rippenrand. Milzdämpfg. kommt bis zur vorderen Axillarlinie, 
ca. 7 cm breit. Übriges Abdomen weich, nirgends Resistenzen, nirgends 
Druckempfindlichkeit. Inguinaldrüsen palpabel, nicht vergrößert. Re¬ 
flexe : sämtlich o. B. Keine pathologischen. 

1. Dez. 1917. Hautstatus: Am linken Oberarm innen über dem 
Epicondylus medialis einige blaurote bis narbige Flecken, etwas eingesunken, 
netzförmig zusammenhängend, mit einigen kleinsten Teleangiektasien. 
An der linken Flanke 2 cm im Durchmesser haltender braunrote pigmen¬ 
tierter, ziemlich scharf kreisrund begrenzter Fleck. (Diese Stelle war 
mit Quarzlicht bestrahlt.) Über dem linken Gesäß eine blaurote, leicht 
eingesunkene Stelle von derselben Größe; unmittelbar daneben ein 
halbkreisförmiger, 2 cm im Durchmesser haltender Herd mit stark er¬ 
habenem, ziemlich derbem Wall. Dieser Wall setzt sich aus einzelnen,, 
flach kuppelförmig vorspringenden Papeln zusammen. Diese haben etwa 
Linsengröße, sind sehr derb und bis in die Tiefe der Kutis infiltriert. 
Die Oberfläche ist glatt, etwas glänzend, nicht schuppend, die Farbe 
hellrosa. Beim Spannen der Haut sehen diese Effloreszenzen weiß aus, 
ebenso bleibt bei Glasdruck kein gelblicher oder bräunlicher Farbenton 
zurück, sondern die Herde setzen sich durch ihre weiße Farbe von der 
Umgebung ab. An einer Stelle sind die Papeln konfluiert wie zu einer 
Leiste. Die von dem halbkreisförmigen Wall umfaßte Hautpartie er¬ 
scheint leicht eingesunken, nicht deutlich atrophisch, durch etwas bläu¬ 
lichen Farbenton von dem Wall unterschieden. Auf dem rechten Gesäß 
findet sich ein ovalärer, ca. 3:2 cm messender Herd mit 7—8 mm breitem 
Rand. Dieser Rand hat im ganzen dieselbe Beschaffenheit wie bei dem 
eben beschriebenen Herde. Nur tritt hier die Konfluenz der einzelnen 
papulösen Effloreszenzen deutlicher in Erscheinung, so daß wir das leicht 
eingesunkene und bläulich verfärbte Zentrum größtenteils von einer 
kontinuierlichen, stark vorspringenden, glatten, sehr derben Randleiste 
umsäumt finden. Auch hier ist der weißliche Ton bei geringer Anami» 
sierung auffallend. 


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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. 


151 


Am linken Unterschenkel, mit dem unteren Rand zwei Querfinger 
über dem Mall int. gerade über dem Schienbein gelegen, zeigt sich ein 
handtellergroßer unregelmäßig begrenzter Herd, ira Zentrum zum Teil 
narbig-atrophisch, glatt, weißlich, mit einzelnen rundlichen blauroten 
Einsenkungen. Die übrigen Partien des Herdes sind braun pigmentiert, 
nicht atrophisch. An einzelnen Stellen zeigt der Rand deutlich serpi- 
ginöse Begrenzung. Hier finden sich in polyzyklischer Anordnung papu¬ 
löse Effioreszenzen von der oben beschriebenen Beschaffenheit. 

Wassermannsche Reaktion negativ. Probeexzision aus 
dem Herd am Gesäß rechts. Um die Möglichkeit, daß es sich bei der 
Affektion trotz des negativen Wassermann um Lues handeln könne, 
wofür besonders die Herde am Unterschenkel zu sprechen schienen, aus¬ 
zuschalten, wird eine spezifische Behandlung verordnet: Kal. jodat. 20’0: 
200‘0, 3 mal täglich einen Kaffeelöffel. Diese Ordination wurde 3 mal 
repetiert. 

Weiterer Verlauf: 15. Dez. 1917. Herde etwas flacher, speziell 
die beiden über den Nates. Die Knoten am linken Unterschenkel sind 
heute mehr bräunlich rot mit leichter Schuppenbildung. 

29. Dezember. Beginn einer Quecksilber-Salvarsankur. (Pro Woche 
2 Injektionen Hg. salic. intramuskulär und 1 Injekt. Salvarsan-Natrium 
intravenös, beides in steigender Dosis bis O’l Hg. salic. und 0*6 Salv.- 
Natrium.) 

6. Januar 1918 Die 3 Knoten in der Narbenstelle am Unter¬ 
schenkel deutlich flacher. Zweite Probeexzision tief am Gesäß links. 

11. Januar. Abflachung der Plaques am Gesäß. Rechts weniger 
deutlich, aber doch erkenntlich. 

15. Februar. Am Unterschenkel ist ein Teil der froheren Knoten 
unter Hinterlassung einer pigmentierten, etwas eingezogenen Narbe ver¬ 
heilt. Am Rand von zweien dieser Narben haben sich 2-3 neue kleine 
Papeln von Linsengröße gebildet, die kranzartig die Narbe nach der 
Peripherie hin umfassen. Sie sind sehr hart, hellrot, nicht schmerzhaft. 
Die Infiltration an den alten Stellen ist geringer, aber für die Pal pation noch 
nicht definitiv verschwunden. 

2. April. Abschluß der spezifisch antiluetischen Behandlung. 
Gesamtdosis: Hg. salic. 16*2 (10°/ 0 ige Suspension in ol. paraff.) Salvarsan- 
Natrium 3*75. 

24. April. Es hat sich eine Anzahl neuer Effloreszenzen gebildet. 
Dieselben finden sich disseminiert über den Rücken und die seitlichen 
Thoraxpartien verteilt. Es handelt sich um linsen- bis erbsengroße, 
ziemlich derbe Papeln. Einige von diesen Papeln tragen auf ihrer 
Höhe eine Pustel oder eine tief eingelegte, gelbe, fest anhaftende Kruste, 
nach deren Entfernung eine blutende Vertiefung zurüokbleibt. Sie haben 
ganz das Aussehen von papnlonekr otischen Tuberkuliden. 
Die Knoten am Unterschenkel an der Peripherie der Narbe wieder größer. 

26. April. Pirquet am Vorderarm ist stark positiv: 8 mm 
große hellrote Papel. 


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H a u 8 e r. 


30. April. Pirquet in eine papulo-pustulöse Effloreszenz am Rumpf, 
dazu Kontrolle in normaler Haut. 

2. Mai- Pirquet in Effloreszenz: 1*5 cm Durchmesser haltende, 
hellrot entzündliche bohnengroße Papel mit kleinen Krusten im Zentrum 
Kontrolle auf Normalhaut: 1 cm große, hellrote Papel, die genau einer 
spontan entstandenen gleicht. 

10. Mai. Versuch mit Röntgen am linken Unterschenkel (10 x / 
1 mm Al.). 

25. Mai. Die bestrahlte Stelle im Rückgang. Dagegen zahlreiche 
kleine hellrote Knötchen, z. T. auch einzelne kleine papulopustulöse 
Effloreszenzen am Körper aufgetreten. An beiden Waden je eine größere 
ekthyma-ähnliche Effloreszen. 

7. Juni. Der Herd am linken Unterschenkel erhält nochmals 10 x / 
1 mm Al. Eine gleiche Dosis erhält der Herd an der rechten Wade. 

16. Juni. Am linken Unterschenkel über der Wade 2 neue Efflores¬ 
zenzen: ein aus weißlich durchschimmernden Knötchen bestehender Kreis 
mit hellrot verfärbtem Rand und mit eingesunkenem lividen, etwas schup¬ 
pendem Zentrum. Am Gesäß zwei gleiche kleinere Herde. 

17. Juni. Beginn mitKromeyer-Quarzlampenbestrahlungen, die 
einzelnen Herde je 10 Minuten in einer Distanz von 20 cm. 

18. Juni. Beginn einer kutanen Tuberkulinbehandlung nach Ponn- 
dorf mit Alttuberkulin. 

20. Juni. Starke Reaktion der Haut aufPonndorf: blasige Abhe¬ 
bung der Epidermis, zur Kruste eingetrocknet. 

In der Folgezeit täglich Quarzbestrahlung und zirka jeden 10- Tag 
Ponndorf, stets mit starker Lokalreaktion. 

5. August. Die Hautaffektion hat auf die Röntgen-Quarz-Tuber- 
kulin-Behandlung ausgezeichnet reagiert. Der serpiginöse Herd am linken 
Unterschenkel ist total abgeflacht und teilweise vernarbt, ln dem braun 
pigmentierten Herd finden sich einzelne scharf umschriebene, linsengroße 
eingesunkene Narben. Auch die übrigen nodösen Herde an den Waden 
und am Gesäß fast ganz abgeflacht. P o n n d o r f-Reaktion noch immer kräftig. 

15. August. Die Papeln siud alle total abgeheilt, an ihrer Stelle 
livide Flecke, fast alle etwas unter das Niveau der Haut eingesunken, 
die größeren am Unterschenkel zeigen noch einige kleinste braune Fleckchen. 

14. September. Hautstatus: Im unteren Drittel des linken Unter¬ 
schenkels von der vorderen Tibiakante nach innen hinten finden sich in 
einem handtellergroßen Gebiet folgende Veränderungen. Die Haut ist im 
ganzen leicht bräunlich verfärbt, vielleicht eine Spur verdünnt. Die 
Begrenzung dieses Gebietes ist unregelmäßig und unscharf, durch eine 
etwas stärkere Pigmentierung gegen die normale Haut und das narbige 
Zentrum abgesetzt. Sonst zeigen sich in den pigmentierten Partien kaum 
irgendwelche Haut Veränderungen. Das Zentrum der Plaque zeigt 
reichlich scharf begrenzte, etwa linsengroße narbige Atrophien, z. T. 
konfluierend, z. T. solitär. Die Haut zeigt in diesen kleinen, runden 
Narben das Phänomen des zerknitterten Zigarettenpapiers. Am rechten 


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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. 


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Unterschenkel (Hinterseite) finden sich ebenfalls kleine, kaum 1 cm 
Durchmesser haltende pigmentierte Herde. Daneben auch 2 linsengroße 
■atrophische Stellen von demselben Charakter wie oben beschrieben. 

Über den Glutaeen bds. ebenfalls umschriebene, pigmentierte Haut¬ 
veränderungen, auch hier zum Teil mit Atrophie. 

21. September. An der Hinterseite des linken Unterschenkels ist 
neben dem größeren -pigmentierten Herd ein kleines neues Knötchen 
■aufgeschossen von zirka Linsengröße, dem palpierenden Finger als in 
der Kutis sitzendes Infiltrat erscheinend. Haut darüber leicht gerötet 
und etwas schuppend. 

Th. weiter Ponudorf mit Alttuberkulin. 

23. September. Ponndorf zeigt kräftige Reaktion. 

28. September. Exzision obigen Herdes (dritte Probeexzision). 

14. Dezember. Auftreten einer neuen Papel an der Streckseite des 
rechten Armes unmittelbar oberhalb des Ellbogens. — Auf Pirquet direkt 
in die Effloreszenz verschwand das Knötchen nach wenigen Tagen und 
ließ eine gerötete und leicht verdünnte Hautstelle von entsprechender 
<}röße zurück. 

14. Januar 1919. Proximal und distal von der oben beschriebenen 
Effloreszenz ist je ein neues Knötchen aufgetreten von gleichem Aus¬ 
sehen wie die im Hautstatus ausführlich geschilderten Papeln (v. Fig. 1). 

26. Januar. Moroeinreibung mit 25%igem Tuberkulinlanolin in 
diese beiden Effloreszenzen. Dazu Kontrollstelle auf normaler Haut. 

26. Januar. Moro deutlich positiv: die vorher transparent¬ 
weißen Papeln haben sich gerötet und sind stärker infiltriert. Außerdem 
hat sich ein wenige Millimeter breiter roter Hof um die beiden Efflores- 
zenzen gebildet. Die Kontrollstelle blieb unverändert. 

27. Januar. Abklingen der Mororeaktion. 

16. Februar. Patient zeigt in der vorderen Axillarlinie linkerseits, 
•entsprechend der Höhe der 10. Rippe, eine der unter 14. Januar beschrie¬ 
benen vollständig ähnliche Effioreszenzengruppe: in der Mitte eine flache 
Papel mit pustulösem, zu einer kleinen Kruste ein getrocknetem Zentrum 
daran proximal und distal angegliedert je eine zirka linsengroße, trans¬ 
parent-weiße Papel mit rotem Hof. Das Ganze stellt ein kleines Segment 
einer annulären Figur vor. 

Auf dem rechten Vorderarm über dem untern Drittel des Radius 
findet sich gleichfalls eine wenig über linsengroße flache Papel von wein- 
roter-livider Farbe, mit zentraler pustulöser Delle, bei der Palpation 
deutlich infiltriert erscheinend. 

Therapie: Die Therapie wurde zur Hauptsache schon in der 
Krankengeschichte erwähnt. Patient bekam in toto 32 Quarzbestrahlungen 
*md zwar wurde jeder Herd im Abstand von zirka 10 Tagen 10 Minuten 
lang bestrahlt, anfangs in 20, später in 10 cm Distanz; außerdem 25 Ponn¬ 
dorf sehe Kutanapplikationen von K o c h schem Alttuberkulin. Die Herde 
-an beiden Unterschenkeln wurden geröntgent (links 2 mal 10 X/l mm Al. 
im Abstand von 4 Wochen, rechts 1 mal 10 X/l mm Al.). 


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Hauser. 


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Histologie: Die exzidierten Hautstückchen wurden in absolutem 
Alkohol fixiert und gehärtet, in Paraffin eingebettet und in Serien ge¬ 
schnitten. Die Färbung geschah mit Hämalaun-Eosin, nach van Gieson r 
Unna-Pappenheiin, Unna-Tänzer und nach Ziehl auf T.-B. 

Das histologische Resultat der verschiedenen Probeexzisionen 
wird, weil völlig übereinstimmend, hier im Zusammenhang wiedergegeben. 

Die Hauptveränderungen sitzen in den tieferen Schichten der Kutis 
als perivaskuläre Infiltrate unter vorwiegender Beteiligung derjenigen 
Gefäße, die aus der Subkutis gegen die Haarfollikel und Talgdrüsen auf- 
steigen. Die Infitrate setzen sich an vielen Stellen ausschließlich aus 
kleinen Lymphozyten zusammen; an andern Stellen überwiegen die Epi- 
thelioidzellen; Plasmazellen finden sich in einzelnen Exemplaren unter 
den Lymphozyten oder auch zu kleinen Gruppen vereinigt. Stellenweise 
sind die fixen Bindegewebszellen vermehrt. Von den langgestreckten 
Fibroblasten finden sich alle Übergänge zu typischen Epithelioidzellen r 
stärkere Färbbarkeit des Kernes, polygonale Form, 'reichliches perinu¬ 
kleäres, intensiv fingiertes Protoplasma. Eigentliche Riesenzellen vom Typua 
Langhans sind nicht vorhanden, dagegen finden sich in einigen Infil¬ 
trationsherden ziemlich reichlich Epithelioidzellen mit zwei, drei oder 
mehr Kernen bis zur beginnenden Riesenzellbildung. Von einer tuber- 
kuloiden Struktur kann man kaum sprechen, wenn sich auch gelegentlich 
Andeutungen zeigen, wie Wirbelzellstellung der Epithelioiden mit peri¬ 
pherem Lymphozytenwall und zentralen nekrotischen Partien. 

An einzelnen Stellen gehen die Infiltrate bis in die Subkutis, so 
daß sich zwischen den Zellen des Fettgewebes umschriebene Ansamm¬ 
lungen von Lymphozyten finden. 

Ein wichtiges Charakteristikum dieser perivaskulären Infiltrate 1 
sind die Veränderungen der Gefäße selbst. Meist handelt es sich um 
produktive Endovaskulitis, die sich sowohl an Venen als auch an Arterien 
äußert. Der Prozeß kann bis zu völlige Obliteration des Lumen gehen. 
Auch die Media ist alteriert: durch Lymphozyteninfiltration verdickt. Im 
allgemeinen entspricht einer geringeren Veränderung des Gefäßes selbst 
ein perivaskuläres Infiltrat, das fast rein aus Lymphozyten besteht, während 
hochgradiger erkrankte Gefäße sich in ein Epithelioidzelleninfiltrat ein¬ 
gebettet finden. Schließlich sehen wir in den gleich näher zu beschrei¬ 
benden nekrotischen Herden die Gefäße meist nur noch als dünne Stränge 
erhalten. Wahrscheinlich haben wir hier die verschiedenen Stadien ein- 
und desselben Prozesses vor uns. Die einzelnen Infiltrate sind meist scharf 
abgesetzt und durch große Partien gesunden Gewebes von einander ge¬ 
trennt. Dann und wann liegen aber in einem größeren Infiltrat auch 
mehrere Gefäße, welche die verschiedenen Stadien des Verschlusses deut* 
lieh zeigen, von eben beginnender Intimawucherung bis zur Totalnekrose- 
des Gefäßes und seiner weiteren Umgebung. Diese Nekrosen sind einiger¬ 
maßen scharf durch normales Kutisgewebe begrenzt, stellenweise setzen 
sie sich bis in die oberen Schichten der 8ubkutis fort. Besonders schön 
heben sich bei van Gieson-Färbung die schmalen, gelben Stränge 


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Über ungewöhnliche Tuberkalidformen. 


155 


nekrotischen Gewebes von der roten Farbe des normalen Kollagens ab. 
Darin eingebettet liegen in bunter Anordnung verklumpte Zellkerne und 
Kerntrümmer, vereinzelte Leukozyten und ganz spärliche Epithelioide. 
In Orzeinpräparaten erkennt man die Gefäße häufig noch an dem braunen 
elastischen Faserkranz. 

Nicht immer finden sich die Nekrosen im Zusammenhang mit 
größeren zelligen Infiltraten. An manchen Stellen treten sie mehr selb¬ 
ständig auf, auch hier in deutlichem Zusammenhang mit Gefäßen, wenn, 
sich auch nicht mehr auf allen Schnitten sichere Gefaßreste — meist in 
Gestalt,von elastischen^Bestandteilen der Gefäßwand — nachweisen lassen. 

Die oben beschriebenen Infiltrate folgen kontinuierlich den Geläß- 
verzweigungen gegen das Stratum subpapillare ais perivaskuläre Mäntel, 
wie auf Serienschnitten deutlich zu konstatieren ist. Hier sind die Intima¬ 
veränderungen viel weniger ausgesprochen als in den tieferen Schichten, 
der Haut. Das Infiltrat besteht wieder vorwiegend jaus Lymphozyten; 
Leukozyten und Plasmazellen sowie Epithelioide sind nur vereinzelt an- 
zutreffen. Riesenzellen fehlen. Das Stratum papillare ist etwas ödematös. 

In den zelligen Infiltraten sind elastische Fasern und kollagenes 
Bindegewebe nur spärlich vorhanden, in den Nekrosen fehlen sie, abge¬ 
sehen von den Gefäßresten, vollständig. 

Haarbälge, Talg- und Schweißdrüsen scheinen nicht direkt beteiligt 
wenn auch infolge ihrer Beziehungen zu den Gefäßen gelegentlich ein¬ 
bezogen. Dagegen finden sich Andeutungen von Gefäßneubildung an 
der Peripherie der Herde. 

Die größeren Gefäße der Subkutis sind nicht verändert. 

Das über den Kutisveränderungen liegende Epithel ist etwa um 
ein Drittel verbreitert, unter hauptsächlicher Beteiligung des Stratum 
spinosum. Auf der Höhe der Läsion zeigt sich eine geringe Verlängerung 
und Wucherung der Retezapfen. Die Interzellularbrücken sind sehr deut¬ 
lich sichtbar und etwas verbreitert. Im geringgradigen interzellulären 
Ödem liegen vereinzelte Leukozyten, die an einer Stelle, ungefähr der 
Mitte des exzidierten Stückes entsprechend, gehäuft auftreten und einen 
Mikroabszeß bilden. An einer anderen Stelle findet sich eine ganz scharf 
umschriebene keilförmige Epithelnekrose, die Spitze des Keiles nach der 
Tiefe zu gerichtet, wo er in einen Nekroseherd der Kutis übergeht. Im 
Bereich der Epithelnekrose sind Zellkonturen und Kerne nicht mehr zu 
erkennen; es finden sich dort nur Kerntrümmer und Zelldetritus. In der 
unmittelbaren Nachbarschaft dieses Herdes besteht eine herdförmige- 
Parakeratose der Hornschicht. 

Tuberkelbazillen oder andere Mikroorganismen wurden auf keinem 
der daraufhin untersuchten Schnitte gefunden. 

Zusammenfassung; 

Es handelt sich um einen 42jährigen gesunden 
Patienten, bei dem seit 3 Jahren derbe großpapulöse- 


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4 


156 Hauser. 

Effloreszenzen von weißlicher Farbe und mit Neigung zur 
Bildung von Ringen und serpiginösen Figuren aufgetreten 
waren. Wassermann negativ. Antiluetische Kur ohne 
Erfolg. Nachdem der Fall eine Zeitlang in Beobachtung 
ist, tritt plötzlich ein Schub von papulo-nekrotischen Tuber¬ 
kuliden auf. Pirquet stark positiv. Heilung unter kutaner 
Tuberkulinbehandlung nach Ponndorf, kombiniert mit 
Röntgen- und Quarzlampenbestrahlung, mit Hinterlassung 
scharfrandiger Pigmentierungen oder scharf umschriebener 
kreisrunder, etwas pigmentierter Narben. 

Eine sichere Diagnose war in diesem Fall nicht sofort 
au stellen. Wie in der Krankengeschichte erwähnt, mußte 
in erster Linie, trotz negativem Wassermann, au ein 
■tertiäres Syphilid gedacht werden. Dafür sprachen 
besonders die Herde am Unterschenkel, wo um ein ver¬ 
narbendes Zentrum breite, aus einzelnen großen Papeln 
zusammengesetzte Infiltrationsleisten in polyzyklischer An¬ 
ordnung standen. Auch die Art der Abheilung mit Hinter¬ 
lassung scharf abgegrenzter, braun pigmentierter Atrophien 
konnte an Lues denken lassen. Gegen Lues sprach aber 
im weiteren Verlauf die Tatsache, daß eine gründliche 
antiluetische Kur keine Heilung herbeiführte, ja daß sogar 
neue Effloreszenzen während der Kur auftraten. Das histo¬ 
logische Bild schloß zwar Lues nicht aus, schien aber mehr 
nach einer andern Richtung zu deuten. 

Die Herde am Rumpf hatten eine gewisse Ähnlichkeit 
mit Lichen ruber planus,speziell mit dessen annulärer 
Varietät. Die Papeln in unserem Falle waren aber dafür 
viel zu groß, und es fehlte auf der Höhe derselben jegliche 
Abflachung oder Delle. Die Farbe unserer Effloreszenzen 
war hellrosa, bei seitlichem Druck weiß-transparent und 
homogen, nirgends bläulich-rot; die Oberfläche meist ohne 
Schuppung, nirgends mit den für Lichen so charakteri¬ 
stischen streifen- und netzförmigen Zeichnungen bedeckt. 
Von den vielen atypischen Formen des Lichen ruber 
konnten alle mit Sicherheit durch unsern histologischen 
Befund ausgeschlossen werden. Denn statt der bekannten 
Veränderungen des Lichen planus zeigten unsere Schnitte 


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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. 157 

tiefer gelegene Infiltrate, aus zahlreichen Epithelioidzellen, 
Lymphozyten, Plasmazellen zusammengesetzt, sowie Nekro¬ 
sen, in deren Zentrum sich häufig hochgradige Gefäßver¬ 
änderungen im Sinne einer produktiven Vaskulitis finden. 
Aus diesen Gründen mußten wir den Gedanken an Lichen 
ruber planus und dessen Varietäten fallen lassen. 

Unzweifelhaft hatten die primären Läsionen unseres 
Falles — fast erbsengroße, hellrosabis weißliche, flachhalb¬ 
kugelig vorspringende Papeln mit Neigung zu ringförmiger 
Anordnung — makroskopisch die größte Ähnlichkeit mit dem 
relativ seltenen, neuerdings aber durch die Arbeiten von 
Graham Little, ArndtundLiebreichziemlichgenau 
definierten Krankheitsbild des Granuloma annulare. 
Arndt hält zur klinischen Diagnose desselben folgende 
Momente für die wichtigsten: 

1. vorwiegend Lokalisation an den Händen, 

2. Neigung der weißlichen erhabenen Einzelherde 
sich zu Ringen zu gruppieren, 

3. Chronizität des Prozesses. 

Hierzu ist zu sagen, daß das erste Moment in unserem 
Falle nicht zutrifft, in dessen ganzem Verlauf gerade die 
Hände vollkommen frei blieben. Aber dieser Umstand 
dürfte doch für die Diagnose nicht entscheidend sein. Denn 
einmal ist es überhaupt nicht angängig, bloß der Lokali¬ 
sation wegen eine Affektion auszuschließen, wenn sonst 
alle klinischen und pathologischen Eigenschaften überein¬ 
stimmen. Andrerseits erwähnt schon Graham Little 
eine Anzahl von Fällen mit atypischer Lokalisation, und 
ebenso finden sich solche in der Arbeit von Liebreich 
aufgezählt, der auch der Lokalisation keine ausschlagge¬ 
bende Bedeutung beimißt. Was die weißliche Farbe anbe¬ 
trifft, so ist sie zwar für das Granuloma annulare sehr 
charakteristisch, aber doch wohl nicht geradezu pathog- 
nomonisch. Uber das Zustandekommen dieser Erscheinung 
äußert sich Liebreich folgendermaßen: „Die oft auf¬ 
fallende weiße Farbe kann auf das — in der Haut selten» 
— Vorhandensein chronisch entzündlicher Herde fast nur 
unterhalb des Papillarkörpers, ja selbst wesentlich in den 


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Hauser. 


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mittleren und unteren Partien der Kutis erklärt werden. 
Der Druck, den diese Infiltrate auf den Papillarkörper 
ausüben, kann zu einer Anämie desselben führen.“ Hierzu 
ist für unsern Fall noch hinzuzufügen, daß die bis zum 
völligen Verschluß führenden Gefäß Veränderungen ein 
weiteres Moment zur Anämisierung der oberen Schichten 
beitragen konnten. — Die Neigung der Einzelherde zu 
ringförmiger Gruppierung und die Chronizität des Prozesses 
hat unser Fall mit dem Granuloma annulare gemeinsam. 

Gegen Granuloma annulare sprach die Art der Ab¬ 
heilung. Ausgang in stärkere Narbenbildung ist bisher bei 
Granuloma annulare nicht beschrieben; Abheilung mit 
leichter Atrophie kommt vor, häufiger erfolgt jedoch resti¬ 
tutio ad integrum. Die Herde unseres Falles heilten aber 
vielfach mit charakteristischer Narbenbildung, die, wie 
oben erwähnt, anfangs mit dazu beitrug, die Diagnose auf 
tertiäre Lues zu stellen. 

Konnte somit nach dein klinischen Befund das Granu¬ 
loma annulare nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, 
so lieferte die histologische Untersuchung wichtiges Ma¬ 
terial, um diese Diagnose abzulehnen. Freilich eine gewisse 
Ähnlichkeit ist auch hier vorhanden. Wir haben Infiltrate 
aus Epithelioidzellen und Lymphozyten mit herdweisen 
Nekrosen. Alles dieses findet sich auch beim Granuloma 
annulare. Aber das Verhältnis der einzelnen Elemente des 
Infiltrates zueinander ist ein ganz anderes. In unserem 
Falle überwiegen an vielen Stellen Lymphozyten und 
Plasmazellen (letztere hat Arndt in seinem Falle über¬ 
haupt nicht gefunden), während beim Granuloma annulare 
gerade die rein aus Epithelioidzellen zusammengesetzten 
Herde charakteristisch sind. Es fehlte auch die Anordnung 
dieser Infiltrate in Zügen, die zwischen die Bündel des 
kollagenen Gewebes eingelagert sind; und schließlich betrifft 
die Nekrose in unserem Fall nicht nur die Bindegewebs- 
balken, sondern, indem sie von den Gefäßen ihren Ausgang 
nimmt, ergreift sie in gleicher Weise die zelligen Elemente 
4er Gefäßwand wie das umgebende Bindegewebe. Nimmt 
man diesen Befund mit den klinischen Abweichungen zu- 


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Über ungewöhnliche Tuberknlidformen. 159 

sammen, so ergeben sich daraus schwerwiegende Argumente 
gegen die Diagnose eines Granuloma annulare. 

Es fragt sich also, wo wir sonst unsern Fall unter¬ 
bringen können. Und da verweist uns schon das histolo¬ 
gische Bild, zunächst einmal von den klinischen Erschei¬ 
nungen ganz abgesehen, auf gewisse Formen der Tuber¬ 
kulose. Schon Arndt erwähnt, daß das Granuloma 
annulare dem als „Folliklis“ bezeichneten Typus der 
papulo-nekrotischen Tuberkulide histologisch in mancher 
Beziehung ähnlich ist. Er geht aber nicht soweit, diese 
beiden Bilder zu identifizieren, wie es später Wert her 
getan hat, sondern stellt bestimmte Differenzen zwischen 
beiden fest, die ziemlich genau den von uns soeben erwähnten 
Unterschieden entsprechen. Auch Liebreich hat sich ihm 
in dieser Auffassung angeschlossen. Es ist denn auch in 
unseren Präparaten nichts zu fiuden, was eine prinzipielle 
Abweichung vom Bilde der papulo-nekrotischen Tuber¬ 
kulide darstellen würde. Freilich ist bei dieser Afifektion 
im ganzen die Nekrose sowie das umgebende Infiltrat 
etwas massiger, gleichsam konzentrierter, und nicht so auf 
verschiedene kleine Gefäßbezirke verteilt wie in unserem 
Falle. Aber das sind nur quantitative Unterschiede und 
gerade die erklären das eigentümliche klinische Bild, das 
vor allem durch das Fehlen einer makroskopisch sichtbaren 
Nekrose charakterisiert ist. 

Ziehen wir nun den klinischen Verlauf mit heran, so 
spricht alles für die Annahme eines Tuberkulides. Es war 
ja auch das zeitweilige Auftreten typischer papulonekro- 
tischer Tuberkulide, das uns zuerst auf den Gedanken 
brachte, es könne sich auch bei den annulären Herden um 
Tuberkulose handeln. Von vorneherein lag sonst diese 
Diagnose nicht gerade nahe. Es handelte sich um einen 
ungewöhnlich kräftigen, vollkommen gesunden Patienten, 
in dessen Anamnese allerdings nachträglich noch eine 
früher durchgemachte Pleuritis erhoben wurde. Als aber 
die neue Hauteruption unsern Verdacht in der Richtung 
auf Tuberkulose gelenkt hatte, zeigte es sich, daß der 
Patient auf kutane Tuberkulineinimpfung außerordentlich 


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Hauser. 


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stark reagierte. Bei Impfung nach Pirquet im Krankheits¬ 
herd und im Gesunden, war eine deutliche Differenz zu 
Gunsten des Herdes zu konstatieren. Auch die Salben¬ 
einreibung nach Moro ergab lokale Reaktion des Krank¬ 
heitsherdes, wahrend sie auf der gesunden Haut versagte* 
Daß sie auch im Herd nicht besonders stark auftrat, ist 
durch den tiefen Sitz der Läsion genügend erklärt. Zu 
einem Tierversuch konnten wir leider kein Material ent¬ 
nehmen, aber es ist nach der Art der Veränderungen zu 
schließen wohl sehr wahrscheinlich, daß er negativ aus¬ 
gefallen Märe. Trotzdem scheinen uns die erwähnten Mo¬ 
mente zu genügen, um in uuserem Falle die Diagnose 
Tuberkulose zu bekräftigen. Es wäre noch hinzuzufügen, 
daß die sehr kräftigen Ponndorf-Reaktionen bei der kuta¬ 
nen Tuberkulinbehandlung nicht zum wenigsten dazu bei¬ 
getragen haben, die Affektion ziemlich rasch bis auf kleine 
Reste und Rezidive zum Verschwinden zu bringen, während 
sie vorher lange vergeblich behandelt worden war. 

Wir hätten es also mit einem Tuberkulid von klinisch 
rein papulösem Typus zu tun, bei dem vor allem die Nei¬ 
gung zu ringförmiger Anordnung auffallend war. Diese ist, 
soviel ich sehe, bei papulo-nekrotischen Tuberkuliden bis¬ 
her nicht beschrieben worden, doch ist sie an sich nichts 
den Tuberkuliden durchaus fremdes. In der großen Arbeit 
über Erythema induratum, die Schidachi aus der 
Jadassohnschen Klinik publiziert hat, wird ein Fall 
erwähnt, in welchem die zentrale Abheilung und das 
periphere Fortschreiten der Affektion auffielen. Auch in 
diesem Falle wurde der Gedanke an Syphilis erwogen. Es 
wird aber des weiteren betont, daß das Vorkommen serpigi- 
nöser Formen bei Tuberkuliden nicht Wunder nehmen 
könne, wenn man die Sarkoide und den Lupus pernio 
hierzu rechne, bei denen ja eine derartige Entwicklung 
ganz gewöhnlich sei. 

Schließlich erwähnt auch Lewandowsky ring- und 
halbkreisförmige Eruptionen an Vorderarm und Hand¬ 
rücken eines tuberkulösen Patienten, mit histologischem 
Befund von perivaskulären Epithelioidzelleninfiltraten. 


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Über ungewöhnliche Tnberkulidformen. 


161 


Aber diese hatten klinisch mehr einen erythemartigen 
Charakter und machten nicht den Eindruck einer relativ 
lang persistierenden Veränderung, durch welche unser Fall 
ja gerade dem Granuloma annulare so ähnlich wurde. 

Wir müssen hier auch noch daran erinnern, daß die 
Ansichten über die Ätiologie des Granuloma annulare 
noch nicht geklärt sind, wollen aber auf die Frage, ob es 
zur Tuberkulose gehört oder nicht, hier um so weniger 
eingehen, als eine andere Arbeit aus der Klinik demnächst 
diesen Gegenstand an der Hand zweier Fälle behandeln 
wird. Einstweilen sind wir jedenfalls nicht berechtigt, 
diese Krankheit mit den papulo-nekrotischen Tuberkuliden 
zusaramenzuwerfen. Fälle aber wie der unsrige, die klinische 
Übergangsbilder darstellen, mögen zeigen, wie leicht eine 
Verwechslung möglich sein kann und wie sehr die ganze 
Frage dadurch kompliziert wird. 

Zweiter Fall: GroßpapulSses und gruppiertes Tuberkulid. 

Frau E. St., 61 Jahre, Hausfrau. 

Familienanamnese: Yater gestorben 57 Jahre alt an Lungen¬ 
leiden, Mutter gestorben. Todesursache ist nicht zu eruieren. 6 normale 
Geburten; 1 Sohn gesund, 5 Kinder gestorben: 1 an Ruhr, 1 an Hirnent- 
zündung, 1 an Knochenentzündung nach lOjähriger Krankheit, 1 an 
Lungenentzündung, 1 mit 2 Tagen. Mann gestorben, 70 Jahre alt, nach 
längerem Leiden. 

Frühere Krankheiten: als Kind Rotsucht. 1896 wegen Prolap¬ 
sus uteri einige Zeit im Spital. 1898, 1907, 1917 Thrombophlebitis. Erste 
Menses mit 16 Jahren, regelmäßig. Menopause mit 46 Jahren. Keine 
Hautkrankheiten. Im März 1918 traten anläßlich eines Spitalaufenthaltes 
wegen Thrombophlebitis in beiden Axillen sowie in der Supraklavikular- 
grube links plötzlich unter Fiebersteigerungen Drüsenschwellungen auf. 
Die im pathologischen Institut Basel (Prof He ding er) vorgenommene 
histologische Untersuchung eines exzidierten Drüsenstückes ergab: typi¬ 
sches, tuberkulöses Granulationsgewebe. Zu dieser Zeit expektorierte 
Patientin ziemlich reichlich, eitriges Sputum, in dem trotz mehrfacher 
Untersuchung keine Tuberkelbazillen nachgewiesen werden konnten. 

Auftretendes ilautleidens: Die Hauterscheinungen traten 
ungefähr Mitte Mai 1918 auf. Patient spürte über dem Kreuz ein Knöt¬ 
chen, das ihr weh tat, so daß sie das Gefühl hatte, sie sei wundgelegen. 
In kurzer Zeit folgten dann neue Eruptionen von Knötchen, die sich teils 
um die schon vorhandenen gruppierten, teils mehr isoliert in Erscheinung 
traten. 

▲rcb. f. Dermal, n. Syph, Bd. 128. 22 


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162 


H a u 8 e r. 


Patientin wurde im Juli 1918 auf die dermatologische Abteilung 
aufgenommen. 

Allgemeinstatus: Mittelgroße Patientin in stark reduziertem 
Emährungs- und Kräftezustand. Sensorium frei. Temperatur schwankt be¬ 
ständig zwischen 37 und 38. Kopf: Pupillen reagieren prompt auf Licht 
und Konvergenz. Schleimhaut von Mund und Bachen frei von Efflores- 
zenzen. Der Mund kann nicht vollständig geöffnet werden (Kiefersperre). 
Die mimischen Bewegungen des Gesichtes sind gut ausfahrbar. 

Thorax: Habitus phthisicus. Atembewegungen beiderseits gleich. 
Form symmetrisch. Lungen : Grenzen normal. Nirgends deutliche Dämpfung 
A. G. überall verschärft vesikulär. Keine Nebengeräusche. Im Röntgen- 
bild tumorartiger Schatten von zirka 2:8 cm im Bereich der linken 
Hilu8drü8en, Lungenzeichnung verstärkt, baumastartig in der ganzen Lunge. 

Abdomen weich, etwas vorgewölbt, nirgends druckempfindlich. 
Lebergrenze: 4 Querfinger unter dem Ende des Corpus stemi, in der 
Mamillarlinie am Rippenbogen. Leberrand nicht palpabel. Milz vergrößert 
am Rippenbogen, nicht palpabel. Kubitaldrüsen nicht palpabel. Inguinal¬ 
drüsen fast haselnußgroß, derb. Reflexe: o. B. Urin: Spur Albumen. 

Hautstatus: (Juli I918).v Fig.2. Das Exanthem, das in Plaques 
und Gruppen vorwiegend über der Sakral- und Glutaealgegend lokalisiert 
ist, in einzelnen großen und kleinen papulösen Effioreszenzen aber auch 
über beide Beine ausgestreut ist, setzt sich aus ziemlich einheitlichen 
Gebilden zusammen. Die Primäreffioreszenzen sind zirka linsengroße 
etwa 2 mm hohe Papeln von hellroter mit leicht bräunlichem Ton ge¬ 
mischter Farbe und ziemlich derber Konsistenz. Die Haut über der Kuppe 
des Knötchens ist leiGht gespannt, verdünnt und feinlamellös schuppend. 
Diese Effioreszenzen stehen selten isoliert, sondern meist zu größeren 
und kleineren Gruppen vereinigt, von denen die größten an Ausdehnung 
etwa die Größe eines 5 Frank-Stückes einnehmen. Solche Plaques haben 
annähernd kreisrunde Gestalt und bläulich-braun-rote Farbe mit einem 
leichten wachsartigen Glanz. Die Farbe variiert bei den einzelnen Her¬ 
den etwas an Intensität. Sie setzen sich im Einzelnen aus mehr oder 
weniger eng beisammenstehenden derben Papeln von oben beschriebener 
Beschaffenheit zusammen. Die zwischen den Papeln gelegenen Hautpar¬ 
tien sind eher weich und machen den Eindruck eines diffus in der 
Kutis gelegenen Infiltrates. Zwischen den Fingern 'emporgehoben im¬ 
ponieren die Papeln als derb-elastische, zirka erbsengroße, in der Kutis 
gelegene Infiltrate, die sich mit der Haut von der Unterlage leicht ab¬ 
heben und verschieben lassen. Die Zusammenstellung der Knötchen 
in der Plaque ist teils unregelmäßig, teils läßt sich an ihrer Peripherie 
eine Gruppierung der papulösen Exkreszenzen zu einem stark prominenten 
Wall konstatieren, während das Zentrum etwas eingesunken, verdünnt 
und oft etwas braun pigmentiert erscheint. Der wallartige Rand ist 
nie völlig in sich selbst geschlossen, sondern zeigt aus Distanz annähernd 
die Gestalt eines Hufeisens. Auf Glasdruck sieht man hie und da einen 
gelblichen bis hellgrauen Farbenton, aber keine deutlichen lupoiden 


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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen, 


163 


Flecke. Bei den meisten Papeln verschwindet die Farbe unter Glasdruck 
vollständig. Das Sondendruckphänomen ist fast durchweg negativ. 

Die jüngsten Herde bestehen nur aus einem Konglomerat von ein¬ 
zelnen Papeln ohne scharfe Begrenzung, dem palpierenden Finger aber 
deutlich als Infiltrat erscheinend. Außerdem finden sich, ^besonders an 
den Beinen, Herde, in denen der papulöse Charakter der Primärefflores- 
zeuzen nicht mehr deutlich in Erscheinung tritt, vielmehr macht das 
Ganze den Eindrnck eines flachen/ diffus in der Kutis sitzenden Infiltrates. 
Die darüber liegende Haut ist verdünnt, schuppt aber etwas stärker als 
über den Herden am Sakrum. Die Schuppen lösen sich als silberweiße 
Lamellen vom Zentrum gegen die Peripherie hin ab, so daß oft eine 
kleine Kollerette entsteht. 

Links am Hals findet sich eine *vom Ohr längs dem Kieferrand 
bis etwa über die Mittellinie hinziehende Schwellung, ausgehend von 
den Drüsen, in deren Bereich die Haut blaurot verfärbt ist und von ca. 
3 -4 parallel und in der gleichen Längsrichtung laufenden, z. T. fistelnden 
Narben tief gefurcht und eingezogen erscheint. Über dem linken Schlüs¬ 
selbein eine retrahierte Narbe mit kleiner zentraler Fistel. An der rechten 
Seite des Halses am hintern Band des Sternokleidomastoideus eine ziem¬ 
lich glatt verheilte, leicht livid verfärbte Schnittnarbe. In der rechten 
Axilla ein oberflächlich gelegener kleinerer und ein tiefer gelegener 
größerer Drüsenknoten. 

Am linken Arm 2 kleine, hellrote, derbe, kutane Knötchen wie in 
der Sakralgegend. 

Vorderfläche des Rumpfes, rechter Arm sowie Kopf frei von Efflores- 
zenzen. Fußsohlen und Handflächen frei. 

Weiterer Verlauf: 

26. Juli 1918. Exzision eines Herdes über dem Gesäß r. % werden 
verwendet zur histologischen Untersuchung, Vs wird einem Meerschwein¬ 
chen subkutan implantiert. 

26. Juli. Blutstatus: 

Hämoglobin 82% nach Sahli. 


Erythrozyten.3.541*000 

Leukozyten.9*100 

Polymorphkernige .84% 

Lymphozyten.18 

Eosinophile.3% 

Mastzellen ... •.0 

Übergangsformen.0 

Mononukleäre.0 


31. Juli. Es werden 3 kleine Ponndorfsche Skarifikationen an¬ 


gelegt: 

1. mit Partigen M. Tb. R. l (Partialantigene nach 

2. „ „ A. J Deycke-Much) 

3. „ Alttuberkulin 


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Hauser. 


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1. August. Alle drei Stellen reagieren: 1 und 2 schwach, 8 stark 
positiv. 

3. August. Wassermannsche Reaktion negativ. Trotzdem 
wurde wegen der großen klinischen Änlichkeit der Hautaffektion mit 
einem tertiären Syphilid das Resultat einer spezifisch antiluetischen Be¬ 
handlung abgewartet. Jodkali intern (20*0/200*0,8 mal täglich 1 Kaffeelöffel. 

10. August. Effloreszenzen-Gruppen im ganzen größer geworden, 
z. T. durch peripheres Fortscbreiten mit Einsinken des Zentrum, wie es 
bei einzelnen Herden schon früher zu sehen war, z. T. durch Neuappo¬ 
sition von Knötchen, die einen dichten Haufen mit einzelnen Streifen 
normaler Haut dazwischen bilden können. Jodkali weiter. Die kleinen 
Ponndorfskarifikationen sind immer noch stark papulös. 

25. August. Alle Effioreszenzen sind größer geworden, treten aber 
immer noch deutlich isoliert in Erscheinung, besonders am Rande der 
Plaques. Diese selbst sind nunmehr etwas über 5 Fr.-Stück groß. Ponn- 
dorfsche Reaktionen im Abklingen. Drüsen noch immer fistelnd, wareu 
letzte Woche nach Ponndorf etwas stärker angeschwollen. 

27. August. Die über den Lumbalwirbeln stehenden Einzelknötchen 
sind etwas zurückgegangen. Jodkali weiter. 

80. August. Nach dem Frühstück Kollaps, Kampher, Koffein. 
Relative Herzdämpfung nach links um einen Querfinger verbreitert Töne rein. 

6. September. Eine Drüse rechts am Hals über der Supraklavi- 
kulargrube ist über haselnußgroß geworden und zeigt Fluktuation. Punk¬ 
tion. Jm Ausstrich fanden sich keine T.-B. Das Punktat wird einem 
Meerschweinchen subkutan injiziert. 

Trotz Versagen der Jodkalitherapie] werden, um Lues sicher aus¬ 
zuschließen, im Abstand von 8Tagen 2Injektionen vonSalvarsan-Natrium 
(0*15) intravenös ausgeführt. 

17. September. Punktion derselben Drüse wie am 6./1X und eine» 
kleinen Erweichungsherdes in der Submentalgegend, mit nachheriger 
Injektion von Jodoformemulsion. Im Ausstrich des Drüsenpunktates 
keine T.-B. 

21. September. Die Hautveränderungen haben weder auf Jodkali 
(3 Flaschen Sol. kal. jod. 20*0/200*0) noch auf 2 Injektionen von Sal¬ 
varsan-Natrium (je 015) merklich reagiert. 

28. September. Sowohl klinisches als histologisches Bild weisen 
auf Tuberkulose hin. 

Therapeutisch werden Ponndorf sehe Skarifikationen mit par- 
tigen M. Tb.-R. versucht. 

Ponndorf zeigt anfangs mäßig positive Reaktion: leichte eben 
palpable Infiltration und Hütung der Haut. Im Verlauf von einigen 
Tagen entwickelt sich ein massiges hochrotes Infiltrat mit starker Kru¬ 
stenbildung. Die Krusten bestehen mehrere Wochen. 

26. September. An der Außenseite des rechten Unterschenkels ca. 
handbreit oberhalb Malleolus externus findet sich ein 2 Fr-Stück großer,, 
fast genau kreisrunder Herd von mehr brauner Farbe, der in toto lamel- 



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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. 


165 


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lös schuppt. Die Peripherie wird gebildet durch einzelne, höchstens lin¬ 
sengroße Knötchen, die in ihrer Gesamtheit einen wallartigen Rand 
formieren. Auf Glasdruck hinterlassen diese Effloreszenzen einen grau¬ 
gelblichen transparenten Farbenton, der an lupoide Flecken erinnert. 
Der Rand der Plaque macht den Eindruck einer Infiltration, das Zentrum 
den einer Atrophie. Das Zentrum ist vollständig glatt. An einigen Knöt¬ 
chen findet sich leichte Schuppenbildung. 

In der Glutaealgegend rechterseits etwa in der Mitte zwischen 
Trochanter major und Tuber ischii sind 2 kirschen- bis pflaumengroße, 
gegen die Haut und die Unterlage verschiebliche Infiltrate von Lymph- 
drüsenkonsistenz aufgetreten. Linkerseits läßt sich etwas Analoges nicht 
nachweisen. Die Haut über den Infiltraten zeigt keine Veränderungen. 

4 Oktober. Einreibung von 50%igem Tuberkulin-Lanolin nach 
Moro in einen Herd und auch in normale Haut. 2 Kontrollen analog mit 
Lanolin allein. 

5. Oktober. Moro sowohl auf der affizierten als auch auf der ge¬ 
sunden Haut leicht positiv (geringgradige Rötung, die auch in der 
Folgezeit nicht stärker wurde). Die beiden Kontrollen mit Lanolin allein 
blieben negativ. 

November bis Januar 1919. Die weitere Behandlung geschah mit 
Ponndorfsehen Impfungen in Abständen von 3—4 Wochen. Dabei in¬ 
volvierten sich einzelne Papeln, besonders die in den Plaques mehr zen¬ 
tral gelegenen. Peripher nahm die Affektion eher an Ausdehnung zu; 
die hier restierenden oder neu hinzugekommenen Papeln wurden dabei 
etwas flacher, nahmen stellenweise einen mehr gelblich-braunen Far¬ 
benton an und schuppten eine Spur stärker. Dabei kam eine gewisse 
Ähnlichkeit mit Lichen scrofulosorum zu Stande. 

Zum letztenmal sah ich die Patieutin am 8. Februar 1919 mit folgen¬ 
dem Befund: 

Die früher beschriebenen Drüsenknoten am Halse beiderseits vor 
und hinter dem Sternokleidomastoideus sind eher größer] geworden. 
Im vorderen Winkel der Fossa supraclavicularis besteht eine Fistel; 
die Haut ist hier mit der Unterlage ziemlich massiv verwachsen. Die 
Narben längs dem linken Unterkieferwinkel sind mit dicken Krusten 
belegt. Über dem Sternum ein taubeneigroßer fluktuierender Abszeß; 
die darüber gelegene Haut stark verdünnt, livid, matsch. Inder rechten 
Axilla ebenfalls kleine Fistel mit bläulich verfärbten Rändern. In der 
Unken Axilla ca. 8 größere und kleinere Fisteln. 

Die früher beschriebenen Hautveränderungen über Glutäal- und 
Sakralgegend haben sich zum Teil vollständig unter geringgradiger 
Atrophie und Pigmentierung zurückgebildet, zum Teil haben sie sich in 
der Fläche weiter ausgedehnt unter Einsinken und leichter Atrophie des 
Zentrum. Die am Rande, stehenden immer noch deutlich isolierten Ein- 
zeleffioreszenzen sind bedeutend kleiner und flacher und weniger infiltriert. 
Ihre Farbe ist dunkel rot-braun mit einem Stich ins Livide, sie zeigen 
einen leichten wachsartigen Glanz. Die Affektion schuppt jetzt etwas 


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Hauser. 


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starker als früher beschrieben. Die Schüppchen lassen sich leicht abkrat¬ 
zen, dabei bleibt eine kleine Kollerette zurück. 

Herd an der Außenseite des rechten Unterschenkels ist vollständig 
abgeflacht und stellt zur Zeit eine ca. 5 Fr.-Stück große, nicht voll¬ 
ständig kreisrunde, ziemlich unscharf gegen die gesunde Umgebung ab¬ 
gesetzte Hautstelle von braun-violettem Farbenton dar. Bei Glasdruck 
läßt dieser Herd zahlreiche, unscharf begrenzte, hellbräunliche Verfärbungen 
zurück, von denen nicht sicher zu sagen ist, ob sie noch auf Infiltration 
oder auf Pigmentierung beruhen. 

Über dem Dorsum pedis linkerseits in der Mitte der Verbindungs¬ 
linie zwischen den beiden Malleolen findet sich ein etwa 2 Fr.-Stück 
großer Herd mit violettbraunem wenig atrophischem, homogenem Zentrum 
und etwa 5 papulösen Effloreszenzen, die nach der Medialseite einen 
wallartigen Abschluß bilden. Der laterale Rand ist vollständig flach und 
mit einzelnen feinkleiigen Schuppen bedeckt. 

Histologie: 

Das exzidierte Hautstück wurde in absolutem Alkohol fixiert, in 
Paraffin eingebettet und geschnitten. Die Färbung geschah mit Hämälaun- 
Eosin, nach van Gieson, Unna-Pappenheim, Unna-Tänzer und 
mich Ziehl auf T.B. 

Im Bereich der Plaque findet sich eine Anzahl von Infiltraten, und 
zwar in allen Schichten der Kutis, teils unmittelbar unter dem Epithel, 
teils in den mittleren und tiefen Lagen bis an die Grenze der Subkutis. 
Die einzelnen Infiltrate sind im ganzen scharf begrenzt, von rundlicher 
oder strangformiger Gestalt und sind von einander durch breite Partien 
nicht infiltrierten Kutisgewebes getrennt. An mehreren Stellen setzt sich 
das Infiltrat am Rande der größeren Herde noch eine Strecke den Ge¬ 
fäßen folgend in das umgebende Gewebe fort. Mehrfach, doch nicht 
regelmäßig, finden sich die Infiltrate um Haarfollikel gelagert. 

Die Infiltrate setzen sich aus folgenden Elementen zusammen t 
reichlich kleinen Lymphozyten, unter ihnen ziemlich zahlreichen Plasma¬ 
zellen, vielen Epithelioiden und mäßig reichlichen Riesenzellen. Von den 
letzteren sind die meisten nur klein, doch finden sich hie und da auch 
große Exemplare von schön ausgebildetem Langhansschem Typus. 

Einzelne Infiltrate bestehen ausschließlich aus Lymphozyten; bei 
den meisten nehmen die Lymphozyten die Randpartien ein, während 
sich im Innern mehr Epithelioide und Riesenzellen finden. Doch ist diese: 
Verteilung nicht überall zu konstatieren und ein typisch ausgebildeter 
Tuberkel ist nirgends zu finden. 

Neben diesen massigen Herden finden sich überall durch die ganze 
Kutis zerstreut kleinere und größere, unscharf begrenzte Lymphozyten¬ 
anhäufungen, hie und da mit einzelnen Epithelioidzellen gemischt, vor¬ 
wiegend perivaskulär gelegen. 

Das Bindegewebe zeigt im Bereich der Plaque stellenweise eine 
deutliche Verbreiterung und Homogenisierung der Kollagcjnbündel, die; 


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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. 167 

wie gequollen aussehen. In den van 6ieson-Präparaten sind sie von 
blaßroter Farbe, mit einem Stich ins Gelbliche. Die Bindegewebskeme 
sind in diesen Partien, die sich vor allem im Stratum subpapillare und 
in den oberen Teilen der Kutis finden, stark vermehrt. Die elastischen 
Fasern sind dagegen unverändert. 

Im Bereich der Infiltrate fehlen die elastischen Fasern vollständig,, 
auch vom kollagenen Gewebe sind hier nur noch Reste zu sehen. 

Die Gefäße sind vielfach erweitert, im übrigen aber wenig verän¬ 
dert. An einer Stelle sieht man ein kleines obliteriertes und nur noch 
an seiner Elastika kenntliches Gefäß im Zentrum eines Lymphoz) tenherdes. 

Die Schweißdrüsen sind oft von Infiltratmassen umgeben, diesen 
gegenüber aber stets gut abgegrenzt. Ihre Ausführungsgange gehen häufig, 
aber stets unverändert, durch große Zellenansammlungen. 

Das Epithel zeigt über den Infiltraten herdweise Parakeratose. 
An mehreren Stellen sind die untersten Schichten des Rete etwas öde- 
matös und von Leukozyten durchwandert. 

Tuberkelbazillen wurden in den daraufhin untersuchten Schnitten 
nicht gefunden. 

Resultat der Tierversuche. 

Versuch 1. 24./VII. Implantierung eines Hautstückchens subkutan 
unter die Bauchhaut eines Meerschweinchens. 

24./IX. Sektion obigen Tieres (Spontanexitus). Befund: In der 
Inguinalgegend rechts (Impfstelle) kaum linsengroße verkäste Drüse. Im 
Abstrich dieser Drüse keine Tuberkelbazillen, dagegen ziemlich reichlich 
lange, nicht säurefeste Stäbchen, häufig zu Fäden vereinigt. Innere Organe 
o. B. Mit obiger Drüse wird ein neues Tier geimpft, subkutan unter die 
Bauchhaut. 

26.'X. Spontanexitus dieses Tieres (Futterinfektion). Sektionsbefund: 
vergrößerte Inguinaldrüse rechts (Impfstelle). Pleura mit fibrinösen Auf¬ 
lagerungen. 

Stauungslunge. Mediastinal- und Peritonealdrüsen o. B. 

Milz, Leber, Nieren o. B. 

Histologisch: Bronchopneumonie, keine Tuberkulose. Leber und 
Milz unverändert. 

Versuch 2. 5./IX. Punktierter Eiter aus dem Lymphom am Halse 
rechts wird einem Meerschweinchen subkutan unter die Bauchhaut injizierte 

26./X. Spontanexitus dieses Tieres (Futterinfektion). Sektionsbefund: 
vergrößerte Axillar- und Mediastinaldrüsen. Sternum, Pleura o. B. 
Stauungslunge. Verkäste Peritonealdrüsen. Milztuberkel. Leber und 
Nieren o. B. Blähung von Magen und Darm. Histologisch: typische 
Lymphdrüsentuberkulose. Miliare Milztuberkel. Lobuläre Pneumonie. 

Zusammenfassung. 

Es handelt sich um eine ziemlich akut auftretende 
Eruption von derben großpapulösen Effloreszenzen bei einer 


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H a u 8 e r. 


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61jährigen, an schwerer Drüsentuberkulose erkrankten Frau. 
Die Papeln stehen seltener solitär, sondern meist in Grup¬ 
pen und bilden so größere, scharf begrenzte Plaques, oft 
mit peripherem, stark prominentem Wall und eingesunkenem 
Zentrum. Die Afifektion lokalisiert sich hauptsächlich auf 
Sakral-Glutäalgegend und Unterextremitäten. 

Die Diagnose des Falles bot nach k der ätiologischen 
Seite kaum erhebliche Schwierigkeiten, handelte es sich 
doch um eine manifest tuberkulöse Patientin. Immerhin 
waren die Hauterscheinungen gewissen tuberösen und 
tuberoserpiginösen Eruptionen der tertiären Lues (den „ter¬ 
tiären Papeln“ Lessers) so ähnlich, daß auch diese Spur 
weiter verfolgt werden mußte. Die Wassermann sehe 
Reaktion war negativ, die Anamnese bot keine Anhalts¬ 
punkte für eine früher durchgemachte syphilitische Er¬ 
krankung. Trotzdem wurde zunächst Jodkali gegeben, dann 
Salvarsan-Natrium injiziert. Da die Hautherde unter dieser 
Behandlung nicht die geringste Veränderung zeigten, konn¬ 
ten wir den Gedanken an Lues oder an eine Kombination 
von Lues und Tuberkulose fallen lassen. 

Es sprach also alles für die tuberkulöse Natur auch 
der Hauterscheinungen. Aber hier bot die Einreihung des 
Falles in eine der bekannten Formen von Tuberkulose der 
Haut einige Schwierigkeit. 

Zunächst hätte man an einen disseminiertenLupus 
denken können. Aber gegen Lupus sprach von vorne herein 
die Beschaffenheit der Primäreffloreszenzen, ihre Derbheit, 
sowie das Fehlen der Flecken und Farbenveränderung bei 
Glasdruck. Ferner versagte das Sondendruckphänomen. 
Die papulösen Effloreszenzen waren anfangs im Gegenteil 
gegen Sondendruck sehr resistent. Nur ein einzelner Herd 
am rechten Unterschenkel näherte sich in seiner weicheren 
Beschaffenheit und bei dem Vorhandensein graugelblicher 
Flecken einigermaßen dem Lupus. Hier handelte es sich 
aber offenbar um einen Übergang einer Tuberkuloseform 
in eine andere, wie ja das bei verschiedenen Tuberkuliden 
schon beschrieben worden ist. 

Mit mehr Recht als beim Lupus werden wir sonst die 


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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen.* 


169 


Hautaffektion bei den sogenannten „Tuberkuliden“ un¬ 
terbringen. Dahin gehört sie erstens durch die Art ihres 
Auftretens, durch die Neigung zu spotanem Zurückgehen, 
zweitens durch den negativen Ausfall des Tierversuchs 
(obwohl dieser nicht ganz einwandfrei ist, da das geimpfte 
Tier etwas zu früh an interkurrenter Krankheit starb), 
schließlich auch nach dem histologischen Bilde. Dieses, 
obwohl ausgesprochen tuberkuloid, läßt doch größere lupöse 
Infiltrate und eigentliche Tuberkel vermissen. Es handelt 
sich vielmehr um Knötchen von relativ kleiner Dimension, 
die durch das Kutisgewebe verteilt sind. Die derbe Be¬ 
schaffenheit der Papeln findet vielleicht ihre Erklärung in 
den eigentümlichen Veränderungen des Bindegewebes. 

Aber auch in der großen Gruppe der „Tuberkulide“ 
ist unter den bekannten Krankheitsbildern keines, auf das 
unser Fall genau passen will. 

Für Lichen scrofulosorum war die Einzeleffloreszenz 
zu groß und zu derb. „Größere pustulöse, akneiforme oder 
nekrotische Elemente oder derbe Papeln von bläulich röt¬ 
licher Farbe kann man zwar bei vielen Fällen von Lichen 
scrofulosorum bemerken, sie gehören aber nicht zu dessen 
eigentlichem Bilde, sondern stellen die zahlreichen not¬ 
wendigen Übergänge zu der nächsten Gruppe, den papulo- 
nekrotischen Tuberkuliden, dar. “(Lewandowsky. pag.[167.) 
Aber in unserem Fall war, wenigstens zu Beginn, nur ein 
Effloreszenzentypus vorhanden, der großpapulöse; pustulöse 
oder akneiforme Läsionen traten auch im weiteren Verlauf 
nicht auf. Da ferner auch Nekrosen fehlten, ja nicht ein¬ 
mal im histologischen Bild nachweisbar waren, so können 
wir den Fall auch nicht bei den gewöhnlichen papulone- 
krotischen Tuberkuliden unterbringen, von denen sie sich 
auch durch ihre Gruppierung unterscheiden. Wir müssen 
sie also schon unter einem besonderen Namen führen als 
„großpapulöse gruppierte und plaqueförmige Tuberkulide“. 

Solche Formen sind bisher in der Literatur nur wenig 
bekannt. Sie werden eigentlich nur' von Jadassohn er¬ 
wähnt („gruppierte großpapulöse Tuberkulide“) in seinem 


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H a u 8 e r. 


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Referate über Tuberkulide, gehalten am Wiener Dermato¬ 
logenkongreß. Jadassohn bemerkt hier: 

„In zweiter Linie möchte ich aber — trotz aller Ab¬ 
neigung vor einer weiteren schematischen Vermehrung dea 
Formenkreises der Tuberkulide — auf eine auch früher schon 
von mir erwähnte seltene Varietät aufmerksam machen, 
die gleichsam den Übergang von den papulo-nekrotischen 
Formen zum Lichen scrofulosorum darstellt: iu größeren 
oder kleineren Gruppen zusammenstehende, an Extremi¬ 
täten und Rumpf lokalisierte, im Durchschnitt linsengroße, 
leicht gewölbte EfQoreszenzen, die squamös und krustös, 
aber nicht eigentlich nekrotisch werden. Ich habe dies» 
Form bisher nur bei Erwachsenen mit chronischer Tuber¬ 
kulose gesehen (gruppiertes großpapulöses Tuberkulid).“ 

Mit dieser Beschreibung stimmt unser Fall ziemlich 
genau überein, und es ist wohl zweifellos, daß es sich um 
die von Jadassohn beobachtete Tuberkulidform handelt- 

In naher Beziehung zu dieser Gruppe steht wahr¬ 
scheinlich auch das von Delbanco beschriebene „korym- 
biforme Tuberkulid“, dessen Ähnlichkeit mit papulöser 
Lues ebenfalls auffallend war. 

Übergangsformen von Lichen scrofulosorum zu papulo- 
nekrotischen Tuberkuliden erwähnt auch Klingmüller, 
doch unterscheiden sich seine 3 Fälle sowohl klinisch 
als histologisch immer noch wesentlich von dem unsrigen. 

Wenn wir zum Schluß noch einmal das Ergebnis aus 
der Untersuchung unsrer beiden Fälle kurz zusammenfas¬ 
sen, so ist es klar, daß bei beiden die ätiologische Diagnose 
auf Tuberkulose kaum einem Zweifel begegnen kann. Sie stel¬ 
len eine Form — oder besser „Formen“ — von Tuberkuliden 
dar, die bisher noch wenig Beachtung gefunden haben. 
Das Wesentliche ist der groß-papulöse Charakter der Pri¬ 
märläsionen, die auch im weiteren Verlauf keine Umwand¬ 
lung in pustulöse, akneiforme oder zentral nekrotisierende 
Effloreszenzen erfahren, die dagegen eine ausgesprochene 
Neigung bekunden, zu Ringformen oder Gruppen zusam¬ 
menzutreten. Dies ist das Gemeinsame an beiden Fällen, 
die aber trotzdem, wie schon angedeutet, nicht ohne wei- 


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Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. 171 

teres mit einander identifiziert werden dürfen. Der Haupt- 
unterschied zwischen beiden ist in der Verschiedenheit des 
pathologisch anatomischen Befundes begründet. Denn das 
eine Mal handelt es sich um entzündlich-nekrotische, das 
andere Mal um typisch tuberkuloide Läsionen. Wir wissen 
heute, daß beide Arten von Veränderungen durch Tuber¬ 
kelbazillen, die auf dem Blutwege in die Haut gelangen, 
verursacht werden können, und daß der Grund für die 
verschiedenartige Reaktion des Hautgewebes in dem ver¬ 
schiedenen Immunitätszustand, in dem verschiedenen Gehalt 
an Antikörpern zu suchen ist. Die entzündlich-nekrotischen 
Läsionen entsprechen wohl mehr einer starken Reaktion 
unter raschem Zerfall der Bazillen bei höherer Immunität. 
Das stimmt damit überein, daß unser erster Patient ein 
kräftiger Mann ohne manifeste Tuberkulose war, der eine 
außerordentlich starke Uberempfindlichkeit der Haut gegen 
Tuberkulin aufwies. In unserem zweiten Fall dagegen 
handelte es sich um eine schwere Drüsentuberkulose. 
Immerhin war bei der Trägerin derselben noch eine recht 
beträchtliche Tuberkulin-Überempfindlichkeit nachweisbar. 
Doch zeigten bei der älteren, herabgekommenen Patientin 
weder die künstlich gesetzten, noch die spontan entstan¬ 
denen Reaktionen auf das T.-B-Virus die intensiv entzünd¬ 
lichen Erscheinungen wie im ersten Fall. 

Wenn man überzeugt ist, daß alle „Tuberkulide“ als 
hämatogene Tuberkulosen auf dieselbe Art entstehen und 
daß die klinischen Unterschiede nur durch die quantitativ» 
Abstimmung verschiedener Faktoren (Zahl der Bazillen, 
Immunitätsreaktion des Organismus) hervorgerufen werden, 
so wird man nicht daran denken, die großpapulösen Tuber¬ 
kulide als scharf umgrenztes Erankheitsbild von den anderen 
Hautmanifestationen der Tuberkulose abzutrennen. So tritt 
auch in unserem ersten Falle ganz deutlich die Verwandt¬ 
schaft mit den papulo-nekrotischen Tuberkuliden hervor, 
während der zweite im späteren Verlauf sich mehr einem 
Lichen scrofulosorum näherte, als dessen großpapulöse 
Form man ihn mit einem gewissen Recht bezeichnen könnte. 

Trotzdem schien es uns wichtig, die Aufmerksamkeit 


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Hanger. Über ungewöhnliche Tuberkulidformen. 


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auf die großpapulösen Tuberkulide zu lenken, da ihre 
praktisch-diagnostische Bedeutung größer ist als ihre theo¬ 
retische. Diese Bedeutung liegt in ihrer Ähnlichkeit mit 
gewissen Formen der tertiären Lues. Wie sehr die Haut¬ 
orscheinungen bei Tuberkulose und bei Lues sich in man¬ 
chen Fällen gleichen können, ist ja allbekannt. Das klein¬ 
papulöse lichenoide Syphilid kann einen Lichen scrofulo- 
aorum Vortäuschen, tuberkulöse und syphilitische Gummen 
und Ulzera können oft schwer von einander zu unterschei¬ 
den sein, und die „lupoiden“ Herde der fröhtertiären Syphilis, 
auf die Jadassohn aufmerksam gemacht hat, weisen 
schon mit ihrem Namen auf die Ähnlichkeit hin. Hierzu 
kommen nun auch noch die annulären und gruppierten 
großpapulösen Tuberkulide, die man sich hflten wird mit 
•den tuberösen und tuberoserpiginösen Herden der tertiären 
Lues (den „tertiären Papeln“) zu verwechseln. 

Literatur. 

Arndt, Zur Kenntnis des Granuloma annulare. Aroh. £ Denn. u. 
Syph. Bd. CVIII. — Delbanco, Demonstration eines Falles von korym- 
biformem Tuberkulid. Arch. £ Denn, und Syph. Bd. CXIX p g. 116. — 
Jadassohn, Referat über Tuberkulide, gehalten am XI. Kongreß der 
deutschen dermatologischen Gesellschaft in Wien 1913. Arch. für Derm. 
und Syph. Bd. CXIX. — Klingmüller, Beiträge zur Tuberkulose der 
Haut. Arch. £ Derm. und Syph. Bd. LXIX. p. 167. — Lewandowsky, 
die Tuberkulose der Haut. 1916. — Liebreich, zur Kenntnis des Granu¬ 
loma annulare und seiner ev. Beziehungen zum Lichen ruber Planus. Arch. 
für Derm. und Syph. Bd. CXXIII. — Little, Graham, Granuloma an¬ 
nulare. British Journal of Dermatology 1908. — Ri ecke, Lichen scro- 
fulosorum. Handbuch der Hautkrankheiten, herausgegeben von Mraöek, 
Bd. IY. (I), 1907. — Schidachi, Über das Erythema induratum Arch. 
für Derm. und Syph. Bd. XC, p. 371. 1908. — Werth er, XI. Kongreß 
der deutschen dermatologischen Gesellschaft in Wien, 1918. Arch. £ Derm. 
und Syph. Bd. CXIX (I). 

Erklärung der Abbildungen auf Taf. VIII. 

Fig. I zeigt die unter dem 14. Januar 1919 beschriebenen großen 
Papeln im Falle I. Leider wurde die Anfertigung einer Photographie 
•der annulären Herde bei Beginn der Behandlung unterlassen. 

Fig. II zeigt die großpapulösen plaqueförmigen Herde des zwei¬ 
ten Falles. 


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Hauser: Tuberkulidformen. 


Verlagsbuchhandlung von Julius Spring 0 ' 
Berlin W. 


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Fig. 






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Aus der dermatologischen Klinik in Zürich. 

(Leiter: Prof. Dr. Bloch.) 


Gin Beitrag rar Klinik nnd pathologischen Anatomie der 
multiplen idiopathischen Hantsarkome. 

(Multiple idiopathische Hautsarkome mit intra¬ 
papillärem Sitz.) 

Yon Dr. G. Mlescher. 

(Hierzu Taf. IX.) 

Das Sarcoma idiopathicum multiplex h ae- 
morrhagicum von Kaposi ist durch eine große Zahl 
kasuistischer und kritischer Arbeiten wenigstens im klini¬ 
schen Sinne als ein selbständiges Krankheitsbild definiert 
worden, dessen charakteristische Züge sind: Ausbildung 
von hämorrhagischen Knoten und Flecken auf meist öde- 
matöser Grundlage in symmetrischer Anordnung an Hän¬ 
den und Fftßen, sukzessive Ausbreitung in akrofugaler 
Richtung, häufiger Ausgang in Sarkomatose der Schleim¬ 
häute und der parenchymatösen Organe. Histologisch 
konkurrieren in wechselndem Verhältnis zwei Elemente 
am Aufbau der Tumoren. Erstens das Gefäßsystem in 
Form hämangio- und lymphangiomatöser Wucherungen 
und zweitens Spindelzellen in sarkomatöser Anordnung 
und Ausbildung, bald mit, bald ohne manifeste Beziehun¬ 
gen zu den Gefäßen. Charakteristisch ist ferner die große 
Neigung zu interstitiellen Blutungen. 

Unter den publizierten Fällen kommen auch Abwei¬ 
chungen vor: einseitiger Sitz, Beginn an einer nicht charak¬ 
teristischen Stelle, Mangel oder im Gegensatz dazu enorme 
zu elephantiastischen Zuständen führende Ausbildung der 
Ödeme, Fehlen der Hämorrhagien, auffallend gutartiger 


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Miescher. 


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Verlauf. Es bleibt dahingestellt, ob eine Absonderung 
solcher Fälle von dem Grundtypus heute schon einen be¬ 
sonderen Wert hat, da wir uns noch über die Natur des 
Leidens streiten und im Zweifel darüber sind, ob wir 
echte Geschwülste oder Granulationstumoren vor uns 
haben. 

Unna unterscheidet auf Grund anatomischer Kriterien fünf For¬ 
men des dermalen idiopathischen multiplen Sarkoms, wovon vier—sarc. 
mutipl. cut. durum album, sarc. m. c. durum pigmentosum (Typus 
Piffard), sarc. m. c. molle (Typus Neu mann), s. m. c. gummatodes 
(Typus Funck-Hyde) — durch regionäre bzw. unregelmäßige An¬ 
ordnung sich auszeichnen, während die fünfte, das acrosarcoma multipl, 
cut. teleangiectodes Hebra-Kaposi eine Gruppe systematisierter Sar¬ 
kome darstellt, welche in gesetzmäßiger Reihenfolge die einzelnen Kör¬ 
perregionen invadieren. 

P e r r i n unterscheidet bloß zwischen kutanem (Typus Kaposi) 
und subkutanem Sitz der Tumoren (Typus Perrin). In eine dritte 
Gruppe stellt er Typen zusammen, deren Einteilung noch unsicher ist. 
Es handelt sich dabei in der Hauptsache um Fälle, welche nahe Bezie¬ 
hungen zu echten Granulomen zeigen. Andere Autoren (Pelagatti, 
Schwimmer, de Amicis) sind noch zurückhaltender und be¬ 
schränken sich auf die Absonderung des Kaposi sehen Sarkomtypus 
von den maligen Sarkomen und von den sarkoiden Tumoren. 

Was zum Wesen der Affektion zu gehören scheint und 
uns gerade bei unseren Deutungsversuchen am meisten in 
Verwirrung bringt, der relativ benige Verlauf, die auf¬ 
fallend häufigen Involutionsvorgänge, der nur selten 
beobachtete lokale Übergriff auf tiefere Gewebe (Muskeln, 
Knochen), das sind Züge, die allen Fällen von multipl. 
idiopathischem Hautsarkom gemeinsam sind und darum 
die vorläufige Zusammenstellung durchaus rechtfertigen. 
Erst die Erforschung der Ätiologie und Pathogenese, die 
noch vollständig im Dunkel liegen, wird einwandfreie 
Untersuchungsmerkmale liefern können, die dann a poste¬ 
riori zu einer richtigen Einteilung der Fälle führen werden. 

Das Moment, welches in der Pathologie dieser 
Tumoren in besonderer Weise hervortritt und für den 
Entwicklungsgang der Affektion eine in manchen Fällen 
grundlegende Bedeutung hat, ist die Erscheinung der 
.spontanen Involution. Sie ist der Ausdruck eines natür¬ 
lichen Heilungsvorganges. Von den Autoren wird derselben 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


175 


verschiedene Bedeutung beigemessen, doch ist sie fast 
immer vorhanden, zuweilen in außerordentlich hohem 
■Grade ausgeprägt. Die Erklärung, welche dafür gegeben 
wird, ist eine recht verschiedene. In erster Linie sind 
es natürlich die Blutungen, welche wenigstens teilweise 
dafür verantwortlich gemacht werden (Kaposi, Halle, 
Sei lei, Schwimmer, Sternberg u. a.). Andere 
Autoren wie Philippson, della Favera sehen im 
Gegensatz dazu in den Blutungen gerade den Anstoß zu 
Spindelzellwucherungen und führen die Rückbildung auf 
fibröse Veränderungen zurück. Bernhard unterscheidet 
Atrophie, wodurch es zur sukzessiven Verkleinerung des 
Knotens kommt, und Degeneration, die in Erweichung des 
Sarkomgewebes bis zur zystischen Umwandlung besteht. 

Eine besondere Form der Selbstheilung ist die 
spontane Ausschälung und Abschnürung der 
Tumoren von ihrer Unterlage. Einzelne Autoren 
beschreiben diese Erscheinung als gelegentlichen Befund, 
(so Bernhardt, de Amicis, Demange, Perrin, 
Gravag na). In ganz wenigen Fällen (Weber und 
Daser, Brault und Argand, Unna) scheint diese 
Art der Selbstheilung zum gesetzmäßigen Entwicklungs¬ 
gang fast aller Tumoren gehört zu haben. 

Die Faktoren, welche diese eigenartige Form des 
Wachstums bedingen, sind in den einzelnen Fällen nur 
ungenügend gewürdigt worden, obwohl der Vorgang mehr 
als ein bloßes Kuriosum bedeutet. Er dürfte vielmehr ein 
interessantes Licht werfen auf die Bedeutung des Sitzes 
•einer pathologischen Veränderung für ihre Weitergestal¬ 
tung in morphologischem und biologischem Sinne. 

Eine Beobachtung dieser Art führt mich zur Publi¬ 
kation des folgenden Falles. 

Klinik. 

Frau G., 81jährig. Familienanamnese o. B. Pat. war immer 
•gesund, ist noch jetzt rüstig, hat mehrere gesunde Kinder. Ein Trauma 
im Bereich der affizierten Stelle fand nicht statt. Das Leiden setzte im 
Sommer 1917 ein. Ohne nachweisbare Ursache erschien auf der linken 
Fußsohle ein kleines derbes Knötchen von bläulicher Farbe, das sich 


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Miesche r. 


allmählich vergrößerte, aus der Haut hervortrat und pilzförmig sieb 
absetzte. Gleichzeitig traten in der Umgebung dieses Knötchens neue 
Effloreszenzen von demselben Aussehen und ziemlich derber Konsistenz 
auf. Die Pat. beachtete die Veränderungen zunächst kaum, da sie sich 
subjektiv in keiner Weise dadurch belästigt fühlte. Erst als der erste größt* 
Tumor stärker über das Hautniveau prominierte, entstanden durch den 
vermehrten Druck, dem er ausgesetzt war, Schmerzen. Es wurde nun 
zunächst vom behandelnden Arzt der gestielte Tumor entfernt; die 
pathologisch-anatomische Diagnose lautete auf Angiom mit frischen und 
alten Blutungen. Eine zweite, später ausgefuhrte Exzision eines noch in 
der Haut liegenden jungen Knötchens ergab im Gegensatz dazu den 
Befund eines im Papillarkörper in der Entwicklung begriffenen Spindel» 
z e llensar kom s . 

Die Affektion bot zu dieser Zeit — ungefähr drei bis vier Monate 
nach dem Auftreten der ersten Erscheinungen — folgendes Bild dar: 

Hautstatus: Auf der Plantarfläche des linken Fußes im Bereiche 
des inneren Fußrandes, auf der Höhe des Karpo-metakarpalgelenkes sitzt 
eine Gruppe von kleinen, scharf begrenzten Tumoren (im ganzen sind 
es 19). Die kleinsten sind kaum stecknadelkopfgroß; sie liegen als scharf 
begrenzte dunkelblaue Flecke in einer völlig normalen reaktionslosen 
Haut und ragen wenig oder gar nicht über das Niveau der Umgebung 
empor. Bei Palpation geben sie sich als flache, oberflächlich gelagerte^ 
ziemlich derbe Knötchen zu erkennen. Die älteren erreichen etwaLinsen- 
bis Bohnengröße, sie sind wie die kleineren scharf begrenzt und sprin¬ 
gen flachkugelig vor. Ihre Farbe ist durchwegs blaurot, ihre Konsistenz 
derb, elastisch; einzelne, besonders die größeren, sind weicher und 
geben dem Drucke etwas nach, doch lassen sie sich nirgends wie Angiome 
ausdrücken. Ihre Grenzen sind auch nach unten ziemlich scharf und 
reichen nur wenig weit in die Tiefe. Die Oberfläche der meisten 
Tumoren ist vollständig intakt, das Epithel etwas verdickt, nicht schup¬ 
pend, bei den älteren ist das Zentrum zuweilen muldenförmig eingesun¬ 
ken, wie eingetrocknet, die zentrale Delle mit trockenen Hornmassen 
erfüllt. Bei noch älteren Effloreszenzen ist die Involution ncch weiter 
gegangen, indem die ganze Papel zu einem trockenen, scheinbar 
mumifizierten Gebilde von homartiger Konsistenz sich umgewandelt hat,, 
das entweder noch fest auf der Unterlage haftet oder sich durch einen 
peripheren Spalt von der Unterlage abgrenzt. Eine vereinzelt stehende 
Papel hat sich bis auf einen schmalen Stiel losgelöst, so daß sie pilz¬ 
förmig die Haut überragt. Die Grundlage, auf welcher die Tumoren 
entstehen, erscheint vollständig normal und zeigt keinerlei Zeichen von 
Entzündung oder Ödem. Die Haut ist senil-atrophisch verdünnt, trocken, 
etwas schuppend. Am Stamm und an den Extremitäten vereinzelte 
typische senile Angiome. In der Lendengegend eine Reihe seborrhoischer 
Warzen. Im Gesicht senile Hyperkeratose. 

Der allgemeine Status ergibt normale Verhältnisse 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


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Der seither geführten Krankengeschichte entnehmen wir folgende 
Daten: 

29./XI. Bestrahlung sämtlicher Knoten, z. T. mit Röntgen¬ 
strahlen (20 X / 2 mm AL 9 Benoist) z. T. mit Radium. 

25./I. Pat. hat in der Zwischenzeit seit der letzten Bestrah¬ 
lung keine nennenswerten Beschwerden gehabt. Keine lokale reaktive 
Entzündung. Die Affektion zeigt bez. der Verteilung noch genau die 
gleichen Verhältnisse wie das letzte Mal. Neue Herde sind nicht auf¬ 
getreten. Die alten Efflores zenzen haben ihr Aussehen insofern geändert, 
als sie nicht mehr flach papelformig sich über die Haut erheben, sondern 
fast durchwegs als bräunliche verhornte Gebilde pilzförmig mit zentralem 
Stiel der Haut aufsitzen,! bzw. in flache dellenförmige Vertiefungen der¬ 
selben eingelagert sind. Nur 2 oder 3 zeigen noch den charakteristischen 
blauen Farbenton; diese sind im Gegensatz zu den anderen noch nicht 
gestielt oder erst in beginnender Stielbildung begriffen. Entfernt man 
die gestielten Exkreszenzen mit Gewalt, so tritt eine lebhafte Blutung 
auf, indem das innere des Stieles noch von einem fleischigen, blutgefä߬ 
reichen Gewebe eingenommen ist. Die dem Stiel aufsitzende Scheibe 
erweist sich jedoch auch auf Schnitt als vollständig verhornt. Unterhalb 
des Stieles scheint sich die pathologische Bildung unmittelbar gegen 
normale Kutis abzugrenzen, ohne in die Tiefe zu reichen. Erneute 
Bestrahlungen wie oben. 

15./IX. 18. Pat. stellt sich heute wieder vor. Die Affektion 
hat ihr in der Zwischenzeit, ohne auszuheilen, keine Beschwerden 
gemacht. Dieselben bestehen erst seit der Zeit, da ein Tumor stärker 
über das Hautniveau emporragt, so daß beim Auftreten ein ungewöhn¬ 
licher Druck auf dieser Stelle lastet. 

Status. Die Affektion bietet klinisch dasselbe Bild dar wie vor 
einem Jahr, nur ist die Lokalisation der Tumoren nicht mehr genau 
dieselbe, indem die alten verschwunden und neue sich entwickelt haben. 
Dort, wo damals eine größere Gruppe der Tumoren gesessen hatte 
(Mitte der Fußsohle), findet sich jetzt bloß eine Aussaat kaum über 
stecknadelkopfgroßer dunkelblauer, teilweise mehr bräunlicher Flecke, 
die vollständig im Niveau der Haut liegen und mit wenigen Ausnahmen 
keinerlei nachweisbare Infiltration zeigen. Auch drei Tumoren am Fu߬ 
ballen sind verschwunden, dagegen haben sich vier solitäre Knoten 
ungefähr an derselben Stelle gebildet. Drei weitere, noch kaum als 
Flecke sichtbar, scheinen seitlich davon in der Entwicklung begriffen. 
Die Tumoren bieten das schon mehrfach beschriebene Aussehen dar: 
erbsen- bis bohnengroße, flachkuglige, derb sich anfühlende Vorwölbun¬ 
gen von blauer bis blauroter Farbe inmitten vollständig reaktionsloser 
Haut. Ein einziger Tumor ist bedeutend größer, ungefähr flach haselnu߬ 
groß, er ragt breit pilzförmig über die Haut empor, mit der er nur 
durch einen relativ schmalen kurzen Stiel verbunden ist. Da der Tumor 
selbst in einer Mulde eingelassen ist, so nimmt man die stielförmige 
Verbindung erst wahr, wenn man ihn mit Gewalt von der Unterlage 

Arcb. f. Dermat. u. Bypb. Bd. 128 . 22 


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Mies eher. 


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abdrängt. Der Tumor ist zum größten Teil mit einer mächtigen, horn- 
artigen Epidermislamelle bedeckt, an seinem vorderen Pol fehlt dieser 
Deckbelag. Hier präsentiert sich ein dunkel - braunrotes fleischiges, ziem¬ 
lich festes Gewebe, das leicht blutet und ein dünnes purulentes Serum 
absondert. Der hintere Teil des Tumors zeigt den bläulich - schwarzen 
Farbenton der übrigen Tumoren mit stellenweisem Übergang ins 
Bräunliche. 

Röntgenbestrahlung der Arischen Tumoren wie oben. 

26./IX. Der pilzförmige große Tumor hat sich noch mehr abge- 
schnürt und hängt nur noch an einem schmalen kurzen Stiel. Entfernung 
durch Scherenschlag, mäßig starke Blutung der Stielfläche. In der Tiefe 
unter dem Stielansatz keine Infiltration nachweisbar. 

8./XI. Sämtliche Tumoren sind zurückgegangen, neue sind nicht 
mehr erschienen. 

Fassen wir die klinische Beobachtung zusammen, 
so ergibt sich folgendes Bild: Spontanes Auftreten von 
kleinen Tumoren auf der Plantarfläche und dem inneren 
Rand des linken Fußes. Die Tumoren erscheinen zunächst 
als bläuliche, scharf umgrenzte und deutlich palpable 
hanfkorngroße Flecke inmitten normaler Haut, welche sich 
im Laufe von Wochen und Monaten langsam und schmerz¬ 
los auf etwa Linsengröße auswachsen und flachkugelig 
vorwölben. Ein Teil der Effloreszenzen entwickelt sich nicht 
weiter, sondern beginnt schon in diesem Stadium im 
Zentrum einznsinken, einzutrocknen und in ein hornartiges 
Gebilde sich umzuwandeln, das sich mechanisch leicht 
entfernen läßt. Der größte Teil der Tumoren erreicht 
jedoch noch eine weitere Entwicklungsstufe: Die flach¬ 
kugeligen Papeln beginnen dabei stärker aus der Haut 
hervorzutreten und gleichzeitig durch Ausbildung einer 
mehr und mehr in die Tiefe greifenden zirkulären Furche 
von ihrer Unterlage abzusetzen. Die Furche ist im Anfang 
verborgen und die Ausdehnung nur dadurch erkenntlich, 
daß man den Tumor mit einiger Gewalt aus der Mulde, 
in welcher er liegt, abdrängt. Die Mulde selber stellt eine 
flache napfförmige Vertiefung dar, welche von Epithel 
ausgekleidet ist und verdickte, etwas aufgeworfene Ränder 
hat. Auf diese Weise entstehen kurz gestielte, flache, 
pilzförmige Tumoren, welche in schalenförmigen Vertie¬ 
fungen der Hautoberfläche sitzen und ein ganz charak- 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


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teristisches Aussehen haben (wie Eier im Becher). Einige 
-davon erreichen vor ihrer Abtragung fast Kirschgröße, die 
übrigen wurden etwas über linsengroß und machten dann, 
ob spontan oder unter dem Einfluß der Bestrahlung bleibe 
-dahingestellt, denselben Mumifikationsprozeß durch, wie 
wir oben beschrieben haben. Ich möchte hier immerhin 
•hervorheben, daß einige Effloreszenzen schon vor Beginn 
der Bestrahlung sich in diesem Zustande präsentierten 
so daß die Therapie jedenfalls nicht als die conditio sine 
qua non für diese Art der Involution angesehen werden darf. 

Nach Abfall der vollständig verhornten Exkreszenzen 
hinterbleiben flache, etwa hanfkorngroße (entsprechend 
-dem Durchmesser des Stieles) Flecke von bläulicher oder 
rötlicher Farbe, in welchen sich palpatorisch nichts beson¬ 
deres mehr nachweisen läßt. 

Die Unterlage, aus welcher die Tumoren hervorgingen, 
.zeigte keine Zeichen von Entzündung noch ödem und 
verhielt sich vollständig normal. Die Palpation ergab stets 
denselben oberflächlichen Sitz der Tumoren und ließ in 
der Tiefe keinerlei Infiltration erkennen. 

Schon makroskopisch läßt sich aus der Gleichartigkeit 
der Effloreszenzen und der Eigentümlichkeit ihres Entwick¬ 
lungsganges auf eine Besonderheit in bezug auf Natur und 
Sitz der pathologischen Veränderung schließen. Die histolo¬ 
gischen Bilder geben darüber interessanten Aufschluß. 

2. Histologie. 

1. Junger, nur wenig über das Hautniveau promi- 
nierender Knoten von dunkelblauer Farbe: 

In der Kutis, unmittelbar an das Epithel anstoßend, liegt eine scharf 
umschriebene, eiförmige Tumormasse von Kleinlinsengröße. Die scharfe 
Begrenzung kommt daduroh zustande, daß die Epidermis nicht nur nach 
oben den Abschluß bildet, sondern daß langgezogene und in ihrem 
unteren Ende stark verschmälerte Epithelleisten schalenförmig nach 
unten um die Geschwulst sich herumlegen, so daß ein glattwandiger 
Binnenraum entsteht. Auf den meisten Schnitten glaubt man eine voll¬ 
ständig ins Epithel eingelagerte Bildung vor sich zu haben; nur bei 
Verfolgung der Serienschnitte stößt man in den mittleren Partien auf 
-eine relativ schmale Öffnung des Epithelmantels nach der Kutis hin. Der 
'Tumor ragt nach oben nur wenig über das Niveau seiner Umgebung 

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Miescher. 


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hervor, während er nach unten sich flachkugelig gegen die Kutis vor- 
wölbt. Seitwärts stößt er an ein auf das drei- bis vierfache der Norm* 
verdicktes Epithellager an. 

Epidermis: Die Epidermis ist dort, wo der Tumor an normale 
Haut anstößt, mächtig verbreitert. Die Dickenznnahme betrifft vor 
allem die Stachelzellschicht, doch sind auch die Homschicht und in 
geringerem Grade die Körnerschicht verdickt. Die Decke des Tumors 
wird gebildet aus einer nach der Kuppe hin rasch sich verjüngenden 
glatten, gespannten Epithelmembran, welche nur aus wenigen Lagen von 
Zellen besteht. Die Zellen in der kompakten Raudzone weisen morpholo¬ 
gisch und tinktoriell annähernd normale Verhältnisse auf. Die Kera- 
tohyalinschicht ist deutlich ausgeprägt; nirgends Zeichen von Degenera¬ 
tion. Im Gegensatz dazu zeigen die Elemente der mittleren Zone 
deutlich die Wirkung der starken Dehnung. Sie sind zu langen dünnen 
Platten ausgezogen, so daß die Struktur der Epidermis dadurch eigenartig 
lamellös scheint. Die Körnerschicht fehlt größtenteils und in den darüber 
gelagerten Homlamellen treten herdweise parakeratotische Kernzonen, 
auf. Zwischen den Zellen erscheinen stellenweise Wanderzellen in ver¬ 
mehrter Menge. Nekrobiotische Vorgänge (Vakuolisierung, Karatolysis)’ 
sind relativ selten. 

Aus dem epithelialen Randwall löst sich nach unten eine Epithel¬ 
leiste los, welche den Tumor umgreift und, wie schon angedeutet, nur 
im Zentrum einen Durchgang offen läßt. An ihrer Basis gleicht si& 
einer gewöhnlichen Reteleiste, in ihrem weiteren Verlauf verjüngt sie 
sich erheblich, die Zellen werden langgestreckt, fast spindelig, klein 
Die Enden bestehen bloß noch aus sehr kleinen, chromatinreichen Zellen, 
welche ein dünnes, ein- bis zweischichtiges Lager bilden und große, 
Ähnlichkeit mit den Elementen eines Basalzellenkrebses haben. Die 
Reteleisten der angrenzenden Papillarkörper sind* in abnehmendem. 
Grade verlängert und zum Teil ebenfalls schalenförmig parallel zur 
Oberfläche des Tumors eingebogen, so daß derselbe in seinen peri¬ 
pheren Teilen von mehreren parallel gelagerten Leisten bogenförmige 
umzogen ist. zwischen denen die in die Länge gezogenen Papillarkörper 
als schmale Bindegewebszungen eingeschoben sind. 

Am Rande, dort wo das breite Epithellager unter rascher Ver¬ 
jüngung in die normale Umgebung übergeht, gibt sich in den Präparaten, 
ein Vorgang zu erkennen, welcher außerordentlich hübsch den Prozeß* 
der Stielbildung in diesem Falle illustriert. Stratum granulosum und 
corneum zeigen nämlich hier keinen geradlinigen Verlauf, sondern in die 
breite akanthotische Epithelmasse des Randwalles senkt sich senkrecht 
zur Oberfläche, wie eine Kerbe, eine tiefe, zirkulär verlaufende Ver¬ 
hornungsleiste ein, welche von einer breiten Zone keratohynlinhaltiger 
Zellen umgeben ist. Es ist nun ohne weiteres ersichtlich, daß bei weitem 
Wachstum des Tumors und bei stärkerer Ausbildung bzw. Vertiefung* 
und Verbreiterung dieser Verhornungszone allmählich eine Spaltung der 
Hornschicht an dieser Stelle stattfinden wird, wodurch es zur Ausbil- 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 181 

<dung einer zirkulären, tiefen Furche kommen muß (siehe Abbildung). 
Wir werden diese Verhältnisse weiter unten nochmals berühren. 

Kutis: Der in die Epithelschale eingeschlossene Teil der Kutis 
-stellt eine kompakte Gewebsmasse dar, welche in der Hauptsache aus 
Spindelzellen besteht. Die Spindelzellen liegen in dichten Verbänden 
und bilden ein System vielfach sich verflechtender Züge, welche in den 
Schnitten bald der Länge nach, bald schräg, bald der Quere nach 
getroffen sich darstellen. Die Zellen sind größtenteils ganz außerordent¬ 
lich langgestreckt; ihre Kerne sind schmal, langgezogen, fusiform aber 
nirgends stäbchenförmig, und enthalten ein zartes, gitterförmiges Chro¬ 
matingerüst, oder aber sie sind plumper, kürzer, länglich-oval bis bläs¬ 
chenförmig chromatinarm, ähnlich wie epithelioide Zellkerne, mit einem 
oder mehreren Nukleolen. Mitosen sind relativ spärlich, doch überall 
anzutreffen. Amitotische Teilungsfiguren, wie sie Unna in Spindelzell¬ 
sarkomen beschreibt, habe ich nicht getroffen. Um die Zellen herum 
liegt ein feines Maschenwerk von Bindegewebsfibrillen, was besonders in 
den nach Mallory gefärbten Schnitten hervortritt; selbständiges Binde¬ 
gewebe fehlt im Innern der Spindelzellmassen vollständig und bildet 
nur in den unteren Partien eine schmale suhepitheliale Zone, welche 
sich wie von unten her längs der Epithelleisten einschiebt. Das 
-elastische Gewebe wird vollständig vermißt. 

Auffallend ist das Verhalten der Blutgefäße. Im Bereich der 
kompakten Zellmasse sind sie relativ spärlich; es handelt sich ausschlie߬ 
lich um enge Kapillaren mit zartem Endothel, welche in dem Gewirr 
von Spindelzellen gänzlich verschwinden und zuweilen nur an den in 
ihnen liegenden Leukozyten und roten Blutkörperchen erkannt werden 
können. Wo das Bild klare Verhältnisse aufweist, ist der Unterschied 
zwischen den kurzem, schmäleren und intensiver gefärbten Kernen der 
Endothelien und den langgezogenen chromatinärmeren Spindelzellkernen 
atets ein überzeugender. Eine bestimmte Lagebeziehung zwischen den 
Kapillaren und dem Verlauf der Spindelzellen scheint nicht zu bestehen* 
In den peripheren Teilen des Tumors sind die Gefäße zahlreicher und 
meist auch etwas erweitert. Stellenweise stößt man auch auf größere 
lakunäre Bluträume, welche meist dicht unter dem Epithel liegen und 
läufig Leukozyten enthalten. In der Umgebung der Gefäße liegen hier 
meist vereinzelt, seltener etwas gehäuft, Rundzellen und in spärlicher Zahl 
-auch Plasmazellen. Die Spindelzellen besitzen an diesen Stelle*! nur zum 
kleinen Teil die oben beschriebene langgestreckte Gestalt. Man findet 
vielmehr alle Übergänge zu gewöhnlichen Fibroblasten mit plumpen, 
spindelförmigen oder ovoiden Kernen, auch fallt hier ein größerer 
Reichtum an Bindegewebsfibrillen in die Augen. Man hat an solchen 
Orten den Eindruck, ein Granulationsgewebe vor sich zu haben. 

Auffallend ist die Tatsache, daß die Gefäße fast ausschließlich 
Kapillaren darstellen, ganz vereinzelte größere Gefäße mit einer küm¬ 
merlichen Adventitia liegen nur in den basalen Teilen des Ttimors. 
•Größere Gefäße finden sich überhaupt nicht vor. 


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Was die histologischen Bilder in besonderer Weise charakterisiert,, 
das sind die ausgedehnten Blutungen. Umfangreiche Partien dea 
Tumors sind davon durchsetzt. Das Blut hat sich größtenteils in die 
Gewebspalten eingedrängt, so daß stellenweise die Struktur des Gewebes 
vollständig verwischt erscheint. Die Blutungen sind meist noch ganz 
frisch. In den durchbluteten Partien finden sich neben normalen Spin¬ 
delzellen auch allerhand Degenerationsformen: Zellen mit stark ange¬ 
schwollenen, teilweise vakuolisierten oder auch geschrumpften, pyknoti- 
schen Kernen. Im Protoplasma treten ebenfalls vakuoläre Einschlüsse 
oder körnige Niederschläge auf. Eiozelne Zellen enthalten Blutfarbstoff 
diffus oder in Körnern abgelagert. An einer Stelle ist es durch die* 
Blutung zu einer ausgedehnten Nekrose gekommen, in welcher in einem 
aus Fibrinfaden bestehenden Maschen werk nur noch vereinzelte pykno- 
tische Spindelkerne neben Kerntrümmern und Leukozyten liegen. Im 
Gegensatz zu der großen Ausdehnung der Blutung ist die Menge dea 
bereits abgelagerten Blutpigmentes nur sehr gering; es findet sich zum 
Teil, wie schon gesagt, in den Spindelzellen, zum Teil in den blutgefäß- 
reicheren Partien des Tumors, insbesondere an dessen Basis meist in 
Bindegewebszellen eingeschlossen. 

2. Älterer, bereits pilzförmig aus der Unterlage her¬ 
vorgetretener Tumor. 

Die Exzision wurde von anderer Seite ausgefuhrt. Es liegen mir 
nur je ein mit Hämalaun und nach v. Gieson gefärbte Schnitte vor. 
Die Schnitte sind horizontal durch das Knötchen geführt worden, so daß 
die Basis nicht getroffen ist. 

Epidermis: Sie bildet im Schnitt einen geschlossenen Ring, 
ist unregelmäßig verdickt, stellenweise auch stark verdünnt, und sendet 
nach unten einzelne unregelmäßige plumpe Leisten. Keratohyalinschicht 
fehlt, Hornschicht abgefallen bis auf einzelne anhaftende, meist parakera- 
totische Lamellen. An einer Stelle fehlt der Epithelbelag und liegt eine 
nekrotische, von Leukozyten durchsetzte Geschwürsfläche frei. 

Kutis: Das vom Epithel eingeschlossene Gewebe besteht aus einer 
großen Zahl erweiterter Blut- und Lymphgefäße, welche stellenweise 
kavernormartige Räume bilden. Zum größten Teil sind es auch hier 
Kapillaren, doch trifft man auch mehrere kleinere Venen an. Zwischen, 
den Gefäßen liegt ein zellreiches Gewebe, dessen Elemente aus spin- 
deligen Zellen mit spindelförmigen oder mehr ovalen oder unregelmäßig 
geformten chromatinarmen Kernen bestehen. Die Zellen sind in ein 
zartes, bindegewebliches Stroma eingebettet und liegen bald regellos 
durcheinander, bald folgen sie dem Verlauf der Gefäße. Im Gegensatz 
zu den Verhältnissen im ersten Präparat sind die Spindelzellen bedeu¬ 
tend kürzer, sie gleichen mehr einfachen Fibroblasten, auch liegen sie 
nirgends in so dichten Verbänden. Außer diesen Spindelzellen finden 
sich noch spärliche Lymphozyten, denen sich in der Geschwürszone zahl¬ 
reiche Leukozyten beigesellten. Letztere finden sich besonders auch in 
den Gefäßen gehäuft, in welchen sie da und dort eigentliche Leukozyten 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 183 

thromben bilden. Plasmazellen werden fast vollständig vermißt. Große 
Partien des Tumors sind durchblutet, die Ge websspalten von roten Blut¬ 
körperchen dicht angeschoppt; allerorten findet sich auch abgelagertes 
goldgelbes Blutpigment. Während das angiomatöse Gewebe stellenweise 
bis an die Epithelgrenze stößt, legt sich an anderen Orten eine ödema- 
töse, fast myxomatöse zellarme Zone dazwischen, in welcher zahlreiche, 
stark erweiterte Lymphgefäße liegen. 

3. Alter, bis auf einen schmalen Stiel losgelöster 
Tumor: 

Der Stiel wurde nicht mitexzidiert, so daß die Verhältnisse in der 
normalen Eutis nicht zur Darstellung gelangen. 

Epidermis: Stellenweise akanthotisch mit Entwicklung von 
einzelnen Retezapfeu, zum gröfitenTeil stark verdünnt, die Zellen in 
ihrem Verbände gelockert, von Wanderzellen durchsetzt. Die Horn¬ 
schicht mächtig entwickelt. An einem Pol besteht eine von Epithel 
entblößte Ulzeration. 

Eutis: Der Tumor besteht aus einem stark ödematösen, fast 
myxomatÖ8en zellarmen Grundgewebe, in welches zahlreiche Gefäße, 
zumeist Eapillaren, eingelagert sind. Die Gefäße haben zum Teil norma¬ 
len Dnrchmesser, zum Teil sind sie mehr oder weniger stark erweitert. 
In den ödematösen Maschen zwischen den Gefäßen liegen einige Fibro¬ 
blasten, Lymphozyten und Plasmazellen (Ähnlichkeit mit Nasenpolyp), 
außerden im Bereich des Geschwürs massenhaft Leukozyten. Da und 
dort stößt man auf abgelagertes Blutpigment in wechselnder, meist nicht 
erheblicher Menge. Das kollagene Gewebe besteht teils aus isolierten 
feinen Fasern, welche um die Gefäße dichtere Scheiden bilden, teils aus 
einer halbflüssigen Interzellularsubstanz, die sich bei der Färbung 
normal nicht metachromatisch verhält. In den zentralen Partien des 
Tumors wird das Gewebe kompakter, zellreicher; an Stelle des lockeren, 
ödematösen Maschenwerkes treten innig verschlungene Züge schöner, 
langgestreckter Spindelzellen auf, welche dicht aneinander lagern und 
vollkommen jenen spindeligen Elementen gleichen, wie sie im ersten 
Präparat beschrieben worden sind. Auffallend häufig finden sich wahre 
Riesenformen unter ihnen vor von ganz ungewöhnlicher Länge und mit 
mächtigen, chromatinarmen, ovalen bis spindelförmigen Eernen. Häufig 
sieht man auch Degenerationsbilder, meist vakuoläre Entartung des 
Protoplasmas und der Herne und allerhand Einschlüsse. Im Inneren der 
Spindelzellzüge treten die Blutgefäße vollständig zurück. Die Spindel¬ 
zellzüge sind nirgends scharf vom übrigen Gewebe abgegrenzt, sondern 
strahlen nach allen Seiten in ganz unregelmäßiger Weise in das umge¬ 
bende Gewebe aus, wobei der Verband der Zellen lockerer wird, ihre 
Form sich mehr derjenigen von gewöhnlichen Fibroblasten nähert. Frische 
Blutungen werden in diesem Präparat nicht angetroffen. 

Aus den histologischen Bildern geht zunächst hervor, 
daß je nach dem Alter der Effloreszenzen ganz verschiedene 


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M i e 8 c h e r. 


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Veränderungen angetroffen werden. Die jungen, noch in 
der Haut liegenden Tumoren bestehen aus einer eiförmigen, 
scheinbar vollständig in Epithel eingekapselten Gewebs- 
masse, die sich in der Hauptsache aus einem kompakten 
Geflecht dicht gelagerter und in Zögen angeordneter Spin¬ 
delzellen aufbaut. Andere Elemente treten daneben voll¬ 
ständig zurück, selbst die Blutgefäße (es handelt sich 
dabei sozusagen ausschließlich um Kapillaren) spielen im 
Innern der Spindelzellmassen eine ganz untergeordnete 
Rolle, während sie nur an der Peripherie zahlreicher 
werden. Das Gewebe hat an diesen Stellen auch mehr den 
Charakter eines Granulationsgewebes, während im übrigen 
dafür nicht die geringsten Anhaltspunkte vorhanden sind. 
Bemerkenswert ist die scharfe Abgrenzung an der Ein¬ 
trittspforte, bemerkenswert sind auch die zahlreichen und 
sehr ausgedehnten interstitiellen Blutungen. 

Der Sitz der Veränderungen ist zweifellos ein streng 
intrapapillärer. Die sonderbare Einkapselung in einem 
Epithelmantel, dessen Elemente deutlich die Zeichen der 
Dehnung verraten, die eiförmige Gestalt der Neubildung, 
die relativ schmale Eintrittspforte, die korrespondierende 
Auswölbung und Dehnung auch der benachbarten Papillar- 
leisten lassen sich kaum anders erklären, als durch eine 
fortschreitende exzentrische Ausdehnung eines einzigen 
Papillarkörpers. Da die Affektion die an normales Kutis- 
ge webe anstoßende und mit ihr fest verbundene Papillen- 
pforte bzw. den diese umspannenden Epithelring nicht 
überschreitet, so ist dessen Intaktbleiben trotz Ausdeh¬ 
nung des Papillarkörpers wohl zu verstehen. 

Diese eigenartige intrapapilläre Wachstumsform ist 
eine Erscheinung, der man wiederholt begegnet, sobald 
man darauf achtet. Selbst unter den von den Autoren 
publizierten Illustrationen (Halla, Favera, Pick) finden 
sich ähnliche Bilder. Auf der Fußsohle, wo die Papillen 
eine ansehnliche Länge besitzen, liegen die Verhältnisse 
natürlich besonders günstig. In besonders ausgeprägter 
Form trifft man diese Erscheinung beim Angiokeratom, 
welches auf einer intrapapillären varikösen Erweiterung 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


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der Kapillaren beruht und bei welcher regelmäßig Epithel- 
ränme von ganz gewaltigen Dimensionen Vorkommen. 

Es ist nun selbstverständlich nicht ausgeschlossen, 
und einige Erscheinungen deuten darauf hin, daß das 
Epithel nicht völlig passiv sich verhält, sondern selbst 
durch den Druck des sich vergrößernden Tumors einen 
vermehrten Wachstumsimpuls erfährt. Dies erklärt uns das 
Auftreten von sekundären Leistenbildungen an den ausge¬ 
zogenen Interpapillarleisten, dies erklärt auch die enorme 
Verdickung des peripheren Epithelmantels, weleher wallartig 
den Äquator des Tumors umschließt. Durch diesen Um¬ 
stand wird aber, wie wir bereits sahen, noch eine weitere 
Eigentümlichkeit im Entwicklungsgang der Tumoren 
bedingt: die Stielbildung. Die Mächtigkeit des peri¬ 
pheren Stachelzellgürtels wird nämlich im Verlaufe des 
zunehmenden Wachstums so groß, daß der normale Ver¬ 
hornungsvorgang sich nicht nur auf der Oberfläche der 
Zellmasse abspielt, sondern im Bereiche des größten 
Durchmessers von der Oberfläche aus senkrecht bzw. 
schräg nach unten und innen in die Tiefe greift und 
dadurch zur Entstehung einer zirkulären Hornleiste führt, 
durch deren sukzessive Vertiefung, Erweiterung und Auf¬ 
spaltung die spätere pilzförmige Loslösung des Tumors 
von seiner Unterlage sich erklärt. (Siehe die Abbildung.) 
Die verdickten aufgeworfenen Ränder des muldenförmig 
eingelassenen Tumorbettes stellen dabei den äußeren An¬ 
teil des gespaltenen Epidermiswalles dar. 

Die soeben ausgeführte Art der Stielbildung ist 
prinzipiell vollständig verschieden von der gelegentlich bei 
Fibromen, Lipomen und Sarkomen beobachteten, welche 
von einer tiefer, nicht intrapapillär angelegten Geschwulst 
ausgeht. In diesem Fall wird durch den aus den tieferen 
Kutisschichten herauswachsenden Tumor ein Teil des 
Papillarkörpers mitsamt seinen Papillen emporgehohen; es 
entsteht nach Unna ein von einer mehr oder weniger aus¬ 
gedehnten Partie der Hautoberfläche begrenzter Sack, in 
welchen durch den Druck der elastischen Unterlage all¬ 
mählich die gesamte Tumormasse hinein verlagert wird. 


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Mie8cher. 


Die Diagnose der beschriebenen Veränderungen muß 
von rein morphologischen Gesichtspunkten aus anf das Spin¬ 
delzellensarkom lauten. Die dicht gelagerten, alle nach 
demselben Typus gebauten Zellen, die nur Spuren fibril¬ 
lärer Bindege webssubstanz zwischen sich lassen, der spär¬ 
liche Gehalt an Gefäßen und der Mangel an leukozytären 
und lymphozytären Elementen in den eigentlichen Partien 
des Tumors lassen die Deutung Granulom, für welch» 
manches aus dem klinischen Verlauf sprechen wfirde, nicht 
zu, wenn schon an den Rändern, aber eben nur dort, sich 
dafür Anhaltspunkte finden. Es mag zugegebeu werden, 
daß in manchem Granulationsgewebe stellenweise sarko- 
matöse Bilder auftreten, stets aber bleibt der Grundcha¬ 
rakter des Gewebes dominierend, welcher die Züge der 
Entzündung trägt. Ich unterlasse es, mich in die Kontro¬ 
verse einzulassen, welche die Autoren schon seit langem 
über diese Frage führen. Vielleicht wird für unsere Auf¬ 
fassung von der Natur der Sarkome die Notwendigkeit 
einer prinzipiellen Abgrenzung gegenüber Granulations¬ 
gewebe einmal verschwinden, wie das u. a. schon Per rin 
andeutet Vorläufig entspricht es allerdings einer berech¬ 
tigten Forderung der Systematik, noch so lange die beiden 
Begriffe auseinanderzuhalten, als die Fragen nach der 
Ätiologie und Pathogenese der Sarkome ungelöst bleiben. 

Was in unserem Fall, wie in den Fällen von idiopa¬ 
thischem Hautsarkom überhaupt, die Deutung besonders 
erschwert, ist die relative Benignität, der Mangel des infil¬ 
trativen unbeschränkten Wachstums, ja sogar, wie wir 
noch sehen werden, eine Zurückbildung der Tumorelemente 
unter Umwandlung in ein banales Granulationsgewebe. 

In neuerer Zeit ist von Sternberg eine neue Auffassung über die 
Natur der multiplen idiopathischen Hautsarkome vom Typus Kaposi 
inauguriert worden. Sternberg hält die Spindelzellen in den Tumoren 
für glatte Muskelfasern und stützt seine Ansicht auf zwei Kriterien r 
auf die Stäbchenform der Kerne und auf die Verhältnisse bei der 
Gieson-Färbung. Es würde sich in diesen Fällen nicht um Sarkom» 
sondern um Myom, bzw. Angiomyom (Hamartom im Sinne Alb re chts) 
handeln. Sternberg kann sich allerdings nur auf einen einzigen Fall 
berufen, doch will er an Präparaten, die ihm von Zumbusch, Riehl 
und Kren zur Verfügung gestellt wurden, denselben Befund erhoben 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


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haben. Seither hat sich nur Saphier anläßlich eines Falles von mul¬ 
tiplem Hautsarkom zu dieser Frage geäußert. Er kann in seinen histo¬ 
logischen Schnitten nichts Typisches für die Annahme glatter Muskel¬ 
fasern finden, gibt aber die Möglichkeit zu, daß diese unter besonderen 
Umständen auch atypische Formen annehmen können. Dagegen spricht 
nun allerdings die Erfahrungstatsache, daß selbst in den malignen 
Myomen des Uterus und auch der Haut (Hayn) neben atypischen stets- 
auch typische Zellformen gefunden werden. Das durch die Arbeiten von 
Besnier, Sobotka, Hayn uns klinisch und histologisch wohlbekannte 
Bild des multiplen Hautmyoms stellt auch in seinen maligenen Formen 
einen Krankheitstypus dar, der mit dem multiplen Hautsarkom Kaposis 
nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt. 

In unserem Fall läßt sich die Annahme Myom wohl mit Sicherheit 
gerade in bezug auf die von Sternberg aufgestellten Kriterien ab¬ 
lehnen. Die Entstehung multipler Myome ausschließlich im Papillarkör¬ 
per wäre schon aus anatomischen Gründen nicht leicht zu erklären. 

Warum die Geschwulst in auffallender Weise die 
Papillargrenze respektiert und keinerlei Tendenz verrät, 
nach der Tiefe in die Kutis einzudringen, bleibt durchaus 
ein Rätsel. Immerhin sprechen einige Beobachtungen dafür, 
daß die subpapilläre Bindegewebsschicht vielleicht vermöge 
ihrer besonderen Struktur manchem proliferatorischem 
Prozesse gegenüber ein besonderes Verhalten zeigt und in 
gewissem Sinn als Barriere wirken kann. Dies gilt in 
erster Linie für die Veränderungen, die aus der Tiefe 
gegen die Oberfläche emporwachsen. Schon Unna hat bei 
Besprechung der Sarkome darauf hingewiesen. Er sagt 
darüber folgendes: „In der Haut greifen die Sarkome nur 
zögernd auf den Papillarkörper über. Gewöhnlich bleibt 
derselbe und eine oberflächliche Schicht der Kutis vom 
eigentlichen Sarkomgewebe frei. In einem Fall von reinem 
Spindeszellsarkom sehe ich das Sarkomgewebe überall 
scharf bis an die subepitheliale Grenze dicht heranreichen, 
die ihrerseits ihren normalen Bau bewahrt hat.“ Ähnliche 
Beobachtungen finden sich auch bei anderen Antoren. In 
einem auf der Basler Klinik beobachteten Fall von meta¬ 
statischem Spindelzellensarkom der Haut hatte sich ein 
Knoten in der pars reticularis der Kutis entwickelt, nach 
oben reichte er scharf bis an die subepitheliale Grenze 
heran, diese selbst freilassend. Ein zweiter Knoten hatte 
im Papillarkörper seinen Ausgang genommen, und ihn in. 


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Miesche r. 


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ähnlicher Weise ausgeweitet, wie in unserem Fall. Nach 
unten schien auch er die subpapilläre Schicht zu respek¬ 
tieren, so daß zwischen den beiden Knoten eine Zone von 
normal gebautem Bindegewebe vorhanden war, welche bloß 
die Zeichen banaler reaktiver Entzündung zeigte. 

Es ist selbstverständlich, daß diese besondere Wider¬ 
standskraft der subpapillären Schicht die Benignität der 
Tumoren nicht allein erklärt, sondern es stehen noch 
weitere Faktoren im Spiel, die wir noch nicht kennen und 
die vielleicht mit dem besonderen Wesen der multiplen 
idiopathischen Hautsarkome Zusammenhängen. 

Während die jungen, noch im Niveau der Haut lie¬ 
genden Effloreszenzen unverkennbar den Charakter einer 
Neubildung haben, ergeben die älteren, gestielten, 
■ein ganz anderes Bild. Von den beiden untersuchten Kno¬ 
ten besteht der eine aus einem von frischen und alten 
Blutungen durchsetzten angiomatösen Gewebe, zwischen 
dessen häulig erweiterten Gefäßen ein lockeres Gefüge 
kurzer, plumper Spindelzellen nach Art der Fibroblasten 
liegt. Nirgends zeigen diese Zellen die dichte Lagerung, 
die -Gleichmäßigkeit der Form, wie die Spindelzellen des 
jungen Tumors. Der zweite Knoten sieht scheinbar noch 
banaler aus, indem er fast ausschließlich aus einem ziem¬ 
lich zellarmen, aber gefäßreichen ödematösen, stellenweise 
pseudoinyxomatösem Gewebe besteht, das große Ähnlich¬ 
keit mit der Struktur eines Nasenpolypen hat. In den zen¬ 
tralen Partien finden sich allerdings noch locker gefügte 
und wenig scharf abgegrenzte Bündel von Spindelzellen, 
welche nach Anordnung und Aussehen vollständig identisch 
sind mit den Tumorelementen der jungen Knoten. 

Kurz zusammengefaßt: bei den jungen Efflores¬ 
zenzen, Spindelzellmassen, die morphologisch 
als Sarkom imponieren, bei den älteren fast 
nichts mehr davon, dafür ein banales angioma- 
tösesGewebe, das alle Charaktere eines chro¬ 
nischen Granulationsgewebes trägt. Wie haben 
wir uns diesen Umwandlungsprozeß zu erklären? In erster 
Xinie kommen wohl, worauf schon mehrere Autoren hin- 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


189* 


gewiesen haben, die häufigen und ausgedehnten inter¬ 
stitiellen Blutungen in Betracht, welche auch den jungen 
Tumor in besonderem Maße auszeichnet. Jede Hämorrhagi» 
fflhrt durch die Gefäßalteration und die traumatisch» 
Schädigung der Gewebsstruktur zu einem mehr oder weni¬ 
ger ausgedehnten Zelluntergang. In den histologischen 
Bildern fanden sich hiefür manche Anzeichen: Vakuoli¬ 
sierung der Kerne und des Protoplasmas, Chromatolyse, 
Karyorrhexis, kleine massive Nekrosen. Die Masse der 
Tumorzellen nimmt bei den häufigen Insulten ab; in die r 
durch ihren Untergang entstandenen Lücken tritt ein 
gefäßreiches Granulationsgewebe, welches unter der fort¬ 
gesetzten Aktion sich wiederholender Blutungen allmählich 
das dominierende Element wird, sodaß von den Tumor¬ 
zellen gar nichts oder nur wenig mehr übrig bleibt. Da 
schon an jungen Tumoren Übergänge von den langen, 
spindeligen Elementen zu den kürzeren und plumperen 
Fibroblasten, wie dies besonders im zweiten Präparat 
hervortritt, beobachtet werden konnte, so liegt auch di» 
Annahme nahe, daß unter der Wirkung ungünstiger 
Ernährungsverhältnisse, an welcher auch die mit dem 
Wachstum des Tumors zunehmende Stauung Schuld ist, 
der Charakter der Tumorzellen eine repressive Umwand¬ 
lung erfährt, was nicht nur in einer verminderten Proli¬ 
ferationskraft, sondern auch morphologisch durch Rück¬ 
bildung in eine stabile Form zum Ausdruck kommt. 

Die große Neigung zu Blutungen scheint nicht nur 
auf die Häufigkeit traumatischer Insulte, die sich aus der 
Lage ergeben, bedingt zu sein, sondern noch andere Ursa¬ 
chen zu haben, die wir nur vermuten können. Auffallend 
ist die außerordentlich zarte Beschaffenheit der Kapillar¬ 
wandungen, der Mangel hypertrophischer Zustände, wie 
sie in Angiomen fast die Regel sind und auch an den 
Gefäßen der Granulationsgewebe häufig beobachtet werden. 
Die geringe Leistungsfähigkeit der Kapillarwandung 
erklärt die Neigung zur Ektasie, welche sich allerorten 
deutlich kundgibt. Ihre Entstehung wird veranlaßt und 
gefördert durch Stauungen, die sowohl die Folge des 


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Miescher. 


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Wachstumsdrackes der eingezwängten Tumorelemente, als 
Auch der ungünstigen zirkulatorischen Verhältnisse an der 
Eintrittspforte bilden. Natürlich ist im Stadium der Dila¬ 
tation die Disposition zur Blutung noch wesentlich größer. 

Das Moment, welches zweifellos für den ganzen Ent¬ 
wicklungsgang des Tumors die größte Bedeutung hat, ist 
der intrapapilläre Sitz. (Die auffallende Erscheinung, 
daß der Tumor die Papillarbasis nicht überschreitet, haben 
wir bereits besprochen, ohne allerdings in der Lage zu 
sein, eine befriedigende Erklärung dafür abgeben zu kön¬ 
nen.) In erster Linie bedingt das eine ungünstige Entwick¬ 
lung der Ernährungsverhältnisse. Da der Papillarkörper 
nur von einer einzigen Arteriole mit Blut versorgt wird, 
so fällt dieser die Hauptaufgabe auch bei seiner späteren 
pathologischen Vergrößerung zu. Der Mangel größerer 
-Gefäße nicht nur im Innern des Tumors, sondern auch an 
seiner Eintrittspforte, bildete bei dem scheinbaren Blut¬ 
reichtum auch des kleinsten Tumors eine auffallende Er¬ 
scheinung. Die älteren Tumoren enthielten zwar neben 
sehr zahlreichen Kapillaren auch einige kleinere Venen, 
aber auch diese waren im Gegensatz zur Größe des 
Gebildes unbedeutend. Da der Raum des Papillarkörpers 
sich zwar immer vergrößert, aber nicht gesprengt wird, 
■die Pforte darum mehr oder weniger erhalten bleibt, so 
werden die Bedingungen immer ungünstiger. Dazu tritt 
die ebenfalls durch den intrapapillären Sitz bedingte Nei¬ 
gung zur Stielbildung (s. oben), deren mechanische Folgen 
wiederum eine wesentliche Verschlechterung der zirkula¬ 
torischen Verhältnisse bedeuten, und das um so mehr, als 
die Fußsohle den von außen wirkenden Kräften stän¬ 
dig ausgesetzt ist. Der ödematöse Habitus der Tumoren 
ist zweifellos eine Äußerung davon. 

So sehen wir, daß durch die besonderen 
örtlichen Umstände eine die Gharakterzüge 
des Sarkoms tragende Neubildung in ihrer Ent¬ 
wicklung so sehr beeinflußt wird, daß sie die 
Eigenschaften der Malignität verliert und sich 
-allmählich in einen harmlosen Granulations- 


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Ober multiple idiopathische Hautsarkome. 


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knoten umwandelt, dessen weiteres Schicksal Nekrose, 
Mumifikation bildet. Wir haben es somit in unserem Falle 
mit einer höchst originellen Spontanheilung zu tun, die 
fast allein auf mechanische Faktoren zurückzuführen ist. 

Unna beschreibt eine Form von Spontanheilung bei 
Spindelzellsarkomen, doch handelt es sich in seinen Fällen 
stets um tiefkutanen subpapillären, nicht intrapapillären 
Sitz der Tumoren. Er sagt darüber folgendes: „Die Knoten 
treten mit der Zeit durch den elastischen Druck der um¬ 
gebenden Haut über dieselbe hervor, sie werden geboren, 
schließlich stielartig abgeschnürt, hin und wieder fallen 
sie sogar ab. Mit der fungusartigen Abschnürung geht 
häufig eine teilweise Erweichung des Knotens einher, die 
aber stets oberflächlich bleibt und nie bis zur Schlaffheit 
eines fibroma molluscum fortschreitet.“ Und an anderer 
Stelle: „Dabei (bei der Hervordräugung der Sarkome aus 
der Haut) entsteht an der Peripherie der Geschwulst leicht 
venöse Stauung mit Ödem und kommt es an einzelnen 
Stellen zu einer Erweichung des sarkomatösen Gewebes, 
die dem echten Myxom ähnliche Bilder zu schaffen im¬ 
stande ist.“ 

Bei intrapapillärem Sitz liegen praemissis praemitten- 
dis die Bedingungen für die Spontanheilung natürlich noch 
bedeutend günstiger, der Entwicklungsgang ist ein viel 
präziserer, stereotyper und ist gerade an einer solchen 
Stelle möglich, wo der Vorgang der Spontangeburt, den 
Unna beschreibt, aus anatomischen und mechanischen 
Gründen weniger leicht wird zustande kommen können. 

Die Diagnose lautet in unserem Fall auf mul¬ 
tiples idiopathisches hämorrhagisches Spin¬ 
delzellsarkom der Haut mit intrapapil¬ 
lärem Sitz. 

Die Frage, ob die Bezeichnung „Sarkom“ berechtigt 
ist, habe ich schon berührt und will an dieser Stelle 
nicht mehr darauf eintreten. Morphologisch ist sie es 
jedenfalls schon; klinisch sprechen die auffallende Gut¬ 
artigkeit und der Entwicklungsgang dagegen. Die Frage 
ist, wie ich schon erwähnte, in den meisten Arbeiten über 


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Miescher. 


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das Koposische Sarkom diskutiert und sehr verschieden 
entschieden worden. Was zu ihrer Lösung fehlt, sind 
sichere Kriterien zur Entscheidung zwischen autonomer 
und reaktiv entzündlicher Neubildung. Der Begriff der 
Malignität ist zu wenig präzis, um einen sicheren Anhalts¬ 
punkt zu geben und wird darum nur Verwirrung schaffen. 
Solange die Forschung auch für die echten Neoplasmen 
eine infektiöse Ätiologie nicht auszuschließen vermag, ja 
vielfach sogar nach einer solchen auf der Suche ist, solange 
ist eine sichere Trennung nach dem Wesen der Affektion 
allein nicht möglich und die Entscheidung hat sich im 
gegebenen Falle, wenigstens vorläufig noch, auf rein mor¬ 
phologische Merkmale zu stützen. 

In der Literatur finden sich nur ganz wenige Fälle, 
welche eine gewisse Ähnlichkeit mit dem vorliegenden 
haben. 

1. Fall von Weber and Daser: Im Anschluß an eine Verlet¬ 
zung mit einem Nagel entwickelte sich auf der Fußsohle eines vierzig¬ 
jährigen Mannes (galizischer Jude) eine kirschgroße gestielte Geschwulst, 
ähnlich einem Botryomykom. Der Tumor wurde chirurgisch entfernt. In 
der Folge bildeten sich auf der Fußsohle des rechten Fußes, auf der 
Außenseite des linken Fußes, in der linken Kniekehle, über der linken 
Patella und auf der Glans Penis eine Beihe kleinerer und größerer bis 
linsengroßer Knötchen von bläulicher Farbe. Die Knoten bildeten sich 
teilweise unter Zurücklassung brauner Flecke zurück, teilweise wuchsen 
sie zu gestielten Gebilden von mehr rötlicher Farbe aus und fielen dann 
ab oder wurden durch äußere Gewalt abgetrennt. Am linken Fuße bil¬ 
dete sich ein chronisches, ziemlich derbes Ödem aus, das auch die 
Knöchelgegend einnahm. Die durch Mac Leod ausgefuhrte histologisch* 
Untersuchung zweier Tumoren ergab streng umschriebene Neubildung 
in der pars papillaris und reticularis, die aus großen, meist spindeligen 
Zellen, Fibroblasten und zahlreichen Blutgefäßen bestand, und reichlich 
von Blutungen durchsetzt war. Die Veränderungen reichten bis unmittel¬ 
bar an die Epithelgrenze heran, waren seitlich von gewucherten Epithel¬ 
leisten eingerahmt und nach unten durch eine dichte Bin dege webskapsel 
abgeschlossen. Nach der Ansicht Mac Leods handelte es sich um einen 
typischen Fall von Sarkoma itiopathicum Kaposi. 

Die Tumoren in diesem Fall zeichneten sich ebenfalls 
durch scharfe Abgrenzung gegenüber der normalen Haut 
aus. Den Beschreibungen der Autoren nach muß es sich 
um einen papillären oder wenigstens subepithelialen Sitz, 
gehandelt haben. Die untersuchten Tumoren entstammen 


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Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


193 


allerdings Hautregionen (Knöchel, Kniekehle), wo der 
Papillarkörper nicht dieselbe Entwicklung zeigt wie an 
der Fußsohle, so daß dort die Bedingungen fQr rein intra- 
papilläres Wachstum a priori ungünstigere sind. An 
Stelle der insuffizienten Epithelleisten bildete sich dafür 
ein abschließender Bindegewebswall ans. Das erklärt auch 
in diesem Fall die große Neigung zur Abschnürung und 
Stielbildung, welche in der Klinik der Kaposischen 
Sarkome keine Seltenheit darstellt, und diesen Fall darum 
dem unsrigen näherrückt. Das auch diffusere, die tiefen 
Hautregionen befallende Veränderungen vorhanden waren, 
beweist das chronische ödem des linken Fußes. Doch 
braucht das keinen llinderungsgrund zur Vereinigung 
beider Krankheitsbilder zu sein, da ein Übergreifen in 
die Tiefe und die nun einsetzende Ödembildung nur eine 
weitere Etappe im Krankheitsverlauf darstellen können. 

‘J. Fall von Br aalt und Argand: Im Verlaufe eines Jahres 
bildeten sich spontan bei einem 80jährigen, seit 80 Jahren in Algier 
ansässigen Italiener eine Reihe kleiner Tumoren. Dieselben saßen auf 
der Fußsohle des linken Fußes, besonders am inneren Fußrand, auf der 
8treck- und Beugeseite der Zehen und einige am Knie und an den 
Oberschenkeln. Die Tumoren sind bis haselnußgroß, die kleinsten kaum 
erhaben, rotbraun, die größeren rötlich, weich, leicht gestielt und um¬ 
geben von einem ringförmigen Epidermiswall, von dem sie sich durch 
einen zirkulären Spalt abgrenzten. Einige Tumoren sehen etwas maul- 
beerförmig aus und sezernieren eine seropurulente Flüssigkeit. Die 
Tumoren lassen sich leicht mit der Kürette ausschälen. Der Patient 
wurde geheilt entlassen und erschien in den nächsten 10 Jahren nicht 
wieder. Kulturen und Tierinokulationsversuche schlugen fehl. Histologisch 
bestehen die gestielten Tumoren aus einem von Epidermis überkleideten 
Gewebe, welches zum größten Teil einer kolliquativen Degeneration 
anheimgefallen ist, so daß mächtige kavernöse Hohlräume den Tumor 
durchsetzen. Das noch restierende Gewebe besteht aus dicht gelagerten 
Spindelzellen, welche in Bündeln angeordnet sind, die sich vielfach 
durchkreuzen. Dazwischen treten nur schmale Bindegewebszüge auf, 
welche die einzelnen Spindelzellbündel trennen und breitere Lagen um 
die größeren Gefäße bilden. Die Diagnose Spindelzellensarkom liegt nahe, 
doch ist nach Ansicht des Autors die Neubildung zu wenig reich mit 
Gefäßen versorgt und zeigt nicht die charakteristische Gefaßneubildung, 
wie die Sarkome. Sie halten die Neubildungen für Bindegewebswu¬ 
cherungen, welche ähnlich wie das Chalazion, sarkomatöse Tuberkulome, 
parasitäre Fibrome den Typus maligner Geschwülste nachahmen. 

Areh. f. Derart, u. 8ypb. Bd. 188. 28 


Difitized by Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MINNESOTA 



194 


Miescher. 


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Leider ist die Arbeit sehr knapp gehalten und liegen 
keine histologischen Befunde eines im Jugendstadium 
befindlichen Tumors vor. Aus dem klinischen Aspekt 
(gute Abbildung) sowohl als auch aus der kurzen Mittei¬ 
lung über die histologischen Veränderungen darf aber auf 
eine gewisse, besonders klinisch hervortretende Analogie 
mit unserem Fall geschlossen werden. Was im Bilde fehlt, 
sind die charakteristischen Hämorrhagien und der Blut¬ 
gefäßreichtum, woraus sich die hellere Farbe der Tumoren 
erklärt. Über den Ursprung und genauen Sitz der Ver¬ 
änderungen in der Haut geht aus den Angaben nichts 
Bestimmtes hervor. 

Außer diesen zwei Fällen gibt es noch eine Anzahl 
(Bernhardt, De Amicis, Demange, Perrin), bei 
welchen gestielte Tumoren als eine seltene Erscheinung 
aufgetreteu sind. Die Hauptveränderungen saßen aber in 
den tiefen Kutisschichten und zeigten alle Charaktere des 
typischen Eaposischen Krankheitsbildes. 

In der von Unna gegebenen Einteilung der idiopa¬ 
thischen multiplen Hautsarkome, die der Besonderheit 
eines intrapapillären Sitzes nicht Rechnung trägt, müßte, 
so fern man von dieser Eigentümlichkeit absieht, der Fall 
bei Typus 2 (Sarcoma multipl. cut. dur. pigm. typ. Pif- 
fard) eingereiht werden, doch ist es fraglich, ob die 
Isolierung dieses Typus vom Kaposi sehen Typus über¬ 
haupt berechtigt ist, zumal es sich mehr nur um Differen¬ 
zen in der Lokalisation und in der Ausbreitung handelt. 

Mit dem Typus 1 der Unnaschen Hautsarkome 
(Sarcom multipl. cut. dur. alb.), bei dem Spontanheilung 
durch Stielung häufig sein soll, ist eine Identifikation 
nicht möglich, weil dort der charakteristische Beginn im 
Papillarkörper und die Neigung zu Hämorrhagien fehlt 
und auch der Sitz verschieden ist. 

Mit dem klassischen, von Kaposi aufgestellten Typus 
läßt sich unser Fall nicht ohne weiteres zusammenstellen. 
Es fehlt die symmetrische Anordnung, es fehlt die initiale 
Gefäßneubildung, es fehlen die Ödeme, kurz jener ganze 
Symptomkomplex, welcher dem Kaposi sehen Hautsarkom 


Go^ 'gle 


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UNIVERSITY OF MINNESOTA 



Über multiple idiopathische Hautsarkome. 


195 


den Charakter eines gesetzmäßigen und mehr oder weniger 
scharf umschriebenen Krankheitsbildes verleiht. Wenn wir 
aber den speziellen Sitz der Neubildung in unserem Fall 
berücksichtigen und in seiner Besonderheit vorläufig nichts 
prinzipiell neues, sondern nur eine Abweichung von der 
Norm erkennen wollen, dann ist damit auch die Erklärung 
für die Differenz im klinischen Verlauf gegeben, und eine 
Trennung erscheint nicht mehr geboten. Die Entwicklung 
ist eben durch die räumlichen Verhältnisse im Papillar¬ 
körper eine sozusagen vorgeschriebene und der ganze 
Krankheitsverlauf dadurch ein viel eintönigerer aber auch 
gutartigerer. Die Frage zu beantworten, warum die Ver¬ 
änderung gerade im Papillarkörper entsteht und nicht in 
den tieferen Kutisschichten, ist zur Zeit ebenso unmöglich 
wie die andere, warum überhaupt der Krankheitsprozeß 
ausbricht. 

Die Ätiologie liegt heute noch vollständig im Dun¬ 
keln, wenn schon der ganze Entwicklungsverlauf für eine 
infektiöse Noxe zu sprechen scheint. Die Frage ist in ver¬ 
schiedenen Arbeiten (Bernhardt, Halle, Dalla Favera 
u. a.) ausführlich besprochen worden, auf welche ich hier 
verweise. In einigen Fällen ist dem Ausbruch der Er¬ 
scheinung ein Trauma vorausgegangen (L i e b e r t h a 1, 
Weber und Daser, Le der mann), in den meisten fehlt 
jedoch jeglicher Anhaltspunkt in der Anamnese. Auch in 
unserem Fall liefert dieselbe hierfür nichts greifbares. 

Die bis heute angestellten Tierversuche haben eben¬ 
falls nichts verwertbares ergeben (Mariani, Justus, 
Reale). Auch aus der Therapie haben sich bisher noch 
keine in diesem Sinn verwertbare Schlüsse ziehen lassen. 
Von besonderer Bedeutung sind definitive Heilerfolge mit 
Arsen (De Amicis, Sherwell), Sublimat (Wallhau¬ 
ser) und Salvarsan (Scholz), doch sind solche Angaben 
bisher vereinzelt geblieben. 

In unserm Fall war die Strahlenbehandlung, die schon 
Halle empfiehlt, zweifellos von guter Wirkung. Wir ga¬ 
ben 20 X (9 Bauer, 2 mm Al.) in einer Sitzung und sahen 
unter der Einwirkung der Therapie die Tumoren schrump¬ 
le* 


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196 Miese her. Über multiple idiopathische Hautsarkome. 

fen und als mumifizierte Gebilde unter Zurficklassung 
brauner oder bläulicher Flecke abfallen. Weniger wirksam 
war die Behandlung mit Radium, doch lag das vor allem 
an der zu geringen Dosierung mit dem erst frisch erhal¬ 
tenen Präparat. Zur Zeit ist die Patientin vollständig 
gesund. 


Literatur. 

Bernhardt, Aroh. £ Derm. u.Syph. Bde. XLIX, LXII, LXIII. — 
Besnier, Annales de Derm. et Syph. 1880. — Brault und Argand, 
Annal. d. Derm. et Syph. 1918. — Da 11a Favera, Areh. f. Derm. u. 
8yph. Bd. G1X. — Demange, zit. n. Perrin. — De Amicis, Monatsh. 
£ pr. Derm. Bd. XXY. — Gravagna, Giom. ital. d. maL vener e d. 
pelle. Bd. II. — Halle, Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. LXXII. — Hayn, 
Areh. £ Derm. u. Syph. Bd. CY. — Justus, Yerh. des XVL med. 
int. Kongr. zu Budapest 1909. — Kaposi, Arch. £ Derm. u. Syph, 
Bd. IY. — Lieberthal, The Journ. of out. Diseases 1909. — Leder¬ 
mann, Derm. Zeitsehr. Bd. XL — Mao Leod, Brit. Journ. of Derm. 
Bd. XVII. — Mariani, Aroh. f. Derm. u. Syph. Bd. XCVIII. — Pela- 
gatti, La saroomatosi eutanea, Parma 1902. — Perrin, Saroomes in 
„Pratique Dermatologique" Bd. IY. — Philippson, Yiroh. Aroh. Bd. 
GLYII. — Reale, Nuovi tentativi d’ inoculasione sperimentali del sar- 
ooma outaneo tipo Kaposi, Neapel 1904. — Saphier, Arch. £ Derm. 
u. Syph. Bd. CXYIII. — Soholz, Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. XCIL — 
Schwimmer, zit. n. Halle. — Seilei, zit. n. Halle. — Sherwell. 
Journ. of cut. and genit. diseases 1897. — Sobotka, Arch. f. Derm. tu 
Syph. Bd. LXXX1X. — Sternberg, Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. CXI. 
— Unna, Histopathologie der Haut 1894. — Wallhauser, Re£ Derm. 
Zeitschrift Bd. XVII. — Weber und Daser, British Journ. of Derm. 
Bd. XVII. — Ausführliche Literaturangaben bei Dalla Favera, Arch. 
£ Derm. u. Syph. Bd. C1X. 

Oie Erklärung der Abbildungen auf Taf. IX 
ist dem Texte zu entnehmen. 


Gck igle 


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V 



Mieschej;: Hautsaxkome. 

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Verlagsbuchhandlung von Julius Springer, 

Berlin W.Ongiral from 

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Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. 128. 


Taf. IX. 




/ 







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Aus Finsens medicinske Lysinstitut. (Klinik für 
Hautkrankheiten.) 


Genauer bakteriologisch untersuchte Fülle toi 
Lupus Tulgaris, sowie klinischer 
und statistischer Beitrag zur Ätiologie des Lupus vulgaris. 

Von Aage L. Fönss (Kopenhagen). 

(Mit 1 Textabbildung und Taf. X.) 

Das Material, welches mir bei den vorliegenden Unter¬ 
suchungen zur Verfügung stand, besteht im ganzen aus 29 
Fällen tuberkulöser Hautkrankheiten, darunter 25 Fälle von 
Lupus vulgaris (hierbei ist ein Fall mitgerechnet, bei dem es 
zweifelhaft war, ob Lupus vulgaris oder Tuberculosis verru¬ 
cosa [Krankengeschichte 2] zu diagnostizieren war), ferner 
3 Fälle von Tuberculosis verrucosa und 1 Fall von Skro- 
fuloderma. 

Sämtliche Fälle sind aufs genaueste bakteriologisch 
untersucht, vom Laborator Andersen in der bakteriolo¬ 
gischen Abteilung des Yersuchslaboratoriums der „Land- 
bohöjskole“ (Landwirtschaftlichen Hochschule) [Prof. Bang], 
um zu entscheiden, ob hnmane oder bovine Infektion, ob 
in einigen Fällen eventuell Infektion mit Typus gallinaceus 
(dem Vogeltuberkelbazillus) vorläge. Betreffs aller näheren 
bakteriologischen Einzelheiten ist auf Andersens Arbeit 
zu verweison, die vor der vorliegenden Arbeit in dieser 
Zeitschrift veröffentlicht worden ist. 

Ursprünglich bestand die Absicht, besonders zu unter¬ 
suchen, ob gleichzeitige Impfungen mit humanem und bo¬ 
vinem Tuberkulin imstande seien, Fälle von humaner nnd 
boviner Infektion dadurch zu unterscheiden, daß die humanen 


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Go^ gle 


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UNIVERSITY OF MINNESOTA 



198 


Fönes. 


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Fälle natürlich am stärksten auf die Einimpfung mit 
humanem Tuberkulin, die bovinen Fälle am stärksten 
auf die bovine Tuberkulineinimpfung reagieren sollten. Nach 
den früher in „Finsens Lysinstitut“ vorgenommenen kli¬ 
nischen Untersuchungen (Aage L. Fönss: Gleichzeitige 
quantitativ ausgeführte Impfungen mit humanem und bo¬ 
vinem Tuberkulin usw., Hospitalstidende Nr. 12—13, 1914) 
hatte man nämlich. Grund zu vermuten, daß dies nicht aus¬ 
geschlossen sei, und wollte man diese flüchtige Vermutung 
als richtig erweisen, so war es notwendig, dazu nur Fälle 
zum Impfen zu benutzen, die genau bakteriologisch unter¬ 
sucht wurden. 

Leider zeigte es sich, wie mau später sehen wird, 
daß die gleichzeitigen Impfungen mit humanem und bo¬ 
vinem Tuberkulin ganz außerstande sind, jedenfalls betreffs 
der einzelnen Fälle, zu entscheiden, ob es sich um Infektion 
mit humanen oder bovinen Bazillen handelt. Wäre das 
Gegenteil der Fall gewesen, so würde es ja von großer 
praktischer Wichtigkeit gewesen sein. 

Aber selbst da, wo dieser Teil der hier vorliegenden 
Arbeit ein negatives Resultat hatte, hat das genaue Zu¬ 
sammenarbeiten, das zwischen dem Laboratorium (Land- 
bohöjskolen) und der Klinik (Finsens Lysinstitut) statt¬ 
fand, so viel Interessantes für das genauere Verständnis 
geboten, von welcher Bedeutung die humane, respektive 
bovine Infektion für die Klinik und Prognose der 
Hauttuberkulose ist, daß eine Veröffentlichung in einer 
etwas ausführlicheren Form hoffentlich nicht als unberech¬ 
tigt empfunden wird. 

Zuerst sei eine schematische Übersicht (Tabelle I) 
über sämtliche Fälle mit ihren besonderen Eigentümlich¬ 
keiten gegeben; alsdann werden einige allgemeine Bemer¬ 
kungen angeführt, die besonders die Resultate betreffen, 
welche gleichzeitige Impfungen mit humanem und bovinem 
Tuberkulin und schließlich werden in einem speziellen 
Abschnitt der Lupus vulgaris, die Tuberculosis verrucosa- 
Fälle und der einzelne Fall von Skrofuloderma, alle für 
sich gesondert, behandelt. 


Go^ 'gle 


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Über Lupus vulgaris etc. 


199 


Wie ersichtlich, sind die Erklärungen der Tabelle 
sehr kurzgefaßt, da betreffs aller weiteren Einzelheiten 
auf die nachstehenden Krankengeschichten zu verwei¬ 
sen ist. 

Die Fälle sind gruppenweise nach den Resultaten der 
bakteriologischen Untersuchung angeordnet. 

Hinsichtlich des Verständnisses der Bezeichnungen 
der Tabelle sei angeführt, daß die Nummern den in An¬ 
dersens vorausgegangener Arbeit angewandten Nummern 
entsprechen j dieselben Nummern kommen in den später 
angeführten Krankengeschichten zur Anwendung. Unter 
„der Ansteckung durch Menschen oder Vieh ausgesetzt“ 
ist das Zusammenleben mit tuberkulösen Menschen zu 
verstehen, eventuell Melken oder Viehhüten zu der Zeit, 
wo die Krankheit als entstanden angegeben wird; unter 
„tuberkulöser Disposition“ ist die Tuberkulose unter den 
nächsten Verwandten (Eltern, Geschwistern) zu der Zeit 
zu verstehen, die vor dem Entstehen der Krankheit liegt. 

Unter „Dauer der Krankheit“ ist die Dauer des Haut- 
leidens zu verstehen, daneben ist die angegebene Dauer 
eventueller anderer tuberkulöser Lokalisationen, wenn 
möglich, angeführt; für Lungenleiden war dies jedoch 
durchwegs unmöglich, da sie in der Regel erst bei der 
Untersuchung im „Lysinstitut“ konstatiert worden sind. 
Man wird daher begreifen, daß alle hier angeführten 
Fälle von Lungenleiden jedenfalls vorläufig von gutarti¬ 
gem Charakter waren- 

Unter „primär“ ist die Inokulations- oder hämatogene 
(lymphogene ?) Tuberkulose, unter „sekundär“ die Konti¬ 
nuitätstuberkulose zu verstehen. Unter „weniger ausgedehnt“ 
sind die ca. „kinderhandgroßen“, in der Regel oberfläch¬ 
liche n, monoregionären Affektionen und einzelne kleinere 
Affektionen zu verstehen, selbst wenn sie polyregionär 
ausgedehnt sind. Die Rubrik „mehr ausgedehnte Fälle“ 
wird demnach alle übrigen, bis zu den allerschwersten, 
Fälle enthalten, so z. B. den in Krankengeschichte 4 an¬ 
geführten. 


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Orig mal from 

UNIVERSITY OF MINNESOTA 



200 


Fönes. 


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Tabelle 



Diagnose 

Bakteriol. 

Typus 

Impfungs¬ 

resultat 

Dar 

Ansteckung 

durch 

Menschen 

Der 

Ansteckung 

durch 

Vieh 

Lokalls. auf 
Haut oder 
Schleim¬ 
haut 

e* 

Ä 

» 




ausgase tat 

ausgesetat 

i 

6 

Lup. Yulg. 

T. human 

human 

j» 

ja 

Haut 

25 J. 

8 

ft 

n 


nein 

nein 

ft 

1 . 

12 

» 

» 

ft 

Tb. Disp. 

ja 

Schleim- 

haut(2Jahre) 

15 M. 

19 

i) 

* 

bovin 

möglicher*. 
Tb. Dis. 

ff 

Schleimhaut 
(10 Jahre) 

6—7 J. 

25 

n 

h 

r 

ja 

nein 

Haut 

2V, J. 

27 

w 

ff 

n 

nein 

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20 J. 

29 

n 

m 

n 

* 

ja 

ff 

8 » 

O 

L. vulg. 



ja 



K 

2 

Tub. verr. 

n 

w 


ff 

n e 

15 

Tub. verr. 

w 

human 

nein 

nein 

ff 

10 M. 

22 

Skrofuloderms 

* 

bovin 

ja 

ja 

ff 

2 J. 

5 

Lnp. vulg. 

human mit 
herabg. Vir. 

ff 

nein 

ff 

•* 

8 » 

9 

» 


human 

ff 

fl 

Haut 

2 , 

10 


» 

w 


ff 

fl 

84 , 

18 

♦» 

n 

unsicheres 

Resultat 

ja 

nein 

ff 

21 » 

20 

n 

» 

bovin 

nein 

ja 

ff 

28 , 

23 

h 

n 

human - 
bovin 

Tub. Disp 

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ff 

28 „ 

24 

n 

n 

n 

ja (?) 

nein 

Haut 

2 . 

26 

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n 

bovin 

Tab. Disp. 

ja 

Schleimhaut 
(4 Jahre) 

Vs. 

13 

Tub. verr. 

n 

ff 

nein 

nein 

Haut 

6V, . 

4 

Lup. vulg. 

Atypisch 

human 

human 

fl 

ja 

Haut 

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11 

i 

n 


ff 

* 

ff 

Haut (?) 

22 . 

17 

» 

fi 

» 

ja (?) 


Haut 

8 , 

14 

Tub. verr. 

ff 

bovin 

nein 

nein 

Haut 

4: 

1 

Lup. vulg. 

T. bovin 

ff 

»• 

n 

Haut 

7 

n 

ff 

human 

Tub. Famil. 

ja 

ff 

7 . 

21 

n 

ff 

human bov. 

nein 

ff 

a 

15 , 

16 

Tt 

atypisch 

human 

ff 

nein 

Haut 

mehrere 

Jahr« 

3 

n 

unsichere« 

Resultat 

ff 

n 

ja 

Haut 

11 J. 

28 


» 

hum&n-bov. 

i» 

n 

Haut 

46 . 


Anmerkungen: *) Knochentbe. (1 Jahr bestehend), Drüseneiter, 
(seit 15 Jahren). — *) Versäumte seine Behandlung. — 8 ) Die Patientin 
war sowohl humaner als auch boviner Ansteckung ca. 1 Jahr ausgesetzt 
bevor die Affektion bemerkt wurde, als die Krankheit dagegen bemerkt 
wurde, nicht. Näherin. — 4 ) Die Krankheit entstand nach einer Läsion. 
Korkschneider. — 6 ) Sehr langwierige Behandlung — Ä ) Die Mutter starb 
vor 27 V* Jahren an Lungentuberkulose. — 7 ) Der Mann natte vor 9 Jahren 
Lungentuberkulose, soll 7 Jahre hindurch gesund gewesen sein. — 8 ) Die 


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Über Lupus vulgaris etc. 


201 


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I. 



Haut 

Schleimt. 




Primär 

oder sekundär 

U 5 
1*8 
s t 

mehr 

ausgedehnt 

Mono- 

regionär 

Poly¬ 

regionär 

Chirurgische 

Tuberkulose 

Lungen¬ 

tuber¬ 

kulose 

Beein¬ 
flussung der 
Behandlung 

Primär 

ja 


ne 

in 

nein 

Benign. 

Besserung 


ja 





nein 

Heilung 

Von der 

. 

ja 


ja,Knochentbc.vor23 

(Exzision) 

-*) 

Schleimhaut 

• 

ja 

• 

Jahren 

n 





ja 

ja,Knochentbc.yor20 


Besserung 

»» 

. 

ja 

. 

Jahren 

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wahrscheinlich 




Dr Ilse nach well an- 


Geheilt 

sekundär 

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ja 

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primär 

ja 



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nein 

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Geheilt(Exz.) 

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ja 


n 

ja,Knochentbc.vorl2 

Jahren 

rt 

Besserung 

primär 

ja 

. 


n 

nein 

rt 

Geh. (Ex*.)») 

rt 

ja 



rt 

rt 

rt 

Besserung 4 ) 

sekundär 


ja 


rt 

ja (Drüsen) 

rt 

n 

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. 

ja 




rt 

Geheilt 

n 

. 

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Besserung 

«* 

. 

ja 

ja 


rt 

rt 

rt 

V 

. 

ja 

ja 


rt 

rt 

Geheilt 5 ) 

wahrscheinlich 


. 


. 

„als Kind“ 


recht 

sekundär 

• 

ja 

nein 

Drüsen 

rt 

unbeeinflußt 

primär 

ja 

. 


rt 

Knochentbc. 
vor 27 Jahren 

rt 

Besserung 6 ) 

wahrscheinlich 

sekundär 

ja 

• 


<t 

ja (Drüsen) 

rt 

, 7 ) 

Von der Schleim- ; 
haut 1 

. 

ja 

ja 

. 

nein 

Benign. 

1» 

primär 

ja 

. 

n< 

jin 

rt 

nein 

Geh. (Exz.) 8 ) 

? 


ja 


j» 

rt 

Benign. 

Unbeeinfl. 9 ) 




„als Kind 4 Drüsen- 


Geheilt 

? 


ja 

ja 

. 

schwellnug 

nein 

? 


ja 

nein 

Drüs. „als Kind« 

rt 

io\ 
n ) 

primär 

ja 



rt 

nein 

rt 

— M ) 

primär? 

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ja 

ja 

• 

"ja 

ja 

rt 

[siehe fcote *)] 

rt 

Benign. 

Besserung 11 ) 

Geheilt 18 ) 

sekundär 

ja 

nein 

rt 

Besserung 

primär 

ja 

• 


n 

nein 

nein 

rt 

rt 


ja 


ja 

rt 

Benign. 

_U) 

wahrscheinlich 

sekundär 

• 

i. 

n< 

sin 

Drüsenschwellung, 
Knochentbc.- Leiden 
Tor 46 Jahren 

nein 

Besserung 


Krankheit entstand nach einer Läsion. Schneider. — 9 ) Der bösartigste 
aller Fälle, kompliziert mit Epitheliom. — ,0 ) Die Mntter hatte Tb. pulm., 
8oll aberd Jahre lang symptomfrei gewesen sein. — ll ) Versäumte seine 
Behandlung. Die Krankheit entstand nach einer Läsion. Kontorist. — 
1Ä ) Schwerer ulzeröser Fall, sowohl auf Haut als auch Schleimhaut. — 
lf ) Der Vater und eine Schwester litten 5 Jahre bzw. 1 Jahr an Lungen¬ 
tuberkulose. — 14 ) Recht ausgedehnter, aber oberflächlicher Fall, ver¬ 
säumte seine Behandlung. 


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202 


Fönes. 


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Es ist jedoch zu bemerken, daß, wenn die Affektion 
tief infiltriert und ulzeriert ist, auch Affektionen, die etwas 
kleiner als eine „Kinderhand“ sind, zu den „mehr ausge¬ 
dehnten“ Fällen gerechnet werden, so z. B. Krankengeschichte 
5, wo die Affektion, die ihren Sitz auf der r. Wange hatte 
und von einem Drüsenleiden ausgegangen war, etwas kleiner 
war als die angeführte Grenzgröße, jedoch tief infiltriert und 
etwas ulzeriert Ebenso Krankengeschichte 12, wo sich eine 
ulzerative Affektion der ganzen weichen Nase und einer 
zweimarkstückgroßen Partie der rechten Wange fand, so¬ 
wie endlich Krankengeschichte 26, wo eine ähnliche Affek¬ 
tion der Nase und des linken inneren Augenwinkels bestand. 

I. Allgemeine Bemerkungen. 1 ) 

a) Können gleichzeitige Impfungen mit humanem und bovinem 
Tuberkulin die Fälle kennzeichnen, in denen die Infektion 
durch Bazillen von humanem oder bovinem Typus 
bedingt ist? 

Gleichzeitige Impfungen mit humanem und bovinem 
Tuberkulin, eventuell mit Filtraten von humanen und bo¬ 
vinen Kulturen, haben zu recht verschiedenen Resultaten 
geführt. Da indessen, so viel ich sehen kann, nur in einem 
Fall (Heuser) [dieser Fall wird eingehend in dem Abschnitt 
über Tuberculosis verrucosa behandelt] bakteriologisch 
untersuchte Fälle geimpft wurden, so sollen diese 
Untersuchungen nur summarisch angeführt werden. 

Daß die Resultate verschieden waren, hat nun an und 
für sich nicht gerade zu bedeuten, daß dieser Weg zur 
Differentialdiagnose zwischen humaner und boviner Tuber¬ 
kuloseinfektion nicht gangbar ist, denn so verschieden die 
Namen der Verfasser sind, so verschieden sind auch ihre 
Methoden. Es sind Kulturfiltrate angewandt worden von 
Detre, Heim und John u. a., ferner Alttuberkulin von 
Schröder, Hjalmar Petersen u. a. und schließlich 
in derselhen Versuchsreihe (B u c h) Alttuberkulin, Bovo- 

*) In den „allgemeinen Bemerkungen“ werden sämtliche Fälle 
berücksichtigt. 


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203 


^ Über Lupus vulgaris etc. 

tuberkulol (Merck) und Perlsuchtvakuum - Tuberkulin 
(Höchst) benutzt. 

Das Tuberkulin wird bald nur in einer Konzentration, 
bald in mehreren angewendet, bald wird es durch Bohren, 
bald durch Ritzen, bald durch intrakutane Einspritzung 
appliziert. / 

Für die Kulturfiltrate scheint das Hauptresultat 
gewesen zu sein, daß die chirurgische Tuberkulose meist 
am stärksten auf bovines Filtrat, während die Lungen¬ 
tuberkulose in den weitaus überwiegenden Fällen am stärk¬ 
sten auf humanes Filtrat reagiert. 

Impfungen und Einspritzungen mit humanem und 
bovinem Tuberkulin haben dagegen durchwegs keine 
Anhaltspunkte ergeben, die zur Unterscheidung der Fälle 
von humaner bzw. boviner Tuberkuloseinfektion brauch¬ 
bar wären. 

Nach Roemer verhalten sich die verschiedenen 
Tuberkulinsorten qualitativ gleich, sie wirken stärker als 
die Kulturfiltrate. 

Wie Ellermann und Erlandsen zeigten, sind die 
verschiedenen Tuberkulinsorten von verschiedener Stärke, 
woraus hervorgeht, daß man in derselben Untersuchungs¬ 
reihe das gleiche Tuberkulin anwenden sollte und dieses 
Tuberkulin sollte man womöglich standardisieren. 

Hat man indessen keine Gelegenheit hiezu, so kann 
man sich, wie es in der oben angeführten Arbeit in der 
Hospitalstidende Nr. 13—14/1914 erwähnt ist, ein Urteil 
darüber bilden, wie stark das Tuberkulin ist, indem man 
die Menge Bazillen, die in jeder Kolbenbouillon gewachsen 
ist, wiegt. Da die bovinen Bazillen in Glyzerinbouillon 
weit schwächer wachsen als die humanen, so kommt es 
besonders darauf an, auf diese Fehlerquelle bei der Schätzung 
sämtlicher Impfungsresultate mit humanem und bovinem 
Tuberkulin zu achten. Selbst wenn aber diese Fehlerquelle 
sich einigermaßen abgrenzen läßt, so entstehen keineswegs 
selten Schwierigkeiten, wenn man das Impfungsresultat an 
sich schätzen soll, Schwierigkeiten, die nicht selten so groß 
sind, daß man entweder gar kein Resultat erzielt, oder, 


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UNIVERSITY OF MINNESOTA 



204 


F 6 n 3 s. 


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was häufiger ist, daß man in hohem Grade unsicher der 
Frage gegenfibersteht, ob das Resultat, welches die Impfung 
ergab, wirklich richtig sein kann, eventuell ist man sogar 
davon Gberzeugt, daß das Resultat falsch sein muß und 
zwar besonders oft dann, wenn man sich in der günstigen 
Lage befindet, Fälle impfen zu können, die bakteriologisch 
untersucht wurden. 

Es wird natürlich vorausgesetzt, daß mau genügend 
Übung hat, ganz gleichmäßig impfen zu können, was in¬ 
dessen nicht immer so ganz leicht ist; ich selbst habe immer 
die Ritzmethode angewandt. Es bleiben trotzdem Schwierig¬ 
keiten genug übrig. 

1. Es kann im Kontrollriß eine deutliche „traumatische 
Reaktion“ entstehen, so daß es unmöglich sein kann zu 
entscheiden, ob eine weniger ausgesprochene Reaktion im 
Tuberkulinriß nicht auch traumatisch ist: ebenso ist es 
auch denkbar, daß eine Reaktion im Tuberkulinriß ganz 
oder überwiegend traumatisch ist, auch wenn sich keine 
Reaktion im Eontrollrisse findet. 

2. Impft man mit verschiedenen Tuberkulinkonzentra¬ 
tionen, so kann man nach den schwächeren Tuberkulin¬ 
konzentrationen breitere Papeln entstehen sehen als nach 
den stärkeren; man hat es nämlich nicht in der Hand, 
wieviel Tuberkulin nach jeder Impfung resorbiert wird. 

3. Es kann eine so starke Röte nm die Papeln herum 
auftreten, daß die Reaktion entweder sehr schwer oder 
gar nicht abzuschätzen ist. 

4. Einige Papeln wachsen besonders in die Breite, 
andere besonders in die Höhe, die Messung — man mißt 
mit Sicherheit ja nur die Breite — kann auch aus diesem 
Grunde unzuverlässige Resultate geben. 

5. Wie Meirowsky und Zieler habe auch ich 
beobachtet, daß die Impfung mit humanem Tuberkulin am 
2. Tag, die Impfung mit bovinem Tnberkulin am 3. Tag 
am stärksten ist, was, wie man sich vorstellen kann, von 
der verschiedenen Resorptionsschnelligkeit oder von even¬ 
tuell hinzukommender Infektion herrühren kann. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


205 


Die Fehlerquellen sind denn auch zahlreich und wichtig 
und daher liegt nichts Merkwflrdiges darin, daß das Re¬ 
sultat einer kleinen Gruppe von Fällen so paradox werden 
kann, wie es hier der Fall ist. Wäre es möglich z. B. mit 
lOmal soviel bakteriologisch untersuchten Fällen zu arbeiten, 
wie es hier geschehen ist, so glaube ich, daß die Resultate 
besser werden wfirden, jedoch nur fQr größere Grup¬ 
pen von Fällen genommen; fQr einzelne Fälle oder fQr 
kleine Gruppen ist die Methode unbrauchbar, hier spielen 
die zahlreichen Fehlerquellen viel zu stark mit. 

Daß Lupus vulgaris und andere tuberkulöse Haut¬ 
krankheiten im Ganzen eine sehr kräftige Reaktion auf 
Tuberkulineinimpfung geben, wurde sofort nach der Ein¬ 
führung der Pirquet sehen Reaktion (zuerst durch 
Pfaundler) 1 ) bekannt. 

Was die gleichzeitigen Impfungen mit humanem 
und bovinem Tuberkulin bei tuberkulöser Hautkrankheit 
betrifft, so haben auch sie den verschiedenen Untersuchern 
verschiedene Resultate ergeben. 

Cranstow Low glaubt Fälle von humaner und 
boviner Hauttuberkulose nach der Art voneinander unter¬ 
scheiden zu können, in der sie reagieren, nnd Giuffo ist 
ebenfalls ein Anhänger dieser Methode, meint z. B. 
besonders, daß Lupus verrucosus von boviner Infektion 
und Lupus vulgaris von humaner Infektion herrQhre, da 
der erstere allein oder besonders stark auf bovines Tuber¬ 
kulin, Lupus vulgaris dagegen am deutlichsten auf humanes 
Tuberkulin reagiere. 

Andere, so z. B. Meirowsky, halten diese Methode 
fQr unbrauchbar um festzustellen, ob das betreffende tuber¬ 
kulöse Hautleiden von einer Infektion mit humanen oder 
bovinen Bazillen herrührt. 


*) Nur Verfasser, auf deren Arbeiten ich genauer eingehe, sind hier 
mit Stellenangabe zitiert. Vor Allem bei Zieler: Hauttuberkulose und 
Tuberkulide, >9 14 (Literaturverzeichnis), aber auch bei Lewandowsky: 
Die Tuberkulose der Haut, 1916, und in Seiferts Arbeit über Haut¬ 
tuberkulose im Handbuch der Tuberkulose von Brauer, Schröder 
und Blumenfeld, IV, I, 1915, wird jeder Literatursuohende ausführ¬ 
liche Anleitung finden. 


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206 


Fonss. 


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Um mit der größtmöglichsten Sicherheit, die sich 
erzielen läßt, entscheiden zu können, ob die gleichzeitigen 
Impfungen mit humanem und bovinem Tuberkulin wirk¬ 
lich imstande sind, Fälle von humaner oder boviner Tu- 
berkuloseinfektion zu unterscheiden, ist es, wie früher 
erwähnt, notwendig diese Impfungen an Fällen vorzu¬ 
nehmen, die einer genauen bakteriologischen Untersuchung 
unterzogen werden; eine derartige Untersuchung ist sowohl 
langwierig als auch kostspielig und, wenn es hier durch 
das Wohlwollen der bakteriologischen Abteilung des Ver- 
suchslaboratoriums der landwirtschaftlichen Hochschule, 
deren Leiter Herrn Prof. B. Bang wir zu großem Danke 
verpflichtet sind, ermöglicht worden ist, eine Gruppe von 
29 Fällen vorzulegen, so ist dies als eine ganz besonders 
ansehnliche Reihe zu betrachten. 

Herr Laborator Andersen, der so freundlich war, 
das benutzte Tuberkulin herzustellen, teilt mit, daß 40 g 
konz. humanes Tuberkulin mit einer Bazillenmenge vom 
Gewicht 4’65 g und 35 g konz. bovines Tuberkulin mit 
einer Bazillenmenge vom Gewicht 318 g hergestellt wurden. 
Es war also wie gewöhnlich eine weit geringere Bazillen¬ 
menge in dem mit Viehtuberkelbazillen als in dem mit 
humanen Bazillen besäten Kolben. 

Die Fälle sind mit einer 32%igen Lösung 1 ) sowohl 
humanen als auch bovinen Tuberkulins geimpft und es ist 
die Ritzmethode zur Anwendung gekommen. 

Im Schema II wird eine summarische Übersicht über 
die Resultate der bakteriologischen Untersuchung gegeben, 
die mit den Resultaten verglichen werden, die die Impfun¬ 
gen gegeben haben. Wir verfügen hierzu nur über 25 Fälle, 
da 3 Fälle wegen unsicheren und atypischen Resultats der 
bakteriologischen Untersuchung und einer wegen unsicheren 
Resultats der Impfung (der Verband hatte sich verschoben, 
so daß das Heftpflaster eine starke Irritation der Impfungs¬ 
stellen hervorgerufen hatte) ausscheiden. 

*) Die Breite der Papeln ist nach Millimetern gemessen. 


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Über Lapns vulgaris ete. 


207 


Tabelle II. 


Nr. 

Bakteriologischer Typus 

Papelmessung 

6 

Typisch human 

human 

8 


n 

12 

» 

fl 

19 


bovin 

26 

fl 

7» 

27 

fl 

n 

29 

n 

n 

2 

v 

n 

15 


human 

22 


bovin 

K 

Humaner Typus mit herab- 


U 

gesetzter Virulenz 


9 

» 

human 

10 

n 

n 

18 

n 

unsicheres Resultat 

20 

r> 

bovin 

23 

ti 

human-bovin 

24 

ft 

» 

26 

fl 

bovin 

13 

Yl 

n 

4 

Atypisch human 

human 

11 

n 

n 

17 

r* 

fi 

14 

D 

bovin 

1 

Typisch bovin 

n 

7 

n 

human 

21 

fl 

human-bovin 

16 

Atypisch 

human 

8 

Unsicheres Resultat 

n 

28 

n 

human-bovin 


22 dieser Fälle zeigen bakteriologisch einen humanen 
Typus; von diesen gaben nicht weniger als 11 die stärkste 
Reaktion auf bovines Tuberkulin, für 2 waren beide Re¬ 
aktionen ungefähr gleich stark und nur 9 reagierten am 
stärksten human. 

Yon den drei bovinen Fällen reagierte einer human, 
einer reagierte einigermaßen gleich stark auf humanes und 
bovines Tuberkulin, und nur einer reagierte bovin. 

Es hat keinen Zweck, die Fälle genauer nach ihren 
näheren bakteriologischen Verhältnissen zu analysieren, 


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208 


Fonts. 


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am etwa dadurch eine Erklärung zu finden; die Verhält¬ 
nisse bleiben trotzdem unverändert irregulär. 

Von typisch humanen Fällen haben wir 10, von 
diesen reagierten 6 bovin, 4 human. 8 Fälle zeigen humanen 
Typus mit herabgesetzter Virulenz, von diesen 
reagierten 4 bovin, fär zwei war die Reaktion ungefähr 
gleich stark fOr humanes und bovines Tuberkulin, und nur 
zwei reagierten human. 

Von vier atypisch humanen Stämmen 
reagierten drei human, einer bovin. 

Von den drei typisch bovinen Fällen reagierte 
der erste human, der zweite bovin, der dritte zeigte ge¬ 
wissermaßen gleich starke Reaktionen fär humanes und 
bovines Tuberkulin. 

Die sämtlichen kutanen Impfungen mit 
humanem und bovinem Tuberkulin sind nach 
dem hier vorliegenden Ergebnis — allerdings 
handelt es sich um recht wenig Fälle — völlig 
außer Stande, bei Hauttuberkulose eine Infek¬ 
tion mit Bazillen von bakteriologisch huma¬ 
nem oder bovinem Charakter zu kennzeichnen. 

.Wie ich oben anfährte, glaube ich nun trotzdem nicht, 
daß es gerechtfertigt ist, die Methode mit gleichzeitigen 
kutanen Impfungen mit humanem und bovinem Tuberkulin 
ganz zu verwerfen. Einzelnen Fällen und kleinen Gruppen 
gegenüber können alle Fehlerquellen die bestehen, sich 
derartig geltend machen, daß die Resultate völlig unzu¬ 
reichend werden; bei größeren Gruppen glaube ich in 
meiner früher angeführten Arbeit gezeigt zu haben, daß 
die Verhältnisse bedeutend mehr zu Gunsten der Methode 
ausfallen. Ferner ist es möglicherweise ein Fehler, daß ich 
die Ritzmethode an wandte; es scheint nicht unwahrschein¬ 
lich zu sein, daß die intrakutane Tuberkulinapplikation 
(Mantoux) zu einem zuverlässigeren Resultat geführt 
hätte. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


209 


b) Entwickeln sich Bazillen mit herabgesetzter Virulenz, 
besonders bei älteren Fällen? 

Daß die menschliche Hant nur in sehr geringem Grade 
geneigt ist, von Tuberkulose ergriffen zn werden, ist eine 
wohlbekannte Tatsache. 

Die Hauttuberkulose ist im Vergleich zn den meisten 
anderen Tuberkuloselokalisationen, so z. B. Lungen- und 
Drüsentuberkulose, eine seltene Krankheit. Die Hauttuber¬ 
kulose aber ist zugleich, wenn sie als Lupns auftritt, oft 
eine außerordentlich gutartige Krankheit, die Dezennien 
bestehen kann, ohne sich nennenswert auszubreiten; so 
z. B. in dem hier vorliegenden Material, Krankengeschichte 
6, 23 und 27, in denen die Krankheit äußerst wenig 
ausgedehnt und völlig gutartig ist, trotz einer Dauer 
von 25, 23 und 20 Jahren. 

Experimentelle Untersuchungen haben auch gezeigt, 
daß Tuberkelbazillen sehr häufig bei Tieren die unbeschä¬ 
digte Haut passieren, ohne nachweisbare Veränderungen 
in dieser hervorzurufen. Dagegen ergeben sie Drüsen- und 
Viszeraltuberkulose. Übereinstimmende Untersuchungen von 
Babes (1907) mit Meerschweinchen, Courmont und 
A n d r 6 (1907) mit Meerschweinchen und Kaninchen, 
Courmont und L e s i e u r (1907) mit Meerschweinchen, 
Kaninchen und Kälbern, C. Fraenkel (1907) mit Meer¬ 
schweinchen und Koenigsfeld (1911) mit Meerschwein¬ 
chen haben diese Verhältnisse als vollkommen feststehend 
erwiesen. 1 ) 

Ob Tuberkelbazillen sich in ähnlicher Weise der 
menschlichen Haut gegenüber, und zwar vor allem der 
Kinderhaut gegenüber, verhalten können, ist unmöglich zu 
entscheiden; aber die Möglichkeit für diese Form der In¬ 
fektion kann man doch wohl nicht mit Sicherheit ganz 
ansschließen. Natürlich hat Lewandowsky im allge¬ 
meinen Recht, wenn er darauf aufmerksam macht, daß sich 
die Art und Weise, in der die Versuchstiere durch ener- 

*) Die Literatur findet sich bei Koenigsfeld, ZentralbL t Bakt. 
LX. Bd., 1911 (p. 28 n. folg.). 

Areh. U Dermat. n. Sypb. Bd. 128. 24 


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210 


Föns». 


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gisches Einreiben der Tnberkelbazillen in die Haut infiziert 
werden, nicht mit den Verhältnissen gleichstellen läßt, 
unter denen Kinder der Infektion ausgesetzt sind. Aber 
trotzdem glaube ich, daß sich Verhältnisse finden lassen 
müssen, in denen die Infektion auch bei Kindern durch 
unbeschädigte Haut möglich sein muß. So kann man sich 
z. B. denken, daß ein Kind mit dem mit Auswurf behafteten 
Sand des Spucknapfes eines Phthisikers spielt. 

Da anzunehmen ist, daß die menschliche Haut im 
allgemeinen dem Tuberkelbazillus, ob er nun humanen oder 
bovinen bakteriologischen Charakter hat, mäßige Lebens- 1 
bedingungen bietet, so wird man im Voraus erwarten, daß 
sich viele Bazillenstämme von herabgesetzter Virulenz aus 
der Haut züchten lassen werden und daß dies um so aus¬ 
gesprochener der Fall sein wird, je länger die Krankheit 
bestand. 

Sowohl die englische Tuberkulosekommis¬ 
sion, die Kaninchen, Kälber, Affen (und Meerschweinchen) 
neben einer Reihe von anderen Versuchstieren verwandte, 
als auch Andersen, der Kaninchen benutzte, außerdem 
eine Reihe Kälber (sowie Meerschweinchen), haben denn 
auch zahlreiche Stämme mit herabgesetzter Virulenz er¬ 
halten, während Rothe und Bierotte, die nur Kanin¬ 
chen (und Meerschweinchen) verwandten, nicht glauben, 
daß es sich um Bazillen von herabgesetzter Virulenz handelt, 
sondern nur, daß ihre Anzahl geringer ist; diesen schließt sich 
Lewandowsky an. Hier gehe ich, in Übereinstimmung 
mit der englischen Tuberkulosekommission und 
Andersen, die über die meisten und die mit bestem 
Tiermaterial untersuchten Fälle verfügen, von der herab¬ 
gesetzten Virulenz als einer Tatsache aus, ohne daß ich 
als Nichtbakteriologe näher darauf eingehen möchte. 

Daß sich sowohl Bazillen. von bovinem Typus, als 
auch — was wohl natürlich erscheinen muß — Bazillen 
von humanem Typus lange Jahre vollvirulent in der Haut 
halten können, ist ein wohlbekanntes Phänomen, auf das 
ich nicht weiter eingehen werde. Dagegen scheint es von 
Interesse zu sein, darauf aufmerksam zu machen, daß 


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Über Lupus vulgaris etc. 


211 


Stanley-Griffith (die englische Tuberkulosekommission) 
an drei Lupuspatienten wiederholte Exzisionen in Zwischen¬ 
räumen von S’/a» l 8 / 4 und */a Jahre vorgenommen hat und 
im ersten Falle (Journal Nr. H. 53), der einen bovinen 
Charakter hatte, sogar für Kälber eine Steigerung der Viru¬ 
lenz fand, im zweiten Falle, der vom humanen Typus war 
(Journal H. 71), sind die Verhältnisse für Kaninchen und 
Meerschweinchen unverändert. Der dritte Fall (H. 11.0) war 
bei beiden Exzisionen typisch bovin. 

Da wir hier ungefähr dieselbe Anzahl Fälle von 
typisch humanen Bazillen und humanen Bazillen mit herab¬ 
gesetzter Virulenz, nämlich 10 und 9 haben, so ist es von 
Interesse, diese beiden Gruppen recht genau zu vergleichen, 
um zu sehen, ob nicht, 1 je älter die Krankheit ist, |dasto 
wahrscheinlicher im Großen und Ganzen Bazillentypen von 
herabgesetzter Virulenz angetroffen werden. 

Wir haben zehn Fälle, die durch typische humane 
Bazillen hervorgerufen sind; die Durchschnittsdauer der 
Fälle ist 7 3 Jahre, für die beiden ältesten 25 und 20 Jahre. 
Die Bazillen haben sich also in einer besonders ansehn¬ 
lichen Reihe von Jahren voll virulent erhalten, die übrigen 
sind alle unter 8 Jahren, der jüngste Fall 10 Monate alt. 

Dann haben wir neun Fälle, die durch humane Ba¬ 
zillen mit herabgesetzter Virulenz verursacht sind; die 
Durchschnittsdauer der Fälle ist 13*2 Jahre. An Fällen 
von über 20 Jahren Dauer haben wir vier, einen von 34, 
einen von 28, einen von 23 und einen von 21 Jahren. Die 
übrigen bleiben alle unter 5 */« Jahren, der jüngste Fall ist 
7a Jahr alt. 

Wenn auch aus den Zahlen ganz deutlich hervor¬ 
geht, daß sich auch ganz frische Lupusfälle von Bazillen 
mit herabgesetzter Virulenz erzeugen lassen, so sprechen 
sie doch wohl am meisten dafür, daß es nicht ausgeschlossen 
ist, daß der lange Aufenthalt in der Haut für humane 
Bazillen die Virulenz abschwäcben kann. Daß dies Ver¬ 
hältnis jedoch keineswegs dafe einzige ist, das Bedeutung 
hat, ist unmittelbar einleuchtend und selbstverständlich 
sind die Zahlen so klein, daß sie sich nur mit großer Vör- 

14* 


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212 


Fönss. 


sicht benutzen lassen. Weiters kommt hinzu, daß sich so¬ 
wohl ganz kurze, als auch einige von einer besonders an¬ 
sehnlichen Reihe von Jahren in beiden Gruppen finden. 
An Fällen, die durch typische bovine Bazillen erzeugt sind, 

Tabelle III. 



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Über Lupus Tulgaris ete. 


213 


finden sich 3 von 2-, 7- und löjähriger Dauer — der 
7jährige ist interessant, weil er ganz besonders viehviru- 
lent ist. 

Es ist übrigens schon lange bekannt, daß sich bei 
Schlächtern, die ohne Zweifel bovin infiziert waren, Bazillen 
von herabgesetzter Virulenz tierischer Herkunft fanden 
(zuerst Kleine 1906). 

Wenn man jedoch im voraus glauben wollte, daß die 
Bazillen im tief infiltrierten Kontiguitätslupus (sekundärer 
Lupus) bessere Möglichkeiten hätten, ihre Virulenz zu be¬ 
wahren als die Bazillen, die mehr oberflächlich liegen 
(„primärer“ Lupus), so genügt ein Blick auf das Schema', 
um zu zeigen, daß dies nicht den Tatsachen entspricht. 
Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Von 10 sicher »pri¬ 
mären“ Fällen sind 5 typisch human, 2 human mit herab¬ 
gesetzter Virulenz, sowie 1 atypisch humaner, 1 atypischer 
und 1 unsicherer Fall. Unter 6 sicher „sekundären“ Fällen 
finden sich zwei typische, ein humaner und ein boviner, 
sowie vier Fälle von humanem Typus mit herabgesetzter 
Virulenz. 

c) Gibt eine gleichzeitige Infektionsmffglichkeit durch 
Menschen und Vieh 

mehr humane oder bovine Tuberkulose? 

Wie man sieht, ist in der Tabelle (III), dort wo es 
sich ermitteln ließ, angegeben, ob die betreffenden Patienten 
der Ansteckung durch Menschen oder Vieh ausgesetzt 
waren; diese Erläuterungen werden mit den Resultaten 
verglichen, die die bakteriologische Untersuchung ergeben 
hat. Um nicht die im voraus kleinen Zahlen zu rein mini¬ 
malen Gruppen zu zerstückeln, sind hier die Patienten, 
welche tuberkulös veranlagt sind, mit denjenigen zusammen¬ 
gefaßt, die mit tuberkulösen Menschen zusammengelebt 
haben; unter „boviner Ansteckung ausgesetzt“ ist nur 
Melken oder Viehhüten zu verstehen, ohne daß man etwas 
darüber weiß, ob die betreffenden Kühe oder Kälber Tuber¬ 
kulose hatten. 


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214 


Fonss. 


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7 FäUe fallen aus, da sie negative Anskttnfte über 
die Ansteckungsmöglichkeiten sowohl durch Menschen als 
auch durch Vieh enthalten. Es sei jedoch angeführt, daß 
sich unter diesen drei von typisch humanem Typus finden, 
einer von humanem Typus, aber mit herabgesetzter Viru¬ 
lenz, ein atypisch humaner, einer von typisch bovinem 
Charakter und 1 atypischer Fall. Also eine recht gleich¬ 
mäßige Verteilung in fast sämtlichen Gruppen, jedoch 
derart, daß der humane Typus notwendigerweise am 
stärksten vertreten ist, da sich sowohl in dieser als auch 
in anderen Untersuchungsreihen weit mehr humane als 
bovine Fälle finden. 

In sieben Fällen finden sich Angaben darüber, daß 
der betreffende Patient einer Ansteckung sowohl durch 
Menschen als auch durch Vieh ausgesetzt war. Von diesen 
fanden sich typisch humane Stämme bei dreien, humane 
Stämme mit herabgesetzter Virulenz bei zweien, bei einem 
— einem atypisch humanen Stamme — (Krankengeschichte 
Nr. 17) ist die Auskunft über ein Zusammenleben mit 
tuberkulösen Menschen doch vielleicht etwas unsicher, und 
nur bei einem ein typisch boviner Stamm. 

Die Zahlen sprechen also vielleicht am meisten dafür, 
daß Menschen leichter durch humane als durch bovine 
Bazillen angesteckt werden, haben aber den großen Nach¬ 
teil, daß man in den einzelnen Fällen nicht weiß, ob das 
Vieh tuberkulös war oder nicht. Zur Orientierung sei an¬ 
geführt, daß B. Bang (Monatsschrift f. Tierärzte, XI. Bd.) 
von großen Beständen, mit 50 Tieren und mehr, keine 
gefunden hat, in denen jedes Tier gesund war; von mittel¬ 
großen Beständen mit 10—49 Tieren fanden sich 25% ganz 
gesunde, von kleinen Beständen mit 1—9 Tieren fanden 
sich 451% gesunde Bestände. 

In vier Fällen finden sich Angaben über die Möglich¬ 
keit einer Ansteckung durch Menschen — der eine von 
ihnen (Krankengeschichte Nr. 24) ist jedoch etwas zweifel¬ 
haft. Es fanden sich darunter zwei typisch humane Stämme, 
zwei humane mit herabgesetzter Virulenz. Iu 11 Fällen 
fanden sich Angaben über die Möglichkeit eiuer Ansteckung 


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Über Lapns vulgaris etc. 


215 


nur durch Vieh, davon sind zwei typisch humane Stämme, 
vier humane Stämme mit herabgesetzter Virulenz, zwei 
atypisch humane Stämme, ein boviner Stamm und zwei 
Stämme, deren bakteriologische Untersuchung zu einem 
unsicheren Resultat geführt hatte. 

Auch diese Daten sprechen also gegen die Richtig» 
keit der Schlußfolgerung, daß eine große Anzahl Lupus¬ 
patienten, nur weil sie Landbewohner sind, einer bovinen 
Infektion ihrer Haut eher ausgesetzt sind als einer humanen. 
Denn dort, wo sich hierzulande viel Tuberkulose beim 
Vieh findet, herrscht auch viel Tuberkulose beim Menschen, 
und die Möglichkeit, human infiziert zu werden, wenn man 
intim mit einem tuberkulösen Menschen zusammenlebt, ist 
natürlich weit größer als die Möglichkeit, die der Betreffende 
hat, durch Viehtuberkelbazillen infiziert zu werden, wenn 
er tuberkulöses Vieh hütet. 


II. Lupus vulgaris. 

Zuerst sei eine schematische Übersicht über die bak- 
teriologisch untersuchten Lupus vulgaris-Fälle gegeben, 
die ich in der Literatur habe finden können und die mit 
den in der landwirtschaftlichen Hochschule untersuchten 
Fällen verglichen werden sollen. 

Weber und Taute (Tuberkulosearbeiten a. <L kaiserl. Gesund¬ 
heitsamt, 6. Heft, 1907, p. 52) erwähnen einen Fall von Hautlupus mit 
humanen Bazillen; der Fall fand sich bei einem 8jährigen Knaben; keine 
nähere Beschreibung. 

Gosios (Boll. della R. Acad. Med. di Roma Anno 37) 5 Fälle 
werden von Lipschütz in seiner Arbeit: „Über ein eigenartiges, durch 
den Typus gallinaceus hervorgerufenes Krankheitsbild der Tuberkulose 
usw. - Arch. f. Denn. u. Syph. CXX. Bd. 2. Heft. 1911, zitiert. Die von 
Gosio angewandte Technik wird nicht erörtert. In dieser Arbeit berichtet 
L., wie schon aus dem Titel hervorgeht, über einen durch den Vogel- 
tuberkelbazillus hervorgerufenen, außerordentlich interessanten Fall — 
vorläufig den einzigen, der tödlich verlaufen ist — von Schleimhaut- 
(zuerst auf dem Gaumen und der Uvula auftretend), Haut- und Viszeral¬ 
tuberkulose. Er trat indessen auf der Haut und den Schleimhäuten nicht 
unter dem Bilde eines Lupus auf, da die Lupusknoten fehlten. 


bv Google 


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216 


Fons8. 


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Lewandowsky (]. o. p. 7) wandte Kanitichen an. Die englische 
Tuberkulosekommission (Part II Appendix, Volnme II) benützte 
Kaninchen, Kälber nnd Affen, in zwei Fällen sogar so teure Affen, wie 
es Schimpanse und Pavian sind, außerdem für einzelne der Fälle ver¬ 
schiedene andere Versuchstiere (Schweine. Ziegen, Pferde, Katzen, Ratten 
nnd Mäuse). Die Kosten der Gesamtarbeit der englischen Kommission 
machten auch eine kolossale Summe aus (1,3^0.000 Kronen). 

In Sequeiras Fall (Royal Society of Medicin, 14. Dez. 1911, 
referiert Arch. f. Dermatol, n. Syph., Bd. CXII, p. 275, 1912) wird die 
Technik nicht weiter erörtert. Es handelte sich um einen Syphilitiker. 

Bur net (Annal. d. Pinstitut Pasteur, Bd. XXVI, 1912, p. 8680) 
untersuchte seine Fälle an Kaninchen. 

Rothe und Bierotte (vorläufige Mitteilung, Deutsche medizin. 
Wochenschr., Nr. 35, 1912, später ausführlicher Bericht in „Veröff. d. 
Robert Koch-Stiftung zur Bekämpfung d. Tuberkulose, Heft 8—9, 1913) 
haben ebenfalls Kaninchen verwandt. 

In den an der landwirtschaftlichen Hochschule zu Kopenhagen 
untersuchten Fällen sind, wie erwähnt, Kaninchen benützt worden, ferner 
in einigen Fällen Kälber nnd Federvieh. 

Im Anschluß an die in der Tabelle IV angeführten Zahlen sind in 
Bezug auf die von Rothe und Bierotte stammenden .einige Bemer¬ 
kungen zu machen. R. und B. haben Exzisionen von im ganzen 28 Pati¬ 
enten untersucht nnd von diesen bei 23 einen Typus humanu9, bei 4 einen 
Typus bovinus gefunden. Bei dem Testierenden Patienten wurde an zwei 
verschiedenen Stellen des Körpers exzidiert. In der einen Exzisionsstelle 
wurde Typus humanus, in der anderen Typus bovinus festgestellt; hier¬ 
durch entsteht die Zahl 29, da der letzte Patient sowohl bei den huma¬ 
nen, als auch bei den bovinen Fällen mitgerechnet ist. 

In R u p p 8 Fall (Dermatol. Wochenschr., Nr. 5, 1913, p. 40, Fall 14) 
wird die Technik nicht weiter erwähnt. Da die Krankengeschichte viel 
Interessantes bietet, sei sie in extenso wiedergegeben: 

Es handelte sich um einen 30jährigen Knecht, der früher in einem 
Schlachthaus beschäftigt gewesen war; er war immer Landbewohner 
gewesen und hatte viel mit Vieh zu tun. Als er im Schlachthause mit 
dem Schlachten und dem Abziehen von Häuten beschäftigt war, entstand 
sein Hautfeiden am Hals nnd an der Hand. Er kann nicht mit Bestimmt¬ 
heit angeben, ob er mit kranken Tieren in Berührung gekommen ist. 
Er hat viel ungekochte Milch getrunken. Keine Aufschlüsse über Tuber¬ 
kulose in der Familie, keine anderen Tuberkuloselokalisationen beim 
Patienten. Die Untersuchung im Institut für Infektionskrankheiten ergab 
Typus humanus. Trotzdem also alles aut Infektion mit bovinen Bazillen 
deutete, finden sich humane 


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Über Lupus vulgaris etc. 217 


Tabelle IV. 



Bakteriologischer T y p u 

8 


Typisch 

human 

Human 

mit 

herab¬ 

gesetzt. 

Virul. 

Atyp. 

human 

Typisch 

bovin 

Bovin 
mit . 
herab¬ 
gesetzt. 
Virul. 

Atyp. 
und un¬ 
sichere 
Fälle 

Im 

Ganzen 

Weber u. Tante . 

1 






i 

Lewandowsky . . 

10 

. 


. 

. 


10 

EngLTuberk.-Komm. 

2 

9 


1 

b 


20 

Sequeira .... 

• 

• 


1 

. 


1 

Oosio. 


5 



. 


5 

Barnet. 

1 > 

1 


. 

. 


11 

Rothe a. Bierotte 

24 

. 


5 

. 


29 

Bupp. 

1 

. 


• 

• 


1 

In der landw. Hoch¬ 
schale untersachte 
Fälle. 

8 

8 

3 

3 

• 1 

3 

25 

Zusammen . . 

56 

28 

3 

10 

8 ! 

3 

103 


Wie man sieht, handelt es sich im Ganzen um 103 
Fälle; von diesen tragen 81 humanen Charakter, davon 56 
typisch, und 18 bovinen Charakter, darunter 10 typisch. 1 ) 
Wenn man die drei atypischen und unsicheren vernach¬ 
lässigt, also ca. l8°/ 0 bovine Fälle und ca. 82% humane. 

Betrachtet man nur die in der landwirtschaftlichen 
Hochschule untersuchten Fälle, so erhält mau 19 Fälle mit 
humanem Charakter, 3 mit bovinem. Vernachlässigt man 
auch hier die drei atypischen und unsicheren, so erhält 
man für Dänemark 14% bovine Lupusfälle gegen 
86% humane. 

Aus Deutschland stammen im Ganzen 41 Fälle 
(Weber und Taute, Lewandowsky, Rothe und 
Bierotte und Ru pp), unter ihnen 5, also zirka 12% 
bovine Lupusfälle gegen 86% humane. 

Aus Italien (Gosio) und Frankreich (Burnet) 
wird nur über humane Fälle berichtet. 


*) Sowohl humane als auch bovine Fälle sind als typisch bezeich¬ 
net, wenn nicht direkt bemerkt ist, daB sie von herabgesetzter Virulenz 
oder auf andere Weise atypisch sind. 


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218 


Fönes. 


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Nur in England (die englische Tuberkulose¬ 
kommission, Sequeira) scheint ffir Lupus die Infek¬ 
tion mit Viehtuberkelbazillen eine ansehnliche Rolle zu 
spielen, jedoch haben die humanen Fälle auch in diesem 
Lande das Übergewicht. Es handelt sich im ganzen um 21 
Fälle, davon 11 humane und 10 bovine, oder prozentual: 
48% der Lupusfälle mit Viehtuberkelbazillen- 
Befund und 52% mit Bazillen humanen Cha¬ 
rakters. 

Alles in allem spielt also in der Ätiologie 
der Lupusfälle die Infektion mit Bazillen des 
Viehs nur eine untergeordnete Rolle im Ver¬ 
gleich zu der Bedeutung, welche die Infektion 
mit Bazillen vom Menschen hat. 


Auf dem Tuberkulosekongreß in London 1901 be¬ 
hauptete Koch bekanntlich, daß die Viehtuberknlose und 
Menschentuberkulose verschieden seien und daß deswegen 
kein Grund vorhanden wäre, Maßregeln zu treffen, um die 
Übertragung vom Vieh auf den Menschen zu verhindern. 

Auf dem Tuberkulosekongreß in Washington 1908 
modifizierte Koch seine Anschauungen insofern, als er 
meinte, der Mensch könne freilich mit Tuberkulose durch 
Vieh angesteckt werden, jedoch gebe diese Infektion sehr 
selten ernste Krankheitsbilder. 

Daß sowohl Kochs Anschauung vom Jahre 1901 als 
auch die vom Jahre 1908 unrichtig war, haben die zahl¬ 
reichen Untersuchungen, zu denen seine Äußerungen Ver¬ 
anlassung gaben (hier in Dänemark Fibigers und Jen- 
sens große Untersuchungsreihe) längst gezeigt, vor allem 
für primäre Darm- und Mesenterialdrüsentuberkulose, sowie 
für Zervikaldrüsentuberkulose. Eine Zusammenstellung der 
Krankengeschichten der in der landwirtschaftlichen Hoch¬ 
schule untersuchten Fälle im Zusammenhang mit früheren, 
besonders von der englischen Tuberkulosekommis¬ 
sion veröffentlichten Krankengeschichten wird zeigen, daß 
die bovine Tuberkuloseansteckung auch auf der Haut zu 
äußerst schweren Krankheitsbildern führen kann. 


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Über Lupus vulgaris ctc. 


219 


Wenn die Ansicht verbreitet ist, es sei eine Regel, 
daß Lupus vulgaris vom Typus boviuus erzeugt, leicht 
verlaufe, während dem Typus humanus alle schweren Fälle 
zuzuschreiben seien, so ist diese Anschauung als eine Folge 
von Kochs Irrtum zu betrachten; der Irrtum eines großen 
Mannes beeinflußt ja immer sehr nachhaltig die allgemeine 
Anschauung. L i p s c h ü t z (1. c. p. 440) behauptet z. B. 
noch im Jahre 1914, daß die Infektion der Haut mit bo¬ 
vinen Bazillen als eine gutartige Krankheit zu bezeichnen 
sei, da noch über keinen absolut sicheren (einwandfreien) 
Fall von generalisierter Tuberkulose berichtet sei, die von 
der Haut ausgegangen sei. Hierzu sei bemerkt, daß unter 
den 17 Fällen von festgestelltem bovinen Lupus, deren 
Krankengeschichten im folgenden untersucht werden, sich 
10 Fälle von Tuberkuloselokalisationen an anderer Stelle 
als auf der Haut finden. Da nur Bazillen vom tuberkulösen 
Herd auf der Haut untersucht wurden, so läßt sich natür¬ 
lich nicht behaupten, daß die nicht auf der Haut lokali¬ 
sierte Tuberkulose auch durch bovine Bazillen hervorgerufen 
wurde. Weil sich aber ein hierher gehöriger Fall findet, 
der vielleicht auf einer Doppelinfektion beruht (Fi big er 
und J e n s e n s Fall ist eingehend unter dem Abschnitt 
Tuberculosis verrucosa erörtert), so erscheint es doch zu 
gesucht, diese — nicht einmal ganz sichere — vereinzelte 
Erfahrung zu generalisieren. 

Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die bovinen 
Bazillen nicht ebenso wie die humanen ganz leicht 
verlaufenden Lupus her vorrufen können (siehe z. B. die 
Fälle 12 und 13 der bovinen Infektionen). Das klassische 
Beispiel einer leichten bovinen Infektion (wo es sich übri¬ 
gens nicht nm Lupus handelte) ist doch das von Cosco, 
Rosa und de Benedictis im Zentralbl. f. Bakteriologie, 
Bd. LXVI, p.. 161 u. folg, mitgeteilte. 

De Benedictis, der Tierarzneiinspektor ist, schneidet sich bei 
der Sektion einer tuberkulösen Kuh in den linken Daumen. Die Infek¬ 
tion fand im März 1910 statt, es entwickelte sich an der Stelle langsam 
ein kleiner Abszeß; derselbe perforierte und entleerte etwas käsigen 
Eiter und etwas verkalktes Gewebe; im September 1910 war alles ohne 


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220 


Fönes. 


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Behandlung ausgeheilt. Sowohl Kaninchen- als auch Kälberversuche 
zeigten, daß es sich um typische bovine Tuberkulose handelte. 

Man darf nun nicht glauben, daß eine bovine Impftuberkulose 
dieser Art immer gutartig verläuft. N i c h ä s Fall (in der Monats¬ 
schrift f. Unfallheilkunde, XVII, Nr. 8, 1910, p. 231) beweist das Gegen¬ 
teil. Ein Milchpächter zog sich am 8. Oktober 1908 bei seiner Arbeit 
eine stark blutende Wunde an der rechten Hand zu — die Wunde heilt 
nach den abgeklungenen Entzündungserscheinungen schnell spontan zu. 
Gleichzeitig mit diesen Entzündungserscheinungen tritt jedoch eine 
Drüsenschwellung in der rechten Achsel au£ Da die Drüsenschwellung 
fluktuierend wird, wird eine Inzision mit nachfolgender Auskratzung 
vorgenommen. Es zeigt sieb jedoch eine neue Drüsenschwellung und 
Fistelbildung. Deshalb wird eine typische Ausräumung der Achselhöhlen¬ 
drüsen vorgenommen. Auch nach dieser Operation wiederholen sich 
Fistelbildungen, die Aufspaltungen erfordern. Erst am 1. Juli 1909 — 
*/ 4 Jahr nach dem Unfall — Heilung. Die bakteriologische Untersuchung 
ergab durch Kaninchenversuche Typus bovinus. 

Wir werden nun auf die Behauptung näher eingehen, 
daß der Typus bovinus vorzugsweise eine gutartige Haut¬ 
infektion setzt. Um das Berechtigte oder Unberechtigte der 
Behauptung zu untersuchen, ist es notwendig, eine nähere 
Untersuchung vorzunehmen, wie der rein klinische 
Verlauf bei Lupus ist, der von humanen bzw. bovinen 
Bazillen hervorgerufen wird, und wir wollen zuerst 
die bovin infizierten Fälle zum Gegenstand 
einer näheren Erörterung machen. 

Im Bericht der englischen Tuberkulosekom¬ 
mission (Part II, Appendix, Volume II, p. 38 und folg.) 
finden sich die Krankengeschichten sämtlicher Lupuspati¬ 
enten. Hier werden wir auszugsweise mitteilen, was über das 
Alter der Lupusaffektion, über die Größe und Ausdehnung, 
sowie über eventuelle andere Tuberkuloselokalisationen 
angeführt ist, während andere Angaben, wie z. B. über 
Tuberkulose in der Familie, fortgelassen werden. Der Ab¬ 
schnitt über Lupus ist von Stanley Griffith verfaßt. 

Yon typisch bovinen Fällen findet sich nur einer. 

Fall 1. (Journal H. 110.) lOjähriger Knabe. Das Leiden begann 
vor 4 Jahren im Gesicht, dann wurden linke Schulter, linker Schenkel 
nnd zuletzt der Stamm ergriffen. Es fanden sich nur zwei Flecken im 
Gesicht, aber viele isolierte Flecken auf dem Truncus. Geringe Drüsen¬ 
schwellung am Hals. Die Nachuntersuchung 5 Monate später zeigte den 
Lupus unverändert, jetzt auch geringe linksseitige inguinale Drüsen¬ 
sehwellung. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


221 


An bovinen Fällen mit herabgesetzter Virulenz finden sich 8, für 
Fall 2 gilt die Virulenzherabsetzung jedoch nur für Affen, da die Ba¬ 
zillen stark kaninchen- und kalbsvirulent waren. 

Fall 2. (Journal H. 53.) löjähriges Mädchen, das, so lange es sich 
erinnern kann, Lupus hatte, jedoch nur monoregionär, nämlich an der 
rechten Hüfte. Keine anderen Tuberkuloselokalisationen. Die Patientin 
wurde 37t Jahre später wieder untersucht: Das Leiden hatte sich sehr 
stark ausgebreitet, erstreckte sich vom obersten Teil des rechten Schen¬ 
kels bis fast zur Kurvatur hinauf, in der Breite ging es von der Axillar¬ 
linie bis fast zur Mittellinie. Keine anderen Lokalisationen der Krankheit. 

Fall 3. (Journal H. 85.) öjähriger Knabe mit Lupus auf der Nase, 
der wenige Monate bestand. Als der Knabe 4 Jahre alt war, hatte er 
eine Drüsenschwellung in der linken Leiste und am linken Ellbogen; gut 
ein Jahr später nach der Exzision, die man zwecks bakteriologischer 
Untersuchung vornahm, hatte sich das Leiden von der Nase bogenförmig 
nach abwärts über die Oberlippe, über die linke Seite des Oesichts und 
über das Kinn verbreitet. Geringe Drüsenschwellung am Hals. Das Kind 
hatte früher Bronchitis und Keuchhusten. 

Fall 4. (Journal H. 91.) 97ijähriger Knabe, der im Alter von 57, 
Jahren Masern hatte und im Anschluß hieran Drüsenschwellungen unter 
dem Kinn. Diese wurden entfernt, aber es entstand eine Ulzeration in 
der Narbe und neue Drüsenschwellungen. In der Ulzeration entwickelte 
sich dann ein Lupus, als der Knabe ca. 8 Jahre alt war. Der Lupus 
wurde vollständig exstirpicrt. Bei der Untersuchung knapp ein Jahr nach 
der Operation war die Narbe ohne Krankheitserscheinungen, die Drüsen¬ 
schwellung war geringer. 

Fall 5. (Journal H. 100.) 37jährige Frau. Die Krankheit begann 
vor 17 Jahren an der Oberlippe, unter der Nase; mit Auskratzung be¬ 
handelt. Ein Jahr später trat das Leiden auf der rechten Seite der Nase 
auf, dann breitete es sich nach dem Gesicht zu aus. Als die Patientin 
17 Jahre nach Beginn des Leidens zur Untersuchung kam, hatte sie einen 
sehr ausgedehnten Lupus im Gesicht, auf der Stirn und am rechten Arm, 
ferner hatte ein Finger amputiert werden müssen Es wurden Aus¬ 
kratzungen der lupösen Foci, im ganzen 39 mal, vorgenommen. Keine 
anderen Tuberkuloselokalisationen. 5 Monate später war der Zustand 
unverändert. 

Fall 6. (Journal H. 105.) 15jähriges Mädchen, dessen Krankheit 
seit 1 Jahr bestand. Sie begann als „Finnen“ auf der Nase und hatte 
sich von dort aus auf die rechte Wange verbreitet. Sie fand sich z. Z. 
der Exzision zwecks bakteriologischer Untersuchung auf der Nase, der 
Oberlippe, der rechten Wange und dem Gaumen. Sonst keine Tuber¬ 
kuloselokalisationen. Eine Besichtigung 5 Monate später zeigte eine 
merkliche Besserung des Gesichtsleidens — das Schleimhautleiden wird 
nicht erwähnt. 

Fall 7. (Journal H. 107.) 17jähriger junger Mann, dessen Krank¬ 
heit vor 13 Jahren mit einem kleinen Flecken auf der linken Wange 


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222 


F 6 n 8 s. 


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vor dem Ohre begonnen hatte. Das Leiden dehnte sich nach and nach 
anf den Hals und das Gesicht, auf beide Arme und Ellbogen aas. Als 
die Exzision zur mikroskopischen Untersucl ung gemacht wird, wird das 
Gesicht als sehr stark befallen angegeben. Keine anderen Tuberkulose* 
lokalisationen. Bei erneuter Besichtigung 5 Monate später wird der Zu¬ 
stand des Lupus des Patienten nicht erwähnt. 

Fall 8. (Journal H. 108.) 87 t jähriger Knabe, dessen Krankheit 
6 Jahre dauerte und an der rechten Wange begann. Der Lupus dos 
Patienten bat sich nach und nach verbreitet, so daß er bei der Exzision 
zur bakteriologischen Untersuchung das ganze Gesicht einnimmt, ferner 
den rechten Arm und die rechten Nates. Keine anderen Tuberkuloselokali¬ 
sationen. Bei der Untersuchung nach 7i Jahr wird der Lupus des Pa¬ 
tienten nicht erwähnt, dagegen wird angeführt, daß er etwas Husten hat; 
Auskultation ergibt nichts Abnormes. 

Fall 9. (Journal H. 111.) 17jähriger junger Mann, dessen Lupus 
vor 10 Jahren im Anschluß an Morbilli mit einem Fleck an der rechten 
Seite des Halses begann; vor 9 Monaten war noch ein Fleck unterhalb 
des ersten aufgetreten. Sonst keine Tuberkuloselokalisationen. Bei der 
Besichtigung 7, Jahr später wird der Lupus des Patienten nicht erwähnt; 
es war nur eine partielle Exzision des oberen Herds zur bakteriologischen 
Untersuchung vorgenommen worden. 

Sequeiras Fall war ein rapid vorwärts schreitender Fall von 
Gesichtslupus; er fand sich, wie erwähnt, bei einem Manne, der zugleich 
Syphilis hatte, von der man ja sehr wohl annehmen kann, daß sie den 
Verlauf in ungünstigem Sinne beeinflußt hat. Jedenfalls war es ein 
schwerer Fall; da er mit Syphilis kompliziert war, wird er in der Über¬ 
sicht über den kü ischen Verlauf der bovinen Fälle nicht mitgerechnet. 

Betreffs der 5 Fälle von Rothe und Bierotte entnehme ich den 
Berichten „Veröff. d. Robert Koch-Stiftung“: 

Fall 10. (Nr. 10 in R. u. B.’s Schema.) 9jähriger Knabe. Der Sitz 
der Krankheit waren Wangen, Arme und Beine. Die Dauer wird auf 7 4 
Jahr (?) angegeben. Über Heredität ist nichts zu bemerken. Rechtsseitige 
Lungenaffektion. Exzision am Fuß. 

Fall 11. (Nr. 11 in R. u. B.’s Schema.) 24jährigcr Geschäftsbote. 
Der Sitz der Krankheit war im Gesicht, sie war von unbekannter Dauer. 
Doppelseitige Lungenaffektion + Rasseln. Epididymitis tuberculosa. 

Fall 12. (Nr. 14 in R. u. B.’s Schema.) 36jähriger Hirte. Die 
Krankheit hatte 28 Jahre gedauert; ihr Sitz war der 1. Ellbogen, sie 
war obei Sächlich, teilweise zugeheilt. 

Fall 18. (Nr. 15 in R. u. B.*s Schema.) lOjähriger Knabe. Die 
Affektion dauerte „einige 14 Jahre, sitzt am rechten Handgelenk, besteht 
aus einem lupösen Fokus, der großer als ein 5 Markstück ist. 

Fall 14. (Nr. 4 in R. u. B.’s Schema.) 22jähriger Maschinist. Keine 
Auskünfte über Tuberkulose in der Familie. Als Kind skrofulös. Hatte 
17 , Jahre eine „ Finne“ am Anus, die langsam wuchs. 9 Monate lang 
eine ähnliche „Finne“ auf der Nase, angeblich im Anschldfi an eine 


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Über Lupus vulgaris ete. 


223 


Verbrennung entstanden. Diese Affektion wuchs schnell und griff auf die 
Nasenschleimhaut, den harten und weichen Gaumen über. Exzision 
29./X. 1909. Nates: human, Exzision l./XI. 1909. Nase: bovin. 

Meine eigenen 3 Fälle haben folgende Kranken¬ 
geschichten, in denen nur Bemerkungen, die die Lupus¬ 
affektion und eventuell andere Tuberkuloselokalisationen 
betreffen, angeführt werden. 

Fall 16 (Nr. 1 in Andersens Abhandlung und in den zum 
Schluß mitgeteilten Krankengeschichten.) Bakteriologische Untersuchung: 
Typisch bovin. (Fig. 1—2.) 

löjähriger Knabe, die Dauer der Krankheit beträgt 2 Jahre, Beginn 
auf der Haut. Es war ein sehr schwerer ulzerativer, tiefgehender Fall, 
der die rechte Seite der Nase, die ganze Mundpartie, mit Ausnahme des 
linken Mundwinkels, einnahm; er erstreckte sich vom Mund abwärts auf 
den Hals. Von den Schleimhäuten waren Lippe, r. Nasenhöhle und 
Gaumen ergriffen. 

Fall 16. (Nr. 7 in Andersens Abhandlung und in den zum 
Schluß mitgeteilten Krankengeschichten.) Bakteriologische Untersuchung: 
Typisch bovin. 17jährige Frau. Die Krankheit dauerte 7 Jahre und be¬ 
gann am r. Unterarm. Hier findet sich jetzt eine Narbe von 2 1 /, X 2 cm 
mit wenigen Knötchen am Rande. Einzelne oberflächliche Knötchen an 
der 1. Wange Auf den Schleimhäuten fand sich eine recht tiefe, ulzera- 
tiye Äffektion der linken Nase und beider Tonsillen, geringe Mitbeteili¬ 
gung der Uvula. Gutartig verlaufende Lungenaffektion. 

Fall 17. (Nr. 21 in Andersens Abhandlung und in den später 
mitgeteilten Krankengeschichten.) (Fig. 3—6.) 

Bakteriologische Untersuchung: Typisch bovin. Der Lupus des 
Patienten war 15 Jahre alt und begann nach Drüsenperforation. Es ist 
eine ausgedehnte tiefgehende, teilweise ulzerierte Affektion mit dem Sitz 
auf beiden Wangen, dem Kinn und Hals. Perforative Affektion der linken 
4. Rippe, die vor einem Jahr entstand. Gutartig verlaufende Lungen¬ 
affektion. 

Der Übersicht wegen sind, die wichtigsten Eigentümlichkeiten dieser 
17 Fälle auf untenstehendem Schema V rubriziert worden, indem, wie 
erwähnt, von Sequeiras schwerem Falle abgesehen wird, weil er mit 
Syphilis kompliziert war. 

Wie man sieht, habe ich hinter zwei der Fälle von 
Rothe und Bierotte ein Fragezeichen setzen müssen, 
da es schwierig ist, nach der sehr kurz gefaßten Beschrei¬ 
bung zu entscheiden, ob die Fälle als „mehr“ oder „we¬ 
niger“ ausgedehnt zu bezeichnen sind. Gehen wir davon 
aus, daß diese fraglichen Fälle in den richtigen Rubriken 
angeführt worden sind, so bekommen wir für die Haut 11 


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224 


Fon s 8« 



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Tabelle V. 







Über Lupus vulgaris etc. 


225 


mehr ausgedehnte und 6 weniger ausgedehnte Fälle. Yon 
den mehr ausgedehnten Fällen sind 7 (6) mit Tuberkulose 
an anderer Stelle kompliziert — da einer der sieben Fälle 
(fortlaufende Nr. 3) zweifelhaft ist —, bei den weniger 
ausgedehnten finden sich in 3 Fällen Komplikationen. 

Während die Fälle der englischen Tuberkulose¬ 
kommission, wie dies direkt — nur mit einer einzelnen 
Ausnahme — aus den Journalen hervorgeht, stetoskopisch 
untersucht sind — und dasselbe gilt wahrscheinlich auch 
von Rothes und Bierottes Fall —, scheint es sehr 
unsicher zu sein, ob in den beiden Yersuchsreihen eine 
Untersuchung der Schleimhäute in jedem einzelnen Fall 
vorgenommen wurde. Jedenfalls ist es auffällig, daß bei 
R. und B. nur zwei Fälle von Schleimhauterkrankung er¬ 
wähnt werden. Yon diesen ist der eine ausschließlich an 
den Schleimhäuten lokalisiert. Von der englischen Tuber¬ 
kulosekommission wird nur einer erwähnt, während 
unter unseren eigenen Fällen 9 mit Schleimhauterkrankung •) 
kompliziert sind. Die obigen Bemerkungen gelten für 
sämtliche Lupusfälle jeder der drei Yersuchsreihen, be¬ 
treffs des Lysinstitntes jedoch natürlich nur für die aty¬ 
pischen und unsicheren Fälle, die atypisch humanen mit¬ 
gerechnet. 

Bevor wir zur Epikrise kommen, sei zum Vergleich 
mit den bovinen Fällen eine Übersicht über die klini¬ 
schen Eigentümlichkeiten der humanen Fälle 
gegeben. Yon den humaneu Fällen fallen die von Weber 
und Taute, Lewandowsky, Gosio und Bur net 
fort, weil wir keine Beschreibung ihrer Klinik haben, ebenso 
scheidet Rupps Fall aus, weil die Beschreibung so kurz¬ 
gefaßt ist, daß man nicht mit Sicherheit den klinischen 
Charakter des Falles beurteilen kann. Yon den Testieren¬ 
den Fällen lassen sich die von Rothe und Bierotte 
leider nur ganz summarisch benutzen. Eine Beschreibung, 
wie die, daß der Lupus im „Gesicht“, „Nase und Nates“, 
„1. Backe, 1. Oberarm“, „beide Arme“ usw. lokalisiert sei, 

*) Im Lysinstitut zu Kopenhagen werden die Schleimhäute sämt¬ 
licher Lnpuspatienten sehr genau durch den Spezialisten untersucht. 

Areh. f. Dermal u. Syph. Bd. 128. jg 


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226 


Fönss. 


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kann ja ebenso gut einen leichten, als einen schweren 
Lupns bezeichnen. „Gesicht“ kann einen einzelnen Fleck 
oder ein schweres Befallensein des größten Teiles des Ge¬ 
sichtes bedeuten, „beide Arme“ können ebenfalls ein paar 
einzelne oberflächliche Flecken oder eine sehr schwere 
Affektion bedeuten usw. 

Rothe und Bierottes Fälle scheinen durchwegs 
stationäre Patienten und deshalb zum großen Teil schwere 
oder recht schwere Fälle zu betreffen. Lungentuberkulose 
fand sich bei 5 Patienten, davon ist jedoch der eine Fall 
zweifelhaft, Knochentuberkulose — frisch oder im wesent¬ 
lichen abgeheilt — lag bei 5 Patienten vor. Von diesen 
war bei einem (Journal Nr. 7) die Amputation des linken 
Beins, des linken Daumens und des linken kleinen Fingers 
vorgenommen worden. Bei einem Patienten (Journal Nr. 19) 
fand Sich nur Schleimhauttuberkulose: Ein sehr ausge¬ 
dehnter Fall im Cavum oris. 

Übrig bleiben dann die Fälle der englischen Tuber¬ 
kulosekommission und unsere eigenen Fälle, die zum 
Vergleich mit den bovinen Fällen im nachstehenden Schema 
VI angeführt werden sollen. Es würde zu weit führen, die 
detaillierten Krankengeschichten aller Fälle der englischen 
Tuberkulosekommission von bakteriologisch huma¬ 
nem Charakter anzuführen. Die Fälle der englischen 
Tuberkulosekommission sind alle — unter der Ru¬ 
brik Journalnummer — sowohl mit Buchstaben als auch 
Zahlen (H. 92 usw.) gekennzeichnet; unsere eigenen Fälle 
sind nur einfach numeriert (siehe Tabelle VI). 

Es finden sich also im ganzen 30 humane Fälle, von 
diesen sind weniger ausgedehnt 11, darunter 4 (3) kom¬ 
pliziert, und 19 mehr ausgedehnt, von denen 13 kompli¬ 
ziert sind. Die (3) nach der 4 deutet darauf hin, daß es 
in einem Falle (fortlaufende Nr. 23) zweifelhaft ist, ob eine 
Komplikation vorliegt. 

Der Vergleich zwischen den humanen und bovinen 
Fällen ist am leichtesten, wenn man nachstehende kleine 
tabellarische Übersicht auf p. 228 betrachtet. 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MINNESOTA 



Über Lupus vulgaris etc. 


227 


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Tabelle VI. 


L 



[ Haut 

i 



| Fortlauf. K 

Journa 

Nr. 

Bakterio¬ 

logischer 

Typus 

mehr 

ausgedehnt 

s| 

S& 

«5 

Schleim 

häute 

Andere 

Tuberkulose- 

lokalisationen 

Anmerkung 

1 

H. 92 

Typ. human 


ja 

nein 

nein 


2 

H. 99 

dto. 

ja 


nein 

nein 

— 

3 

6 

dto. 


ja 

nein 

Lungenleiden 

— 

4 

8 

dto. 

— 

ja 

nein 

nein 

— 

5 

12 

dto. 

ja 


ja 

Knochentbc. 

— 

6 

19 

dto. 

ia 

— 

ja 

dto. 

_ 

7 

25 

dto. 

ja 

— 

nein 

nein 

— 

8 

27 

dto. 


ja 

nein 

nein 

— 

9 

29 

dto. 

ja 


nein 

Knochentbc. 

_ 

10 

2 

dto. 


ja 

nein 

nein 

— 

ii 

H. 71 

Human mit 
herabgesetzter 
Vlralens 

ja 


nein 

nein 


12 

H. 84 

dto. 


ja 

nein 1 ) 

nein 1 ) 

i) Tuberkulose- 
lokalUationen an 
anderer Stelle 
werden nicht 
erwähnt 

18 

H. 101 

dto. 

ja 

_ 

Dein 

nein 

__ 

14 

H. 102 

dto. 

ja 


nein 

nein 

Die am wenigsten 
virulente Kultur 
unter den Fällen 
der englischen 
Kommission 

15 

H. 103 

dto. 

ja 

— 

nein 

Knocbtbc., Abszesse, 
Langenleiden 

— 

16 

H. 106 

dto. 

ia 

_ 

nein 

nein 

_ 

17 

H. 109 

dto. 

ja 

— 

nein 

Abszeß 

— 

18 

H. 112 

dto. 


ja 

nein 

nein 

Verruköser 

Lupus 

19 

H. 114 

dto. 

— 

ja 

nein 

nein 

Einer der drei 
Flecken verrukfts 

20 

6 

dto. 

ja 

ja 

— 

nein 

Drüsenaffekt. 

_ 

21 

9 

dto. 

— 

ja 

ja 

ja 

dto. 

_ 

22 

10 

dto. 

ja 

ja 

— 

dto. 

— 

28 

18 

dto. 

— 

dto. 

_ 

24 

20 

dto. 

ja 

nein 

als Kind 

Drflsenaffekiion (?) 

— 

25 

23 

dto. 

— 

ja 

nein 

Knochentbc. 

— 

26 

24 

dto. 

— 

ja 

nein 

Drüsenaffekt. 


27 

26 

dto. 

ja 


ja 

Lnngenleiden 

— 

28 

4 

Atyp. human 

ja 

— 

ja 

dto. 

— 

29 

11 

dto. 

ja 

— 

ja 

als Kind Drüsen- 
Schwellungen 

— 

30 

17 

dto. 

ja 

""" 

nein 

Drüsenleiden 

— 


15* 


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228 


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Human 

Bovin 

Im ganzen. | 

30 

17 

Von diesen kompliziert. 

<1 

ii 

Ol 

.0 

© 

10 = 69% 

Weniger ausgedehnt. 

11 = 37% 

© 

£ 

II 

CO 

Von diesen kompliziert ... 1 

4 (3) = 36% 

3 = 60% 

Mehr ausgedehnt. 

19 = 63% 

11 = 65% 

Von diesen kompliziert.j 

13 = 66% 

7 (6) = 64% 


Die Zahlen ffir die humanen and bovinen Fälle sind 
also fast übereinstimmend, sowohl was das Verhältnis 
zwischen mehr oder weniger ausgedehnten Fällen betrifft, 
als auch hinsichtlich der Anzahl der Komplikationen. Es 
sei bemerkt, daß sich unter den Komplikationen, sowohl 
der 17 bovinen als auch der BO humanen Fälle 4 Fälle von 
Lungenleiden finden. Nach dieser Untersuchung gibt es 
also praktisch klinisch keinen Unterschied zwischen hu¬ 
maner und boviner Infektion beim Lupus vulgaris der Haut. 

Es ist in diesem Zusammenhang nicht ohne Interesse, 
daß sich Untersuchungen finden (v. Düngern), die zeigen, 
daß eine subkutane Einspritzung der gleichen Mengen hu¬ 
maner und boviner Bazillen bei Gibbons gleich schwere 
Krankheitsfälle von beiden Bazillentypen gibt und daß 
Kraus und Grosz sogar fanden, daß die Einimpfung 
durch Skarifikation des Typus humanus und bovinus auf 
Macacus rhesus weit ernstere Krankheitsfälle für die bovine 
als für die humane Infektion zur Folge hat. 

v. Düngern (Münch, med. Wochenschr., 1906, Nr. 1, 
p. 4 n. folg.) injizierte 5 Exemplare der angeführten Affen¬ 
art mit 0‘01 g boviner Bazillen. Die Tiere starben nach 
Verlauf von 35—65 Tagen, die mit derselben Dosis humaner 
Bazillen injizierten 3 Tiere starben nach Verlauf von 
37—63 - Tagen. Alle 8 Tiere hatten ausgedehnte Tuber¬ 
kulose, besonders in der Milz und Leber. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


229 


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Kraus und Grosz (Wiener klin. Woch., 1907, pag. 
795 u. folg.) haben, wie erwähnt, Affen durch Skarifikation 
mit humanen und bovinen Bazillen geimpft, ferner auch 
mit Vogeltuberkulose- und Froschtuberkulosestämmen. Die 
beiden letzten Stämme gaben nur ganz unbedeutende Ver¬ 
änderungen in der Haut. 

Die Typus humanus-Stämme gaben Veränderungen, 
die im wesentlichen an den Skarifikationsstellen lokalisiert 
blieben. Das Leiden ging zurück und vermochte ganz ab¬ 
zuheilen. 

Die Infiltrate der Typus bovinus-Stämme verbreiteten 
sich dagegen über die Einimpfungsstellen hinaus; es folgte 
ulzerativer Verfall und regionäre Lymphdrüsentuberkulose. 
Der Ausgang der Tuberkulose war meistens tödlich infolge 
Viszeral tuberkulöse (Lunge, Milz, Leber). 

Für Lupus vulgaris cutis gibt es also 
praktisch genommen nur einen Tuberkelbazil- 
lus. 1 ) Für den klinischen Verlauf des betreffen¬ 
den Falles ist es gleichgültig, ob der Erreger 
ein Bazillus mit humanen oder bovinen 
Eigenschaften ist. Wohl finden sich 
Bazillen von humanem Charakter weit häufiger 
beim Lupus als Bazillen mit bovinen Eigen¬ 
schaften; jedoch gibt eine Infektion durch 
Vieh verhältnismäßig ebenso viele schwere 
Krankheitsbilder, wie eine Infektion durch 
Menschen und auch gleich viele leichte. 


Philippson (Palermo) (Der Lupus 1911) teilt den 
Lupus in zwei Formen mit ganz verschiedenem Verlauf 
und Prognose ein. Die eine, bei der der Lupus als eine 
Kontiguitätstuberkulose entsteht, so z. B. aus den Lymph- 
drüsen und Knochen, wird sekundärer Lupus genannt und 
hat eine ernste Prognose — hierzu rechnet P. auch den 
Lupus, der sich auf die Haut von der Nasenschleimhaut 

l ) Vom Typus gallinaceus wird hier abgesehen. 


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230 


Fönes. 


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ausbreitet. Die andere Form — der primäre Lupus — 
entsteht durch Inokulation oder hämatogen, ohne daß sich 
im voraus ein tuberkulöses Leiden in der betreffenden 
Region findet, mitten in gesunder Haut. Dieser hat eine 
weit bessere Prognose. 

Wenn wir antersuchen sollen, ob das hier vorliegende 
— freilich für eine Untersuchung dieser Art sehr kleine — 
Material Philippsons Anschauungen stützt oder gegen 
sie spricht, so bekommen wir folgende Aufschlüsse darüber: 
Yon primären Fällen haben wir 7, von diesen sind 
weniger ausgedehnt 6, davon 1 komplizierter und von den 
mehr ausgedehnten 1 komplizierter Fall. 

Yon sekundären Fällen haben wir 5, alle mehr 
ausgedehnt und alle von Drüseneiterungen ausgehend. 
Drei der Fälle waren außer durch das Drüsenleiden noch 
weiter kompliziert. 

Ferner 3 sekundäre Fälle, die auf der Schleim¬ 
haut begannen, alle kompliziert. Diese kommen aber 
nicht in Betracht, da die Haut nicht ergriffen war. 

An vermutlich primären Fällen haben wir 
drei, der eine eine sehr schwere, ausgedehnte, ulzerative 
Form an Nase und Lippe. Von hier aus verbreitete der 
Lupus sich auf die Schleimhaut. Der zweite war auf der 
Haut wenig ausgedehnt, aber durch Schleimhaut- und 
Lungenerkrankung kompliziert. Der dritte war ein mehr 
ausgedehnter Fall. Der Patient hatte als Kind Drüsen¬ 
schwellungen mit Perforation am Hals gehabt, der Lupus 
hatte jedoch auf der Oberlippe begonnen. 

Vermutlich sekundäre Fälle sind 4 vorhanden, 
die wahrscheinlich alle von Drüsenleiden ausgegangen sind. 
Außerdem fand sich in einem Fall Knochentuberkulose. Bei 
3 Fällen ist der Ursprung ganz unsicher; sie sind alle 
kompliziert, hierunter befindet sich der schwerste sämt¬ 
licher Fälle. 

Was wir vor allem sehen, ist, daß es in einer an¬ 
sehnlichen Reihe von Fällen (10 von 25 Fällen = 40%) 
unmöglich ist, eine sichere Entscheidung zu treffen, ob ein 
Lupus primär oder sekundär in Philippsons Sinn ist, 


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Über Lupus vulgaris ete. 


281 


und dies gilt nicht nnr von alten verschleppten Fällen, 
sondern anch von frischen Fällen, die eine schnellere Aus- 
dehnnngsneignng hatten. Unter den 10 Fällen finden sich 
freilich 4 von mehr als 20jähriger Dauer; der älteste war 
45 Jahre. Es finden sich aber auch 4 von weniger als 
3jähriger Dauer, von diesen 2 von zirka 2jähriger Dauer, 
die beiden dazwischenliegenden Fälle sind von 7 und 
8jähriger Dauer. 

Man sieht im übrigen, daß von den 7 primären Fällen 
6 weniger ausgedehnt waren und von diesen nur einer 
kompliziert, während von den 5 sekundären Fällen (alle 
von Drüsen ausgegangen und mehr ausgedehnt) drei kom¬ 
pliziert waren. Dies stimmt ja ganz gut mit der An¬ 
schauung Philippsons überein. 

Betrachten wir aber jetzt die drei Fälle, die wir hier 
unter der Rubrik „vermutlich primäre Fälle“ haben an¬ 
führen müssen, weil ihre Entstehungsart sich nicht mit 
Sicherheit hat konstatieren lassen, so darf ich mir viel¬ 
leicht erlauben zu bemerken, daß ich in allen Fällen 
persönlich davon überzeugt war, daß es sich um eine 
primäre Hautaffektion handelte. Und diese drei waren 
alle mehr ausgedehnte Fälle, davon zwei kompliziert, der 
eine von ihnen (Krankengeschichte Nr. 1 in der gesamten 
Wiedergabe der Krankengeschichten) überdies ein ulzerativer 
Fall von seltener Heftigkeit. 

Aber dennoch hat Philippson vermutlich in ge¬ 
wissem Grade recht. Die Teilung in primäre und sekun¬ 
däre Fälle ist keineswegs ohne prognostische Bedeutung; 
wenn alles andere gleich ist, so wird ein Kontigui- 
tätslupus schwerer verlaufen, als ein exogener Inokulations¬ 
lupus. 1 ) Aber es gibt noch andere Verhältnisse, denen die 
wichtigste Rolle dabei zukommt, wie ein Lupus verlaufen 
wird. Um diese Verhältnisse zu verstehen, muß man in¬ 
dessen genau auf die Resultate eingehen, zu denen die 

*) Ich nehme also hier die beiden typischsten Beispiele von sekun¬ 
därem und primärem Lupus und sehe von den anderen Gruppen ab, die 
Philippson erwähnt (Lupus, auf der Schleimhaut beginnend und 
hämatogener Lupus). 


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Fönss. 


moderne Immunitätsforschung geführt hat, und dies würde 
an dieser Stelle viel zu weit führen (eine ausführliche Dar¬ 
stellung ist von Lewandowsky gegeben 1.c. p.43 u. folg.). 

III. Tuberculosis verrucosa. 

Selbst wenn es als eine Hauptregel zu betrachten ist, 
daß eine Tuberculosis verrucosa exogen als Inokulations¬ 
tuberkulose entsteht, so kann sie doch auch endogen ent¬ 
stehen. 

Seifert (1. c.) stellt z. B. folgende 5 Infektions¬ 
möglichkeiten auf: 

1. Einimpfungstuberkulose, durch Infektion größerer 
oder kleinerer laesiones continui entstanden (exogene 
Inokulationstuberkulose). 

2. Einimpfungstuberkulose infolge Autoinokulation, vor 
allem bei Patienten mit Lungentuberkulose. 

3. Kontiguitätstuberkulose: Angibaud erwähnt Fälle, 
die von tuberkulösen Drüsen, tuberkulöser Rektalfistel und 
von einer Spina ventosa ausgegangen sind. Vautrin be¬ 
richtet über einen Fall am Unterarm, der im Anschluß an 
Knochenphlegmone entstanden ist. 

4. Hämatogenes Entstehen, besonders bei Kindern, am 
meisten postexanthematisch (besonders Morbilli, seltener 
Skarlatina) zuweilen mit andern hämatogenen, tuberkulösen 
Exanthemen kombiniert. 

5. Einimpfungstuberkulose von Tieren (bovine Inoku¬ 
lationstuberkulose). 

Was indessen hier den Gegenstand der Untersuchung 
bilden soll, ist zu ermitteln, welche Rolle der Typus 
humanus und der Typus bovinus für die Entstehung der 
Tuberculosis verrucosa spielen, zugleich sei die Klinik des 
Leidens flüchtig berührt. 

Als Punkt 4 im Resümee seiner angeführten Arbeit 
(p. 439) schreibt Lipschütz, daß der Typus bovinus 
regelmäßig bei Tuberculosis verrucosa cutis (Riehl, 
Pal tauf) vorkomme, die also als echte Einimpfungs- 


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Über Lupus vulgaris eto. 


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tuberkulöse mit Viehtuberkelbazillen zu definieren sei. 1 ) Es 
sei bemerkt, daß sämtliche Fälle von Tuberculosis verrucosa 
— fremde und eigene — die hier eingehend erörtert werden, 
und aus denen ich meine Schlösse ziehe, Inokulations¬ 
tuberkulosen sind; es findet sieb keine Kontiguitäts- 
tuberkulose, noch hämatogene Tuberkulose, nicht ein¬ 
mal Autoinokulationstuberkulose, alle Fälle sind exogene 
Inokulationstuberkulosen. Nun ist mir wohl bekannt, 
daß ausgezeichnete Namen — hier seien nur Lew an- 
dowsky (1. c. p. 40) und Seifert (siehe oben) genannt — 
mit Bestimmtheit behaupten, die Tuberculosis verrucosa 
werde außerordentlich häufig (Le w an dowsky), in einer 
Mehrzahl von Fällen (Seifert), durch den Typus humanus 
hervorgerufen. Trotzdem ist die Anschauung, die Lip- 
schfitz vertritt, sicherlich so verbreitet, daß eine recht 
ausführliche Auseinandersetzung hier angebracht sein dürfte. 
Es sei jedoch bemerkt, daß Seiferts Äußerung der Tuber¬ 
culosis verrucosa im allgemeinen gilt, sich also auf alle 
von ihm genannten Arten dieser Krankheit bezieht, während 
Lewandowsky besonders an die Form der Tuberculosis 
verrucosa denkt, die durch exogene Infektion hervorge¬ 
rufen wird. 

Joseph und Trautmann, Deut. med.Woch. 1902, p. 200, finden 
unter 26.294 Fällen von Hautkrankheiten 47 Fälle von Tuberculosis 
verrucosa, von diesen 6 bei Frauen, 41 bei Männern. Unter ihnen waren 
9 Tischler (21*95°/ 0 ), 8 Schlächter (19 51%)» 5 Schlosser (12* 19%), 4 Kauf¬ 
leute (10%} und der Rest von 16 (37%) verteilt sich unter 13 ver¬ 
schiedene Erwerbsarten. 

Joseph und Trautmann sind die Einzigen, die vergleichende 
Untersuchungen über die Häufigkeit des Vorkommens der Tuberculosis 
verrucosa innerhalb der verschiedenen Berufe angestellt haben. Aus 
diesen Untersuchungen geht hervor, daß die Erwerbsarten, die am meisten 
Läsionen ausgesetzt sind, am häufigsten Tuberculosis verrucosa aufweisen, 
vor allem Tischler — die ja doch keineswegs boviner Infektion aus¬ 
gesetzt sind, dann Schlächter und an dritter Stelle Schlosser, Leute, die 
auch keiner Ansteckung mit Viehtuberkelbazillen ausgesetzt sind. 


*) Riehl und Pal tauf (Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 
1886) schreiben (p. 47), daß Tuberculosis verrucosa durch direkte In¬ 
okulation des Tuberkelgiftes entstehe Die Infektion komme mit größter 
Wahrscheinlichkeit durch kleine Traumen in Gang, die mit infektiösem 
Material oder durch Stiche mit infizierten Instrumenten verunreinigt 
werden. 


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Fönss. 


Die Zahlen haben natürlich den Fehler, daß sie im Verhältnis 
zur Anzahl der Tuberculosis verrucosa-Fälle berechnet sind. Die Be¬ 
rechnung hätte vielmehr im Verhältnis zur Gesamtzahl von Tischlern, 
ßchlächtern und Schlossern in Berlin zum angeführten Zeitpunkt an¬ 
gestellt werden sollen. Die Zahlen sind aber auch mit der angegebenen 
Einschränkung vielsagend. Im Vergleich mit diesen Zahlen werden 
Lassars (Deutsch, med. Wochenschr. 1902, Nr. 40), Wichmanns 
(Deutsch, med. Woch. 1907, Nr. 16) und Heusers (Deutsch, med. 
Woch. 1911, Nr. 6) Zahlen, die ausschließlich Schlächter betreffen, nur 
von sekundärem Interesse. Dagegen sind die Zahlen natürlich insofern 
von großem Interesse, als sie zeigen, wie häufig Schlächter im ganzen 
mit Inokulationstuberkulose infiziert werden. Daß jedoch die Infektion 
bei Schlächtern sozusagen ausschließlich mit bovinen Bazillen stattfinden 
muß, idt im voraus dadurch gegeben, daß bis zu 1 / 9 der Schlachthaustiere 
Tuberkulose haben. 

Klimm er, Beiträge z. Klinik der Tuberkulose, Bd. XIX, Heft 3, 
findet z. B., daß der Tuberkuloseprozentsatz unter dem Vieh in Deutsch¬ 
land im Jahre 1908 von 37*6 (Sachsen) bis zu 13*6 Württemberg) variiert; 
für Brandenburg (Berlin) war der Prozentsatz im Jahre 1904: 16’4, 
1908 :23*3, für Schleswig-Holstein und Hannover (Hamburg) waren die 
entsprechenden Zahlen 30’8, 34'0 und 13*1 und 15’5. 

Lassar hat gefunden, daß im Jahre 1902 ca. 2% der Schlächter 
in Berlin monoregionär 1 ) von Hauttuberkulose befallen waren. Er 
untersuchte nämlich 365 Leute des Berliner Schlachthauspersonals und 
fand 7 mit sicherer Inokulationstuberkulose und 8 mit suspekten Affek¬ 
tionen. Lassar rechnet mit Vs P ro «dll« Tuberc. verruc. cutis unter 
seiner ganzen Klientel. 

Heuser fand im Jahre 1911 3%; handelte sich um keine fort¬ 
schreitenden Fälle, nur der eine war verdächtig auf Lungentuberkulose, 
expektorierte aber nicht. Wichmann fand im Jahre 1906 in Hamburg 
noch größere Zahlen. W. fand nämlich unter denjenigen des Personals 
der Schlachthäuser, die täglich mit Fleisch manipulierten, 4% mit sicherer 
Tuberkulose an Händen und Armen, während 6% verdächtige Symptome 
zeigten. Diejenigen des Personals, die nicht oder nur selten mit Fleisch 
zu tun hatten, waren tuberkelfrei. 

Zum Schluß seien Fabrys Fälle erwähnt, da sie gewissermaßen 
eine Sonderstellung einnehmen. 

F. schildert ausführlich, zuletzt in der Münch, med. Woch. 1909» 
Nr. 35, eine verruköse Form der Hauttuberkulose bei Bergarbeitern 

l ) Es fand sich jedoch eine Ausnahme, die in einer späteren Arbeit 
in der Berl. kl. Woch. 1903, Nr. 3, erwähnt wird. Es bestanden bei 
einem 50jährigen Schlächter verruköse Elemente an den Fingern und 
mehr lupöse oder skrofulodermaartige Elemente an verschiedenen an¬ 
deren Stellen (an beiden Oberarmen, links auf dem Rücken und auf beiden 
Fußrücken). Der Patient kratzte sich sehr viel, wenn er sich entkleidete, 
und auch wenn er im Bett lag. So hat er sich möglicherweise durch 
Kratzen eine polyregionär lokalisierte Inokulationstuberkulose zugezogen. 


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Über Lnpas vulgaris etc. 


235 


(„Bergmannahatittuberkulose“), von der er im Krankenhause zu Dort¬ 
mund 1889—1909 238 Fälle beobachtete. Die ausgesprochenen Prä¬ 
dilektionsstellen der Krankheit sind die Streckseite der Finger und der 
Handrücken, Stellen, die bei der Arbeit am leichtesten verletzt werden. 
Die Krankheit ist also eine ausgesprochene Oewerbekrankheit. Die 
Affektion reagiert auf Tuberkulin, histologisch aber finden sich keine 
Tuberkeln; Fabry meint selbst, man müsse die Krankheit zu den Tuber¬ 
kuliden rechnen. Alle diese Arbeiter sind sehr der Gefahr ausgesetzt, 
Kohlenteilchen in zufällige Yerletzungen hineinzureiben und Lewan- 
dowsky gibt als eine mögliche Erklärung an, daß es sich bei den 
Fabry sehen Fällen um eine Dermatitis mit Hyperkeratosis handeln 
kann, die auf Grund der eingeführten Fremdkörper (Kohlenstaubteilchen) 
entstanden ist. Hiergegen spricht jedoch entschieden, daß die Krankheit 
auf Tuberkulin reagiert. 

Die Stellung der Fabry sehen Krankheit im System läßt sich vor¬ 
läufig nicht als mit Sicherheit festgestellt betrachten, es scheint jedoch 
möglich zu sein, sie zur Tuberculosis verrucosa zu rechnen. 

Selbst wenn wir nun von Fabry8 Fällen absehen 
wollen, so haben Joseph und Trautmanns Unter¬ 
suchungen gezeigt, daß sich die Tuberculosis verru¬ 
cosa cutis vorzugsweise bei Handwerkern findet, 
die häufig Verletzungen ausgesetzt sind, ohne 
Rflcksicht darauf, ob für diese Handwerker eine 
besondere Gelegenheit zu einer Ansteckung 
durch tuberkulöses Vieh besteht oder nicht. 


Es soll jetzt eine Auseinandersetzung über die bak¬ 
teriologisch untersuchten Fälle von Tuberculosis verrucosa 
cutis folgen, die ich in der Literatur gefunden habe, und 
zum Schluß sollen unsere eigenen Fälle angeführt werden. 

Kleine (Zeitschr. f. Hyg. u. Infekt., LII. Bd. 1906, p. 495 n. folg.) 
hat im ganzen 7 Exzisionen, von 6 Schlächtern stammend, untersucht. 
Das Leiden hatte seinen Sitz auf dem Handrücken und den Fingern und 
bot klinisch das typische Bild der Tuberculosis verrucosa. Die Bazillen 
wuchsen langsam auf Glyzerin-Bouillon und waren kurz und dick. Für jeden 
exzidierten Knoten wurden Kälber (und Meerschweinchen) verwandt. 
Keine Kaninchenversuche. Es werden keine weiteren Auskünfte über die 
einzelnen Fälle gegeben, besonders kann man nicht erkennen, ob die 
Fälle Nr. S und 6 von demselben Patienten oder von zwei verschiedenen 
Patienten exzidiert sind. 

Die Fälle Nr. 1, 2, 4, 5 und 7, die beim Einimpfen schon je */«» 
7„ iy„ 2 und 8 Jahre bestanden hatten, zeigten bovinen Typus. Die 


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236 


Fon 88. 


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Fälle Nr. 3 und 6, die l 1 /* bzw. 8 Jahre alt waren, wiesen nur Tuber¬ 
kulose an der Impfstelle und lokale Drüsentuberkulose auf. 

Besonders für diese beiden letzten Fälle würde es von Interesse 
gewesen sein, wenn hiebei auch Kaninchen verwandt worden wären. 

Aus der Beschreibung der Fälle muß man also schließen, daß bei 
7 Exzisionen von 5 Schlächtern, die an Tuberculosis verrucosa (litten, 
5 mal Bazillen von bovinem Typus gefunden worden sind, mit der für 
diesen Typus charakteristischen Virulenz für Kälber, 2 mal sind Bazillen 
von bovinem Typus mit herabgesetzter Virulenz für Kälber gefunden worden. 

Oehlecker (Tuberk. Arb. a. d. Kaiserl. Gesundheitsamt, 6. H. 1907, 
pag. 188): 

O.’s Fall trat bei einem 35jährigen Handwerker auf (die Art des 
Handwerks wird nicht näher bezeichnet), er hatte „längere Zeit" be¬ 
standen, hatte seinen Sitz an einem Finger der rechten Hand. Es be¬ 
stand für den Patienten keine Gelegenheit, von tuberkulösem Vieh an¬ 
gesteckt zu werden. Die kranke Haut soll einige Zeit mit ätzenden 
Mitteln (Pyrogallussäure) behandelt worden sein. Das exzidierte Stück 
wurde subkutan auf zwei Meerschweinchen, ebenso intraperitoneal auf 
zwei verimpft. Die beiden letzteren blieben fortgesetzt gesund, während 
die beiden ersteren von einer langsam fortschreitenden Tuberkulose er¬ 
griffen wurden. Die von diesen Tieren gezüchtete Kultur wuchs üppig 
auf Glyzerin-Bouillon, mit 1 cg dieser Kultur wurde ein Kaninchen 
subkutan geimpft, es wurde am 118. Tage getötet. An der Impfstelle 
eine haselnußgroße verkäste Partie, weder Drüsenschwellung noch andere 
Tuberkulose. 

Der Fall ist als eine Infektion mit humanen Bazillen von herab¬ 
gesetzter Virulenz zu bezeichnen. 

Fibiger und Jensen fuhren in ihrer großen Untersuchungsreihe 
(Berl. kl. Woch., Nr. 42—45, 1908) auch einen Fall von Tb. verruc. cutis 
an (Krankengeschichte Nr. 14), indem sowohl die klinisch-anamnestische 
als auch die bakteriologische Untersuchung gleich ausführlich wieder¬ 
gegeben sind. 

Es handelt sich um einen 46 jährigen Darmhändler, der seinen 
Lebensunterhalt durch das Schlachten und Ausweiden tuberkulöser Kühe 
bestritt, deren Eingeweide er verkaufte. Bei dieser Tätigkeit zog er sich, 
da er keine Fachausbildung hatte, häufig Verletzungen zu, und im An¬ 
schluß an eine derartige Verletzung trat 5—6 Jahre vor seinem Tode 
eine typisch verruköse Tuberkulose auf, die sich nach und nach über 
beide Hände und Unterarme ausbreitete und die Axillardrüsen 
»ergriff. V* Jahr vor seinem Tode bekam er Lungensymptome und 
später Anzeichen einer Urogenitaltuberkulose (-f- T. B. im Katheterham). 

Bei der Sektion fand sich typische verruköse Tuberkulose (+ T. B.) 
an den angegebenen Stellen und tuberkulöses Befallensein der Axillar¬ 
drüsen. In der Hauttuberkulose fanden sioh bovine Bazillen (hoch¬ 
virulent für Kaninchen und virulent für Kälber). Im Harn und in den 


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Über Lupus vulgaris etc. 


237 


Lungen fanden sich dagegen Bazillen, die fast avirulent für Kälber und 
ohne Kaninchenvirulenz waren. 

Der Verfasser glaubt nicht, daß dies eine Doppelinfektion zu be¬ 
deuten braucht, sondern sich auch dadurch erklären läßt, daß die Bazillen 
durch ihr Vorrücken von der Haut nach den inneren Organen in ihrer 
Virulenz abgeschwächt würden. 

In Heusers Fall (Deutsch, med. Woch. 1911, p. 260 u. folg.) 
handelte es sich um einen Schlächter, der durch eine Verletzung mit 
einer Tuberculosis verrucosa digiti II sin. infiziert wurde, die von teil¬ 
weise knotiger (im ganzen 6 Knoten), tuberkulöser Lymphangitis im Ver¬ 
lauf der ganzen Extremität begleitet war. 5 cm vor der Achselhöhle 
endete die Lymphangitis in einen kirschgroßen Tumor. Der Patient 
reagierte deutlich stärker auf Impfung mit bovinem Tuberkulin, als auf 
Impfung mit humanem. 

Die bakteriologische Untersuchung wurde von Möllers vorge¬ 
nommen, und die gegebenen Mitteilungen sollen hier ohne jegliche Ab¬ 
kürzung mitgeteilt werden. 

Eine durch Einimpfung auf Meerschweinchen gewonnene Kultur 
wird am 12. November 1909 auf 2 Kaninchen verimpft. Das eine starb 
zu früh, am 14. November, das andere Kaninchen wurde am 14. Februar 1910 
getötet und es fand sich nichts Krankhaftes. Am 24. Nov. 1909 wurde 
ein drittes Kaninchen geimpft, am 24. Febr. 1910 getötet, bovin. 

Mit der weiter gezüchteten Meerschweinchenkultur wurden am 
25. Febr. 1910 noch ein viertes und fünftes Kaninchen geimpft. Das eine 
derselben starb zu früh, am 5. März 1910, das andere Kaninchen starb 
am 27. März 1910 und hatte kirschgroße Knötchen in den Lungen und 
vergrößerte Axillardrüsen. 

Mit der weitergezüchteten Meerschweinchenkultur wurden am 
9. März 1910 ein sechstes und siebentes Kaninchen geimpft, das eine 
wurde am 7. Juni 1910 getötet, bovin, das andere starb am 6. April, 
keine Tuberkelbazillen. 

Es wurden also im ganzen 7 Kaninchen verwandt. Von diesen 
starben 2 zu früh, die beiden als bovin angegebenen und ein drittes 
starben tuberkulös mit lokaler Drüsentuberkulose und Lungentuberkulose. 
Von den übrigen zwei wurde das eine 3 Monate nach der Impfung ge¬ 
tötet und war frei von Tuberkulose, das andere starb knapp 1 Monat 
nach der Impfung ebenfalls ohne Tuberkuloseerscheinungen. 

Da nichts über andere Untersuchungen außer den Kaninchen¬ 
versuchen berichtet wird, so ist der Fall nicht mit Sicherheit zu beur¬ 
teilen. Nach dem Ausfall der Kaninchenversuche handelt es sich eher 
um humane als um bovine Bazillen. 1 ) 

Wir wollen nunmehr dazu übergehen, über 3 eigene 
Fälle zu berichten, bei denen betreffs der bakteriologischen 
Untersuchung auf Andersens Arbeit zu verweisen ist. 

M Der Fall wird von Heuser als durch Typus bovinus hervor¬ 
gerufen charakterisiert. 


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Fall 1. (Krankengeschichte Nr. 15 in Andersens Artikel und 
in der gesamten Wiedergabe der Krankengeschichten.) 17jähriger Kork¬ 
schneider, der nie einer Ansteckung durch Vieh ausgesetzt war, noch 
über ein Zusammenleben mit tuberkulösen Menschen zu berichten wußte. 
6x4 cm große Affektion an der linken Ferse, die nach einem Fall von 
einer Treppe vor 10 Monaten entstanden war. Keine anderen Tuber¬ 
kuloselokalisationen. Bakteriologische Untersuchung: Typisch human. 

Fall 2. (Krankengeschichte Nr. 13.) 19jähriger Schneider, der nie 
einer'Ansteckung durch Vieh ausgesetzt war, noch von einem Zusammen¬ 
leben mit tuberkulösen Menschen etwas wußte. Die Krankheit batte 
6V| Jahre bestanden und war nach einer Verletzung mit einem Gips¬ 
messer entstanden, zeigte sich als eine 8x37i cm große Aff ktion am 
linken Unterschenkel. Keine anderen Tuberkuloselokalisationen. Bakterio¬ 
logische Untersuchung: human mit herabgesetzter Virulenz. 

Fall 3. (Krankengeschichte Nr. 14.) 20jähriger Kontorist, der nie 
einer Ansteckung durch Vieh ausgesetzt war, noch von einem Zusammen¬ 
leben mit tuberkulösen Menschen wußte. Die Krankheit war vor 
l 1 /, Jahren nach einer Verletzung mit einem Rasiermesser entstanden 
und war eine 4X2 cm große Affektion am dig. II. sin. Keine anderen 
Tuberkuloselokalisationen. Bakteriologische Untersuchung: Atypisch human. 

Bevor wir aus dem oben Angeführten Schlüsse ziehen, 
sei darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Fälle 
dieser kleinen Gruppe von 11 Fällen, die mit Lympban- 
gitis und Drüserituberkulose kompliziert waren, beide durch 
bovine 1 ) Bazillen hervorgerufen waren, so daß die humanen 
Infektionen also hier von leichterer Art sind als die bo¬ 
vinen. Dies wird natürlich nicht angeführt als Tatsache, die 
für das Krankheitsbild der Tuberculosis verrucosa allge¬ 
meine Gültigkeit hat, sondern nur, weil es die unter dem 
Abschnitt Lupus vulgaris angeführte Anschauung stützt, 
daß der Typus bovinus keine leichteren Krankheitsbilder 
erzeugt als der Typus humanus. 


"Wir haben also im ganzen 7 Fälle von Schlächtern, 
alle bovin — was natürlich ist, da Schlächter besonders 
dem ausgesetzt sind, daß ihre Erwerbsverletzungen mit 
Viehtuberkelbazillen infiziert werden — und 4 Fälle aus 
andern Berufen, alle human — auch hier fast selbstver- 

*) Man beachte jedoch die epikritischen Bemerkungen an Heu* 
sere Fall. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


239 


stündlich, da keiner dieser Patienten einer Ansteckung 
durch Vieh ausgesetzt war und Menschen, die nicht Ein¬ 
siedler sind, immer einer tuberkulösen Ansteckung durch 
andere Menschen ausgesetzt sind. 

Sowohl die statistisch-klinischen, alsauch 
die bakteriologisch - klinischen Erfahrungen 
sprechen also entschieden dafür, daß diejenige 
Form von exogener Inokulationstuberkulose, 
die sich unter dem klinischen Bild der Tuber¬ 
culosis verrucosa zeigt — wenn man von ge¬ 
wissen Berufsarten absieht, die einer An¬ 
steckung durch tuberkulöses Vieh besonders 
ausgesetzt sind — vorzugsweise durch humane 
Bazillen hervorgerufen wird. 


In einem Fall von Skrofuloderma bei einem 
10jährigen Mädchen (Krankengeschichte Nr. 22) wurden 
typischhumane Bazillen gefunden, ebenso lautet Lewan- 
dowskys Befund (1. c. p. 7) in seinen drei Fällen. 


Aus dem obigen lassen sich folgende Hauptschlüsse 
ziehen: 

1. Sämtliche kutanenlmpfungen mit humanem 
und bovinem Tuberkulin sind nach dem hier 
vorliegenden Material, das jedoch recht gering 
ist, völlig außer stände, bei einer Hauttuber¬ 
kulose — besonders Lupus vulgaris — festzu¬ 
stellen, ob die Infektion mit humanen oder 
bovinen Bazillen erfolgte. 

2. Man muß annehmen, daß der langwierige Aul¬ 
enthalt in der Haut in gewissem Grade, neben anderen 
Umständen, zu derjenigen Herabsetzung der Virulenz des 
Tuberkelbazillus beiträgt, wie sie sich in einer Reihe von 
Fällen nachweisen läßt. 

3. In der Ätiologie der Lupusfälle spielt die Infektion 
mit humanen Bazillen bei weitem die überwiegende Rolle 


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Fon s s. 


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im Vergleich zu der Bedeutung, die der Infektion mit 
Bazillen des Viehs zukommt. In Dänemark finden sich 
z. B. nach Andersens Untersuchung 86°/ 0 humane Fälle 
und 14% bovine. 

4. Für den klinischen Verlauf des Lupus 
vulgaris ist es gleichgültig, ob die Infektion 
durch Bazillen von humanem oder bovinem 
Typus statttand; beide Infektionsformen geben 
sozusagen gleich viele, mehr oder weniger aus¬ 
gedehnte Fälle, die gleiche Anzahl komplizierter 
und nicht komplizierter Fälle. 

5. Wenn man von der Tuberculosis verru¬ 
cosa bei Patienten absieht, deren Erwerb sie 
besonders einer Ansteckung durch tuberkulöses 
Vieh aussetzt, so wird die verruköse Haut¬ 
tuberkulose, die durch exogene Infektion ent¬ 
standen ist, vorzugsweise durch humane Ba¬ 
zillen hervorgerufen. 

Krankengeschichten. 

Nr. 1. (Figur 1 und 2.) 15jähriger Knabe. Diagnose: Lupus vul¬ 
garis. Bakteriologische Untersuchung: typisch bovin. Das Impfungs¬ 
resultat bovin. 

Papelnmaß: 1 ) Bovin 4—9—10 mm, human 5—7—8 mm. 

Keine Aufschlüsse über Ansteckung durch Menschen, wohnt auf 
dem Lande, hat jedoch nicht mit Tieren zu tun. Die Krankheit bestand 
ca. 2 Jahre, sie hatte dem Aussehen des Leidens nach auf der Haut be¬ 
gonnen, es handelte sich um einen sehr schweren ulzerativen, tiefgehenden 
Fall, der die rechte Seite der Nase einnahm, ferner die ganze Mund¬ 
partie mit Ausnahme des linken Mundwinkels; der Lupus erstreckte sich 
vom Mund abwärts auf den Hals. 

Von Schleimhäuten waren die der Lippe, der rechten Nase, sowie 
des Gaumens ergriffen. Keine anderen Tuberkuloselokalisationeu. Von der 
Behandlung*) günstig beeinflußt. 

Nr. 2. 26jährige Frau. Diagnose: Lupus vulgaris? (Tb. verrucosa?) 
Bakteriologische Untersuchung: Typisch human. Impfung: bovin. 


*) Die Papeln (nach 32°/ 0 Tuberkulineinimpfung) sind nach 24, 48 
und 72 Stunden gemessen. 

*) Unter Behandlung von Hautlupus wird im allgemeinen die lokale 
Lichtbehandlung verstanden, in den späteren Jahren jedoch iür eine 
Reihe von Fällen mit universeller Lichtbehandlung (Lichtbad) kombiniert. 
Wurde eine Exzision vorgenommen, so ist dies immer direkt angeführt. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


241 


Papelnmaß: Bovin 7—11-10 mm, human 3—9—7 mm. 

Vor 7 Jahren Zusammenleben mit einem Patienten mit Lungen¬ 
tuberkulose, Landbewohnerin bis vor 7 Jahren, sie hat in dieser Periode 
ihres Lebens gemelkt und das Vieh versorgt, wohnte in den letzten 
7 Jahren in der Stadt und ernährte sich durch Nähen. 

Die Krankheit hat 6 Jahre bestanden, keine Angaben über voraus¬ 
gegangene Läsion, die Affektion war 3X^ cm groß und saß am rechten 
Schenkel, es fanden sich eine Verrukosa, jedoch nicht stark ausge¬ 
sprochen und zahlreiche kleine Eiterpunkte sowie einzelne pigmentierte 
Knoten, keine anderen Tuberkulosel^kalisationen. Durch Exzision geheilt. 

Nr. 3. 54jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Unsicheres Resultat« Impfung: Human. 

Papelnmaß: Human 12—13—13 mm, bovin 9—11—11 mm. 

Keine Auskunft über Ansteckung durch Menschen, war Land¬ 
bewohner, melkte und besorgte das Vieh, als die Krankheit entstand. Die 
Krankheit begann vor 11 Jahren auf der Haut, oberflächlich, nicht 
ulzeriert, ein einigermaßen gutartiger Fall auf der Haut; über den 
größten Teil der rechten Wange und der Oberlippe verbreitet, ein paar 
einzelne Flecken auf dem Rücken. Außerdem sind das Zahnfleisch, die 
Nasenhöhle und der Larynx ergriffen. Als das Leiden 12 Jahre be¬ 
standen hatte, also ein Jahr nach der Exzision für die bakteriologische 
Untersuchung, entwickelte sich eine, jedenfalls vorläufig, gutartig ver¬ 
laufende Lungentuberkulose. Keine anderen Tuberknloselokalisationen. 
Die Patientin vernachlässigte durchaus ihre Behandlung und das Leiden 
war progressiv, als die Exzision vorgenommen wurde. 

Nr. 4. 33jähriger Mann. Lupus vulgaris. Epitheliom. Bakterio¬ 
logische Untersuchung: Atypisch human. Impfung: Human. 

Papelnmaß: Human 13—12—11 mm, bovin 6—6 — 6 mm. 

Keine Angaben über Ansteckung durch Menschen, war auf dem 
Lande bis vor 27 Jahren (damals 6 Jahre alt) und zwar an einem Ort, 
an dem Kühe gehalten wurden. Die Dauer der Krankheit betrug 
ca. 23 Jahre, Beginn auf der Haut. Progredient ulzerativer Fall, zum 
Schluß mit einem Epitheliom kompliziert, der bösartigste sämtlicher 
Fälle, äußerst ausgedehnt im Gesicht, auf dem Rücken und an allen 
4 Extremitäten. Von den Schleimhäuten waren Larynx und Gaumen be¬ 
fallen. Gutartig verlaufende Lungenafiektion. Keine anderen Tuber¬ 
kuloselokalisationen. Durch die Behandlung nicht zu beeinflussen. 

Nr. 5. 23jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Human mit herabgesetzter Virulenz. Impfungsresultat: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 3—6—7 mm, humane Spur —4—6— mm. , 

Keine Daten über Ansteckung durch Menschen, wohnte auf* dem 
Lande, wo Vieh gehalten wurde, als die Krankheit entstand, nur dann 
und wann mit Melken beschäftigt. Die Dauer der Krankheit betrug 
2 Jahre. Kinderhandgroßer, tief infiltrierter, etwas ulzerierter Fall auf . 
der r. Wange, von suppurierenden Drüsen ausgegangen. Zahlreiche 
Narben nach Drüsenperforationen am Hals. Keine anderen Tuberkulose- 

Arch. f. Dermat. u. Sjph. fid. 128. ja 


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Föns*. 


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lokalisationen. Scheint durch die Behandlung ganz geheilt zu sein, je¬ 
doch mit tief eiügezogeneh Karben. 

Kr. 6. 27jährige Frau, Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: typisch human. Impfung: human. 

Papelnmaß: Human 5—7—6 mm, bovin 3—6—6 mm. 

Der Vater und die Mutter starben an Lungentuberkulose vor 25 
und lö Jahren. Die Patientin wohnte während der Krankheit der Eltern 
bei ihnen. Landbewohner, melkte das Vieh, als die Krankheit entstand. 
Die Krankheit dauerte 26 Jahre. Oberflächliche kinderhandgroße Affektion 
an der r. Wange mit zerstreuten Lupusflecken. Gutartig verlaufende 
Lungenaffektion. Keine anderen Tuberkuloselokalisationen. Trotz lang¬ 
wieriger Behandlung nicht ganz geheilt. 

Nr. 7. 17jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Typisch bovin. Impfung human. 

Papelnmaß: Human 9—13—10 mm, bovin 6—8—8 mm. 

Der Vater hat im 5. Jahre Lungentuberkulose, eine Schwester 
hatte dieselbe Krankheit ein Jahr hindurch. Die Patientin ist Land¬ 
bewohnerin, melkte und besorgte das Vieh, als die Krankheit entstand. 

Die Krankheit hat 7 Jahre gedauert und begann am r. Unterarm. 
Dort findet sich nun eine Narbe von 2*/ f x2 cm mit wenig Knötchen am 
Bande, einzelne oberflächliche Knoten an der linken Wange. Eine recht 
tiefe, ulzeröse Affektion der Schleimhaut der Nase, beider Tonsillen und 
geringe Mitbeteiligung der Uvula. Gutartig verlaufende Lungenaffektion. 
Sonst keine Tuberkuloselokalisationen. Heilte bei der Behandlung recht 
schnell aus. 

Nr. 8. 16jähriger Mann. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Typisch human. Impfung: Human. 

Papelnmaß: Human 6—7—6 mm, Bovin 3—4—4 mm. 

Keine Angaben über Ansteckung durch Menschen oder Vieh (Stadt¬ 
bewohner). Die Affektion hat ein Jahr gedauert, ist eine 1 l / a —1 cm 
große Affektion der r. Wange. Keine anderen Tuberkuloselokalisationen. 
Durch Exzision geheilt. 

Nr. 9. 27jährige Freu. Lupus tulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Human mit herabgesetzter Virulenz. Impfung: Human. 

Papelnmaß: Human 14—12 mm$ Bovin 10—8 inm. 

Kein Aufschluß über Ansteckung durch Menschen, war Land¬ 
bewohnerin, melkte und besorgte das Vieh, als die Krankheit entstand. 
Die Krankheit dauerte 2 Jahre, begann nach einer Drüsenperforatioti auf 
der Haut. B^cht schwerer Fall, doch nur mit geringer Neigung zur 
Ulzeration, über die ganze Nase verbreitet und 3 tm abwärts auf der 
rechten Wange* sowie ein« pfeimiggroße Affektion am Hals. Von den 
Sehleimhäuten waren beide Nasenhöhlen mit Perforation des Septums, 
außerdem Zahnfleisch, Gaumen und reehter hintere Gaumenbögen ergriffen. 
SuppurierCnde Drüsenscbwellungeh am Hals. Sonst keine Tttbörkulose- 
lokaiiaaticmeh. Von der Behandlung recht gut beeinflußt. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


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Nr. 10. öOjähriger Mahn. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Human mit herabgesetzter Yirulenz. Impfung: Human. 

Papehimessuug: Hutuau 20—10 tfem> bovin 7—6 mrk. 

Keine Angaben über Ansteckung durch Menschen. War Land¬ 
bewohner, besorgte das Yieh und melkte es, als die Krankheit entstand. 
Die Krankheit, welche 34 Jahre besteht, scheint nach vereiternden Drüsen 
entstanden zu sein, an denen er als Kind litt. 

Am Hals eine recht tiefgehende, aber nicht ulzerative Affektion, 
ferner stark über das Gesicht verbreitete Herde* am r. Schenkel sugleich 
eine Affektion von 7x5 cm, Von den Schleimhäuten ist die Nasenhöhle 
ergriffen. Sonst keine Tuberkuloselokalisationen. Von der Behandlung 
recht gut beeinflußt. 

Nr. 11. 37jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Atypisch human. Impfung: Human. 

Papelnmaß: human 11—11 9 mm, bovin 8—8—7 mm. 

Kein Aufschluß über Ansteckung durch Menschen; als die Krank¬ 
heit vor 22 Jahren begann, war die Patientin Laudbewohnerin, melkte 
und besorgte das Yieh, in den letzten 12 Jahren Stadtaufenthalt. 

Die Krankheit, die auf der Haut begonnen zu haben scheint, war 
ein schwerer, teilweise recht tief ulzerierter Fall, der sich über das Ge¬ 
sicht, den Hals, den r. Arm, die 1. Achselhöhle, die 1. Nates verbreitete. 
Yon den Schleimhäuten war die Nase befallen mit Perforation des Sep¬ 
tums. Als Kind Drüsenschwellung ohne Perforation am Hals, keine an¬ 
deren Tuberkuloselokalisationeh. Scheint durch die Behandlung ganz 
geheilt zu sein. 

Nr. 12. 33jährige Frau. LupuS vulgaris. Öakteriölogische Unter¬ 
suchung: Typisch human. Impfung: Utimän. 

Papelnmessung: Human 17—2Ö— 0 mm, blasige Äeäktioh. Bovin 
11—1Ä—11 mm, blasige Reaktion. 

Eine Schwester starb vor 12 Jabreh äh Lüflgentüberkulöse, die 
Schwester hat jedofch nicht Während ihrer Krankheit mit ihr zusämmen- 
gewohnt. War Landbewohner! fl bM cä. 10 Jäh re töT Beginn der Krank¬ 
heit, beschäftigte sieh äber weder init Melken, noch versorgte Sie das Vieh. 
Die Krankheit beätäüd 2 Jahre, begärih ffl der Näseiihöhfe. Von der 
Habt Wäreti alle Weichteile dtrt Nase ergriffen, StfWie eine dteimärkstünk- 
große Pärtie auf der r. Wange. Üie Affektiori war tilterätiv, hätte die 
Habt Shit cä. 15 Monäten befallen. Vtot cä. 28 Jahren gähz aupgehSiltes 
Leiden der Khocheh des 1. ÜätfräTifcs tttfd ein Aböteß ätn ]. Atige. Keine 
ähderen ThberktflöselokäiiSätiönett. Vbh där Behandlung recht gut be¬ 
einflußt, die Pätientih büeh eher fort,- betör die Behandlung abge- 
söfclOsken WaT. 

Nri 13. löjähriger Mähn. TubercUlosiS terrtieösä. Bakteriologische 
Untersuchung: H tihiah ihit herabgesetzter Virulenz. Impfung: Botin. 

Papelnmaß: Bovin 7 — 12—13 mm, human 6—10—11 mm. 

Kem Ahfschlöß über Absteckung wedet durch Menschen, noch 
dnTch Yieh. Immer Stadtbewohner, Schneider. Die Krankheit ist 

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5 1 /, Jahre alt und ist nach einer Läsion mit einem Gipsmesser bei einer 
Bandagenentfemung (Fraktur) entstanden. Eine recht oberflächliche 
Affektion von 3 x 37* cm am 1. Unterschenkel. Keine anderen Tuber¬ 
kuloselokalisationen. Geheilt (Exsision). 

Nr. 14. 20jähriger Mann. Tuberculosis verrucosa. Bakteriologische 
Untersuchung: Atypisch human. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 10—11—11 mm, human 6—8—9 mm. 

Keine Feststellung über Ansteckung duroh Menschen oder Vieh. 
Immer Stadtbewohner, Schneider. 4x2 cm große Afiektion am dig. II. sin., 
die nach einer Läsion mit einem Rasiermesser vor 1V* Jahren entstanden 
ist, kein weiteres tielgehendes Leiden. Keine anderen Tuberkulose¬ 
lokalisationen. Von der Behandlung gut beeinflußt, der Patient blieb 
aber fort, bevor das Resultat gesichert war. 

Nr. 15. 17jähriger Mann. Tuberculosis verrucosa. Bakteriologische 
Untersuchung: Typisch human. Impfung: human. 

Papelnmaß: Human 16—14—12 mm, bovin 10—10—12 mm. 

Kein Aufschluß über Ansteckung durch Menscheu oder Vieh. Immer 
Stadtbewohner. 6x4 cm große Affektion an der L Ferse, nach dem Fall 
von einer Treppe vor 10 Monaten entstanden, recht oberflächliche 
Affektion. Keine anderen Tuberkuloselokalisationen. Trotz energischer 
Behandlung nicht ganz geheilt. 

Nr. 16. lljähriges Mädchen. Lupus vulgaris. Bakteriologische 
Untersuchung: Atypisch. Impfung: Human. 

Papelnmaß: Human 7—12—10 mm, Bovin 6—8—10 mm. 

Keine Angaben über Ansteckung durch Menschen oder Vieh. Immer 
Stadtbewohner. Die Krankheit, die „mehrere Jahre* alt ist, besteht aus 
3 ca. markstückgroßen, recht oberflächlichen Flecken auf der 1. Wange, 
am r. Arm und 1. Schenkel. Keine anderen Tuberkuloselokalisationen. 
Nach der Behandlung ganz geheilt. 

Nr. 17. 19jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Atypisch human. Impfung: Human. 

Papelnmaß: Human 10—16 — 13 mm, bovin 9—14—11 mm. 

Die Mutter hatte Lungentuberkulose, soll jedoch 9 Jahre lang 
symptomfrei gewesen sein, ein Bruder starb vor 6 Jahren an Lungen¬ 
tuberkulose. Wohnte nicht mit dem Bruder zusammen, wohl aber mit 
der Mutter. Die Krankheit begann vor 3 Jahren an der Oberlippe, trat 
vor IV« Jahren an der Außenseite der Nase und am 1. Arm auf. Die 
Affektion an der Nase 6X4 cm, teilweise ulzeriert, reicht bis auf die 
r. Wange. An der Oberlippe ein ulzerativer Prozeß 2 1 / a cm und am. 
1. Oberarm eine Narbe von 3x27« cm, in der sich Knötchen finden. 
Drüsenschwellungen ohne Perforation am Hals als Kind. Sonst keine 
Tuberkuloselokalisationen. Scheint durch die Behandlung ganz geheilt 
zu sein. 

Nr. 18. 32jähriger Mann. Lupus vulgaris Bakteriologische Unter¬ 
suchung : Human mit herabgesetzter Virulenz. Das Impfungsresultat un. 


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Über Lupus vulgaris etc. 


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sicher, da sich der Verband über der bovinen Impfung verschoben hatte 
und das Heftpflaster eine starke Irritation zur Folge hatte. 

Papelnmaß: Human 8—10—11 mm. 

Die Mutter des Patienten, mit der er zusammenwohnte, starb vor 
15 Jahren an Lungentuberkulose, war „mehrere Jahre“ krank. Ist Land- 
bewohner und war es auch, als die Krankheit begann, hat aber nichts mit 
Tieren zu tun. Sehr schwerer, teilweise ulzerierter Fall, begann nach 
einer Drüsenperforation von verrukösem Typus im Gesicht vor 21 Jahren. 
Das Leiden ist im Gesicht stark verbreitet, ferner am Hals sowie in ge¬ 
ringerem Grad auf der Brust und den 1. Nates, hier jedoch zu dem 
Zeitpunkt ausgeheilt, an dem eine Exzision für die bakteriologische Unter¬ 
suchung vorgenommen wurde. Von den Schleimhäuten war der Gaumen 
ergriffen. Beständig suppurierende Drüsenentzündungen am Hals. Keine 
anderen Tuberkuloselokalisationen. Eine sehr langwierige Behandlung 
scheint zuletzt Heilung gebracht zu haben. 

Nr. 19. 42jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Typisch human. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 6—7 mm , human 4—6 mm. 

Der Vater starb vor 20 Jahren an ..Brustkrankheit“. Die Patientin 
hat während seiner Krankheit nicht mit ihm zusammengewohnt. Wohnt 
auf dem Lande, melkt und war auch Landbewohnerin, als die Krankheit 
begann. Recht ausgedehnter, teilweise ulzerierter, nicht sonderlich tief¬ 
gehender Fall an der Nase, an beiden Wangen, der Oberlippe, sowie 
geringere Affektion am linken Arm. Dauer 6—7 Jahre. Die Krankheit 
begann an der Schleimhaut der Nase und zwar vor 10 Jahren, außerdem 
war der Gaumen ergriffen. Geheilte Spondylitis vor ca. 20 Jahren. Keine 
anderen Tuberkuloselokalisationen. Von der Behandlung gut beeinflußt. 

Nr. 20. 47jähriger Mann. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Human mit herabgesetzter Virulenz. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 8—10—10 mm, Human 6—8—6 mm. 

Keine Angaben über Ansteckung durch Menschen. Landbewohner, 
melkt und besorgt das Vieh, war auch Landbewohner, als die Krankheit 
begann. Recht stark ausgedehnter, jedoch einigermaßen oberflächlicher, 
aber teilweise ulzerierter Lupus an der r. Wange und am Hals, am 
r. Arm zwei pfennigstückgroße Flecken. Die Krankheit begann vor 
28 Jahren, vermutlich nach einer Drüsenperforation. Drüsenschwellungen 
als Kind. Sonst keine anderen Tuberkuloselokalisationen. Von der Be¬ 
handlung recht unbeeinflußt. 

Nr. 21. (Figur 3—6.) 39jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakterio¬ 
logische Untersuchung: Typisch bovin. Impfung: Human zz Bovin. 

Papelnmaß: Human 3—5—7 mm, Bovin 2—6—7 mm. 

Hat 25 Jahre lang gemelkt und das Vieh versorgt. Kein Aufschluß 
über Ansteckung durch Menschen. Ausgedehnte tiefgehende, teilweise 
ulzerierte Affektion, begann vor 15 Jahren nach einer Drüsenperforation, 
es waren beide Wangen, das Kinn und der Hals befallen, hier jedoeh 
im Wesentlichen Narbengewebe. Drüsensuppurationen seit mindestens 


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16 Jahren, perforative Affektion der linken 4. Rippe, die ein Jahr be¬ 
standen hatte. Gutartig verlaufende Lungenaffektion. Keine anderen 
Tuberkuloselokalisationen. Geheilt. 

Nr. 22. lßjähriges Mädchen. Skrofuloderma. Bakteriologische Unter- 
auchung: Typisch human. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 6—6—7 mm t human 1—3—8 mm. 

Die Mutter hat im 4. Jahr Lungentuberkulose und die Patientin 
wohnt mit ihr zusammen. Sie lebt von jeher auf dem Lande, wo Kühe 
gehalten werden. 

Tief ulzerierte Affektion ohne Lupusknoten, in der r. Angenregion, 
2 Jahre bestehend, sowie auf beiden Wangen; auf der rechten Wange 
jedenfalls von einer Drüsenperforalion ausgegangen. Außer dem Prüseo- 
leiden keine anderen Tuberkuloselokalisationen. Trotz einer langwierigen 
Behandlung beständig eine restierende Infiltration. 

Nr. 23. 28jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Human mit herabgesetzter Virulenz. Impfung: Human, ge¬ 
wissermaßen = Bovin. 

Papelnmaß: Human 6—6—5 mm, bovin 3—6—6 miß. 

Die Mutter starb an Lungentuberkulose, als die Patientin 7| Jahr 
alt war, sie war bei der Mutter. Wohnt auf dem Lande und hat dort 
immer gewohnt, melkt und besorgt das Vieh. Das Leiden besteht seit 
23 Jahren, zeigt sich als eine 8x3 cm große Affektion an der r. Wange 
und dem Ohr, etwas infiltriert und schuppig, nicht ulzeriert. Nach 
einem Trauma Erkrankung des r. Knies im Alter von einem Jahr, mit 
Resektion behandelt. Sonst keine Tuberknloselokalisationen. Von 
Behandlung recht gut beeinflußt. 

Nr. 24. ößjährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Huipan mit herabgesetzter Virulenz. Impfung : Human gewisser¬ 
maßen :z Bovin. 

Papelnmaß: Human 2—6—2—5 mm, bovin 3-3—8 4 VW* 

Der Mann der Patientin bekam vor 9 Jahren Lungentuberkuloset 
nach Angabe ist er jetzt ^ Jahre lang gesund gewesen; die Patientin 
wohnte während seiner Krankheit mit ihm znsammen. Sie war nie einer 
Ansteckung durch Vieh ansgesetzt. Immer Stadtbewohnern. Auf der 
r. Wange eine Affektion von 3x8 cm, 2 Jahre lapg bestehend, nich- 
sonderlich infiltriert, aber kleine Ulzerationen; die Affektion ist ver¬ 
mutlich von einer adhärenten Drüse ausgegangen. Sonst keine Tuber¬ 
kuloselokalisationen. Von der Behandlung gut beeinflußt. 

Nr. 26. 4jäbriges Mädchen. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Typisch human. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 2—6—6 mm, human 1—2—3 mm* 

Immer Stadtbewohner, war nie einer Ansteckung durch Vieh aus- 
gesetzt. Die Mutter war über 2 Jahre lang krank an Lungentuberkulose, 
starb im Dezember 1913. Die Patientin war während der Krankheit der 
Mutter bei ihr. Der Lupus der Patientin begann Ende 1012 — ein Jahr 
vpr dem Tode der Mutter — und bestand 2 l / 2 Jahre, als eine Exzision 


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Über Lupus vulgaris etc. 


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fyr die bakteriologische Untersuchung vorgenommen wurde. JSJwas 
ilißltriprte, nicbj fltyerierte Affektion an beiden Seiten des Halses, an 
der linken Seite 7X2 1 /* cm, an der rechten Seite 67s X 2 cm. Das Leiden 
ist vermutlich von einem Drüsenleiden ausgegangen, da sich eine 
ziemliche, jedoch nicht suppurierende Drüsenschwellung zu beiden Seiten 
des Halses findet. Sonst keine Tuberkuloselokalisationen. Durch die 
Behandlung geheilt. 

Nr. 26. 47jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Human mit herabgesetzter Virulenz. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 4 — 14—16 mm, human 3—6—7 mm. 

Eine Schwester starb vor 5 Jahren an Lungentuberkulose, die 
Patientin wohnte nicht mit ihr zusammen. Landbewohnerin, hat immer 
auf dem Lande gewohnt, melkt dann und wann. Die Krankheit begann 
vor 4 Jahren auf der Schleimhaut der Nase, wurde vor Va Jahr auf der 
Haut bemerkt. Von der Haut sind die ganze weicne Nase und der 
1. innere Augenwinkel von einem etwas infiltrierten, teilweise ulzerierten 
Lupus ergriffen. Gutartig verlaufende Lungenaffektion, sonst keine Tuber¬ 
kuloselokalisationen. Von der Behandlung günstig beeinflußt. 

Nr. 27. 31jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter- 
supbung: Typisch human. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 8—11—10 mm, human 5—4—5 mm. 

Eine Schwester starb an Lungentuberkulose, jedoch erst 10 Jahre 
nach Beginn der Krankheit der Patientin. Wohnte auf dem Lande bis 
vor 16 Jahren, kein Melken, keine Vieh Versorgung. Das Leiden der 
Patientin begann vor 20 Jahren, ist äußerst gutartig, nur ein recht ober¬ 
flächlicher, nicht ulzerierter, teilweise narbenartiger Fleck von 4X5 cm 
am r. Oberarm. Keine anderen Tuberkuloselokalisationen. Geheilt. (Exzision.) 

Nr. 28. 62jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Unsicheres Resultat. Impfung: Human gewissermaßen z: Bovin 

Papelnmaß: Human 3—6—6 mm, bovin 3—6—7 mm. 

Keiji sicherer Aufschluß über Ansteckung durch Menschen (die 
Mutte? starb an „Brustkrankheit“). War bis yor 30 Jahren auf dem Lande, 
hatte damals Landarbeit und melkte, seitdem Stadtbewohner. 

Das Leiden besteht 45 Jahre und nimmt den größten Teil beider 
Wangen und den linken Schenkel ein, sehr tief infiltriert, teilweise 
ulzerativ, ist aller Wahrscheinlichkeit nach vom Drüsenleiden ausge- 
gsngen. Ankylose des 1. Knies nach einer Erkrankung vor 46 Jahren. 
Spnst keine Tuberkuloselokalisationen. Nach der Behandlung recht gut 
beeinflußt. 

Nr. 29. 25jährige Frau. Lupus vulgaris. Bakteriologische Unter¬ 
suchung: Typisch human. Impfung: Bovin. 

Papelnmaß: Bovin 9—15 mm, human 2—3 mm. 

Keine sicheren Angaben über Ansteckung durch Menschen. Land¬ 
bewohnerin, hat immer auf dem Lande gewohnt, melkt. Die Krankheit 
hat 8 Jahre gedauert, ist ein 13x8 cm großer, zusammenhängender, stark 
infiltrierter, teilweise ulzerierter Lupus auf der 1. Wange und am Kinn. 


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Fon88. 


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Linksseitiges Knieleiden mit Resektion, vor 12 Jahren behandelt. Keine 
anderen Tuberkuloselokalisationen. Von der Behandlung gut beeinflußt. 

Klinischer und statistischer Beitrag zur Ätiologie 
des Lupus vulgaris. 

Da es nicht innerhalb der Grenze des Möglichen liegt, 
eine bakteriologische Mas sen Untersuchung der Lnpns 
vulgaris-Fälle vorzunehmen, um zu entscheiden, ob eine 
Infektion mit Menschen- oder Viehtuberkelbazillen vorliege 
— dazu sind die Untersuchungen zu beschwerlich, lang¬ 
wierig und kostspielig — so werden klinische, anamnesti¬ 
sche und statistische Untersuchungen auf diesem Gebiete 
nicht entbehrt werden können. Sie scheinen mir auch, wenn 
die Angaben so genau wie möglich gesondert werden, zu 
Resultaten führen zu können, die wert sind, neben die 
Resultate gestellt zu werden, welche die bakteriologische 
Untersuchung ergeben hat. 

Wenn auch die bakteriologischen Untersuchungen 
allenthalben, wo sie vorgenommen wurden, in entschei¬ 
dender Weise dafür sprechen, daß die Infektion durch 
Vieh als Ansteckungsmoment bei Lupus vulgaris nur 
eine untergeordnete Rolle spielt, so ist doch zu bemerken, 
daß die Abschätzung der Resultate der bakteriologischen 
Untersuchung gerade bei Lupus vulgaris und Tuberculosis 
verrucosa größere Schwierigkeiten als bei anderen Tuber¬ 
kuloselokalisationen bietet. Neben einer bedeutenden An¬ 
zahl völlig typischer Stämme — bei unserm Material, wie 
aus dem vorhergehenden Abschnitt zu ersehen ist, im 
ganzen 13 (10 humane und 3 bovine) — finden sich all¬ 
gemein Stämme mit herabgesetzter Virulenz — unter unserm 
Material 9 hierher gehörende humane Stämme. — Nicht 
ganz selten finden sich auch atypische Stämme — bei 
unserm Material 5, davon 4 atypisch human — und endlich 
kann die Untersuchung in isolierten Fällen ein unsicheres 
Resultat geben — von unserm Material 2 Fälle. — 

Im Anschluß an die im ersten Abschnitt dieser Ab¬ 
handlung gegebene Auseinandersetzung über die Klinik der 


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Über Lupus vulgaris etc. 


249 


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bakteriologisch untersuchten Lupus vulgaris- und Tuber¬ 
culosis verrucosa-Fälle sei hier ein klinischer und stati¬ 
stischer Beitrag zur Ätiologie des Lupus vulgaris gegeben, 
der auf einer genauen klinischen und an amnestischen Unter¬ 
suchung von 156 Lupuspatienten fußt; speziell ist in jedem 
einzelnen Fall nach der Ansteckungsquelle (Mensch oder 
Yieh) geforscht. 

Kochs Äußerungen auf dem Kongreß in London 1901 gaben, wie 
im vorigen Abschnitt geschildert, Veranlassung zu zahlreichen Unter¬ 
suchungen, die das Vorkommen von humaner und boviner Tuberkulose 
betreffen. Bei der Hauttuberkulose gelten diese Untersuchungen vor 
allem der Tuberculosis verrucosa, und da man anfangs nur Fälle bei 
Schlächtern untersuchte, so fanden sich natürlich bovine Bazillen. Bei 
den zuerst untersuchten Lupus vulgaris-Fällen fanden sich dagegen 
humane Bazillen, und erst nach und nach, als mehr und mehr Unter¬ 
suchungen hinzukamen, fanden sich auch — besonders in England — 
bovine Bazillen. Ein Zusammenzählen sämtlicher Fälle zeigt jedoch 
fortgesetzt ein sehr bedeutendes Überwiegen der humanen Fälle, 82% 
gegen 18% bovine. 

Seitdem die Frage Typus humanus oder Typus bovinus brennend 
geworden ist, liegt meines Wissens nur eine klinisch-statistische Unter¬ 
suchung derselben Art vor, wie die vorliegende und zwar Rupps Arbeit 
in der Dermatologischen Wochenschrift, Nr. 5, 1913. Freilich haben 
sowohl Nathan Raw (Brit. med. Joum. 31. Janaar 1903, p. 247 und 
Tuberculosis 1909, p. 295), als auch Engelbreth (Ugeskrift for Läger, 
Nr. 50, 1904 und Nr. 43, 1911, sowie Monatshelt f. prakt. Dermat. 1910] 
eine sehr bestimmte Stellung zur Frage genommen, indem Raw be¬ 
hauptet, daß sowohl Lupus als auch Hauttuberkulose durch bovine 
Bazillen hervorgerufen werde, und Engelbreth sich dahin äußert, daß 
Lupus eine spezifische Viehtuberkulose der Haut und der Schleimhäute 
des Menschen sei. 

Die Argumente, die die beiden Verfasser für ihre sehr 
kategorisch ausgesprochenen Anschauungen anführen, sind 
indessen von sehr umstrittenem Wert, und es sei deswegen 
nicht weiter auf diese Argumentation eingegangen, zumal 
da die Frage längst in dem Sinne gelöst ist, daß Lupus 
durch Bazillen sowohl vom Menschen, als auch vom 
Vieh hervorgerufen werden kann. Was uns jetzt inter¬ 
essiert, ist die Frage, welcher der beiden Bazillentypen 
die wichtigere Rolle als Ansteckungsfaktor bei Lupus 
vulgaris spielt. Es sei jedoch gleich angeführt, daß Engel- 
breths Hauptargument für die Hypothese vom bovinen 


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250 


Fon 8 8. 


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Ursprung des L. y., daß nämlich 9 J l0 der Uupus-Patientep aus 
Fipsens Lyqinstitpt Landbewobper sind, positiv up? 
richtig ist, wie aus der später folgenden Besprechung des 
Materials aqs dem Lysipstitut hervorgeht. 

Rppps Arbeit, die bei Prof. Zieler (Würzburg) 
ausgeführt worden ist, steht auf einer ganz anderen 
Stufe als die von Raw und Engelbreth und die Grund- 
züge der interessanten Resultate, zu denen er kommt, seien 
deswegen hier kurz erwähnt. 

Indem R. sich auf die Arbeiten von Hamei, Bollinger und 
andern stützt, zeigt er zuerst, daß sich der Lupus am häufigsten in 
Gegenden findet, in denen viel Tuberkulose (Lungentuberkulose) unter 
der Bevölkerung herrscht und daß Lungentuberkulose beim Menschen 
und Tuberkulose beim Vieh nicht gleiche Kurven zeigen. 

Ru pp hat ferner, außer genauer objektiver Untersuchung, die 
Anamnese durch besonders sorgfältig zusammengestellte Fragen ermittelt, 
die die Möglichkeit einer Infektion mit Viehtuberkulose bei 72 Patienten 
mit Lupus betreffen. Von diesen waren 14 Stadtbewohner, 68 Land¬ 
bewohner, d. h. sie hatten stets oder lange vor Beginn der Krankheit 
in der Stadt oder aut dem Lande gewohnt. Aber nur bei 23 der Land¬ 
bewohner bestand die Möglichkeit einer Ansteckung durch tuberkulöses 
Vieh. Bei 20 derselben soll mit Sicherheit ein tuberkulöses Leiden bei 
den Kranken selbst oder in ihrer Umgebung, und wohl in den meisten 
Fällen ein tuberkulöses Lungenleiden nachgewiesen sein. Bei 8 der 
14 Stadtbewohner bestand die Möglichkeit einer Infektion mit bovinen 
Bazillen. Ein Fall, der auf eine Infektion durch Vieh besonders suspekt 
zu sein schien, wurde näher untersucht, zeigte sich aber von einer In¬ 
fektion mit Typus humanus herrührend. Für 8 Fälle von Tuberculosis 
verrucosa haben sich ähnliche Untersuchungen anstellen lassen. Von den 
Resultaten sei nur angeführt, daß einer der Patienten ein Stadtbewohner 
war, 7 Landbewohner, drei derselben waren aber nie mit Vieh in Be¬ 
rührung gekommen, nur einer der Patienten war Schlächter. 


Meine eigenen Untersuchungen umfassen, wie 
erwähnt, im ganzen i56 Fälle von Lupus vulgaris; in 
jedem einzelnen Falle sind möglichst genaue Auskünfte 
darüber ermittelt, ob der Betreffende Stadtbewohner oder 
Landbewohner war zu dem Zeitpunkt, als die Krankheit 
zuerst beobachtet wurde, ferner, ob der Betreffende zu 
diesem Zeitpunkt mit tuberkulösen Menschen zusammen¬ 
lebte oder besonders tuberkulös veranlagten Familien an- 


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Über Lupus vulgaris etc. 


251 


gehörte, und endlich, ob der Patient sich mit Melken, 
Viehhüten, Schlachten oder ähnlichem beschäftigte, also 
einer etwaigen Ansteckung durch eventuell tuberkulöses 
Vieh besonders ausgesetzt war. Endlich sind sämtliche 
Patienten auf etwa vorhandene andere Tuberkuloselokali- 
sationen, vor allem Lungentuberkulose, genau untersucht. 

Von den Untersuchten waren 26 Stadtbewohner und 
130 Landbewohner zudem Zeitpunkt, als ihre Kran k- 
heit zuerst wahrgenommen wurde. 

Der Gesamtüberblick über die Ausbreitung des Lupus 
in Dänemark zeigt, daß der Promillsatz für Lupus unter 
der Landbevölkerung 0 72, unter der Stadtbevölkerung 0'61 
beträgt. Die Zahl ist vermutlich für die Landbevölkerung 
etwas zu klein, da dieser Satz nach dem Aufenthaltsort 
des Patienten zu dem Zeitpunkt berechnet ist, zu dem der 
Betreffende zuerst das |.ysinstjtut aufsuchte. 

Die 26 Stadtbewohner sind in zwei Gruppen zu 
teilen, von denen die eine 16 Individuen umfaßt, die ent¬ 
weder positive Auskünfte über die Möglichkeit einer An¬ 
steckung durch Menschen oder Vieh gaben, oder die ob¬ 
jektiv Symptome einer Lungentuberkulose boten. (Nach 
einer von Fibiger in der Hospitalstidende Nr. 51—52/19 1 
gegebenen Übersicht finden sich bei 732 bakteriologisch 
untersuchten Fällen von Lungentuberkulose bei Er¬ 
wachsenen nur 4 oder 5, in denen Bazillen von boyinem 
Typus nachgewiesen sind. Bei Kindern fand man hei 
einer Untersuchung von 134 Fällen 10 mit Bacillen von 
boyinem Charakter. Das Vqrkommen von Lungentuber¬ 
kulose ist also hier als Beweis dafür angenommen, daß es 
wahrscheinlicher ist, daß der Lupus des Patienten durch 
Bazillen hervorgerufen wurde, die vom Menschen herrühren). 

Die andere Gruppe von Stadtbewohnern besteht aps 
IQ Individuen, die über die Möglichkeit einer Ansteckung 
durch Menschen oder Vieh keine Auskunft geben können, 
annh keine Symptome einer Lungentuberkulose bieten. 

ln der ersten Gruppe der 16 Stadtbewohner 
finden sich: 


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252 


Fönss. 


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7 Angaben über ein Zusammenleben mit tuberkulösen 
Menschen zu der Zeit, als die Krankheit entstand; 

8 darüber, daß sie stark tuberkulös veranlagten Fa¬ 
milien angehörten; 

4 Anzeichen einer Lungentuberkulose; der eine dieser 
Patienten war auch noch besonders einer Ansteckung durch 
tuberkulöse Menschen ausgesetzt. 

Bei 2 liegt die Möglichkeit einer Ansteckung durch 
tuberkulöses Vieh vor. 

Die 130 Landbewohner sind in drei Gruppen zu 
teilen: eine von 57 Individuen, die sowohl Angaben über 
eine mögliche Ansteckung durch tuberkulöses Vieh, als 
auch über ein Zusammenleben mit tuberkulösen Menschen 
oder über tuberkulöse Veranlagung machen, oder die Sym¬ 
ptome einer Lungentuberkulose bieten; eine zweite, 
ebenfalls von 57 Individuen, die ausschließlich Auskünfte 
über Melken, Viehhüten oder andere Arbeit mit Vieh geben 
und endlich eine von 16 Individuen, die weder etwas von 
der Möglichkeit einer Ansteckung durch Menschen, noch 
durch Vieh wissen, auch hat niemand dieser Gruppe Zeichen 
einer Lungentuberkulose. 

Für die erste Gruppe von Landbewohnern 
finden sich: 

bei 15 Angaben über ein Zusammenleben mit tuber¬ 
kulösen Menschen; 

bei 15 darüber, daß sie stark tuberkulös veranlagten 
Familien angebören. 

Bei 27 finden sich Anzeichen von Lungentuberkulose, 
bei 7 von ihnen liegen Angaben über ein Zusammenleben 
mit tuberkulösen Menschen vor und 7 andere gehören 
tuberkulös veranlagten Familien an. 

Übrig bleibt also die zweite Gruppe von Land¬ 
bewohnern, die ebenfalls 57 Fälle umfaßt; über 
die Patienten, welche zu dieser Gruppe gehören, besitzt 
man ausschließlich die Auskunft, daß sie besonders mit 
Vieharbeiten beschäftigt waren. Man weiß aber in keinem 
Fall etwas darüber, ob dies Vieh tuberkulös war. Darüber, 
wie groß die Wahrscheinlichkeit einer Tuberkulose beim 


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Über Lapos vulgaris etc. 


253 


Vieh ist, gibt nachfolgende Tabelle Aufschluß, die Tuber¬ 
kulinproben von 1896—1898 umfaßt. 

A ___ K1 Gevunde Reagierende Gans geannde 
Ansaat Tiere Tiere Bestände 

Große Bestände mit 60 Tieren 


und mehr. 122 6033 5254 = 52*9% 0 

Mittelgroße Bestände mit 

10—49 Tieren. 8741 52820 19277 = 26*7% 984 = 25*/, 

Kleine Bestände mit 1 bis 

9 Tieren. 924 4402 1309 = 22*9% 417 = 45*1% 


(Siehe B. Bang: Maanedskrift for Dyrläger, XI. Bd.) 
Wenn man die hier gefundenen Verhältnisse auf die Vieh- 
bestände des ganzen Landes überträgt, so ist anzunehmen, 
daß 29% des Viehs reagieren würden. Für die später ge¬ 
prüften Tiere waren die Zahlen größer, ergab z. B. für 
8307 Tiere im Januar 1899 bis Januar 1900 371% rea¬ 
gierende. In Deutschland ist die Viehtuberkulose innerhalb 
der verschiedenen Bandesstaaten außerordentlich verschie¬ 
den verbreitet (siehe Klimm er: Beiträge zur Klinik der 
Tuberk., Bd. XIX, H. 3). Eine Aufstellung aus dem Jahre 
1908 zeigt für 21 Staaten die T.-Zahl aus den Schlachthäu¬ 
sern von 37*6 (Sachsen) bis 13*6 (Württemberg) schwan¬ 
kend. Auch in Dänemark finden sich, ganz natürlich, ge¬ 
ringe Verschiedenheiten, so z. B. aus den Schlachthäusern 
in Kopenhagen 1898: 29*28%, in Odense 1897: 30 5% (Bang 
1. c.). 1910—1911 und 1911—1912 finden sich in den Schlacht¬ 
häusern Kopenhagens 30'79 und 32 83% Tuberkulose bei 
Ochsen (siehe Bericht der Markt- und Schlachthallen aus 
den genannten Jahren). 

Die oben angeführten Zahlen für die verschiedenen 
Bestände sagen indessen nichts darüber, wie viele der Tiere, 
an infektionsgefährlicher Tuberkulose litten, sondern nur, 
daß sie tuberkulös waren, und von besonderm Interesse 
für unsern Stoff ist es zu sehen, wie gut die kleinen Be¬ 
stände abschneiden. Die Lupuspatienten, welche durchwegs 
aus kleinen Haushaltungen kommen, haben also im Ganzen 
keine besonders großen Chancen durch etwaig tuberkulöses 
Vieh infiziert zu werden, bevor sie aus dem Hause kommen. 
Es sind nun aber nicht so ganz wenig Kinder kleiner Leute,, 
die schon im Alter von 10 Jahren aus dem Hause kom- 


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Fönst. 


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men. So z. B. fanden sich im Jahre 1901 (siehe Warmin g: 
Danmarks Statistik, p. 214—15) im Gänzen 15.800 frenide 
Knaben und 8200 fremde Mädchen in den verschiedenen 
landwirtschaftlichen Betrieben; für das Alter von 15—18 
Jahren ist die Zahl für Männer und Frauen 33.200 bzw. 
27.200, von 18 — 25 Jahren 49.100 und 33.700. 

Eine spätere Statistik für 1908 für die Altersklasse 
10—15 Jahre zeigt bedeutend höhere Zahlen für die 
Knaben (25.200), viel niedrigere für die Mädchen (6100). 
Die höheren Zahlen für die Knaben beruhen sicher auf der 
Jahreszeit (Sommer), da viele Kinder nur in halbjähriger 
Stellung sind. 

Zu welcher Arbeit die Kinder verwandt wurden, geht 


aus folgender Tabelle hervor. 

Knaben Mädchen 

Allgemeine landwirtschaftl. Arbeit .... 6.000 1.700 

Yiehhöten. 17.400 2.600 

Slelken. 100 400 

Feldarbeit. 800 100 

Jäten, Rübenarbeit. 1.400 1.400 


Die Kinder Werden also in überwiegendem Maße zttm 
Yiehh fiten verwandt, außerordentlich selten zom Melken. 

Ferüer ist es Nichtig, darauf aufmerksam zu machen, 
daß die kleinereü LäUdleute — deren Bestände also am 
wenigsten infiziert sind — jüngere Arbeiter haben als die 
größeren. 

Untersucht inafl, iä welchem Alter die öbeü er¬ 
wähnten 57 Patienten, bei denen sich hur Auskünfte über 
Arbeit beitb Vieh finden, ähgesteckt worden sind — von 
diesen Waren 15 über 50 Jahre, 28 ton 25—50 Jahren, 
ll von 15—25 Jahren, und nur 3 unter 15 Jahren — so 
zeigt es sich, daß die Krankheit bei 12 im Alter von 
0—10 Jahren, bei 14 im Alter von 10—15 Jahren begann. 
Für sämtliche Patienten über 20 Jahre, im ganzen 48; be¬ 
gann die Krankheit Vor dem 15. Jahr bei 17 (35*/ 0 )> 

Eine Durchsicht sämtlicher i3o Landbewohner ergibt 
folgende Zahlen: 81 waren über 50 «fahre, der älteste 74 
Jahre, 70 zwischen 25 und 50 Jahren, 29 zwischen 15 und 
25 Jahren und 6 unter 15 Jahren. Der Beginn der Krank- 


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Über Lupus vulgaris etc. 


255 


heit liegt irii Alter ton 0—10 Jahren bei 30, von 10—15 
Jahren ebenfalls bei 30, für sämtliche Fälle übet 20 Jahre 
datiert der Beginn der Krankheit tor dem 15. Jahre bei 
54 (48%). 

Die erste Zahlengruppe (die 35%) hat jedoch ein be¬ 
sonderes Interesse; denn sie deutet darauf hin, daß die 
Ansteckung durch Menschen für diese Gruppe von nicht 
geringer Bedeutung war. 

Yon Interesse ist es ferner die Frage zu erörtern, 
wie viele der Landbewohner melkten, denn bei dieser Be¬ 
schäftigung wird man besonders einer bovinen Ansteckung 
ausgesetzt sein, vorausgesetzt, daß die Kühe Eutertuber¬ 
kulose haben. Im Ganzen haben 88 gemelkt, und unter 
ihnen befinden sich 49, die keine Auskunft über andere 
Ansteckungsquellen angeben. Yon diesen haben 7 Lupus 
an den Händen; im Material sind übrigens 5 Fälle 
von Handlupus bei Landbewohnern gefunden, die nicht 
melkten, ferner 6 Fälle bei Stadtbewohnern. Da sich keine 
Angaben darüber finden, in wie vielen Fällen der Lupus 
primär an den Händen ist, haben die Zahlen nur die Be¬ 
deutung, daß sie zeigen, daß der Lupus an den Händen 
bei den Kranken, die gemelkt haben, nicht besonders häufig 
aufzutreten scheint. 

Durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Professors 
Bernhard Bang wird nachstehend eine Statistik über 
die Verbreitung der Eutertuberkulose in den Jahren 1898 
bis 1912 gegeben werden können. Die Zahlen berichten 
über getötete Tiere, denn Kühe mit Eutertuberkulose wer¬ 
den auf amtliche Veranlassung abgeschlachtet. 

Nach Prof. Bangs Mitteilung darf man die prozentu¬ 
ale Anzahl der wegen Eutertuberkulose getöteten Milch¬ 
kühe in den verschiedenen Kreisen als einen recht zuver¬ 
lässigen Ausdruck für die Verbreitung der Yiehtuberkulose 
in den betreffenden Ämtern betrachten. 

Neben diesen Zahlen für die Verbreitung der Euter- 
tuberkulose in den verschiedenen Ämtern ist eine Statistik 
über die Verbreitung von Lupus vulgaris angegeben, die 
aus sämtlichen Fällen im eigentlichen Dänemark berechnet 


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256 


Fönes. 


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ist, welche das Lysinstitut in der Periode 1896—1913 auf¬ 
gesucht haben — im ganzen 1823. Ferner eine Tabelle über 
die Verbreitung der Lungentuberkulose in Dänemark von 
1906—1909, die von der medizinalstatistischen Abteilung 
der Gesundheitsbehörde durch J. Carlsen herausgegeben 
worden ist. 

Kreis Ribe . . . 

„ A&rhus . . 

* Ringköbing 
„ Vejle . . . 

„ Rändere . 

„ Thisted 
„ Sorö . . . 

„ Holbäk . . 

„ Hjörring . 

„ Viborg . . 

„ Aalborg . 
n Frederiksborg 
„ Prästö . . 

„ Maribo . . 

„ Odense . . 

„ Svendborg 
„ Bornholm 

Da die Zahlen der Entertuberkulose für den Kopen¬ 
hagen er Kreis ans verschiedenen Gründen unbrauchbar 
sind, so ist dieser Kreis nicht mit angeführt. 

Zahlen, von denen die eine Gruppe (die der Lungen¬ 
tuberkulose) für einen Zeitraum von 4 Jahren gilt (1906 
bis 1909, es findet sich nur diese eine Aufstellung), während 
die zweite (die der Eutertuberkulose) für eine Reihe von 
Jahren — 1898 bis 1912 — berechnet ist und die dritte 
(die der Lupusgruppe) sämtliche am Lysinstitut be¬ 
handelten Lupusfälle der Jahre 1896—1913 umfaßt, 
lassen sich natürlich nur mit Vorsicht vergleichen und die 
Schlüsse, die man aus denselben zieht, müssen einen ge¬ 
wissermaßen willkürlichen Charakter bekommen. Trotzdem 
aber glaubte ich, daß es von nicht geringem Interesse 
sei, die obige Tabelle aufzustellen und die nebenstehende 
sehr übersichtliche Kurve zu betrachten, da mir folgende 
drei Dinge aus denselben hervorzugehen scheinen: 

1. Die Kurven für Menschentuberkulose (Lungen¬ 
tuberkulose) und Viehtuberkulose (Eutertuberkulose) ver¬ 
laufen durchaus nicht zusammen. 


Eutertuberkulose Lupus Lungentuberkulose 


1,1 p. 

M. 

1,16 p. 

M. 

8,2 p. M. 

1 

fl 

099 

fl 

8 , 

1 

» 

0,90 

fl 

3,1 » 

0,83 

» 

0,86 

n 

3 „ 

0,76 

» 

0,81 

n 

2,6 „ 

0,63 

n 

0,69 

fi 

2,6 r 

0,6 

i* 

0,54 

n 

1,6 n 

0,46 

fi 

0,62 

n 

1,8 „ 

0,46 

» 

0,61 

fi 

2,6 „ 

0,42 

w 

0,73 

n 

2,6 . 

0,36 

9» 

0,64 

fi 

2,8 „ 

0,34 

» 

0,31 

n 

1,6 « 

0,28 

n 

0,43 

fi 

1,9 , 

0,27 

n 

0,63 

fi 

1,6 „ 

0,22 

9 

0,66 

n 

2,6 „ 

0,19 

n 

0,66 

n 

1,9 „ 

0,06 

m 

0,14 

fi 

2,6 „ 


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Über Lupus vulgaris ete. 


257 


2. Die Lupusknrve folgt nicht der Viehtuberkulose¬ 
kurve. *) 

8. Die Lupuskurve nähert sich dagegen weit mehr 
der Lungentnberkulosekurve. 




. . Menschentuberkulose. 

-Rindertuberkulose. 

Lupus. 


Wie früher erwähnt, ist Hupp auch in Bezug auf 
Deutschland zu dem Resultat gekommen, daß die Verbrei¬ 
tung des Lupus parallel der Verbreitung der Tuberkulose 
(Lungentuberkulose) beim Menschen verläuft und nicht der 
Viehtuberkulosekurve parallel. 

*) Betreffs der Lupuszahl für den Kreis Bornholm ist die Bemer¬ 
kung sn machen, daß Bornholm so isoliert liegt, dafi vermutlich nur 
eine geringe Anzahl der Lnpnspatienten der Insel das Lysinstitut in 
Kopenhagen anfsnchen. 

Arch. f/Dermal. u. Sypb. Bd. 128, yj 


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258 


Fonts. 


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Eine andere Gruppe von Zahlen wird in diesem Zu¬ 
sammenhang auch von Interesse sein und zwar die Zahlen¬ 
angabe über die Verbreitung des Lupus in den Städten 
(Kopenhagen, Frederiksborg und den anderen Städten) und 
den Landbezirken. 

Es ist hier zu bemerken, daß, während die meisten, 
jedenfalls die schwereren Lupusfälle vom Lande früher oder 
später im Lysinstitut landen, dies nicht in demselben Grade 
für die Städte und hier wieder am wenigsten für Kopen¬ 
hagen und besonders Frederiksborg gilt, wo sich sehr leicht 
Gelegenheit zu anderer Behandlung bietet. Andererseits 


Geburtsort. 


a 


Geburtsort 

Haupt¬ 

stadt 

ProvlnsUl- 

stadte 

Land¬ 

bezirke 

Zusammen 


Aufenthaltsort 

Hauptstadt. 

807.606 

83.667 

123.428 

614.741 


Provinzialstädte .... 

19.978 

284.406 

219.808 

628.687 


Landbezirke ... 

42.550 

84.741 

1,470.181 

1,597.422 


Zusammen . . 

870.129 

i 

i 

452.804 

1,812.917 

2,685.850 



ist ein bedeutender Teil der Lupuspatienten der Städte 
vom Lande zugezogen und war vielleicht schon beim Zu¬ 
zug lupös, aber die Abwanderungen der Bevölkerung finden 
doch in nicht ganz geringem Grade auch von der Stadt 
aufs Land statt (siehe obige Tabelle für die Volkszählung 
in Dänemark, 1911, p. 49). 

Am Lysinstitut sind im ganzen 1846 Lupuspatienten 
aus dem eigentlichen Dänemark behandelt worden, von 
diesen waren 474 männlich, 1372 weiblich. Darunter waren 
704 Provinzialstadtbewohner, 1142 Landbewohner z. Zt. 
ihrer Aufnahme ins Institut; von den Landbewohnern 
wohnten 99 in stadtmäßigen Ansiedlungen von über 500 
Einwohnern. 

Will man versuchen, aus diesen Zahlen den Promille¬ 
satz der Lupuspatienten auf dem Lande und in der Stadt 


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Über Lupus vulgaris etc. 


259 


zu berechnen, so bekommt man folgende Zahlen: aut 
1,109.726 Stadtbewohner kommen 704 Lupuspatienten = 
0,63 p. M.; auf 1,647.350 Landbewohner kommen 1142 Lu¬ 
puspatienten = 0,69 p. M. 

Die Zahl für die Lupusausbreitung in der Landbevöl¬ 
kerung wird etwas größer, wenn man Land- und Stadt¬ 
bevölkerung auf andere Weise teilt, indem man die stadt¬ 
mäßigen Ansiedlungen von über 500 Einwohnern zu den 
Städten rechnet. 

Nach der Volkszählung im Jahre 1911, die als Grund¬ 
lage sämtlicher Zahlen dient, wohnten 198.372 Menschen 
in den oben erwähnten stadtmäßigen Orten. 

In den Provinzialstädten und diesen stadtmäßigen 
Ansiedlungen wohnten also im ganzen 1,308.098 Menschen; 
auf diese entfallen 803 Lupuspatienten = 0.61 p. M. 

Zieht man die oben erwähnten 198.372 Menschen von 
den 1,647.350 Landbewohnern ab, so bleiben 1,448.978 und 
auf diese Zahl entfallen 1043 lupöse = 0,72 p. M. 

Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß 
in Dänemark mehr Lupöse auf dem Lande als in der Stadt 
wohnen. Dieser Unterschied aber ist nicht stark ausge¬ 
sprochen und die Zahlen scheinen jedenfalls in recht deut¬ 
licher Weise dagegen zu sprechen, daß der Lupus in der 
überwiegenden Anzahl von Fällen von einer Ansteckung 
durch Vieh herröhrt. 

Zum Schluß seien die Zahlen für Kopenhagen-Frede- 
riksberg und für das ganze Land angeführt: Kopenhagen - 
Frederiksberg 559 398 Einwohner, 351 Lupuspatienten = 
0,63 p. M.; das ganze Land 2,757.076 Einwohner, 1846 
Lupuspatienten = 0,67 p. M. 

Es sei endlich bemerkt, daß Finsen (Über die Be¬ 
kämpfung des Lupus vulgaris, 1902) die Anzahl der Lupus¬ 
patienten in Dänemark auf mindestens 0,5 p. M. der Be¬ 
völkerung berechnet und daß N e i s s e r (Die deutsche 
Klinik, Bd. X, 2, p. 192) durch eine — unvollständige — 
Enquäte die Anzahl der Lupuspatienten in Schlesien und 
Posen ausfindig zu machen suchte. Jadassohn berechnet 

17* 


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260 


F 6 n b s. Über Lupus Vulgaris etc. 


(M r a 8 e k, Hautkrankheiten IV, I, p. 195) die gefundene 
Zahl auf y 4 p. M. der Bevölkerung. 

Zusammenfassung: 

1. Die Kurven für die "Verbreitung der Viehtuber- 
kulose (Eutertuberkulose) und der Menschentuberkulose 
(Lungentuberkulose) in Dänemark verlaufen verschieden. 

2. Die Kurve für die Verbreitung des Lupus schließt 
sich weit mehr der Ausbreitungskurve der Menschentuber¬ 
kulose an, als der der Ausbreitung der Viehtuberkulose. 

3. Infolge einer genauen anamnestischen und objek¬ 
tiven Untersuchung von im ganzen 156 Lupuspatienten — 
26 Stadtbewohnern und 130 Landbewohnern — wird es 
wahrscheinlich, — wenn man gleichzeitig B. B a n g s Unter¬ 
suchungen über die Verbreitung der Viehtuberkulose in 
Beständen von verschiedener Größe berücksichtigt, — daß 
die tuberkulöse Ansteckung in einer Mehrzahl der Fälle 
von Menschen ausgegangen ist. 

4. Bei der Berechnung der gesamten Anzahl der Pa¬ 
tienten des Lysinstituts — 1846 — zeigt es sich, daß die 
Promillezahl für Lupus unter der Landbevölkerung 0,72 
beträgt, für die Bevölkerung der Städte (Provinzialstädte 
-|- stadtmäßige Orte von mehr als 500 Einwohnern) 0,61 
p. M.: Also ein nicht stark ausgesprochenes Übergewicht 
des Lupus unter der Landbevölkerung. 

Das Hauptergebnis lautet: Sämtliche Unter¬ 
suchungen lassen erkennen, daß man von der 
Ansteckung durch Vieh annehmen muß, daß sie 
als Ansteckungsmoment bei Lupus vulgaris 
eine bedeutend geringere Rolle spielt als die 
Ansteckung durch Menschen. 

Die Erklärung der Abbildungen auf Taf. X ist 
dem Texte zu entnehmen. 


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Arch. f. T 



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Aus dem Filialspital „Asyl Meidling“ (Vorstand: Hofrat Prof. Dr. E. Finger) 
und aus der dermatologischen Abteilung des Krankenhauses Wieden 
(Verstand: Primarius Dr. P. Rusch). 


Untersnchungen übet Dicht venerische Gevebsverändernngen 
am änderen Genitale des Weibes. 

Yon Privatdozent Dr. B. Lipschfitz. 

(Mit 1 Textabbildung and Taf. XI u. XII.) 

Einleitung. 

Das Interesse der Venerologen hat sich bisher zu¬ 
meist den infektiösen Erkrankungen des äußeren Genitales 
zugewendet und die bei Gonorrhoe, Syphilis und Ulcus 
venereum auftretenden krankhaften Veränderungen stellen 
heute ein klinisch und ätiologisch nahezu abgeschlossenes 
Kapitel der Pathologie dar. Hingegen wurde den den glei¬ 
chen Sitz aufweisenden nicht venerischen Prozessen, 
wegen ihrer relativen Seltenheit sowie auch wegen ihrer 
geringeren praktischen Bedeutung nur wenig Beachtung 
geschenkt, derart, daß sie selbst in verbreiteten Lehr- und 
Handbüchern kaum oder gar nicht Erwähnung finden. 
Ich habe daher in den letzten Jahren meine Aufmerksam¬ 
keit den am äußeren Genitale des Weibes auftretenden 
nicht infektiösen Hautveränderungen zugewendet; aus 
ihrem Studium glaubte ich nicht nur eine Bereicherung 
unseres Wissens über die Anatomie, Physiologie und Pa¬ 
thologie dieses wichtigen Körperabschnittes zu erlangen, 
sondern auch in differentialdiagnostischer Hinsicht prak¬ 
tisch nicht unwichtige Kenntnisse über unter bestimmten 
klinischen Bildern auftretende Krankheitserscheinungen 
zu gewinnen. 

Es sollen daher in einer Reihe von Mitteilungen 
unsere diesbezüglichen Beobachtungen geschildert werden. 
Da es sich zum Teil um bisher unbekannt oder unbeachtet 


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Lipschütz. 


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gebliebene Yerändernngen des äußeren Genitales bandelt, 
halte ich es ffir nicht überflüssig in der Darstellung des 
Stoffes, bei einzelnen Arbeiten, auch eine Reihe typischer 
Krankengeschichten anzuführen, um nachher epikritisch 
die Rolle der gemachten Beobachtungen in der Pathologie 
und speziell in der Lehre von den Geschlechtskrankheiten 
hervorzuheben. Bei dem fragmentarischen Charakter 
unseres diesbezüglichen Wissens sind die hier gemachten 
Mitteilungen natürlich nicht als abgeschlossen zu betrach¬ 
ten ; sie benötigen vielmehr noch weitere Ergänzung. 

I. 

Beitrag zur Kenntnis des mikroskopischen Baues der Carun- 

cula urethrae. 

Die Veranlassung zur Vornahme von Untersuchungen 
über die Pathologie der unter dem Bilde wulst- und zap¬ 
fenförmiger Verdickungen auftretenden Affektionen des 
vorderen Anteiles der weiblichen Harnröhre, beziehungs¬ 
weise am Orificium urethrae externum, boten zwei Kran¬ 
kenbeobachtungen, die ich in den letzten Jahren zu machen 
Gelegenheit hatte und bei denen es zunächst trotz einge¬ 
henden Studiums unmöglich erschien, zu einer befriedigen¬ 
den Deutung ihres krankhaften Substrates zu gelangen. 
Weder mit den bekannten Bildern chronischer Granula¬ 
tionsgeschwülste (Tuberkulose, Syphilis), noch mit den bei 
Leukämie, Pseudoleukämie, Lymphogranulomatose oder 
bei neoplastischen Prozessen anzutreffenden Bildern ließen 
sich die Ergebnisse der histologischen Untersuchung 
unserer Fälle irgendwie vergleichen. Es erschien mir 
daher in weiterer Verfolgung dieser Frage angezeigt, 
weitere Aufschlüsse von der Vornahme von Untersuchun¬ 
gen über die Pathologie von unter verschiedenen Bildern 
und namentlich unter dem der Caruncula urethrae auf¬ 
tretenden, zapfenförmigen Verdickungen am Orificium ure¬ 
thrae zu erwarten. Das reichliche venerologische Material 
des Krankenhauses bot mir Gelegenheit, die Frage in 
Angriff zu nehmen, wobei es sich auch um so notwendiger 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 263 

erwies, durch eigene Untersuchungen auf diesem Gebiet 
Klarheit zu gewinnen, als in der dermatologisch-venerolo- 
gischen Literatur sich diesbezüglich nur spärliche Angaben 
vorfinden und eine systematische Durcharbeitung dieses 
Kapitels der Pathologie bisher noch von keiner Seite vor¬ 
genommen worden zu sein scheint. 

Trotz einer Reihe meist älterer Arbeiten sind unsere 
Kenntnisse selbst über die kleinen entzündlichen Tumoren, 
die mit dem Namen Harnröhrenkarunkeln allgemein 
bezeichnet werden, noch recht mangelhaft. Bekanntlich 
versteht man unter dieser Bezeichnung verschieden große, 
erbsen- bis bohnengroße, intensiv rot gefärbte, breitbasig 
aufsitzende Tumoren, die zapfenförmig vorspringen, von 
mäßiger Konsistenz sind und auf Berührung leicht bluten. 
Sie nehmen ihren Ursprung von der Schleimhaut der hin¬ 
teren Wand der Harnröhre in der Nähe des Orificium 
urethrae externum. 

Die ältere Literatur über die Harnröhrenkarunkeln 
hat Neuberger zusammengestellt, der auch eine eingehende 
histologische Schilderung dieser Gebilde gegeben hat. 
Welche abweichende Beurteilung diese Angaben gefunden 
haben, geht aus den Mitteilungen von Fritsch hervor, 
welchen zufolge die von Neuberger untersuchten Fälle 
gar nicht dem entsprechen sollen, was die Gynäkologen 
unter Karunkeln verstehen. Letztere stellen nach Fritsch 
eine Erkrankung des Greisenalters dar, im Gegensatz zu 
Neuberger, der sie bei jüngeren Personen beschreibt. 
Auch die Frage der Nomenklatur ist nicht einheitlich 
geblieben, namentlich sei auch auf die von R. Yirchow 
gewählte Bezeichnung „vaskuläre Polypen“ verwiesen, 
womit ihr großer Gefäßreichtum hervorgehoben werden 
sollte. 

In den gangbaren Lehr- und Handbüchern der Ge¬ 
schlechtskrankheiten vermissen wir eine eingehende histo¬ 
logische Beschreibung der Karunkeln. Bei Finger lesen 
wir: „Aus den Skeneschen Drüsen und deren durch 
Reizung bedingten Proliferation scheinen auch die soge¬ 
nannten Karunkeln hervorzngehen, sehr blutreiche, poly- 


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Lipschüts. 


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pöse Wucherungen, die im vorderen Drittel der Harnröhre 
von deren unteren Wand entstehen und als kleine, von 
Schleimhaut fiberzogene Knöpfchen aus dem Orificium 
urethrae hervorragen.* Schilderungen des histologischen 
Baues der Karunkeln werden in den Lehrbüchern der 
Geschlechtskrankheiten vermißt 

Es war daher notwendig in eigenen Untersuchungen 
Aufschluß Aber den Bau der Harnröhrenkarunkeln zu er¬ 
langen. In der Schilderung der Befunde soll dabei von 
der Wiedergabe bekannter und von anderer Seite bereits 
veröffentlichter Angaben abgesehen werden; nur soweit 
sie vergleichsweise mit den eigenen Ergebnissen Beachtung 
verdienen, werden sie in Kürze erwähnt werden. Auch 
muß hier besonders betont werden, daß dieser Teil vorlie¬ 
gender Arbeit nur als Vorstudium für das in pathologisch¬ 
anatomischer Hinsicht besonders bemerkenswerte Bild 
unserer im zweiten Abschnitt niedergelegten Beobach¬ 
tungen gelten darf. 

Ich gehe daher auch nicht weiter auf das bekannte 
klinische Bild der Karunkel ein und wende mich bloß 
seinem histologischen Substrat zu. Wie bereits oben 
erwähnt, hat Neuberger, auf dessen Arbeit hiermit 
besonders verwiesen sei, eine eingehende histologische 
Schilderung der Karunkel gegeben. Nach diesem Autor 
besteht sie aus lockerem, an fixen Zellen armen Bindege¬ 
webe, das von sehr zahlreichen, fast eine kavernöse An¬ 
ordnung zeigenden Gefäßen durchsetzt ist und ein oft 
mächtig entwickeltes, entzündliches Infiltrat aufweist. 
Letzteres setzt sich hauptsächlich aus Plasmazellen 
zusammen, des weiteren fand Neuberger Mastzellen 
speziell im Lumen der erweiterten Gefäße. Bemerkens¬ 
werterweise erwähnt zwar der Autor das Vorkommen 
scharf umschriebener Rundzellenhaufen, ohne jedoch ihren 
Charakter (als lymphatisches Gewebe) näher hervorzuheben 
und zu definieren. Einmal fand er einen größeren Reich- 
tnm an glatten Muskelfasern. Das Epithel war verschie¬ 
dentlich verändert. In den Karunkeln fanden sich drüsige 
Gebilde, auf die ich hier nicht weiter eingehe, da sie 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 265 


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keinerlei Beziehungen zu unseren Ausführungen aufweisen. 
Da Gonokokken auf dem Epithel und in den Drüsen bei 
einem Teil seiner Fälle nachgewiesen werden konnten, ist 
Neuberger geneigt, sie in ätiologischem Konnex, we¬ 
nigstens für einzelne Fälle von Karunkeln zu bringen, 
eine Ansicht, die der Autor mit Lee, Skanzoni and 
Keilmann u. a. teilt (Literatur bei Neuberger). 

Weitere Mitteilungen über die Histologie der Karun¬ 
keln finden sich in einer Inauguraldissertation von Phi- 
lipsthal aus dem Jahre 1898, der vier Karunkeln aus 
der Berliner Universitäts-Frauen-klinik untersucht hat 
und sie folgendermaßen beschreibt: „Die Karunkel besteht 
aus einem bald lockeren, bald festeren, mehr oder weniger 
stark vaskularisierten Bindegewebe, das in Wucherung 
und — wie sich aus der Rundzelleninfiltration schlie- 
ßen läßt 1 ) — in Entzündung begriflen ist Sie ist von 
einem geschichteten Plattenepithel bedeckt, das häufig in 
Form von soliden Zapfen, immer in Form von Drüsen von 
ganz charakteristischem Aussehen in die Tiefe wuchert.“ 

Auf die starke Gefäßbeteiligung am Aufbau der Ka¬ 
runkel weisen auch Liell und Ousset hin; letzterer 
bezeichnet sie als „Angiopapilloin“ (siehe oben Virchows 
„vaskuläre Polypen“). 

Die Untersuchungen von Lange „über die sogenannten 
Karunkeln der weiblichen Urethra“ führe ich hier nur 
unter Berücksichtigung der histologischen Befunde an. Je 
nach den Einzelheiten des anatomischen Bildes trennt 
dieser Autor: Granulome, hypervaskularisierte papilläre 
und teleangiektatische Schleimhautpolypen. Als Zeichen 
der Entzündung wird die Rundzelleninfiltration erwähnt; 
das lymphadenoide Gewebe hat Lange nicht gesehen oder 
doch jedenfalls unerwähnt gelassen. 

Die Arbeiten von H. Williamson (Sections illu- 
strating the structure of three different types of urethral 
caruncle. Transact. of the London Obstetr. Soc. I, p. 6) 
lag mir nur im Referat aus Frommes Jahresberichten 
für Geburtshilfe und Gynäkologie Bd. XIX, 1905, vor: 

*) Von mir gesperrt gedruckt. 


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Lipschfitz. 


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„Williamson veröffentlicht drei Durchschnitte mikro¬ 
skopischer Bilder von drei von ihm und Atlee beschrie¬ 
benen Arten von Urethral-Karunkeln; die erste 
betrifft ein Granulom, die zweite ein Adenom, die dritte 
besteht aus fibrösen Zögen mit dazwischen gelagerten 
Bluträumen.“ 

In einer zweiten Arbeit (Williamson und Atlee, 
A study of certain morbid conditions of the meatus uri- 
narius in tbe female. Journ. of Obstetric. and Gynäk. of 
Brit. Emp. Yol. VI, p. 355,) unterscheiden die Autoren 
zwei Gruppen von sogenannten Urethralkarunkeln, näm¬ 
lich Granulome, die unzweifelhaft entzündliche Produkte 
sind, und gutartige Neubildungen von verschie¬ 
denem Bau, aber aus ähulicheu Elementen wie die Schleim¬ 
haut und ihre Umgebung bestehend (Epithel, Bindegewebe, 
Drösen und Blutgefäße). 

Im wesentlichen stimmen aber alle angeföhrten 
Autoren, die sich mit dem mikroskopischen Bau der 
Karunkel befaßt haben, darin überein, daß es sich in der 
Regel um einen chronisch-entzündlichen Prozeß handelt, 
der eine besondere ausgeprägte Mitbeteiligung der Gefäße 
aufweist Bei keinem Autor findet man jedoch den aus¬ 
drücklichen Hinweis über Auftreten und über stärkere Ent¬ 
wicklung 1 ymphatischen Gewebes am Aufbau der Harn- 
röhrenkarunkel. Selbst in den eingehendsten histologischen 
Schilderungen dieser Gebilde, wie solche von Neuberger, 
Lange und Williamson und Atlee vorliegen, begegnet 
man nur der Beschreibung von „kleinzelliger Rundzellen¬ 
infiltration“ oder von vereinzelt vorkommenden, oft scharf 
„umschriebenen Rundzellenhaufen“ (N e u b e r g e r). 

Wenn ich nun zu einer kurzen Wiedergabe der 
Ergebnisse meiner eigenen Untersuchungen übergehe, so 
sei zunächst vorausgeschickt, daß es sich um klinisch 
typische Fälle bei jüngeren Frauen handelte, von denen 
nur ein kleiner Bruchteil gonorrhoisch infiziert war, so 
daß meines Erachtens dieser Infektion keinerlei 
entscheidende Bedeutung in der Genese der Karunkel 
zukommt. 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 


267 


Die bei meinen Untersuchungen gewonnenen Bilder 
stimmen zwar in den Einzelheiten nicht vollkommen mit¬ 
einander überein, was wohl mit dem Alter, bzw. Stadium 
in der Entwicklung der Karunkel, dem Grade der Ent¬ 
zündung und mit etwaigen vorhandenen, die Karunkel 
komplizierenden Prozessen der Harnröhre Zusammenhän¬ 
gen dürfte. Im allgemeinen finden sich aber auch nach 
meinen Erfahrungen bestimmte Bilder vor; folgende 
Beschreibung, die ich auf Grund der Untersuchung einer 
Reihe von Fällen gobe, entspricht einem Durchschnittsfall. 

Das Epithel zeigt eine fast ausschließlich auf die Retezapfen be¬ 
schränkte Akanthose, während der zwischen ihnen gelegene Anteil sogar 
oft verschmälert und auf ganz wenige Zellreihen beschränkt ist. Die 
Retezellen zeigen normales Aussehen oder sind infolge Vers chm ächti- 
gung des Epithels scheinbar kleiner, indem auf die Basalzellenschicht 
bereits kleine, polygonale, oft abgeflachte Zellreihen (2 — 3) folgen. Die 
verbreiterten Retezapfen reichen gleichmäßig und senkrecht ins Korium 
und zeigen an ihren Enden leicht kolbenförmige Auftreibungen. Hie und 
da findet man eine stärkere Durchsetzung hauptsächlich der akanthoti- 
schen Retezapfen mit in Wanderung begriffenen Leukozyten, jedoch 
kommt es nirgends zu größeren Ansammlungen von Leukozyten oder 
gar zur Bildung miliarer intraepidermoidaler Abszeßchen. 

Entsprechend dem beschriebenen Verhalten des Rete sind die 
Papillen verlängert ; sie ragen weit nach oben, nur mehr von dem stark 
verschmälerten Rete bedeckt und zeigen verschiedene Breite. Sowohl 
die Papillen als auch der subpapilläre und auch die tiefen Anteile des 
Korium zeigen ein mäßiges Ödem und sind der Sitz einer Reihe von 
Veränderungen, die dem histologischen Bilde der Harn- 
röhrenkarunkel eine einigermaßen charakteristische 
Note verleihen. Schon bei oberflächlicher Durchmusterung der 
Schnitte fallt zunächst das Vorkommen von Ansammlungen lymph- 
adenoiden Gewebes besonders ins Auge. (Fig. 1.) Diese treten in der 
Regel in Form einzelner, verschieden stark ausgebildeter, im subpapil¬ 
lären Anteil des Korium sitzender, knotenförmig gestellter. Herde auf, 
denen, wie die nähere Untersuchung lehrt, oft der Charakter echter 
Lymphfollikel mit Keimzentren zukommt. Die Lymphfollikel zeigen zum 
Teil ein mehr gleichmäßiges Aussehen, zum Teil sind sie, in der Regel 
in ihren peripheren Anteilen, hie und da auch im Zentrum von Kapillar - 
schlingen und selbst von größeren, stark erweiterten und strotzend mit 
Blut gefüllten Gefäßchen durchzogen. Im übrigen zeigen die Ansamm¬ 
lungen lymphathischen Gewebes keinerlei Besonderheiten und namentlich 
kommt es in ihnen nirgends zur Wucherung der das bin¬ 
degewebige Stützgerüst bedeckenden Endothelien. 


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268 Lipschütz. 

Im mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang mit den Lymph- 
follikeln findet man hie und da kleinere und auch größere, erweiterte, 
mit flachem Endothelbelag ausgekleidete Lymphräume (Lymphgefäße), 
die in ihrem Lumen mit Lymphozyten vollgepfropft erscheinen. 

Sehen wir von den wohl ausgebildeten Lymphfollikeln ab, so be¬ 
gegnet man nur ausnahmsweise kleineren Verdichtungen von Lympho¬ 
zyten, rings um erweiterte Gefäße, meist untermischt mit anderen, bei 
Beschreibung des Infiltrates näher hervorzuhebenden Zellformen. 

Ein zweites Merkmal, auf das schon bei makroskopischer 
Besichtigung der Karunkel geschlossen werden kann, ist der außeror¬ 
dentliche Gefäßreichtum des Gewebes. Nicht nur begegnet man 
im Papillarkörper, im Korium und selbst in seinen tiefer gelegenen 
Anteilen sehr zahlreichen erweiterten und strotzend mit Blut gefällten 
präexistenten Kapillaren und größeren und kleineren Gefäßchen — Ar¬ 
terien und Venen — sondern man stoßt auch auf zweifellos neu gebil¬ 
dete Gefäßchen. die zumeist Kapillaren entsprechen und an einzelnen 
Stellen der Präparate sowohl durch ihre beträchtliche Zahl als auch durch 
ihre dichte Aneinanderlagerung ein eigenartiges, fast an ein kavernöses 
Gewebe erinnerndes Bild hervorrufen. (Fig. 2.) Man findet dann zahl¬ 
reiche, in ihren Dimensionen großenteils miteinander übereinstimmende 
Gefäßchen, die strotzend mit Blut gefällt sind, noch oben bis zur 
Epidermiskoriumgrenze reichen und nach unten verschieden weit im 
Korium gelegen sind. Zwischen diesen Gefäßneubildungen besteht ein im 
Ödematösen Bindegewebe gelegenes und daselbst recht gleichmäßig aus¬ 
gebildetes Infiltrat, welches nun das dritte für die Harnröhrenkarunkel 
charakteristische Merkmal abgibt. 

Das Infiltrat fällt die verlängerten Papillen aus, erstreckt sich im 
Stratum subpapillare, umgreift die Ansammlungen des lymphatischen 
Gewebes und setzt sich recht schütter in die Tiefe fort, wo es rings 
um stark erweiterte Gefäßchen stärker ausgeprägt erscheint. In den 
Papillen reicht es bis nahezu an die Epidermiskoriumgrenze heran. Es 
setzt sich aus spärlichen Lymphozyten und sehr reichlichen Plasmazellen 
zusammen, während polynukleäre Leukozyten in der Regel in den Hin¬ 
tergrund zu treten pflegen; hie und da begegnet man eosinophilen 
polynukleären Leukozyten. Das Infiltrat scheidet in den Papillen die 
ansteigenden, maximal erweiterten, strotzend mit Blut gefällten Kapillar¬ 
schlingen ein und gruppiert sich im Stratum subpapillare ebenfalls rings 
um die erweiterten Gefäßchen. Dabei kommt es auch zu stärkeren, 
herdförmigen Ansammlungen, die dann vornehmlich aus Plasmazellen, 
manchmal mehr oder weniger reichlich mit Lymphozyten untermischt, 
bestehen. Nach unten zu löst es sich in einzelne, zerstreut im stark 
ödematösen Gewebe gelegene Zellgruppen auf, die hauptsächlich aus 
Plasmazellen bestehen. In diesen tieferen Koriumanteilen lassen sioh 
auch verhältnismäßig spärliöhe, mäßig vergrößerte, geschwollene Binde- 
gewebszellen nachweisen. 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 269 

An den Gefäßen sind im allgemeinen, wenn wir von den Merk* 
malen der subaknten Entzündung absehen, keine pathologischen Verän¬ 
derungen festzustellen. Einzelne sind maximal erweitert und stellen 
förmliche „Seen“ dar. In ihrem strotzend mit Blut gefüllten Lumen findet 
man reichlich polynukleäre und eosinophile mehrkernige Leukozyten. 
Rings um die Gefäße findet man das oben erwähnte, dicht gefügte Infiltrat. 
Hämorrhagien wurden nicht angetroffen (beim Fehlen von Komplikationen.) 

Fassen wir das bei der histologischen Untersuchung 
der Harnröhrenkarunkel für gewöhnlich anzutreffende 
Bild zusammen, so handelt es sich um ein subakut 
entzündliches, ödematöses Gewebe, das sowohl 
durch seinen Gefäßreichtum und durch die be¬ 
sondere Anordnung der erweiterten Gefäßeben 
als auch durch das Vorhandensein von präexi¬ 
stenten, knotenförmigen Ansammlungen lymph- 
adenoiden Gewebes charakterisiert ist und 
dessen Infiltrat durch seinen Reichtum an 
Plasmazellen ausgezeichnet ist. Die Epithelverän¬ 
derungen sind unwesentlich, die Akanthose betrifft aus¬ 
schließlich die Retezapfen. (Auf die drüsigen Gebilde der 
Karunkel wird hier nicht eingegangen.) 

Einzelne Fälle weichen in ihrem histologischen Bau 
von dem hier geschilderten Typus ab, und zwar wechseln 
die Veränderungen sowohl in quantitativer als auch in 
qualitativer Art. Bei stärker ausgebildeter Entzündung 
besteht Ödem des Epithels selbst mit Bildung rundlicher 
Lücken (Lymphlücken) im Rete. Die Veränderungen im 
Korium können sich ebenfalls verschieden gestalten. Das 
entzündliche Infiltrat ist oft mehr umschrieben in den 
subepithelialen Anteilen des Korium lokalisiert und weist 
nur spärliche Bildung von Lymphfollikeln auf. In den 
tieferen Anteilen besteht ödem und eine mäßige Vermeh¬ 
rung und Schwellung der fixen Bindegewebszellen. Die 
Gefäße — Arterien und Venen sowie kleinere, präkapillare 
Gefäße — durchziehen das Bindegewebe, sind in der Regel 
erweitert, zeigen geschwellte Endothelien und sind mit 
Blut gefüllt. Sie zeigen bald stärker, bald schwächer aus¬ 
geprägte Zellinfiltrate; letztere setzen sich aus Lympho¬ 
zyten und Plasmazellen zusammen, die Leukozyten treten 


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Lipachüt z. 


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stark zurQck. In einzelnen Präparaten fanden wir auch 
— offenbar iufolge sekundärer Schädigungen — zahlreiche 
freie Erythrozyten im Gewebe. 

Anschließend an die bekannten klinischen Bilder der 
Caruncula urethrae seien hier noch zwei Veränderungen 
am Orificium urethrae besprochen, die in einzelnen Fällen 
zur Beobachtung gelangten; es sind dies 1. der Polypus 
endourethralis und 2. das Papilloma periure¬ 
thrale. 

Ad 1. Der Polypus endourethralis stellt sich in Form 
eines kaum linsengroßen, in die Länge gestreckten, also 
elliptisch geformten, an seiner Basis oft leicht eingeschnürten 
Fortsatzes des knapp hinter dem Orificium urethrae externum 
gelegenen Anteiles der hinteren Harnröhrenwand dar. Sub¬ 
jektive Beschwerden fanden wir durch dieses Gebilde fast 
nie ausgelöst. Um es nachzuweisen, empfiehlt es sich die 
Labien des Orificium urethrae externum auseinander zu 
ziehen und im klaffenden Zustand ein wenig nach hinten 
zu drücken, worauf der Polyp in der Harnröhrenöffnung 
erscheint. Er wird von glatter Schleimhaut bekleidet und 
ist von dunkelroter Farbe, nimmt jedoch bei bestehender 
Entzündung einen mehr düsterroten Farbenton an und 
blutet dann leicht, namentlich bei instrumenteller Behand¬ 
lung der Harnröhre. Seine Entfernung ist daher angebracht 
und erfolgt leicht durch Scherenschlag. 

Die bei mehreren dieser Gebilde durchgeführte 
histologische Untersuchung hat für den Polypus endoure¬ 
thralis ein dem Bau der Caruncula urethrae im 
wesentlichen ähnliches Bild ergeben. 

Auch hier lassen sich graduelle Unterschiede nach- 
weisen, indem das eine Mal das entzündliche Infiltrat 
stärker, das andere Mal schwächer ausgebildet ist. Die 
Veränderungen des Epithels sind meist unwesentlich; 
infolge des vorgewölbten Infiltrates kommt es häufig zu 
einer Verschmächtigung des Rete, ödem, Erweiterung der 
Gefäße mit Schwellung ihres Endothels, scharf abgesetzte 
Ansammlungen lymphatischen Gewebes und erweiterte, mit 
Lymphozyten voll gepfropfte Lymphräume (Lymphgefäße) 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 


271 


bilden auch hier die wesentlichen Merkmale des histologi¬ 
schen Bildes. Dazu gesellt sich das entweder diffus 
angeordnete oder mehr umschriebene entzündliche Infiltrat, 
das ans Plasmazellen, Lymphozyten und spärlichen eosino¬ 
philen polynukleären Leukozyten zusammengesetzt ist, 
während auch hier die neutrophilen Leukozyten — bei 
nicht komplizierten Fällen — stark zurücktreten. Im 
ödematösen Bindegewebe findet man eine mäßige Vermehrung 
der fixen Bindegewebszellen. HämorrhagieD, die gelegent¬ 
lich zur Beobachtung gelangen, dürften auf Traumen zurück¬ 
zuführen sein. 

Ad2. VomPapillomaperiurethrale, das klinisch 
von dem durch Prolaps der Harnröhrenschleimhaut ent¬ 
stehenden Bildern wohl zu trennen ist, hatte ich Gelegen¬ 
heit zwei Fälle klinisch zu verfolgen und histologisch zu 
untersuchen. 

Das Papilloma periurethrale stellt ein die Harnröhren¬ 
öffnung allseits umfassendes, halbkugelförmig vorspringen¬ 
des, oft über kreuzergroßes Gebilde dar, das in die Vulva 
vorragt. Es ist von glatter Schleimhaut überzogen und 
fühlt* sich weich-elastisch an. Die Harnröhrenöffnung er¬ 
scheint durch das wulstige Vorspringen des Gebildes oft 
scheinbar verlegt; sie liegt im Zentrum des letzteren, wovon 
man sich durch Einfuhren des Katheters leicht überzeugen 
kann. 

Ich habe in beiden zur Beobachtung gelangten Fällen 
zu therapeutischen Zwecken die Zirkumzision des Gebildes 
vorgenommen und den dabei gesetzten geringgradigen 
Defekt des vorderen Anteiles der Harnröhre durch Naht 
geschlossen. Der eingelegte Verweilkatheter konnte schon 
nach wenigen Tagen entfernt werden. 

Die histologische Untersuchung hat einen vom Bau 
der Caruncula urethrae etwas abweichenden Befund ergeben, 
indem die entzündliche Komponente hier in den Hinter¬ 
grund gedrängt erscheint. Auch hier wurde zunächst eine 
stärkere Ausbildung des lymphatischen Gewebes — 
entweder in Form kleinerer, umschriebener Lymphfollikel 
mit Keimzentren oder als mächtige diffuse Ansammlungen 


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272 


Lipschätz. 


lymphadenoiden Gewebes — festgestellt; es liegt fast stets 
subepithelial, während die mittleren und tieferen Anteile 
des Gewebes bloß ein wellig verlaufendes Bindegewebe 
aufweisen, in dem zerstreut angeordnete Lymphozyten und 
gewucherte fixe Bindegewebszellen enthalten sind. Mäßiges 
ödem, Gefäßerweiterung und geringgradige Zellinfiltration 

— Lymphozyten und spärliche Plasmazellen — rings um 
zahlreiche Gefäße, die im Gegensatz zur Earunkel nirgends 
ein schwellkörperähnliches Bild zeigen, sind die patholo¬ 
gischen Merkmale der tieferen Gewebsschichten des peri¬ 
urethralen Papilloms. 

Diese kurze Schilderung des histologischen Substrates 
der Caruncula urethrae dürfte ausreicheu, um das Ver¬ 
ständnis der im zweiten Abschnitte vorliegender Arbeit 
mitzuteilenden Beobachtungen zu ermöglichen. Der wich¬ 
tigste und für die Harnröhrenkarunkel hier nachdrücklich 
betonte Befund des Vorkommens typischen lym- 
phatischenGewebes — Lymphfollikel mit Keimzentren 

— findet eine wesentliche Stütze in den Untersuchungen 
von Otto Sachs über die normale Histologie der weib¬ 
lichen Harnröhre. Denn Sachs konnte das Auftreten 
lymphatischen Gewebes in letzterer schon als physiologi¬ 
sches Vorkommnis nachweisen und auch zeigen, daß unter 
pathologischen Verhältnissen — z. B. bei Scharlach — 
die Lymphfollikel der Harnröhre eine beträchtliche Ver¬ 
größerung erfahren. Weichselbaum hatte schon über 
lymphatisches Gewebe in der Schleimhaut der Harnblase 
berichtet, während Chiari das Vorhandensein von Lymph- 
follikeln oder von lymphatischem Gewebe in diffuser Aus¬ 
breitung in der weiblichen Harnröhre nur unter patho¬ 
logischen Verhältnissen gelten lassen will. Über das Vor¬ 
kommen lymphatischen Gewebes am äußeren Genitale 
liegen systematische Untersuchungen überhaupt nicht vor. 
Carrard beschreibt in Kürze Lymphfollikel in den kleinen 
Labien. In der Tierreihe ist aber das lymphatische Gewebe 
am äußeren weiblichen Genitale in der Regel stark ans¬ 
gebildet; im Ende der Harnröhre finden sich Lymphfollikel 
massenhaft beim Hunde, bei der Katze und beim Schaf. 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 


273 


Bei allen Tierarten bilden Lymphfollikel einen typischen 
Bestandteil der Schleimhaut des Yestibulum vaginae. Bei der 
Hündin lassen sich Lymphfollikel in Form makroskopisch 
sichtbarer Knötchen in der Vorhofschleimhaut nachweisen; 
sie finden sich ferner im Präputium parietale der Klitoris etc. 
Wir werden in dem nun folgenden zweiten Teil der Arbeit, 
der den eigentlichen Gegenstand und den Ausgangspunkt 
meiner Untersuchungen betrifft, auf diese hier in Kürze 
erörterten Befunde noch genauer einzugehen haben. 

Literatur 

1. Neuberger. Über die sogenannten Kamnkeln der weiblichen 
Harnröhre. Berl. klin. Woch. 1894. pag. 468 ff. — 2. Fritsch. Handb. 
f. Gynäk. von Veit. 1897. — 3. Virchow, R. Die krankhaften Geschwülste. 
Bd. III. — 4. Finger, E. Die Blennorrhoe der Sexualorgane. 1891. — 
5. Philipsthal. Dissertation Berlin 1898. — 6. Lange, M. Zeitschrift 
f. Gyn. 1903. Bd. CXLVIIL Über die sogenannten Karunkeln der weib¬ 
lichen Urethra. — 7. Williamson, H. und Atlee. Ref. aus Frommes 
Jahresberichten für Geburtsh. und Gyn. Bd. XIX. 1905. — 8. Sachs, 0. 
Beiträge zur Anatomie und Histologie des weiblichen Urethralwulstes. 
Wiener klm. Woch. 1911. Nr. 41. — 9. Chiari. Lymphatisches Gewebe 
in der Schleimhaut des harnleitenden Apparates des Menschen. Wiener 
med. Jahresbericht, pag. 9. 1881. — 10. Car rar d, Henri. Zeitschrift für 
Geburtsh. Bd. X. p. t>6. 


II. 

über eine besondere Form einer lokalisierten lymphatischen 
Erkrankung der Haut, bzw. der Schleimhaut am Äußeren 
Genitale des Weibes. 

Als Gegenstück der Carnncula urethrae hatte ich 
Gelegenheit, zwei Fälle zu beobachten, die dieser klinisch 
ähnlich, jedoch histologisch sich von ihr verschieden er¬ 
wiesen. Die pathologischen Gewebsveränderungen, die im 
lymphatischen Anteil der Schleimhaut am Urethralwulst 
lokalisiert waren, zeigten keine Zugehörigkeit zu den 
bisher bekannten Erkrankungsformen des lymphatischen 
Systems, vielmehr scheinen sie eine ganz besondere Art 
einer Gewebsreaktion darzustellen. Da die Kenntnis dieser 
Fälle von allgemein pathologischem Interesse ist, möchte 

Arcb. f. Dermal. □. Syph. Bd. 188. ]Q 


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Lip schütz. 


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ich sie hier mitteilen, wobei jedoch betont Werden muß, 
daß über die Natur des Erkrankungsprozesses und seine 
Einreihung im pathologisch-anatomischen System erst durch 
das Studium weiterer ähnlicher Beobachtungen, vielleicht 
sogar an anderen Körpergegendeu und Geweben wird 
endgültige Klarheit erreicht werden können. 

Ich lasse zunächst die klinische Beschreibung der 
beiden Fälle und der Ergebnisse ihrer histologischen Un¬ 
tersuchung folgen. 

Fall I. Cz. A., 26 Jahre alt, ledig, Hilfsarbeiter in, sachte im Früh¬ 
ling 1909 die Ambulanz der dermatologischen Abteilung des Wiedener 
Krankenhauses auf und wurde am 20./V1I. 1909 auf Zimmer 80 der 
Abteilung zur näheren Untersuchung aufgenommen. 

Anamnese: Patientin gibt an, früher stets gesund gewesen zu 
sein. Seit kurzer Zeit bestehen Schwellung und ein unbehagliches Getühl 
an der Harnröhrenmündung. Kein Partus, kein Abortus. Menses regel¬ 
mäßig, ziemlich stark. 

Status praesens vom 20/VII. 1909: Kräftige, gesund aussehende 
Frau. Befund der inneren Organe vollkommen normal. Keine Drüsen¬ 
schwellung in inguine nachweisbar. Die nachträglich vorgenommene 
Blutuntersuchung (Dozent Dr. LeoPollak) ergab vollkommen normalen 
Befand; Wassermann sehe Reaktion negativ. 

Das äußere Genitale zeigt normales Verhalten. Aus dem Qrificiuln 
urethrae läßt sich spärliches Sekret exprimieren, das hauptsächlich aus 
Epithelien besteht und keine Gonokokken enthält. Im klaren Ham weder 
Eiweiß noch Zucker. 

Entsprechend dem vordersten Anteile des Septum urethrovaginale 
findet man unterhalb des Orificium urethrae einen rüsselförmig vor¬ 
springenden, von gelblich rötlicher, etwas ödematöser Schleimhaut be¬ 
kleideten, mäßig derben Zapfen. Auf Druck verschwindet die Rötung, 
wobei eine blaßgelbe Verfärbung zurückbleibt. Das Gebilde ist auf Druck 
nicht schmerzhaft. 

Bei oberflächlicher Ansicht an die Bilder der Carun- 
cula urethrae einigermaßen erinnernd, erschienen mir 
sowohl der eigenartige, von der düsterroten Farbe der 
Harnröhrenkarunkel stark abweichende Farbenton als auch 
die vermehrte Konsistenz des Gebildes auffallend genug, 
um eine histologische Untersuchung durchzuführen. Es 
wurde zunächst eine Probeexzision vorgenommen, später 
ein größerer Teil des vorspringenden Zapfens abgetragen 
und in Alkohol und Zenker scher Flüssigkeit fixiert. 


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Ober Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 275 


Def Rest der Wucherung blieb zurück und ermöglichte 
eine weitere klinische Beobachtung. 

Wie hier angeführt werden soll, hat eine auf fast 
Jahre reichende Beobachtung der beim besten Wohlsein 
gebliebenen Kranken ein fast unverändertes Bild an der 
Harnröhrenöffnung erkennen lassen; in klinischer Hinsicht 
kann somit die Prognose der Affektion (siehe Ergebnis 
der anatomischen Untersuchung des Falles II) als günstig 
bezeichnet werden. 

Histologischer Befand: Das Epithel ist nur wenig verändert; 
es besteht eine geringgradige Akanthose des Epithels, die mittleren 
und oberen Anteile des Rete zeigen mäßiges ödem, wobei die einzelnen 
Zellen etwas vergrößert, die Interspinalräume etwas verbreitert erscheinen. 
Letztere zeigen an mehreren Stellen durchwandernde, polynukleäre 
Leukozyten. 

Die wesentlichen Veränderungen betreffen die Bindegewebsschicht. 
Sowohl das Stratum papillare und subpapillare als auch die tieferen 
Anteile des Gewebes sind stark ödematös; die Bindegewebsfasern sind 
locker gefugt, derart, daß zwischen den Kollagenbündeln verschieden 
begrenzte Lücken entstehen. Die fixen Bindegewebszellen sind vermehrt 
und geschwellt und zeigen eine spindelige oder sternförmige Gestalt mit 
hellem Kern. Hie und da knapp unter dem Epithel gelegen, des weiteren 
aber auch in den tieferen Anteilen der Bindegewebsschicht findet man 
Lymphozyten entweder diffus angeordnet und einzeln gelegen oder sie 
treten zu kleineren Haufen oder selbst zu größeren Schwärmen zusammen. 

Mono- und polynukleäre eosinophile Zellen lassen sich in 
mäßiger Zahl nachweisen; sie liegen einzeln und zerstreut angeordnet, 
namentlich in den tieferen Anteilen der Bindegewebsschicht, beteiligen 
sich jedoch nicht am Aufbau der noch zu beschreibenden Knoten. 

Mast- und Plasmazellen begegnet man in geringer Menge; in den 
Knoten und Strängen werden sie vermißt. 

Polynukleäre neutrophile Leukozyten sind nur spärlich vorhanden. 
Rote Blutkörperchen kommen frei im Gewebe nur sehr spärlich und 
meist in den oberflächlichen Schichten gelegen vor, wo sie höchstwahr¬ 
scheinlich auf mechanische Traumen des Urethralwulstes zurückzufuhren 
sind. 

In den subepithelialen Anteilen der Bindegewebsschicht, zum Teil 
auf einzelne Abschnitte begrenzt auch in tiefer gelegenen Abschnitten, 
begegnet man fernerhin zahlreichen, geschwellten Bindegewebszellen, die 
namentlich dadurch gekennzeichnet sind, daß sie zwei- oder vielkemig 
sind. Es sind dies geblähte, spindelige oder sternförmig gestaltete Zellen, 
die ein schwach eosinrot gefärbtes Plasma besitzen und 2—5 und mehr 
hell gefärbte, bläschenförmige Kerne aufweisen. Dabei liegen die Korne 
in der Regel nicht exzentrisch peripher angeordnet, sondern zentral, 

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27g Lipschütz. 

ähnlich den Kembildern der polymorphkernigen Leukozyten. Diese 
mehrkemigen Bindegewebszellen liegen in größerer Zahl, jedoch einzeln 
angeordnet im Bindegewebe und scheinen miteinander durch Fortsätze, 
die sie in die Spalträume des Bindegewebsgerüstes senden, verbunden, 
derart, daß sie ein Maschenwerk bilden. 

Das ödematöse, locker gewebte Bindegewebe enthält sahireiche 
erweiterte, nach den verschiedenen Richtungen verlaufende Gefaßchen. 
Einzelne zeigen Schwellung des Endothels und werden von kleineren, 
umschriebenen Lymphozytenhaufen eingescheidet. Die elastischen Fasern 
sind etwas auseinander gedrängt und vermindert. 

Als wichtigstes histologisches Merkmal des Falles (finden wir bei 
der Durchsicht der Serie Zellknoten und -stränge auftreten, die 
eine genaue Beschreibung beanspruchen. Zunächst begegnen wir Knoten, 
wie sie uns aus der histologischen Schilderung der Caruncula urethrae 
bekannt geworden sind und die typische Lymphfollikel darstellen, 
mit kleineren, dunkler sich färbenden Lymphozyten in der Peripherie 
der Follikel und mit echten Keimzentren: größere und heller sich färbende 
Lymphozytenhaufen im Zentrum der Knoten. Diese Stränge und Knoten 
liegen vornehmlich in den mittleren und tieferen Anteile der Schnitte, 
zeigen im Durchschnitt rundliche oder etwas längliche Form und ver¬ 
schieden große Durchmesser; die größten nehmen bei schwacher Ver¬ 
größerung des Mikroskopes nahezu das ganze Gesichtsfeld ein. Unter¬ 
einander stehen die Knoten und Stränge nicht in unmittelbarer 
Verbindung, während allerdings in dem zwischen den erwähnten Gebilden 
befindlichen Bindegewebe reichliche Mengen diffus und einzeln gelegener 
Lymphozyten nachzuweisen sind. 

Die Begrenzung der Knoten ist meist recht scharf; nur bei einzelnen 
ist die Peripherie lockerer gefügt als das Zentrum, derart, daß eine Auf¬ 
lösung des Knotens in zerstreut angeordnete Lymphozytenreihen erfolgt 
die dann in einem besonders deutlich hervortretenden Retikulum liegen. 

Die Zahl der Knoten und Stränge ist verschieden. 

Bei genauerer Betrachtung zeigen sie im allgemeinen den gleichen 
Bau. Größere Gefäßästchen als Zentrum oder Ausgangspunkt wohl 
ausgebildeter Knoten werden regelmäßig vermißt, hingegen durchziehen 
einzelne Kapillarschlingen die peripheren Anteile der Knoten. 

Die Gebilde setzen sich aus Lymphozyten zusammen, die in einem 
zarten Bindegewebsretikulum liegen, und zeigen daher größte Ähnlichkeit 
mit den Anhäufungen von lymphadenoidem Gewebe, die wir bei der 
histologischen Beschreibung der Caruncula urethrae angeführt haben und 
die auch schon normalerweise in der weiblichen Hamröhrenwand 
angetroffen werden (Sachs). Zwischen den Lymphozyten treten jedoch 
in den meisten Knoten und Strängen sowohl spärliche und einzeln 
gelegene als auch größere und zusammenhängende, zentral oder exzentrisch 
im Knoten gelegene Zellkomplexe auf, die durch ihr morphologisches 
und tinktorielles Verhalten besondere Beachtung verdienen. Es sind 
dies große, rundliche oder polygonal gestaltete Zellen mit einem zentral 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 277 

gelegenen, bläschenförmigen, hell gefärbten Kern und einem wohl 
aasgebildeten, homogenen, breiten, mit Eosin gefärbten Plasma. Auch 
diese dicht nebeneinander gelagerten Zellen liegen, wovon man sich in 
dünnen Schnitten leicht überzengen kann, in einem zarten Bindegewebs- 
retikulum eingebettet. 

Zwischen diesen Zellen findet man schließlich kleinere und 
namentlich auch besonders große Riesenzellen, die 20—30 und selbst 
mehr peripher angeordnete Kerne enthalten. 

Degenerative Veränderungen, Nekrose lassen sich nirgends in den 
Knoten nachweisen. 

Über das gegenseitige Verhalten der großen, gewucherten, al* 
Endothelien zu deutenden Zellhaufen zu den Ansammlungen lymphatischen 
Gewebes lassen sich mannigfache Bilder feststellen; nur sehr selten treten 
die Lymphozyten zurück, ohne jedoch ganz zu verschwinden, während 
die Kndothelzellen im Knoten vorherrschen. In der Regel bilden letztere 
nur den geringeren Anteil des Knotens, in dem sie sich, im Durchschnitt 
betrachtet, unter recht verschiedenen Formen repräsentieren: Rundlich, 
länglich, unregelmäßig begrenzt, als ein- oder mehrfach vorkommender 
Zellkomplex oder kreuzförmig oder mit Fortsätzen versehen, je nach 
Masse und Wachstumsrichtung der Zellhaufen. 

In einzelnen Knoten kommt es zur Ausbildung verschieden großer 
und verschieden gestalteter Lymphräume und „Lymphseen“, die einen 
schmalen Endothelbelag zeigen und in ihrem Lumen hie und da 
zusammengeballte, freiliegende Zellhaufen aufweisen. Diese setzen sich 
neben spärlichen Lymphozyten aus großen Zellen, vollkommen ent¬ 
sprechend den in den Knoten nachgewiesenen, zusammen, wobei auch 
hier teilweise noch das Retikulum zwischen den Retezellen erhalten 
geblieben ist. 

Von diesen innerhalb der Knoten zur Ausbildung gelangenden 
Lücken und Lymphseen trennen wir die an zahlreichen Stellen der 
Schnitte nachzuweisenden, ausschließlich mit Lymphozyten gefüllte, 
gewissermaßen von ihnen infarzierte Lymphgefäße — Bilder, wie sie 
beim lymphatischen Gewebe und daher zuweilen auch bei der Caruncula 
urethrae angetroffen werden. Hier finden sie sich jedoch in größerer 
Zahl und liegen zum Teil in den Knoten selbst, zum Teil in einiger 
Entfernung von ihnen, im ödematösen Bindegewebe. 

Die Färbung der Schnitte auf Bakterien mit den Methoden von 
Gram und Ziehl-Neelsen hat zu keinem positiven Ergebnis geführt. 

Fall II. S. S., 21 Jahre alt, ledig, Friseurin, aufgenommen am 
24. Jänner 1917 (Prot.-Nr. 45) auf die Abteilung tür geschlechtskranke 
Frauen, „Filiale Meidling 4 . 

Anamnese: Familienanamnese ohne Belang. Pat. gibt an, im 
Jahre 1913 wegen Fluor, Bartholinitis und Papulae ad genitale auf der 
Klinik Finger in Behandlung gestanden zu sein; sie erhielt 10 Ein¬ 
spritzungen mit Hg salicylicum. Die Schwellung an der Harnröhren- 
öffnung soll seit 3—4 Monaten bestehen und angeblich langsam wachsen, 


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ihr jedoch keinerlei Beschwerden bereiten. Die Deformität des rechten 
kleinen Labium soll nach einem Trauma in der Kindheit bestehen. Kein 
Partus, kein Abortus. Regelmäßige Menstruation. 

Status praesens vom 24./I. 1917: Leukoderma nuchae. 
Urethritis subacuta. Bartholinitis catarrhalis sinistra. 

Das rechte große Labium ist auf das Doppelte seines ursprünglichen 
Volumens vergrößert, es fühlt sich teigigweich an und ist auf Druck 
nicht schmerzhaft. 

Das rechte kleine Labium zeigt im oberen Drittel eine Einschnürung, 
durch die der oberste Anteil schürzenförmig herunterhängt. 

Auch das Präputium clitoridis ist etwas vergrößert, von weicher 
Konsistenz, auf Druck nicht schmerzhaft. 

Aus der Urethra läßt sich spärliches Sekret exprimieren; es besteht 
aus Epithelien und Bakterien; Leukozyten und Gonokokken fehlen. 

An der Innenfläche des linken kleinen Labium besteht mäßige 
Sekretion nach chronischer Bartholinitis mit einer linsengroßen Narbe 
nach vorangegangener Operation. 

Unterhalb des Orificinm urethrae entsprechend dem vorderen 
Anteile des Septum urethro-vaginale besteht eine polypös vorspringende, 
geschwulstähnliche Bildung, die folgende Merkmale aufweist: Die Ober¬ 
fläche ist glatt, von ausgesprochen gelblich-rötlichem Farbenton, etwas 
odematÖ8, auf Druck nicht schmerzhaft. Auf leichte Kompression ver¬ 
schwindet die rötliche Farbenkomponente gänzlich, es bleibt bloß ein 
blaßgelber, einigermaßen an Plasmom erinnernder Farbenton zurück. 
Die Konsistenz des Gebildes ist mäßig derb. 

Durch seichte Einkerbungen der Oberfläche setzt sich der Tumor 
aus mehreren Anteilen zusammen: Ein erbsengroßer Anteil sitzt knapp 
vor dem Oriflcium urethrae externum; ein zweiter, fast die Hauptmasse 
des Tumors ausmachender Anteil springt ins Vestibulum bürzelformig 
vor; ein dritter Anteil ist nach oben zu, gegen die Vagina, gerichtet. 
Der Längsdurchmesser des Tumors, parallel zur Urethra gelegen, beträgt 
etwa 2 <m, der Querdurchmesser ca. 1 cm (siehe Lichtbild). 

Die Wassermannsche Reaktion positiv. 

In beiden Leistengegenden sind multiple, indolente, derbe Drüschen 
zu tasten. 

Nach den vor einer Reihe von Jahren bei der 
Beobachtung des Falles I gemachten klinischen Erfahrungen 
lehnte ich hier die Annahme einer gewöhnlichen Karunkel 
ab und versuchte durch Probeexzision des zapfenförmigen 
Vorsprunges an der hinteren Lippe des Orificium urethrae 
externum und histologische Prüfung die Diagnose zu 
verifizieren. Allerdings paßte das chronische ödem der 
rechten Labien und zum Teil auch des Präputium clitoridis 
nicht recht zu dem Bilde des Falles I und nachdem, im 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 279 


Gegensatz zu diesem Fall, eine vor mehreren Jahren 
akquirierte Lues vorlag, wurde ebenfalls versucht, die 
Zugehörigkeit dieser Veränderungen zum krankhaften 
Prozeß am Septum urethro-vaginale durch die histologische 
Untersuchung festzustellen, worüber weiter unten ausführ¬ 
lich berichtet wird. Am 8./II. wurde daher auch der obere 
Anteil des (eingerissenen) rechten kleinen Labium entfernt 
und zur Hälfte für die histologische Untersuchung eingelegt, 
zur Hälfte jedoch auf drei Meerschweinchen intraperitoneal 
verimpft. 



Mit Rücksicht auf die Lues wurde auch eine antisyphili¬ 
tische Behandlung durchgeführt (9 ganze Spritzen Hg 
salicylicum und 3 Neosalvarsaninjektionen, im ganzen 165 
Neosalvarsan), wodurch am 22/III. eine negative Sero¬ 
reaktion erzielt wurde, ohne daß jedoch ein irgendwie 
merklicher Einfluß auf die beschriebene Affektion hätte 
wahrgenommen werden können. 

Die weitere eingehende Untersuchung der gut genähr¬ 
ten, kräftig aussehenden Patientin ließ auch keinerlei 


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Anhaltspunkte für Tuberkulose nachweisen. Bei der sub¬ 
kutanen Prüfung mit Alttuberkulin in Dosen von 1,2 und 
5 mg des Präparates war weder eine allgemeine, noch 
eine örtliche Reaktion am Erkrankungsherd festzustellen; 
eine mäßig ausgebildete Stichreaktion trat nur nach der 
letzten Dosis von 5 mg anf. Entsprechend diesen Ergeb¬ 
nissen zeigten auch die zwei Monate nach der Impfung 
getöteten Meerschweinchen keine Zeichen von Tuberkulose. 

Auch an den inneren Organen war ein durchaus 
normaler Befund zu erheben. Der von Primarius Anhauch 
festgestellte Blutbefund war auch nicht imstande, zur 
Klärung der klinischen Deutung der Affektion beizutragen; 
er lautete: 


Hämoglobingehalt nach Fleischl . . . . 82%» 
Zahl der roten Blutkörperchen .... 4,000.000, 
Zahl der weißen Blutkörperchen .... 7.020, 

davon Neutrophile .63%. 

kleine Lymphozyten.20%, 

große Lymphozyten.9%? 

große Mononukleäre.3%, 

Übergangsformen.2%, 

Eosinophile.3%, 

Mastzellen . 0. 


Am 13./IV. 1917 wurde Patientin entlassen. Während 
ihres zehnwöchentlichen Spitalsaufenthaltes konnte keinerlei 
Veränderung an dem nicht exzidierten Anteile des Urethral¬ 
wulstes und fernerhin auch keine Zunahme des Volumens 
der inguinalen Drüsen wahrgenommen werden. Bemerkens¬ 
wert war nun das Ergebnis der anatomischen Untersuchung. 

Histologischer Befund: Zur histologischen 
Untersuchung verwendete ich Exzisionsmaterial sowohl 
vom zapfenförmigen Vorsprung an der hinteren Lippe des 
Orificium urethrae externum, als auch ein größeres Stück 
der rechten kleinen Schamlippe. 

Das Material wurde meist in Zenker scher Flüssigkeit 
fixiert, in Paraffin eingebettet und zum großen Teil in 
Serien zerlegt. Die Schnitte wurden mit Hämalaun-Eosin, 


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Über Oeweb8veränderuugen am Genitale des Weibes. 281 


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ferner nach Weigert, Mallory, Gram und haupt¬ 
sächlich nach Giemsa gefärbt. 

Ich lasse nun die ausführliche Schilderung der bei der 
Durchsicht von verschiedenen Blöcken angehörenden Schnitt¬ 
serien gewonnenen Bilder folgen, um nachher zusammen¬ 
fassend das Wesentliche des krankhaften Prozesses hervor¬ 
zuheben. 

a) Exzisionsmaterial vom zapfenförmigen 
Fortsatz an der unteren Lippe des Orificium 
urethrae externum, bzw. von dem knapp dahinter 
befindlichen Anteil des Septum urethro-vaginale. 

Die Epi t hei Veränderungen sind deutlich ausgebildet, zeigen aber 
keine für die Affektion charakteristischen Merkmale. 

Das Stratum comeum ist stellenweise gut erhalten mit länglichen, 
gut gefärbten, spindeligen Kernen versehen. Stratum granulosum und 
lucidum fehlen an einzelnen Stellen, an anderen ist. ersteres deutlich za 
sehen. Das Rete malpighi ist verbreitert und sendet zahlreiche kurze 
und breite Zapfen m die Tiefe, wo sie sich hie und da noch teilen, 
ähnlich manchen Bildern des breiten Kondyloms. An einzelnen Stellen 
findet man jedoch das Rete zwischen je zwei wuchernden Zapfenbildungen 
verschmälert, so daß die meist breiten Papillen weit nach oben reichen, 
nur noch von einer meist zweireihigen Zellage des Epithels bedeckt. 

Die mittleren und oberen Anteile des Rete zeigen ein nach oben 
zu mäßig zunehmendes Ödem, wobei die einzelnen Retezellen etwas 
vergrößert, die Interspinalräume erweitert erscheinen. Mäßig zahlreiche, 
in Wanderung begriffene und daher längliche Kerne aufweisende Leuko¬ 
zyten durchsetzen an vielen Stellen das Rete. 

Als bemerkenswertes histologisches Detail führe ich schließlich an, 
daß in den obersten Anteilen des Epithels hie und da Gruppen von oft 
über ein Dutzend unweit voneinander gelegenen, ungleich großen, im 
Durchschnitt kugeligen oder blasigen Gebilden zu sehen sind. Sie sind 
scharf konturiert und bieten entweder ein vollkommen homogenes 
Aussehen dar, wobei sie sich mit Eosin schön leuchtend rot färben oder 
sie zeigen, wovon man sich namentlich bei stärkerer Vergrößerung 
überzeugen kann, einen wabigen oder schaumigen Bau, indem in ihnen 
stärker lichtbrechende und daher dunkler erscheinende rundliche Anteile 
enthalten sind. Einzelne dieser Körper, die an n Corps ronds“ erinnern 
und beim Fehlen des Kernes wohl als hyaline Degeneration von Retezellen 
oder Anteilen letzterer zu deuten sind, erscheinen sehr zart oder fast 
gar nicht gefärbt. 

Die Epithelbindegewebsgrenze zeigt einen welligen Verlauf 
und ist überall deutlich ausgeprägt. 


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Das Stratum papillare und subpapillare zeigen ein ausgesprochenes 
Ödem, wodurch die Bindegewebsfasern oft auseinander gedrängt werden 
und größere und kleinere, eckig begrenzte Lücken entstehen. In diesem 
lockeren, ödematösen Gewebe verlaufen mäßig zahlreiche kapillare und 
präkapillare Blutgefäße mit schön erhaltenem, oft eine mäßige Schwellung 
zeigendem Endothelbelag. Die fixen Bindegewebszellen sind vermehrt 
und treten als längliche, spindelige oder sternförmige Zellen mit hellem 
Kern und länglichen Ausläufern versehen, hervor. Weiterhin finden sich 
zerstreut angeordnete Lymphozyten und Plasmazellen, während Leuko¬ 
zyten nur vereinzelt zu sehen sind. In einzelnen Papillen kommt es 
auch zur Ausbildung eines um erweiterte Kapillarschlingen angeordneten, 
stärker umschriebenen Infiltrates, das aus durcheinander gemengten 
Lymphozyten, Plasmazellen und gewucherten Bindegewebszellen zusammen¬ 
gesetzt ist. 

Im Zusammenhang mit dem Ödem des Bindegewebes begegnet 
man an einzelnen Stellen, sowohl knapp unterhalb der Retezapfen als 
auch in tiefer gelegenen Gewebsanteilen stark erweiterten, ungleich großen 
Lymphräumen (?), die, wo sie dicht bei einander liegen, einen fast 
kavernösen Charakter annehmen. Sie zeigen einen niedrigen Endothel¬ 
belag und einen krümmeligen, schwach rötlich gefärbten Inhalt (Lymphe?) 
mit spärlichen zelligen Elementen. 

Die mittleren und tieferen Anteile des Bindegewebes zeigen 
ebenfalls Ödem, stärkere Erweiterung der es durchziehenden Blutgefäße 
und einzelne, zerstreut gelegene, vermehrte und geschwellte Binde¬ 
gewebszellen, hie und da Lymphozyten und Plasmazellen. Hier treten 
nun als besonders ins Auge springende Gebilde Knoten und Stränge 
auf, die das wesentlich Krankhafte des Prozesses ausmachen 
und eine genaue Schilderung erheischen (Fig. 8). 

Wir unterscheiden zunächst größere Knoten von rundlicher Form 
und mäßig scharfer Begrenzung, die sich vom Bindegewebe deutlich 
abheben und gewissermaßen als selbständige Gebilde, in ihrem Verlauf 
keinesfalls an Blutgefäße gebunden erscheinen und ferner zahlreiche 
Übergänge zu kleineren Knoten von recht unscharfer Abgrenzung, die 
sich oft an ein Blutgefäß anschmiegen oder es allseits umfassen. In 
ihrer einfachsten Form setzen sich die kleineren Knoten aus Zellen vom 
Typus der Lymphozyten zusammen, die, wovon man sich an zahlreichen 
Stellen leicht überzeugen kann, in einem zarten Bindegewebsretikulum 
liegen. Von anderen Zellarten lassen sich hie und da eine oder einige, 
mäßig geschwellte Bindegewebszellen nachweisen. 

Weiterhin finden wir größere Knoten, die im wesentlichen den 
gleichen Bau, wie die beschriebenen kleineren Zellhaufen zeigen, aber 
reichlich Plasmazellen enthalten. Dabei sind bei den kleineren Bildungen 
Lymphozyten und Plasmazellen oft durcheinander gemischt, während es 
bei den größeren Knoten zu einer gewissermaßen topographischen Schei- 
. düng der zwei Zellarten gekommen ist, indem die Lymphozyten das kom¬ 
paktere Zentrum, die Plasmazellen den dünneren Mantel abgeben. 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 283 


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Als dritte Zellart, die dem krankhaften Prozeß erst 
den Stempel des Eigenartigen aufdrückt, finden wir in 
zahlreichen Knoten und Strängen, große helle Zellen 
auftreten, mit rundliehem, länglichem oder elliptischem, 
hell gefärbtem Kern und breitem, meist homogenem, 
deutlich Eosinfarbe annehmendem Plasma vom Typus 
gewucherter und geschwellter Endothelzellen. (Fig. 4) 
Indem auf die genaue zytologische Schilderung noch weiter unten ein¬ 
gegangen werden soll, muß hier hervorgehoben werden, daß sich hie 
und da kleinere und selbst größere Knoten vorfinden, die in zahlreichen 
Schnitten, die beschriebenen großen Endothelzellen vermissen lassen, 
daß aber andererseits Knoten, die nur diese Zellart, ohne 
Lymphozytenmantel zeigen würden, an keiner Stelle mit 
Sicherheit anzutreffen waren. Das eine Mal waren die durch 
ihren helleren Farbenton von den dunkel gefärbten Lymphozytenmassen 
gewissermaßen als „Nester“ sich abhebenden Endothelzellenhaufen bei 
der Durchsicht der Schnittserie weit zu verfolgen, das andere Mal 
zeigten sie nur geringe Durchmesser. 

Nach dieser übersichtlichen Schilderung der das Wesentliche des 
krankhaften Prozesses ausmachenden, im ödematösen Bindegewebe 
zerstreut liegenden Knoten und Stränge gehe ich nunmehr auf eine 
genauere Beschreibung des feineren anatomischen Baues dieser Gebilde ein. 

Fassen wir einen derartigen typischen Knoten ins Auge, so findet 
man neben dem Lymphozytenmantel besonders auffallend das Vor¬ 
handensein der oben erwähnten hellen Zellhaufen, wobei sich jedoch 
von einander abweichende Bilder ergeben können. Die Zellhaufen sind 
entweder spärlich oder reichlich au9gebildet, zentral oder exzentrisch 
im Knoten gelegen und in einfacher Zahl oder in Form mehrerer, oft 
ungleich großer, von einander getrennter Zellhaufen vertreten. Das 
gegenseitige quantitative Verhalten der zwei morphologisch und 
tinktoriell so leicht zu trennenden Zellmassen ist durchaus verschieden. 
In der Regel bildet der Endothelzellenhaufen den Kern, den mantelartig 
die Lymphozyten einhüllen. Hie und da erscheinen erstere in sehr 
geringer Menge oder fehlen bei kleineren Knoten in einer Reihe von 
Schnitten. Andere Male sind sie deutlich ausgebildet und dementsprechend 
der Lymphozytenmantel stark verschmälert. Ausnahmsweise läßt sich die 
Trennung der beiden Zellarten schwer vornehmen, indem sie durcheinander 
gemischt erscheinen. 

Während die Lymphozyten einen kleinen, rundlichen, mit Kern¬ 
farbstoff tief dunkel gefärbten Kern besitzen und fast kein Zytoplasma 
erkennen lassen, sind die Endothelzellen durch ihre rundliche oder 
polygonale Gestalt gekennzeichnet, mit einem zentral gelegenen, meist 
bläschenförmigen, sehr hell sich färbenden Kern mit chromatischer 
Struktur und breitem, hellrot gefärbtem Protoplasma. Durch dichte 
Aneinanderlagerung bilden die Endothelzellen größere und kleinere 


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Lipsobütz. 


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Haufen; an geeigneten dünnen Stellen läßt sich jedoch einwandfrei 
nachweisen, daß die hellen Endothelien, ebenso wie die 
Lymphozyten in einem zarten Bindegewebsreticulum ein¬ 
gebettet sind. 

Zwischen den Endothelien treten kleinere und namentlich größere 
and selbst auffallend große „Riesenzellen* auf, die sehr zahlreiche — 
bis 60 — Kerne enthalten und bizarre Obergangsformen zeigen. Sie 
sollen noch weiter unten eingehend beschrieben werden. 

Die größeren Knoten sind besonders in ihren peripheren Anteilen 
von kapillaren Gefäßen durchzogen. Größere Gefaßdurohschnitte, die auf 
die Beziehungen der Knoten zum Gefäßsystem hinweisen würden, lassen 
sich bis auf einzelne weiter unten zu besprechende Ausnahmen nicht 
nachweisen. 

Während die hier gegebene Beschreibung dem Durchschnittsbilde 
der meisten Knoten und Strange entspricht, finden wir bei anderen eine 
Beihe histologisch bemerkenswerter Einzelheiten, die für die Deutung 
der Affektion und für das klinische Verständnis einzelner Symptome von 
besonderer Bedeutung sind. 

Zunächst findet man in einzelnen Knoten ein stärkeres Ödem 
ausgebildet, wodurch die sie auibauenden zelligen Elemente nicht nur 
auseinander gedrängt, sondern auch schütterer erscheinen (Fig. 5); es 
treten dabei helle Lücken auf, in denen das die Grundlage des Knotens 
abgebende Betikulum mit den geschwellten, als Belag dienenden En¬ 
dothelien besonders deutlich hervortreten. Es entstehen aber weiterhin 
auch verschieden große und verschieden geformte, offenbar mit Lymphe 
gefüllte Hohlräume, die wenigstens stellenweise einen niedrigen Endothel¬ 
belag zeigen und einen krümmeligen, vereinzelte, zellige Elemente 
enthaltenden Detritus besitzen. Wir werden diesen „Lymphseen“ auch 
in den Schnitten des großen Labium begegnen. 

Wie aus der Beschreibung der Histologie der Carunculaurethrae 
hervorgeht, begegnen wir bei ihr in spärlicher Zahl auftretenden Lymph- 
räumen, die mehr oder weniger stark mit Lymphozyten erfüllt sind — 
ein Vorkommen, das auch bei normalem lymphadenoidem Gewebe an¬ 
getroffen wird. Bei unserem Fall finden sich derartige Bilder in größerer 
Zahl und zwar sowohl in den Knoten selbst, bzw. in ihrer nächsten 
Nähe als auch selbst in gewisser Entfernung von ihnen, im scheinbar 
normalen, bloß Ödem aufweisenden Bindegewebe. Man unterscheidet 
dann im Quer- oder Längsschnitt den hellen Hohlraum, bekleidet mit 
einem niedrigen, längliche, spindelige Kerne aufweisenden Wandendothel, 
der im Lumen einen in der Begel zusammenhängenden Haufen von 
Zellen mit rundlichem, tief dunkelgefarbtem Kern und fast fehlendem 
Plasma, also Lymphozyten, enthält, in einer schwach rosarot gefärbten 
Grundsubstanz (Lymphe) eingebettet. 

Neben diesen Bildern begegnen wir bei der genauen Durch* 
musterung der Schnitte noch eine Reihe weiterer, die besonders Interesse 
beanspruchen: 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 285 

1. In geringer Zahl treten Lymphräume (Lymphgefäße) auf, die 
nicht nur Lymphozyten, sondern hie und da zwischen ihnen gelegen, 
auch größere Zellen von meist gut ausgebildeten polygonalen Konturen 
mit helleosinrotem Plasma und hell sich färbenden Kern, vom Typus der 
Endothelzelle, beherbergen (Fig. 6). 

2. An einzelnen Stellen begegnen wir erweiterten Lymphraumen 
mit niedrigem Wandendothelbelag, die in ihrem Lumen vollkommen 
frei liegende Endothelzellenhaufen ohne Lymphozytenbeimischung 
beherbergen; die Endothelhaufen hängen nirgends mit der Gefäßwand 
zusammen, worauf übrigens schon das einreihige, niedrige, intakte Wand¬ 
endothel hinweist. 

8. Mit diesen Bildern zusammenhängend begegnen wir einem 
weiteren bemerkenswerten Detail, das an dieser Stelle eingereiht und 
besprochen werden muß. Bei der Durchsicht der Schnittserie findet man 
nämlich Bilder, die folgendes auszusagen gestatten: In kleineren, um 
Gefäße herum gelegenen Knoten tritt zwischen den Lymphozyten, 
an einer unschriebenen Stelle, ein Endothelzellenhaufen auf, der durch 
Wucherung die Wand des Gefäßes an einer kleinen Stelle einbuchtet, 
bzw. vorstülpt. In späteren Stadien wird die Gefäßwand von dem 
wachsenden, eine polypöse Gestalt annehmenden Gebilde durchbrochen 
und man begegnet dann im Durchschnitt folgendem Bild: Größere Hohl- 
räume, die einen wohl erhaltenen, niedrigen Wandendothelbelag besitzen, 
bis auf eine umschriebene Stelle, wo das Endothel fehlt und wo der 
Zusammenhang des ins Lumen hineinragenden Polypen mit dem perivas¬ 
kulären Gewebe durch die Einförmigkeit der das Gebilde aufbauenden 
Endothelzellenwucherung glatt nachgewiesen werden kann (Fig. 7); 
schließlich erfolgt Abschnürung der polypösen Gebilde, so daß sie frei 
im Lumen zu liegen kommen. Sie nehmen dabei ein mehr homogenes 
Aussehen an, die Konturen der endotheloiden Zellen verwischen sich, 
das Ganze färbt sich stärker eosinfarben und enthält in mäßiger Zahl 
Lymhozyten und Polyblasten. 

Es wurde bereits oben erwähnt, daß sich in einzelnen größeren 
Knoten ein stärkeres umschriebenes Ödem ausbildet und zur Entstehung 
von Lymphraumen und „Lymphseen“ im Innern des Knotens fuhrt; diese 
sind ungleich groß und verschieden gestaltet und lassen das rarefizierte 
Balkenwerk des Retikulums sowie flottierende Lymphozytenhaufen er¬ 
kennen. In derartigen Knoten kommt es nun, ganz entsprechend der 
oben beschriebenen Polypenbildung, zum Hineinwuchern der Endothel¬ 
zellenhaufen in die mehr zentral gelegenen „Lymphseen**. Bei der 
Durchsicht der Schnittserie findet man zunächst Bilder, in denen 
Endothelzellenhaufen und Lymphozyten in Form kleiner, zusammen¬ 
hängender Häufchen im Lymphsee flottieren, späterhin Bilder, in denen 
die Endothelzellenhaufen zapfenformig im Knoten gestaltet sind, schließlich 
jedoch einen zentralen, massiven Block ausmachen. 

Schließlich sei erwähnt, daß auch gleichzeitig an mehreren Stellen 
des Knotens einsetzende Wucherungen der Endothelzellenhaufen durch 


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Lipscliütz. 


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Einbruch in die zentral gelegenen Lymphrätime die Veranlassung für 
das Auftreten besonders bemerkenswerter Bilder abgeben. 

Die beschriebenen Knoten und Strange mit den hier ausführlich 
geschilderten pathologischen Veränderungen nehmen hauptsächlich die 
mittleren und tieferen Anteile des Bindegewebes ein. Knapp unter dem 
Epithel gelegen finden sich bloß unscharf begrenzte kleinere Lymphozyten¬ 
anhäufungen oder größere Knoten, die ganz den Bildern entsprechen, 
die ich bei der Beschreibung der Histologie der Caruncula urethrae 
hervorgehoben habe und die sich zytologisch von dem unsere Aflektion 
charakterisierenden Bau der Knoten und Stränge wesentlich unterscheiden. 

Ein unmittelbarer Zusammenhang der im Bindegewebe eingestreut 
sich vorfindenden Knoten und Stränge untereinander läßt sich nicht 
nach weisen; die größeren erscheinen fester gefugt, während die kleineren 
sich in der Peripherie in lockere Lymphozytenreihen und -schwärme oft 
aufiösen oder allmählich in die zerstreut und einzeln im Bindegewebe 
gelegene Lymphozyten übergehen. Keimzentren sind wir daselbst nicht 
begegnet. 

Bezüglich der Veränderungen im Bindegewebe zwischen den 
Knoten und Strängen, sei zunächst das Verhalten der fixen Bindegewebs¬ 
zellen besprochen. Es wurde schon oben erwähnt, daß viele dieser Zellen 
geschwellt, von spindelförmiger Gestalt erscheinen. Neben diesen findet 
man hauptsächlich in den oberen, unweit von der Epithelgrenze gelegenen 
Anteilen des Bindegewebes mehrkernige Bindegewebszellen, die eine 
spindelige oder schön sternförmige Gestalt aufweisen, mit schwach mit 
Eosin gefärbtem Plasma und mit bläschenförmigen, hellen Kernen, deren 
Zahl meist 3—5 beträgt. Die Lagerungsverhältnisse der Kerne im Plasma 
der Bindegewebszelle sind dabei durchaus verschieden; nur selten liegen 
sie exzentrisch peripher angeordnet, derart, daß eine weitgehende 
Ähnlichkeit mit dem Bilde gewöhnlicher Kiesenzellen resultiert. In der 
Kegel liegen die Kerne zentral, gewissermaßen durcheinander gewürfelt, 
ähnlich dem Lagerungsverhältnis der Kerne der polynukleären Leukozyten 
(wie sie hauptsächlich in feucht in Sublimatalkohol fixierten und feucht 
gefärbten Ausstrichen zu sehen sind). Diese großen geblähten Zellen 
liegen frei und einzeln im Bindegewebe und senden fiügelförmige Fortsätze 
in die benachbarten Spalträume des Bindegewebsgerüstes. Namentlich in 
Schnitten einzelner Blöcke, bei denen es zu einer mäßigen Schrumpfung 
des Gewebes bei der Fixation gekommen war, sieht man deutlich dieses 
Verhalten der mehrkernigen Bindegewebszellen; durch allseits erfolgte 
Kontraktion der Bindegewebsbündel gewinnt es den Anschein, als würden 
die Zellen kleine, helle Lücken ausfullen, ähnlich etwa dem Verhalten 
von Knochen- und Knorpelzellen. 

Mono- und polynukleäre eosinophile Zellen finden sich in 
mäßiger Zahl vereinzelt und zerstreut gelegen im Bindegewebe, haupt¬ 
sächlich in den subepithelialen, spärlicher in den tiefer gelegenen Anteilen 
des Bindegewebes. Die Knoten und Stränge enthalten keine eosinophilen 
Zellen. 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 287 


PlaBmazellen treten in reichlicher Zahl und in zweifacher 
Lagerung auf: Zunächst einzeln und zerstreut angeordnet oder in lockeren 
Häufchen und Schwärmen das ödematöse Bindegewebe durchziehend und 
ferner in größeren Mengen als Bestandteile einzelner Lymphfollikel 9 bei 
denen sie in schalenartiger Anordnung den aus Lymphozyten zusammen¬ 
gesetzten Kern einhüllen. In den Knoten und Strängen werden Plasma¬ 
zellen in der Regel vermißt. 

Mastzellen werden hie und da in geringer Zahl angetroffen. 

Die polynukleären Leukozyten treten im Gewebe fast ganz 
zurück; in den Knoten fehlen sie. Es wurde bereits oben erwähnt, 
daß sie das Rete durchziehen und in spärlicher Zahl auch in den ein 
mehr homogeneres Aussehen annehmenden polypösen Gebilden anzutreffen 
sind. 

Rote Blutkörperchen lassen sich namentlich in den sub¬ 
epithelialen Anteilen des Bindegewebes, einzeln und in kleinen Häufchen 
frei im Gewebe nachweisen; ihr Auftreten dürfte als Folgezustand trau¬ 
matischer Reize (etwa Druck beim Einfuhren des Muttermundspiegels etc.) 
des chronisch-entzündlichen Gewebes zu deuten sein. 

Das Verhalten der elastischen Fasern bietet keine Besonderheiten 
dar. Bakterien sind in den Schnitten nicht nachzuweisen. 

b) Exzisionsmaterial vom rechten kleinen Labium. 

Die Durchmusterung der mehreren Blöcken ent¬ 
stammenden Schnittserien ergibt einheitliche und überein¬ 
stimmende Veränderungen. 

Das Epithel zeigt nur stellenweise mäßige Akanthose mit kurzer 
breiter Zapfenbildung und entsprechender Ausbildung von schmäleren 
und breiten kurzen Papillen. Ödem des Rete ist kaum oder gar nicht 
vorhanden. Die Retekoriumgrenze ist überall deutlich erhalten. Spärliche 
Talgdrüsen sind hie und da in den Schnitten zu sehen. 

Das Korium zeigt deutliches Ödem und enthält zahlreiche, meist 
stark erweiterte, oft auch prall mit Blut gefüllte Gefäßchen (Arterien 
und Venen) verschiedenen Kalibers. In der Nähe der größeren Gefäßchen 
lassen sich häufig kleinere Nervenstämmchen verfolgen. 

Im ödematösen Bindegewebe ist allenthalben eine gleichmäßige 
Vermehrung der fixen Bindegewebszellen vorhanden; letztere erscheinen 
mäßig gebläht und nehmen eine länglich-spindelige oder auch mehr 
kugelige Form an. Unter ihnen begegnet man auch hie und da einzelnen, 
isoliert gelegenen, „mehrkernigen“ Bindegewebszellen, von spindeliger 
oder eckig bis sternförmig begrenzter Gestalt, mit 2—4 hellen, bläschen¬ 
förmigen, zentral gelegenen Kernen. 

Bemerkenswert ist die reichliche Durchsetzung des ödematösen 
Gewebes mit Mastzellen; relativ spärlich sind die Lymphozyten vertreten, 


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desgleichen die Plasmazellen. Letztere treten jedoch auch in größeren 
Mengen in einer Reihe perivaskulär gelegener Infiltrate auf, werden aber 
in den noch zu beschreibenden Knoten vermißt. Die polynukleären, 
neutrophilen Leukozyten treten im Bindegewebe fast ganz zurück; im 
Epithel durchwandern sie einzelne Abschnitte des Rete malpighi. 

Rote Blutkörperchen findet man frei im Gewebe jiur an einzelnen 
Stellen, meist in der Nähe größerer Blutgefäßästchen gelegen. 

Das Stratum papillare und subpapillare ist besonders ödematös 
und fast allenthalben — an einzelnen Stellen stärker, an anderen 
schwächer — diffus zellig infiltriert. Hie und da begegnet man daselbst 
auch mehr umschriebenen Zellanhäufungen. Ihre Hauptmasse machen 
Lymphozyten aus, daneben finden sich spärliche, gewucherte Binde¬ 
gewebszellen, sowie an einzelnen Stellen mit Blutpigmentschollen gefüllte 
Bindegewebszellen. 

Ähnlich wie bei den sub a) ausführlich beschriebenen Veränderungen 
bilden auch hier kleinere und größere knoten- und strang¬ 
förmige Zellanhäufungen das Wesentliche des krankhaften 
Prozesses. Sie sind entweder regellos im Bindegewebe oder häufig dem 
Verlaufe kleiner Gefäßästchen entsprechend angeordnet. Es ergibt sich 
dabei ein verschiedenartiges Verhalten, indem sich die Knoten nur 
einseitig dem Gefäß anschmiegen oder letzteres allseits umfassen. 

Unterzieht man ein derartiges größeres Knötchen einer näheren 
Untersuchung, so findet man genau den gleichen Bau wie bei den sub 
a) beschriebenen Knoten und Strängen. Es setzt sich aus zahlreichen, in 
einem zarten Bindegewebsretikulum liegenden Lymphozyten zusammen, 
zwischen welchen, selten einzeln gelegen, meist in umschriebenen Massen, 
Zellen auftreten, die sich morphologisch und tinktoriell von den 
Lymphozyten sehr leicht trennen lassen. Es sind dies große, helle Zellen 
von rundlicher oder ausgesprochen polygonaler Gestalt mit breitem, 
homogenem, schön eosinrot gefärbtem Plasma und hellem, bläschen¬ 
förmigem, länglichem oder elliptischem, schwach gefärbtem Kern, der 
oft noch ein Kernkörperchen erkennen läßt (Fig. 8). Auch diese Zellen 
vom Typus gewucherter Endothelien liegen in einem zarten Bindegewebs¬ 
retikulum eingebettet. In einzelnen Knoten begegnet man zwischen diesen 
Zellen auch Riesenzellen von bedeutendem Durchmesser, die ein homo¬ 
genes, stark rot gefärbtes Plasma und eine besonders große — oft über 
50 betragende — Anzahl von peripher, häufig in mehreren Reihen 
angeordneten Kernen besitzen (Fig. 9). 

Wie bereits erwähnt, sind die Knoten verschieden groß, rundlich 
oder länglich, mehr oder weniger umschrieben und in ihren peripheren 
Anteilen von einzelnen Kapillarschlingen durchzogen. Erwähnenswert 
ist auch der Umstand, daß die Knoten nicht nur um Gefaßchen angeordnet 
sind, bzw. letztere mantelartig einscheiden, sondern auch hie und da 
kleinere Nervenästchen einschließen, wobei jedoch letztere ein völlig 
normales Aussehen zeigen (Fig. 8 u. 9). 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 289 

Ein unmittelbarer Zusammenhang der das Bindegewebe durch* 
ziehenden Knoten und Stränge untereinander läßt sich nicht nachweisen. 

In ihrem zelligen Aufbau bilden die Lymphozyten stets die fiber- 
wiegende Mehrheit, wie es auch derartige Bildungen gibt, die ausschlie߬ 
lich aus Lymphozyten zusammengesetzt sind. Auch sei erwähnt, daß 
weder Plasmazellen noch die im Bindegewebe reichlich zerstreut ange¬ 
ordneten MaBtzellen sich am Aufbau der Knoten und Stränge beteiligen. 
Hingegen begegnet man neben diesen eigentlichen Bildungen auch peri¬ 
vaskulären Infiltraten, die aus spärlichen Lymphozyten und aus einzelnen 
Plasmazellen bestehen. 

Die Zellhaufen zeigen häufig stärkeres Ödem mit Bildung von 
Lücken, jedoch nirgends Ausbildung echter „Lymphseen“. 

Epikrise: Überblicken wir die klinischen Merk¬ 
male und die ausführlich wiedergegebene Schilderung des 
histologischen Substrates beider Fälle, so kann über ihre 
Zusammengehörigkeit kein Zweifel bestehen. Bei beiden 
handelt es sich um einen Krankheitsprozeß, der unter dem 
Bilde einer chronisch-entzündlichen Schwellung des vor¬ 
deren Anteiles des Septum urethro-vaginale, bzw. der hin¬ 
teren Harnröhrenwand und namentlich des in der Gegend 
des Orificium urethrae externum gelegenen Anteiles ein¬ 
hergeht. Die im Falle II beobachtete, chronisch-ödematöse 
Schwellung der rechtsseitigen Schamlippen, zum Teil auch 
der Klitoris stellt offenbar eine weitere Entwicklungsphase 
des krankhaften Prozesses dar, während Fall I bereits 
in einem früheren Stadium lokalisiert blieb, wie dies eine 
auf mehrere Jahre reichende Beobachtung lehrte. Ein 
völlig abschließendes Urteil läßt sich aber bei der geringen 
Zahl der Beobachtungen und bei der histologischen Eigen¬ 
art des Prozesses weder über die Dauer, noch die Exten¬ 
sität des Krankheitsprozesses vorläufig aussprechen. 

Die klinischen Yeränderungen waren zwar im ersten 
Fall deutlich ausgesprochen, zeigten aber keinerlei beson¬ 
deren Merkmale, die dem Ungeübten bei der ersten klini¬ 
schen Untersuchung die Abgrenzung und sichere Trennung 
der Affektion von dem gewöhnlichen Bilde der Caruncula 
urethrae hätten mit Sicherheit gestatten können. Die stärkere 
Sukkulenz des Gewebes schien immerhin auffallend, mehr 
noch die gelblich-rötliche Färbung, verbunden mit der prallen 
Spannung des Gewebes. Dieses Symptom erscheint mir be- 

Arch. f. Dermal, n. Syph. Bd. 128. jg 


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Lipschütz. 


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achtenswert, denn es ermöglichte mir bei der Untersuchung 
des zweiten Falles gleich die Vermutung auszusprechen, 
daß es sich um einen klinisch identischen Prozeß handeln 
dürfte. Die in diesem Falle gleichzeitig vorhandene pralle, 
ödematöse Schwellung der großen und kleinen Labien 
mußte als neues Symptom vermerkt werden und legte die 
Annahme seiner klinischen Zugehörigkeit zum spezifischen 
Krankheitsprozeß nahe. Gonorrhoe lag bei keinem der 
Fälle vor. Lues war bei Fall II vorausgegangen, der auch 
eine positive Wassermann sehe Reaktion zeigte, während 
beim ersten Fall, der auch klinisch keine für Syphilis 
suspekten Symptome aufwies, die Seroreaktion negativ 
ausfiel. An dieser Stelle sei auch nochmals erwähnt, daß 
die im zweiten Falle durchgeführte energische Hg-Salvar- 
san-Behandlung absolut keine Beeinflussung des Krank¬ 
heitsprozesses erkennen ließ. 

Eine sichere Entscheidung in diagnostischer Beziehung 
war nach dem bisher Geschilderten nur aus der histolo¬ 
gischen Untersuchung zu erwarten, die auch zu bemerkens¬ 
werten Ergebnissen geführt hat. Diese waren folgende: 

Schon bei makroskopischer Betrachtung der Schnitt¬ 
fläche des exzidierten Gewebes und fernerhin bei makro¬ 
skopischer Betrachtung der Schnitte ließ sich eine zarte, 
punkt- oder fleckförmige Zeichnung wahrnehmen, auf die 
bei der histologischen Untersuchung besonders geachtet 
werden mußte (Fig. 3). Diese hat nun ergeben, daß es 
sich mit größter Wahrscheinlichkeit um An¬ 
sammlungen lymphoiden Gewebes handelt. Zur 
Gewißheit wurde diese Deutung durch Vergleich mit den 
bei der histologischen Untersuchung der Caruncula ure- 
thrae gewonnenen Befunden und schließlich unter Berück¬ 
sichtigung der in der Literatur (Sachs u. a.) sich vor¬ 
findenden Angaben über das normale Vorkommen prä¬ 
existenten lymphatischen Gewebes in der Harnröhrenwand. 
Somit war zunächst für die Lokali sation des 
Krankheitsprozesses im lymphatischen An¬ 
teile des erkrankten Gewebes eine feste Stütze 
gewonnen worden und die weitere, eingehende histo- 


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Über, Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 291 

logische Untersuchung hatte nur die Frage zu beantworten: 
Welcher Art ist diese Erkrankung des lympha¬ 
tischen Gewebes? Diesbezüglich haben nnsere Unter¬ 
suchungen, besonders ausgesprochen im Falle II, zu Be¬ 
funden geführt, die nicht nur das Interesse des Dermato¬ 
logen, sondern vielmehr noch das des Pathologen zu be¬ 
anspruchen geeignet sind. 

Versuchen wir zunächst die bei Fall I einfacher lie¬ 
genden Verhältnisse einer kurzen Analyse zu unterziehen: 

In dem ödematösen, Zeichen chronischer Entzündung 
aufweisendem Bindegewebe finden wir zahlreiche, unter¬ 
einander nicht zusammenhängende, scharf abgegrenzte, 
knoten- und strangförmig gestaltete Ansammlungen lym¬ 
phatischen Gewebes, wobei sich bei einzelnen typische 
Bilder von Lymphfollikeln mit echten Keimzentren nach¬ 
weisen lassen. In den meisten der Knoten ist es jedoch zu 
einem Wucherungsprozeß von Zellen gekommen, die nach 
ihren morphologischen und tinktoriellen Eigenschaften zu 
schließen, als gewucherte Endothelien anzusprechen sind; 
sie liegen in einem zarten Bindegewebsretikulum einge¬ 
bettet und sind offenbar genetisch vom Endothelbelag des 
bindegewebigen Fasergerüstes des Retikulums abzuleiten. 

Zeichen regressiver Metamorphose lassen sich bei 
den verschieden stark ausgebildeten Wucherungskomplexen 
endotheloider Zellmassen innerhalb des lymphatischen Ge¬ 
webes nirgends nachweisen; ebenso ist nirgends eine diesen 
Zellkomplexen etwa zukommende Tendenz zu einer stär¬ 
keren Wucherung nach Art von Geschwulstzellen oder 
etwa gar von echtem infiltrativem Wachstum zu erkennen. 

Wesentlich anders liegen die Verhältnisse beim zweiten 
Fall. Auch hier lassen sich zunächst als wesentlichste Merk¬ 
male des histologischen Substrates Bilder nachweisen, die 
nach jeder Richtung hin mit den beim ersten Fall erho¬ 
benen Befunden übereinstimmen. Wir finden auch hier 
knoten- und strangförmig gestaltete Ansammlungen lym¬ 
phatischen Gewebes, das hie und da selbst Follikel mit 
Keimzentren erkennen läßt. In diesen Lymphknoten treten 
wiederum Haufen großer Zellen auf, denen ebenfalls der 

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Lipschfits. 


Charakter gewucherter, vom Endothelbelag des bindege¬ 
webigen Retikniams herröhrender Zellen zukommt Während 
nun in einem Teil der Knoten die Gewebswucherungen 
keine weitere Veränderungen aufweisen, stoßen wir bei 
anderen Knoten auf neuartige Bilder. Zunächst zeigen die 
Endothelzellenhaufen stärkere Wachstumstendenz, indem 
sie in Form kompakter, zapfenförmiger Massen in die im 
Lymphknoten ausgebildeten, früher des genaueren beschrie¬ 
benen LymphlQcken („Lymphseen ) hinein wuchern. Ferner¬ 
hin begegnen wir infiltrativer, wenn auch, wie noch gezeigt 
werden soll, durchaus begrenzter Wachstumstendenz. Es 
kommt nämlich hie und da zur Vorstölpung eines Teiles 
der Gefäßwand durch den wuchernden Endothelzellenkom¬ 
plex, später zum Durchwachsen der Gefäßwand und schlie߬ 
lich zum Durchbruch ins Lumen. Morphologisch finden 
wir da zunächst ins Gefäßlumen hineinragende, polypöse 
Bildungen und in weiteren Stadien, nach Abschnürung 
letzterer, freies Auftreten der Zellkomplexe im Gefä߬ 
lumen. Auf ähnliche, durch infiltratives Wachstum der 
Endothelzellenhaufen zurückzuführende Vorgänge müssen 
wir auch einzelne eigenartige Bilder in den Schnitten dieses 
Falles zurückführen, wie z. B. längs und quer getroffene 
erweiterte Lymphräume mit unveränderten Wandungen, in 
deren Lumen vollkommen frei liegende Endothelzellenhaufen 
angetroffen werden. 

Diese mit progressivem Wachstum einhergehende 
Wucherungstendenz des neu gebildeten Gewebes macht 
sich klinisch in auffälliger W» ise durch die Ausbildung 
eines chronischen Oedems der Labien kenntlich, während 
die Leistendrüsen — zumindest in dem Zeitpunkt, in dem 
ich Gelegenheit hatte, die Kranke durch eine Reihe von 
Wochen zu beobachten — keine auffällige Schwellung zeigten. 
Histologisch finden wir in den Labien mit den bereits er¬ 
hobenen Befunden identische, bloß quantitativ weniger aus¬ 
geprägte Bilder. Die Ansammlungen lymphatischen Gewebes 
schmiegen sich hier hauptsächlich dem Gefäß verlauf an. 
Innerhalb der Knoten und Stränge sind die Endothelzellen¬ 
komplexe deutlich zu sehen; Zeichen regressiver Metamor- 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes, 293 

phose vermissen wir gänzlich, allerdings fehlen daselbst 
auch Anzeichen progressiven Wachstums. Es kann also 
kein Zweifel darüber bestehen, daß das histologische Sub¬ 
strat der pathologischen Veränderungen der Labien mit 
dem der Harnröhrenwand vollkommen gleichzustellen ist. 
Während jedoch für die Genese der Veränderungen in 
letzterer die Annahme von prätormiertem lymphatischem 
Gewebe gar keine Schwierigkeit bereitet (siehe oben), 
müssen wir bezüglich des Auftretens von Lymphgewebe 
in den Labien auf die Ribbertschen Anschauungen zu¬ 
rückgreifen, nach denen Spuren lymphatischen Gewebes 
weit im Bindegewebe des Körpers vorgebildet sind und 
beispielsweise den Ausgangspunkt der kleinzelligen Infil¬ 
trate bei chronischer Entzündung abgeben. Auch in der 
embryonalen Haut wird Lymphgewebe regelmäßig ange¬ 
troffen und Kölliker hat, worauf schon Rusch hinge¬ 
wiesen hat, das Vorkommen echter Lymphfollikel um die 
Schweißdrüsen einer Achselhöhlenhaut beschrieben. Für 
die Erklärung der Genese eines von Rusch beschriebenen 
Falles (siehe weiter unten) führt der Autor auch die An¬ 
nahme von Pinkus an, der die Genese von leukämischen 
und pseudoleukämischen Hautinfiltraten gleichfalls aus 
einer Wucherung präexistenten lymphatischen Gewebes 
ableitet. 

Wie verhält es sich aber mit der Genese der ge¬ 
wucherten Endothelzellenhaufen im Lymphgewebe der La¬ 
bien? Sind es an Ort und Stelle gewucherte Zelleu — 
ähnlich wie in der Urethra — oder haben wir sie als echte, 
vom Prozeß der Harnröhrenwand ausgehende Metastasen¬ 
bildung zu erklären? Nachdem wir bei Fall II ausgespro¬ 
chene WucherungsVorgänge mit Einbruch in Gefäße kennen 
gelernt haben, könnte letztere Annahme vielleicht mit 
einigem Rechte diskutiert werden. Man müßte dann vor¬ 
aussetzen, daß einzelne Endothelien in die Schamlippe ver¬ 
schleppt werden and daselbst den Ausgangspunkt der dort 
nacbgewiesenen Zellkomplexe abgeben. Wir gelangen so¬ 
mit zur Frage, welcher Natur ist der beschriebene Krank¬ 
heitsprozeß, liegt etwa ein Wucherungs Vorgang echter 


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Lipschütz. 


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Geschwulstzellen vor? Gegen diese Annahme sprechen 
zahlreiche Momente, vor allem daß nach den bisherigen 
Beobachtungen die immerhin bestehende Proliferations¬ 
energie, die sich im Auftieten eigenartiger, oben des näheren 
beschriebener Bilder knndmacht, durchaus begrenzt erscheint. 
Präformierte, von dem gewucherten Gewebe eingeschlossene 
Gebilde, wie Gefäßchen oder Nerven, bleiben vollkommen 
intakt (siehe jedoch die oben erwähnte Ausnahme!); ein 
schrankenloses Wachstum „aus sich selbst heraus“ kann 
mit Sicherheit verneint werden und somit auch die An¬ 
nahme eines echten Neoplasma. 

Versuchen wir aber nun die beschriebene Affektion 
unter die bisher bekannten Krankheitsbilder einzureihen, 
so kann ausschließlich das histologische Sub¬ 
strat den Ausgangspunkt der Überlegungen 
abgeben, da die Klinik zwar dem Fachmann, wie es 
scheint, genügend begründete Merkmale für das Erkennen 
derartiger Fälle bietet, für sich genommen aber nicht aus¬ 
reicht, um die Frage zu entscheiden. 

Zunächst sei noch vorweggenommen, daß sowohl Sy¬ 
philis als auch die gewöhnlichen Bilder der Tuber¬ 
kulose klinisch und histologisch mit Sicherheit auszu¬ 
schließen waren. Bezüglich der Syphilis sei, um Wieder¬ 
holungen zu vermeiden, auf die früher gemachten Aus¬ 
führungen verwiesen. Zeichen von Tuberkulose waren bei 
den kräftig aussehenden Patientinnen nicht vorhanden; die 
Pirquet sehe Reaktion fiel bei beiden negativ aus, des¬ 
gleichen die im zweiten Falle vorgenommene diagnostische 
Prüfung mittelst subkutaner Tuberkulininjektion. Auch das 
Tierexperiment (Impfung mit Ge websmaterial des Falles II) 
hatte ein vollkommen negatives Ergebnis geliefert. 

Mit leukämischen oder pseudoleukämischen 
Prozessen kann die Affektion auf Grund des histologischen 
Bildes nicht verwechselt werden; desgleichen ist das histo¬ 
logisch fest umrissene Krankheitsbild der Lympho¬ 
granulomatose leicht auszuschließen. 

Die sarkoiden Tumoren von Bo eck und von 
Darier-Roussy, die Endotheliome Spieglers, die 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 


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Lymphosarkomatose etc. zeigen histologisch von un¬ 
serer Affektion vollkommen abweichende Bilder, so daß 
ihre Annahme, sowie etwa die eines echten Neoplasma 
mit Sicherheit abgelehnt werden kann. 

Sind wir nun nicht imstande, auf Grund der hier 
gemachten ausführlichen Erörterungen das histologische 
Substrat unserer Fälle mit aus der Pathologie bekannten 
Bildern zu identifizieren, so läßt sich doch, worauf mich 
Herr Primarius Rusch aufmerksam gemacht hat, eine 
weitgehende Ähnlichkeit meiner Fälle mit einer von ihm 
vor einer Reihe von Jahren gemachten Beobachtung nach- 
weisen, auf die hier genauer eingegangen werden soll. 

Unter der Bezeichnung „Zur Kenntnis der sarkoiden 
Tumoren“ hat Rusch die klinische und eingehende histo¬ 
logische Beschreibung eines Falles gegeben, dem er aus 
der Literatur kein gleichwertiges Beispiel an die Seite 
stellen konnte. 

An symmetrischen Stellen beider Genitokraralfalten entwickelten 
sich bei einem sonst gesunden, kräftigen Manne vor Jahresfrist (vor der 
erfolgten Untersuchung) zunächst die Erscheinungen eines heftig jucken¬ 
den, nässenden, intertriginösen Ekzems. Später traten auf den derart 
veränderten Hantflächen umschriebene, flach erhabene, auf ihrer Unter¬ 
lage gut verschiebliche, derbe Geschwülste auf, deren Oberfläche leicht 
uneben und dunkelrot ist, teils näflt oder eitert, teils verkrustet ist. Die 
Tumoren zeigen während einer mehrwöchentlichen Beobachtung weder 
Wachstum noch Zerfallerscheinungen oder gar Rückbildungsvorgänge. 

Der innere Befund und Blutbefund waren normal. Keine Verände¬ 
rungen des lymphatischen Systems. Auf Tuberkulininjektionen konnten 
weder lokale oder allgemeine Reaktionen festgestellt werden; auch der 
Tierversuch fiel negativ aus. 1 ) 

Die sehr eingehende histologische Untersuchung des 
Falles ergab Yeränderungen in der Kutis und in den an¬ 
grenzenden Schichten der Subkutis als wesentliche Grund¬ 
lage des Erkrankungsprozesses. Es treten im Korium knoten- 
und strangförmige, untereinander zusammenhängende, un¬ 
scharf abgegrenzte Zellwucherungen auf, die zwischen sich 

*) Friboes hat vor kurzem den Fall von Rusch als Tuberkulose 
gedeutet; diese Annahme widerspricht dem klinischen Befund, dem Er¬ 
gebnis der histologischen Untersuchung, dem negativen Ausfall des Tier¬ 
versuches und der Tuberkulinprufung. 


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L ipschüt z. 


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noch beträchtliche Anteile des Katisgewebes unversehrt 
lassen. Die Zellinfiltrate setzen sich aus Haufen und Klum¬ 
pen endotheloider und ßiesenzellen zusammen, die gewöhn¬ 
lich ihre zentralen Anteile einnehmen und aus einem von 
vorherrschend Rundzellen infiltrierten, von Kapillaren 
durchzogenen, faserigenBindege websstroma bestehen. Dieses 
nimmt in den tieferen Kutisschichten stellen¬ 
weise die Beschaffenheit anscheinend echten 
lymphatischen Gewebes an, das öfters zu follikel¬ 
ähnlichen Knoten mit keimzentrenähnlichen Gebilden heran¬ 
wächst. Den Zellwucherungen fehlt ein eigentlicher destruk¬ 
tiver Charakter, da die fibrigen Anteile des Hautorgans 
(Haarfollikel, Nervenstämme etc.) verschont bleiben. Zer¬ 
fallserscheinungen treten keine auf. 

Die Untersuchung von Randpartien des pathologischen 
Substrates deckte innige Beziehungen der strangartigen 
Zellwucherungen zu den Blutgefäßen auf, in deren adven- 
titiellen und perivaskulären Bindege websscheiden die Zellen 
wuchern. Durch das Wachstum der Tumorzellen (?) in den 
Interstitien des kollagenen Balkengerüstes kommt es zum 
Auftreten der netzartig zusammenhängenden Züge und 
Streifen. 

Über die Natur der gewucherten Zellen schreibt 
Rusch, daß die morphologischen Qualitäten, ihre Lage¬ 
rung und Anordnung darauf hinweisen, daß wir es mit 
vergrößerten und in Vermehrung begriffenen Endothelien 
zu tuu haben und zwar jener Endothelien, die die Inter¬ 
stitien des Bindegewebes auskleiden und die Oberfläche 
der Bindegewebsbündel in diskontinuierlicher Weise ein¬ 
hüllen und weiterhin der Gefäß perithelien. Für diese An¬ 
nahme sprechen auch die in den Interstitien des kollagenen 
Balkengerüstes gewucherten endotheloiden Geschwulst¬ 
elemente (V). „Hier liegen sie meist vereinzelt oder zu 
kleinen Haufen zusammengepreßt und viele von ihnen 
ragen mit verborgenen Fortsätzen in die benachbarten 
Spalten des Bindegewebes und ahmen die ursprüngliche 
Form ihrer charakteristischen, vielgestaltigen Mutterzellen 
deutlich nach.“ Die Tatsache, daß sie oft isoliert oder zu 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 297 

kleinen Haufen zusammenliegen, weist nach Rusch da¬ 
rauf hin, daß sie an Ort und Stelle entstanden sind. 

Es war schon Rusch der Befund von anscheinend 
echtem lymphatischen Gewebe in der Tiefe der Kutis 
aufgefallen, der die von einer Reihe von Autoren (Rib- 
bert u. a.) gemachte Annahme vom Vorhandensein prä- 
formierten Lymphgewebes in der Haut voraussetzen würde. 
Die Wucherung der von fixen Elementen und von Endo- 
thelien gewisser Bindegewebsterritorien der Kutis abzu¬ 
leitenden Endothelzellenhaufen stellt nach Rusch das 
Wesentliche des Prozesses dar; die von einem von Rund¬ 
zellen infiltriertem Bindegewebsstroma umgebenen Zell¬ 
komplexe stellen ein Gewebe von teils endothelialem, teils 
sarkom-, bzw. lymphosarkomartigem Charakter dar. Trotz 
des progressiven Wachstums der endothelialen Elemente 
kommt eine schrankenlose Wucherung des Gewebes, wie 
wir sie für echte Geschwülste kennen, dem Gewebe nir¬ 
gends zu. 

Der Versuch, die beschriebene Affektion auf Grund 
ihrer histologischen Struktur zu klassifizieren, bereitete 
Rusch Schwierigkeiten. Der Bau der Affektion ließ den 
Vergleich mit chronisch-entzündlichen Granulationsge¬ 
schwülsten ablehnen, aber auch die Annahme einer echten 
Neubildung mußte aus histologischen und klinischen Grün¬ 
den zurückgewiesen werden. Die Wucherungen bewahren 
vielmehr lange Zeit die Struktur des Mutterbodens und 
wachsen über die Grenzen ihres ursprünglichen Entwick¬ 
lungsbodens nicht weiter hinaus. Da die Entwicklung der 
Geschwulst auch nicht aus einem einzigen, umschriebenen 
Punkt erfolgt, vielmehr gleichzeitig an vielen zerstreuten 
Abschnitten des Kutisgewebes beginnt, so handelt es sich 
— nach Rusch — um eine große Anzahl untereinander 
zusammenhängender, geschwulstartig degenerierter Binde- 
gewebsformationen. 

Rusch ist daher geneigt, die Erkrankung jenen Haut¬ 
affektionen anzugliedern, die man auf Grund ähnlicher 
Überlegungen seit Kaposi als „Sarkoide“ Geschwülste 
bezeichnet und zwar in die Nähe jener Krankheitsgruppen 


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Lipschütz. 


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zu stellen, die von Spiegler als Sarcomatosis cutis, 
von Josef als sarkoide Geschwülste im engeren 
Sinne des Wortes bezeichnet wurden. 

Aus dieser genauen Wiedergabe des Falles geht nicht 
nur hervor, daß Rusch sich über die Eigenart der ge¬ 
machten Beobachtung klar war, sondern daß er auch bei 
eingehender Schilderung des histologisches Substrates auf 
die Beziehungen der Zellwucherungen zum Vor¬ 
kommen echten lymphatischen Gewebes in der 
Tiefe der Kutis aufmerksam gemacht hat. Prä¬ 
zisere Feststellungen, die für diese Annahme sprechen 
würden, ließen sich bei dem offenbar weit vorgeschrittenen 
Fall von Rusch nicht mehr erheben. Demgegenüber bieten 
meine zwei hier mitgeteilten Beobachtungen eine Reihe 
von Merkmalen dar, die dieser Deutung näherkommen und 
daher ihren Vergleich mit dem Fall von Rusch nahe¬ 
legen. In klinischer Hinsicht bestehen zwischen ihnen aller¬ 
dings keine Berührungspunkte, ein Umstand, der selbst¬ 
verständlich kein Hindernis für die Aneinanderreihung der 
Fälle bietet, da ungemein häufig die klinische Konfiguration 
krankhafter Hautveränderungen von einer großen Reihe 
von Momenten, nicht in letzter Linie von dem Sitz des 
Prozesses abhängig erscheint. Um so mehr können wir die 
Fälle in histologischer oder, besser gesagt, in histoge- 
netischer Beziehung miteinander vergleichen, wobei der 
Umstand, daß meine Fälle einfachere örtliche Gewebsver- 
hältnisse aufweisen und auch verhältnismäßig jüngeren 
Datums sind, dazu beiträgt, eine schärfere Präzisierung 
der Natur des erkrankten Gewebes zu erlangen. 

Bei der Zusammenfassung der histologischen Bilder 
unserer Fälle wurde bereits hervorgehoben, daß das We¬ 
sentliche des krankhaften Prozesses sträng- und knoten¬ 
förmige, miteinander, wie es scheint, nicht zusammenhän¬ 
gende Ansammlungen echten lymphatischen Gewebes aus¬ 
machen, in denen an Ort und Stelle aufgetretene Zell¬ 
wucherungen von endothelialem Typus angetroffen werden, 
die zweifellos als Abkömmlinge des Endothelbelags des 
Bindegewebsretikulums zu deuten sind. Während nun 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 


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regressive Veränderungen sich nirgends wahrnehmen lassen, 
treten proliferative Vorgänge auf, die bis zu einem ge¬ 
wissen Grade sogar an Wucherungsprozesse echter Neo¬ 
plasmen erinnern (Fall II). Das grundsätzlich Eigen¬ 
artige des beschriebenen Krankheitsprozesses 
ist dabei nicht allein in der Art der Gewebs- 
reaktion, sondern vor allem auch durch ihren 
Sitz im lymphatischen Gewebe gegeben. Somit 
scheint auf Grund der bisherigen, spärlichen Beobachtun¬ 
gen eine bisher kaum gewürdigte Erkrankungsform des 
lymphatischen Anteiles der Haut bzw. Schleimhaut vor¬ 
zuliegen, deren Trennung von allen anderen, ihr mehr oder 
weniger ähnlichen krankhaften Veränderungen dieses Ge¬ 
webes vorgenommen zu werden verdient. Wie schon oben 
angedeutet wurde, hatte Rusch die Beziehungen zum 
lymphatischen Gewebe hervorgehoben und, obwohl er an 
verschiedenen Stellen seiner Arbeit von „Geschwulstzellen“ 
spricht, sich zweifellos für den chronisch-entzündlichen 
Charakter der Affektion entschieden. Die Unmöglichkeit 
einer exakten Einreihung der beschriebenen Gewebsver¬ 
änderungen im System der Krankheiten veranlaßte ihn, 
seinen Fall den „sarkoiden Hauttumoren“ (im Sinne von 
Kaposi und nicht in dem später gebrauchten Sinne der 
„sarkoiden“ Hautveränderungen von Boeck) anzureihen. 
Dabei hat schon Rusch seinen Fall „als neuen Typus 
dieser ihrem Wesen nach so verschiedenen und ätiologisch 
noch völlig unaufgeklärten Erkrankungsformen der Haut“ 
bezeichnet. Meine hier mitgeteilten Beobachtungen führen 
zu einer schärferen Definition des histologischen Substrates 
dieser seltenen Gewebsveränderungen. Einerseits der Sitz 
der Erkrankung im lymphatischen Apparat der Haut (bzw. 
Schleimhaut) und andererseits das mit einer gewissen 
Wuchertendenz ausgestattete Wachstum der Endothelzellen 
des Bindegewebsretikulums des Lymphgewebes stellen die 
wichtigsten Merkmale der Affektion dar. 

Es liegt somit in unseren zwei hier mitgeteilten Kran¬ 
kenbeobachtungen eine besondere außerordentlich chro¬ 
nisch verlaufende Form einer lokalisierten 


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Lipschötz. 


lymphatischen Erkrankung der Schleimhaut 
bzw. der Haut am äußeren Genitale des Weibes 
vor, die in keine der bisher bekannten Typen eingereiht 
werden kann und über deren Genese wir keinerlei bestimmte 
Angaben zu machen imstande sind; mit Sicherheit läßt 
sich nur ihre Nichtzugehörigkeit zu irgend einer bekannten 
Systemerkrankung des lymphatischen Gewebes behaupten. 
Wir müssen annehmen, daß die Einwirkung eines infekti¬ 
ösen oder toxischen Reizes auf das präexistente lympha¬ 
tische Eeimgewebe in der Schleimhaut bzw. in der Haut 
des äußeren Genitales des Weibes zur Auslösung des be¬ 
schriebenen Krankheitsbildes notwendig ist. Für die An¬ 
nahme eines äußeren Reizes könnte auch der Sitz, bzw. 
der Ausgangspunkt in unseren Fällen herangezogen werden, 
da der Urethralwulst bei Frauen häufig verschiedenartigen 
Schädigungen ausgesetzt ist. Wenn trotzdem die Affektion 
selten zur Ausbildung gelangt, so dürfte dies unter anderem 
auch auf die individuellen Schwankungen des normaliter 
in dieser Gegend zur Entwicklung gelangenden lympha¬ 
tischen Keimgewebes zurückzuführen sein. Nachdem es sich 
um eine Erkrankung eines zunächst nur eine lokale 
Tätigkeit besitzenden, mit der Hämatopoese nicht enger 
verknüpften lymphatischen Gewebes handelt, so geht daraus 
das Bemerkenswerte unserer Fälle in klinischer und in 
pathologischer Beziehung hervor. Selbstverständlich werden 
erst weitere Beobachtungen von klinisch vielleicht sogar 
verschieden gestalteten Bildern, die jedoch histologisch 
das gleiche Substrat wie die hier geschilderten Beobach¬ 
tungen zeigen müßten, gestatten, Einblick in die bisher 
gänzlich unbekannte Genese und Ätiologie der beschrie¬ 
benen Veränderungen zu nehmen. 

Zusammenfassung: In den hier gemachten zwei 
Mitteilungen habe ich von denjenigen pathologischen, wulst- 
und zapfenförmigen Verdickungen am Orificium urethrae 
bzw. am Septum urethro-vaginale vollkommen abgesehen, 
die sich auf akute und chronische Infektionen (Gonorrhoe, 
Lues etc.) oder auf Neoplasmen zurückführen lassen und 
daher mit den unseren Untersuchungen zugrunde liegenden 


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Arch. f. Derm. u. Syph. Bd. 128. 



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Verlas: von Julius bi 
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Arch. f. Derm. u 


Verlag flan. 


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Über Gewebsveränderungen am Genitale des Weibes. 301 

Fällen nichts Gemeinsames haben. Im ersten Teil der Ar¬ 
beit wurde eine kurze Schilderung des histologischen Baues 
der Caruncula urethrae (sowie des endourethralen Polypen 
und des Papilloma periurethrale) gegeben und im folgen¬ 
den Abschnitte das eigenartige Bild einer wulstförmigen 
Verdickung des vorderen Anteiles des Septum urethro- 
vaginale beschrieben; diesem kommt ein bis auf den Fall 
von Rusch, wie es scheint, noch nicht beschriebener, 
histologischer Bau zu, gekennzeichnet sowohl durch den 
Sitz der Veränderungen im lymphatischen Gewebe als auch 
durch das mit einer beschränkten Wuchertendenz ausge¬ 
stattete Wachstum der Endothelzellen des Bindegewebs- 
retikulums des Lymphgewebes. Es liegt hier eine 
eigenartige Gewebsreaktion vor, der man in 
der Dermatopathologie des äußeren Genitales 
des Weibes bisher nicht begegnet war. 

Literatur. 

1. Rusch, P. Zur Kenntnis der „sarkoiden“ Hauttumoren. Arch. 
f. Dermat. 1907. Bd. LXXXVII. — 2. Ribbert. Lehrbuch der patholo¬ 
gischen Histologie. 1896. — 8. Pinkus. Hautveränderungen bei lympha¬ 
tischer Leukämie und bei Pseudoleukämie. Arch. f. Denn. 1899. Bd. L. 
— 4. K öl liker. Gewebelehre. 1889. I. pag. 255. — 5. Palt auf, R. in 
Mraöeks Handbuch der Hautkrankheiten. — 6. Spiegler. Über die 
Sarcomatosis cutis. Arch. f. Dermat. 1894. Bd. XXYH. — 7. Josef, M. 
Über Hantsarkomatose. Arch. f. Dermat. Bd. XLYI. 1898. 


Die Erklärung der Abbildungen auf Taf. XI u. XII 
ist dem Texte zu entnehmen. 


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Bemerkungen za der Abhandlung E. Krompechers: 
„Znr Kenntnis der Geschwülste 
and Hypertrophien der Schweißdrüsen.“ 

Yon Prof. G. Ricker in Magdeburg. 

Die im Titel genannte Abhandlung E. Krompechers, 1 ) 
geeignet falsche Vorstellungen von den in meiner gemeinsam 
mit Johannes Schwalb verfaßten Monographie über die 
Geschwülste der Hautdrüsen“) vertretenen Anschauungen 
insbesondere über die Hidradenome, zu geben und bemüht 
dieselben zu widerlegen, zwingt mich zu einigen kurzen 
Bemerkungen der Richtigstellung und Abwehr. 

Krompecher behauptet, wir hätten in unserer Mono¬ 
graphie die Epitheliome und Karzinome der Haut im all¬ 
gemeinen auf ihre Beziehungea zu den Hautdrüsen geprüft 
und als Resultat die These aufgestellt, „daß sozusagen 
sämtliche Basalzellentumoren der Haut Talgdrüsen- und 
Schweißdrüsentumoren entsprechen“. Diese Behauptung 
trifft nicht zu; wir haben die Epidermisgeschwülste ganz 
unerörtert gelassen und nur nachgewiesen, daß die unter 
der Epidermis, im Korium und Unterhautfett gelegenen 
und daselbst entstehenden epithelialen Geschwülste, von 
denen viele, namentlich auch von Krompecher, ohne 
Beweis als Karzinome aufgefaßt, von uns als Epitheliome 
bezeichnet worden sind, nicht — mit Krompecher — 
von der Epidermis abzuleiten, sondern Geschwülste der 

*) Dieses Archiv Bei. CXXYI. p. 765. 

f ) G. Ricker nnd Johannes Schwalb, die Geschwülste der Haut¬ 
drüsen, Berlin 1914, Verlag von S. Karger. 


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Rick er. Zur Kenntnis der Geschwülste und Hypertrophien etc. 303 

Hautdrüsen sind. An die Stelle der demgemäß für diese 
Geschwülste unzutreffenden Bezeichnung Krompechers 
„Basalzellgeschwülste“ — Geschwülste, ausgegangen von 
den basalen Zellen der Epidermis — haben somit die passend 
gewählten Namen der Talg- und Schweißdrüsengeschwülste 
zu treten. 

In seinem Bestreben diese Beweisföhrung zu wider¬ 
legen, geht Krompecher davon aus, daß die fertige 
Epidermis außer Leisten und Zapfen Talgdrüsen oder solchen 
ähnliche Gebilde hervorbringen könne; wir haben das (auf 
p. 40) anerkannt und verwertet. Wenn aber Krompecher 
angibt, daß die fertige Epidermis unter pathologischen 
Umständen auch schweißdrüsenähnliche Schläuche hervor¬ 
zubringen vermag, so sehen wir diesen Nachweis nirgends, 
auch nicht bei Krompecher, erbracht. Seltsamerweise 
führt Krompecher zum Beweis in der Monographie auch 
von uns ausführlich und zustimmend erörterte Beispiele 
von Sprossenbildung der Schweißdrüsenausführungsgänge 
an; und nachdem er fortgefahren: „ Auch ich selbst beobachtete 
öfters, wie die Basalzellenschicht des Oberflächenepithels 
in Form langer, dünner resp. enger Schläuche wucherte 
.. welche demnach an Ausführungsgänge der Schwei߬ 
drüsen erinnern,“ zieht er unmittelbar darauf den folgenden 
Schluß: „Alle diese Beobachtungen zeigen also, daß die 
Basalzellenschicht der Epidermis des Deckepithels schon 
an und für sich den Talg- und Schweißdrüsen ähnliche 
verschiedenartige Gebilde erzeugen kann.“ Wir entgegnen 
hierauf, daß was den Talgdrüsen recht ist, den Schwei߬ 
drüsen noch lange nicht billig zu sein braucht und ist, 
daß die Wucherung der Schweißdrüsenausführungsgänge 
nichts für das gleiche Wucherungsvermögen der Epi¬ 
dermis beweist, und daß die „öfters“ gemachte Beob¬ 
achtung Krompechers bisher von ihm nicht in einer 
die Prüfung ermöglichenden Form mitgeteilt ist; die bloße 
Angabe, zumal in der Weise, wie sie gegeben wild 
(Beschreibung eines der Beobachtung entzogenen Vorganges !), 
ist nicht im Stande, zu beweisen, daß die fertige Epidermis 
unter pathologischen Bedingungen schweißdrüsenähnliche 


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304 


Kicker. 


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Gebilde, Schläuche hervorbringen kann. Wir bleiben also 
dabei, daß von einer solchen Fähigkeit der Epidermis 
bisher nichts bekannt ist, und dasselbe gilt von dem von 
Krompecher behaupteten Yermögen der — hypo¬ 
thetischen — sogenannten „versprengten Deckenepithel¬ 
keime“, solche Schläuche zu bilden. 

Auf die Geschwülste aus typisch und annähernd typisch 
hyperplastischen Schweißdrüsen, auf die einfachen und die 
komplizierten (papillären) zystischen Geschwülste der 
Schweißdrüsen brauchen wir nicht einzugehen, da Krom¬ 
pecher hierzu nichts Neues bringt; es sei nur bemerkt, 
daß die papilläre Form nicht, wie Krompecher angibt, 
von ihm aufgestellt worden ist, und daß wir es nicht für 
angängig halten, zystische und papillärzystische Geschwülste, 
wie Krompecher, zu den Adenomen zu rechnen. Dagegen 
haben wir uns mit den Adenomen der Schweißdrüsen zu 
beschäftigen; wir verstehen darunter diejenigen Geschwülste, 
deren Parenchym aus Schläuchen besteht, nicht in typischem 
Aufbau, wie bei der typischen Hyperplasie, auch nicht in 
atypischer Anordnung und Verbreitung wie beim Adeno¬ 
karzinom, sondern in, wie wir es genannt haben, para¬ 
typischer Form, die in den einzelnen in der Literatur 
behandelten Geschwülsten sehr verschieden gewesen ist. 

Krompecher spricht — nach dem Vorgänge von 
Ludwig Pick 1 ) — von Hidradenom und Adenoma hidra- 
denoides; unter Hidradenomen versteht er Adenome, „welche 
nachweislich von fertigen, wohlansgebildeten Schwei߬ 
drüsen ausgehen, unter hidradenoiden Adenomen solche, 
welche wohl die charakteristischen Eigenschaften von 
Schweißdrüsenadenomen aufweiseu, aber nicht von fertigen 
Schweißdrüsen, sondern von rudimentären Schweißdrüsen 
oder vom Oberepithel der Epidermis ausgehen“. 

Als Hidradenome in diesem Sinne behandelnd erkennt 
Krompecher vier Mitteilungen in der Literatur an, die 
von Thierfelder, W. Petersen, Brauns und Thimm. 
Indem wir auf die ausführliche Besprechung dieser 

‘) Ludwig Pick, Über Hidradenoma und Adenoma hidradenoides, 
Yirchows Archiv, CLXXV. Bd., 1904. 


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Zar Kenntnis der Geschwülste und Hypertrophien etc. 305 


Abhandlungen in unserer Monographie hinweisen, be¬ 
schränken wir uns hier darauf, hervorzuheben, daß die von 
Thierfelder beschriebene Geschwulst kein Adenom, 
sondern ein Adenokarzinom gewesen, und daß die Geschwulst 
nicht mit Knäueldrüsen zusammengehangen hat (ein solcher 
Zusammenhang mit unanfechtbaren Schweißdrüsen muß 
nach Krompecher beim Hidradenom vorhanden sein); 
daß Brauns und Thimm im wesentlichen zystisch, daneben 
typisch hyperplastische Schweißdrüsen beschrieben haben, 
Neubildungen, die unserer Auffassung nach nicht als 
Adenome bezeichnet werden können; schließlich, daß von 
den multiplen Geschwülsten des 20jährigen Mädchens, die 
W. Petersen behandelt, nur ein Teil den Krompecher- 
schen Anforderungen an ein „Hidradenom“ gerecht wird 
(während Krompecher die übrigen Geschwülste als 
hidradenoide Adenome bezeichnen müßte). 

Es ergibt sich somit, daß bei einer sorgfältigeren 
Prüfung der von den Autoren gegebenen Beschreibungen 
und einer strengeren Fassung des Adenombegriffes Krem¬ 
pe eher auch noch jene vier, seiner Meinung nach einzigen 
von fertigen Schweißdrüsen ausgegangene Adenome als 
solche aufgeben und zu dem Satze hätte gelangen müssen, 
daß alle Schweißdrüsenadenome hidradenoide Geschwülste, 
d. h. — nach Krompecher — von der Epidermis oder 
von „rudimentären“ (in der fetalen Entwicklung gestörten) 
Schweißdrüsen abzuleiten seien. 

Vergeblich sucht man inKrompechers Abhandlung 
nach einem Beweis für seine Auffassung. Es bleibt uns 
daher nur übrig, uns an Ludwig Pick zu halten, auf den 
sich Krompecher beruft, und nachzusehen, wie er sich 
zu der Frage nach dem Ursprünge der Schweißdrüsen¬ 
adenome stellt. Pick zieht aus seinen ausführlichen 
Auseinandersetzungen den Schluß, daß man zu der Annahme 
„der kongenitalen Anlage sämtlicher bisher bekannter Fälle 
von Hidradenom und Adenoma hidradenoides in Form von 
Entwicklungsstörungen an den Schweißdrüsenanlagen 
gelangen müsse“; Pick gibt also das aus fertigen Schwei߬ 
drüsen hervorgehende Adenom — mit kleiner Einschrän- 

Areh. f. Dermat. u. Sypb. Bd. 128. aq 


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Ricker. 


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kung — völlig preis. Den Ausgang von Schweißdrüsen¬ 
adenomen von der fertigen Epidermis zieht Pick über¬ 
haupt nicht in Betracht. 

Krompecher beruft sich somit mit Unrecht auf 
Pick, und unzutreflfenderweise erweckt er in dem Leser 
seiner Abhandlung den Eindruck, daß Pick Schwei߬ 
drüsenadenome von der „Epidermis“ schlechthin abgeleitet 
habe. Für die Ableitung von der fertigen Epidermis, für 
die sich Krompecher erklärt, fehlt vielmehr in der Li¬ 
teratur jeder Anhalt. Schweißdrüsenadenome gehen somit 
nicht von der fertigen Epidermis aus. 

Bleibt noch die Ableitung von in ihrer (fötalen) Ent¬ 
wicklung gestörten Schweißdrüsenanlagen. Hier müßten wir 
uns mit Pick auseinandersetzen, nicht mit Krompecher, 
der keinerlei Gründe für diese Auffassung herbeibringt. 
Wir beschränken uns darauf anzuführen, daß wir in unserer 
Monographie den Zusammenhang von Schweißdrüsenade¬ 
nomen mit fötalen Entwicklungsstörungen, wo es uns nötig 
schien, anerkannt, wo er ohne zwingenden Grund behauptet 
worden war, mit Einwänden bedacht haben; eine Verall¬ 
gemeinerung, wie sie Pick vorgenommen, hielten und 
halten wir nicht für angebracht. Das Nähere ist in der 
Monographie zu finden; hier wollen wir an ihrer Hand 
nur darauf aufmerksam machen, daß wie vor, so auch nach 
Picks Abhandlung mehrere Mitteilungen über Schwei߬ 
drüsenadenome erschienen sind, die nicht zu der Annahme 
ihrer fötalen Anlage zwingen und die Autoren zur Ableitung 
von fertigen Schweißdrüsen bewogen haben, und ferner 
darauf, daß die hier in Betracht kommenden und von 
Pick besonders ergiebig verwerteten Geschwülste an den 
äußeren Geschlechtsorganen des Weibes nicht ohne Bedenken 
von den Schweißdrüsen abgeleitet werden können. Wir 
können daher der Einteilung Picks nicht zustimmen, um 
.so weniger, als er sie selbst untergräbt, indem er zwar Hidra- 
denome aus fertigen Schweißdrüsen nicht als sicher nach¬ 
gewiesen ansieht, aber selbst in Betracht zieht, daß ein 
„hidradenoides Adenom“ unter Umständen auch von fertigen 
Schweißdrüsen ausgehen kann. Überdies sagt der Zusatz 


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Zur Kenntnis der Geschwülste und Hypertrophien etc. 307 

hidradenoid nichts über den Ausgangspunkt der Neubildung 
aus, sondern bedeutet lediglich schweißdrüsenähnlich, was, 
mehr oder minder, das Parenchym aller Schweißdrüsenade¬ 
nome ist. Man spreche also weiterhin lediglich von Hidra- 
denomen und erörtere, wenn eine Veranlassung dazu vor¬ 
liegt, den Zusammenhang einer Neubildung mit den fötalen 
Wachtumsvorgängen, so wie andere Hautgeschwülste uns 
dazu bewogen haben, Wachstumsvorgänge im Kindesalter, 
zur Zeit der Pubertät, im Greisenalter zur Anbahnung 
eines Verständnisses heranzuziehen; einen solchen Zusammen¬ 
hang im Geschwulstnamen auszudrücken ist weder nötig 
noch sprachlich möglich. 

Eine Einteilung der Hidradenome kann nach ver¬ 
schiedenen Gesichtspunkten erfolgen, so nach dem vorhan¬ 
denen und fehlenden Zusammenhänge mit der Epidermis, 
wie wir in unserer Monographie getan haben, oder nach 
dem verschiedenen, jedoch schon jetzt Typen verratenden 
Bau, eine Einteilung, die sich aber gut erst dann wird 
durchführen lassen, wenn die Zahl der sorgfältig beobach¬ 
teten Hidradenome größer geworden und die Herkunft 
der an den Labien des Weibes zu findenden hidradenomoiden 
Geschwülste geklärt sein wird. 

„Die Geschwülste werden (von Ricker und Schwalb) 
einfach ihrer Drüsenähnlichkeit wegen als Geschwülste 
der Hautdrüsen hingestellt.“ Wie unzutreffend diese Behaup¬ 
tung Krompechers ist, kann das Studium unserer Abhand¬ 
lung lehren, bei dem der Leser auch prüfen mag, ob, wie 
dies Krompecher behauptet, unsere Einteilung die „sichere 
Grundlage“ und unsere Bearbeitung der Hautdrüsenge¬ 
schwülste „die verdiente Gründlichkeit“ vermissen läßt. 
Wir haben uns, auch in bezug auf unser eigenes umfang¬ 
reiches Material, eifrig bemüht, dem rein Morphologischen 
sein volles Recht zu geben, darüber hinaus aber an der 
Hand der Physiologie und Pathologie die Geschwülste der 
Hautdrüsen zu beleuchten; wir glauben auf diese Weise, 
unter Heranziehung physiologisch-chemischer Kenntnisse, 
z. B. den von Krompecher in seiner uns hier beschäf¬ 
tigenden Abhandlung unerwähnt gelassenen, von uns 

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308 Ricker. Zur Kenntnis der Geschwülste u. Hypertrophien etc. 

benannten muzinösen und chondrinösen Epitheliomen der 
Schweißdrüsen, Geschwülsten, denen gegenüber das im 
übrigen nicht zu verachtende Merkmal der Drüsenähnlichkeit 
völlig versagt, zu ihrer richtigen Auffassung verholten zu 
haben, die allerdings von der von Krompecher (an 
anderer Stelle) vertretenen erheblich ab weicht. Wollten 
wir uns in bezug auf diese und andere Punkte — wir 
erwähnen nur die sekundäre Vereinigung von epithelialen 
Formationen im Korium mit der Epidermis, die Umwandlung 
ganzer Drüsen in Geschwülste und Geschwulstteile — in 
Erörterungen einlassen, zu denen die Krompechersehe 
Abhandlung herausfordert, so müßten wir das Gebiet der 
allgemeinen Geschwulstlehre betreten, was in der hier 
gebotenen Kürze nicht möglich ist. Indem wir daher auf 
unsere Monographie, ferner auch auf Ribberts und 
Borrmanns zutreffende Kritik der Krompech ersehen 
Ableitung der Koriumgeschwülste von der Epidermis ver¬ 
weisen, glauben wir aussprechen zu dürfen, daß unsere 
vorwiegend an fremden, verstreuten, und in weiten Kreisen, 
auch von Krompecher, ungenügend berücksichtigten 
Beobachtungen, daneben durch eigene Untersuchungen ge¬ 
wonnene Hautdrüsengeschwülsten durch Krompechers 
Angriffe keine Widerlegung oder Änderung erfahren hat, 
— und daß somit für Krompechers „Basalzellentheorie“ 
auf dem Gebiete der Hautdrüsengeschwülste ebensowenig 
Platz ist, wie unserer Überzeugung nach an irgend einer 
anderen Stelle der Geschwulstlehre. 


Erwiderung anf die obigen Bemerkungen 6. Rickers. 

Von Prof. E. Krompecher in Budapest. 

Gegenüber der Behauptung Rickers, daß für meine 
„Basalzellentheorie“ auf dem Gebiete der Hautdrüsen¬ 
geschwülste ebensowenig Platz sei, wie an irgend einer 
anderen Stelle der Geschwulstlehre, brauche ich mich wohl 


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Krompecher. Erwiderung auf die Bemerkungen Kickers. 309 


nicht zu rechtfertigen. Denn wer nur einigermaßen die 
Lehre von den Basalzellentumoren in ihrer geschichtlichen 
Entwicklung kennt, weiß, daß diejenigen Hautgeschwülste, 
welche ich in ihrer Gesamtheit als Basaliome bezeichne, 
noch vor zwei Dezennien vielfach für Endotheliome gehalten 
wurden und daß ich durch mühsame Studien an Serien¬ 
schnitten deren Abstammung vom Epithel nachwies Der 
sichere Nachweis, daß es sich bei diesen Tumoren um 
epitheliale Tumoren handelt, ist daher eine heute wohl 
allgemein bestätigte und anerkannte Tatsache und indem 
Kicker dies bestreitet, so gelangt er in einen argen 
Widerspruch mit sich selbst, indem er ja selbst schon 
früher auf Seite 222 seiner „Die Geschwülste der Haut¬ 
drüsen“ (Berlin, Karger 1914) betitelten Monographie „die 
großen Yerdienste“ hervorhebt, welche ich mir dadurch 
erworben habe, daß ich „gegenüber der Endotheliomtheorie 
die epitheliale Natur der Geschwülste im Korium energisch 
vertreten und durch zahlreiche wertvolle Befunde gestützt“ 
habe., 

Wenn Rick er weiterhin bemerkt, daß ich im Irrtum 
sei, wenn ich glaube, er habe sozusagen sämtliche Basal¬ 
zellentumoren der Haut als Talg- und Schweißdrüsentumoren 
hingestellt, wohingegen er ja die Epidermisgeschwülste 
ganz unerörtert gelassen und nur nachgewiesen habe, daß 
die unter der Epidermis im Korium und Unterhautfett 
gelegenen und daselbst entstehenden epithelialen Geschwülste 
Hautdrüsentumoren entsprechen: so begrüße ich diese seine 
Angabe insofern mit Freude, als hiedurch ein zwischen 
uns obwaltendes Mißverständnis zerstreut wird. Meine 
Meinung, ßicker halte auch zahlreiche Epidermis¬ 
geschwülste für Drüsentumoren, gründete sich auf zweier¬ 
lei Angaben Kickers. Einmal darauf, daß er ja den 
Zusammenhang fast sämtlicher von mir als Basalzellen¬ 
tumoren bezeichneten Geschwülste mit der Epidermis 
leugnet (p. 219) und hiedurch selbst die Anschauung des 
Ausganges dieser im Korium gelegenen Tumoren von den 
Drüsen begünstigt, das anderemal darauf, daß er (p. 108) 
bei der einen Gruppe von Schweißdrüsenadenomen auf 
eine Verbindung mit der Epidermis hin weist. 


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Krompecher. 


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Wenn Kicker schließlich behauptet nachgewiesen 
zu haben, daß diese unter der Epidermis im Korium und 
Unterhautfett gelegenen epithelialen Geschwülste Haut¬ 
drüsen- namentlich zum großen Teil Schweißdrüsentumoren 
entsprechen, so muß ich ganz entschieden bestreiten, daß 
ihm dieser Nachweis gelungen ist. Selbst Geschwülste, 
welche den Ausführungsgängen von Schweißdrüsen ähn¬ 
liche Schläuche erkennen lassen, sind wir nicht berechtigt 
ohne weiteres als Tumoren der Schweißdrüsen hinzustellen, 
da ja die Basalzellenschicht der Epidermis schon an und 
für sich den Ausführungsgängen der Schweißdrüsen ähn- 
liche„Gebilde erzeugen kann. Rick er erkennt diese Fähig¬ 
keit der Epidermis nicht an und fordert mich auf, diese 
meine Beobachtung in einer der Prütung ermöglichenden 
Form mitzuteilen. Indem ich diesem Wunsche Rickers 
gerne Folge leiste, möchte ich Rick er bitten, die Text¬ 
figur 1 meiner „Zur Histogeuese und Morphologie der 
Adamantinome und sonstiger Kiefergeschwülste“ betitelten 
Arbeit auf Seite 181 im Band 64 von Zieglers Beiträgen 
zu betrachten. Dort erscheint die Epidermis durch einen 
den Schweißdrüsenausführungsgang ähnlichen Gang mit 
den Parenchym des Adamantinoms verbunden. Ähnliche 
Schläuche finden sich massenhaft bei den soliden Adam¬ 
antinomen und dieselben traf ich hie und da auch bei 
sonstigen pathologischen Prozessen des Zahnfleisches, na¬ 
mentlich bei Epuliden an. Wenn ich nun meine Behaup¬ 
tung von der Fähigkeit der Epidermis, schweißdrüsenähn¬ 
liche Gänge auch unabhängig von Schweißdrüsentumoren 
bilden zu können, mit Beobachtungen seitens der Mund¬ 
schleimhaut zu stützen suche, so tue ich dies, weil ja hier 
die Annahme, es handle sich direkt um Schweißdrüsen¬ 
gänge eo ipso wegfällt. Ähnliche Bildungen kommen nun 
auch in der Haut des Gesichtes und des Kopfes vor und 
werden, insofern sie sich bei Tumoren finden, von Ricker 
ohne weiteres, aber in ganz unberechtigter Weise, als Kri¬ 
terien für die Schweißdrüsennatur des Tumors hingestellt. 
Auch diejenigen Tumoren der behaarten Kopfhaut, welche 
zahlreiche solche Schläuche enthalten, sind wir nicht be- 


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Erwiderung auf die Bemerkungen Ricken. 


311 


rechtigt, ohne weiteres als wahre Schweißdrüsentumoren 
hinzustellen. Auch das Vorhandensein von muzinösen und 
chondrinösen Substanzen, auf welche Rick er so großes 
Gewicht legt, ist für die Schweißdrüsennatur von Haut¬ 
tumoren nichts weniger als bezeichnend. 

Indem ich mir Vorbehalte, auf sonstige Details der 
in Rede stehenden Fragen gelegentlich näher einzugehen 
und die Fähigkeit der Epidermis, Schläuche bilden zu 
können, bildlich darzustellen, möchte ich zusammen fassend 
bloß nochmals betonen, daß nur ein geringer Bruchteil 
der von Ricker und Schwalb in ihrer Monographie 
als Schweißdrüsentumoren hingestellten Geschwülste auch 
wirklich solchen entspricht. 


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Autorenverzeichnis. 


Cedercreutz, Axel. Leprastudien, 
angeschlossen an einige neue histo¬ 
logische Beobachtungen bei Lepra 
tuberosa. S. 20. 

Fönss, Aage L. (Kopenhagen.) Ge¬ 
nauer bakteriologisch untersuchte 
Fälle von Lupus vulgaris, sowie 
klinischer und statistischer Beitrag 
zur Ätiologie d. Lupus vulgaris. S. 197. 

Hauser, Alfred. Über ungewöhnliche 
Tuberkulidformen. (Großpapulöse, 
annuläre und gruppierte Tuber¬ 
kulide. S. 149. 

Krompecher, Prof. E. (Budapest). 
Erwiderung 4 S. 308. 

Kyrie, Prof. J. und Reenstierna, 
Doz. J. (Stockholm.) Anatomisch¬ 
experimentelle Studien über Aleppo- 
Beule. S. 100. 


Lipschütz, Privatdozent Dr. B. 
Untersuchungen über Affektionen 
nicht venerischer Natur am äußeren 
Genitale des Weibes. S. 261. 

Miescher, Dr. G. Ein Beitrag zur 
Klinik und pathologischen Anatomie 
der multiplen idiopathischen Haut¬ 
sarkome. (Multiple idiopathische 
Hautsarkome mit intrapapillärem 
Sitz.) S. 173. 

Kicker, Prof. G. (Magdeburg.) Be¬ 
merkungen zu der Abhandlung E. 
Krompechers: „Zur Kenntnis der 
Geschwüste und Hypertrophien der 
Schweißdrüsen 1 *. S. 302. 

Saphier, Dr. Johann. Die Dermato¬ 
skopie. 1. Mitteilung. S. 1. 

Spindler, Dr. A. (Reval.) Geschichte 
der Syphilis in Beval. S. 79. 



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1 . 




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